Frankenstein lässt grüßen

Murphy, Du alter Schuft

Kurz vor Abreisen, größeren Familienfesten oder vor wichtigen beruflichen Terminen, gerne auch im Urlaub schlägt Murphy zu. Und zwar mit einer Regelmäßigkeit, dass es mich selbst schon gruselt. Denn er sendet uns dann von irgendwoher die seltsamsten Krankheiten. Diesmal plane ich ja nicht nur eine grandiose Indianer-Party mit ebenso grandiosen Regenmachern, nein wir stehen auch kurz vor Louloubelles Taufe. Somit schlägt Murphy gleich zwei fette Fliegen mit einer Klappe, wenn er uns temporär ausknockt. Und er hat sich diesmal was ganz Feines für uns überlegt. Phantasie hat der Kerl ja. Und genau wie seine Phantasie, so blüht auch unsere Bindehautentzündung und zwar eitrig bröckelnd und rot schimmernd. Hatten wir noch nie. Aber irgendwann ist ja immer das erste Mal.

Abwarten und Tee trinken – der männliche Therapieansatz bei jedweder Malaise

Ich schleppe meinen müden Körper nach unten ins Wohnzimmer, wo mein Sohn und mein Mann gerade imaginär einen Airbus in San Francisco landen. Ich fühle mich mal wieder wie 110, die Nase läuft, der Kopf ist schwer und ich glaube, ich habe zu allem Übel auch noch einen Tennis-Arm. Keinen Tennis-Arm vom Tennis spielen, dafür bin ich viel zu schlapp. Nein, einen Tennis-Arm vom Kleinkind tragen. Ich und mein Tennis-Arm sind heute morgen jedenfalls mit dem falschen Fuß aufgestanden. Und was erspähen meine Adleraugen binnen Sekunden an diesem glorreichen Morgen? Einen fiesen roten Film über den Stenz’schen Augen. Eine Tatsache, die dem Mann vollkommen entgangen zu sein scheint. Ich spreche den Mann darauf an. Der Mann sieht nix. Außer vielleicht die Landebahn vor sich. „Wo sollen die Augen denn rot sein?“ Ich glaube, Du siehst Gespenster.“ Ich: „Na da, ist doch alles komplett rot und voller Eiter da vorne! Ich wusste es, es geht rum und jetzt hat’s uns erwischt. Das kann doch nicht wahr sein. Unser Baby wird wie Frankensteins Brut höchst persönlich über dem Taufbecken hängen.“ Der Mann hat zwischenzeitlich das Flugzeug erfolgreich gelandet und stellt seine ausschweifende Fehldiagnose: „Da ist nichts, vielleicht ein kleines Äderchen, das gestern beim Sturz vom Baum geplatzt ist. Ich würde da jetzt einfach gar nichts unternehmen und abwarten. Das ist immer das Beste. Das geht von alleine wieder weg. Das weiß ich genau!“ Gar nichts unternehmen und abwarten – welch‘ grandioser Vorschlag, und so einfach in der Umsetzung. Eine vollkommen maskuline Herangehensweise an so viele alltägliche Herausforderungen. Und auch die uns plötzlich besuchende Schwiegermama beruhigt mich mit den Worten. „Das sind nur die gelben Blütenpollen, die sich vorne am Auge sammeln. Birke und Lärche spielen momentan total verrückt. Nein, das ist doch kein Eiter! Ein bisschen Sonne, frische Luft und Schokolade und den Kindern geht‘s morgen wieder gut.“

Eiter wischen: glücklicher Zeitvertreib an sonnigen Frühlingswochenenden

Leider behalten weder der Mann noch seine Mutter mit ihren medizinischen Aussagen Recht. Und ich darf an diesem Wochenende gleich zwei Mal zur Notapotheke, um antibiotische Tropfen und Salben zu besorgen. Zwei Mal, weil jedes Kind bei dieser höchst infektiösen Augenseuche sein eigenes Set benötigt. Denn natürlich hat es meine Tochter wenige Stunden später auch erwischt. Aber es gibt, gerade bei schönem Wetter keinen besseren Zeitvertreib als sich mit Apothekern über die beste Methode der Eiter-Beseitigung am Augenlid zu unterhalten. Selten so anregende Schwätzchen gehalten. Doch der eigentliche Spaß fängt zu Hause an: Der Mann meldet sich freiwillig und ziemlich kleinlaut zum Eiter wischen und kochsalzgetränkte Kompressen legen, während ich quasi stündlich Antibiotikum in Flüssigform in des Babys und des Stenzes geschwollene Äuglein träufele. Gerade bei Louloubelle ist das Freude pur. Denn so ein 18 Monate altes Kleinkind ist natürlich sehr aufgeschlossen und verständig bei der Behandlung einer bakteriellen Bindehautentzündung.

Albino-Häschen mit Maulsperre

Dabei treibt mich vor allem die Einhaltung der strikten Hygiene-Vorkehrungen in den Wahnsinn. Meine diversen Internet-Recherchen ergaben zu meinem Schrecken, dass diese Augen-Seuche nicht nur über eine Schmierinfektion (was ein wohlklingendes Wort!), sondern auch über Tröpfcheninfektion verbreitet wird. Wie schön, dass sich Louloubelle nach der Gabe der Augentropfen nicht nur wie wild die Äuglein reibt und danach alles, was ihr in die Hände fällt anfasst, sondern auch mit Vorliebe an allem schleckt, was ableckbar ist. Das fängt bei meinem Gesicht an und hört bei sämtlichen Büchern im Regal auf. Die kleine Graugans auf dem Bilderbuch schreit aber auch förmlich nach einem feuchten Bussi. Ich bin mir sicher, sämtliche Seuchen der Menschheitsgeschichte konnten nicht verhindert werden. Da waren Kleinkinder mit im Spiel! Dabei leistet meine Tochter bei der Verbreitung dieser furchteinflößenden Augen-Pest ganze Arbeit. In ihrer Akribie steckt sie sich auch einen quadratischen Duplo-Stein in den Mund. Und zwar so, dass der Stein zu einer Art Mundsperre führt. Rien ne va plus. Nichts geht mehr. Der grüne Stein steckt unwiderruflich zwischen ihrem Kiefer fest. Sie schaut aus wie ein verzweifeltes Albino-Häschen, das versehentlich ein überproportioniertes Löwenzahnblatt im Mäulchen hält. Noch nicht mal laut weinen kann sie, nur wimmern. Auf so was wird man als werdende Mama einfach nicht genügend vorbereitet. Anstatt einen Geburtsvorbereitungskurs zu besuchen, hätte ich mir mal lieber die verrücktesten Geschichten von Freunden mit Kindern anhören sollen. Inspiriert vom Heimlich Manöver lege ich das japsende Albino-Häschen über mein Knie. Fortuna ist mir hold gesonnen, der quadratische Löwenzahn gibt nach und das Häschen und ich fallen ermattet zu Boden.

Sagrotan: Sie baden gerade ihren Körper darin

Diesen Kampf habe ich gewonnen. Aber keine Müdigkeit vortäuschen, auf geht‘s in die zweite Desinfektions-Runde. Der Duplo-Stein erfährt ein Bad in Sagrotan, genau wie alle anderen Spielsachen und ich übrigens auch. Denn dass sich diese Form der Bindehautentzündung doch nicht per Tröpfcheninfektion überträgt und man 24 Stunden nach Antibiotikum-Gabe gar nicht mehr ansteckend ist, erfahre ich leider erst nach fast überstandener Krankheit. Aber das ist nun auch schon egal. Hauptsache der Täufling und seine Familie schlagen den Pfarrer nicht mit blutunterlaufenden Augen in die Flucht. Und nicht nur blütenweiße Zähne auch schneeweiße Pupillen wären auf dem Foto für’s Familienalbum wünschenswert. Komm‘ Murphy altes Haus, gib Dir `nen Ruck, drei Tage hast Du noch!

Mein Kampf mit dem Klebeband oder ich plane eine Indianerparty

Indianerparty

Ich habe länger nicht mehr für diesen Blog geschrieben. Ich hatte keine Zeit. Ich war beschäftigt. Sehr beschäftigt. Ich plane einen Kindergeburtstag. Daher schreibe ich nicht mehr, sondern bastle. Aber auch die Recherche zum Festakt raubt mir einiges an Zeit. Denn was die Mamas um mich herum in den letzten Monaten an eventplanerischem Geschick vorgelegt haben, hat mich zutiefst eingeschüchtert. Vielleicht hat es mich auch etwas verschreckt, ich gebe es zu. Meine Freundinnen sind allesamt Tausendsassas mit unglaublicher Kreativität, höchsten Ansprüchen und sagenhaften Kunstfertigkeiten! Wenn ich an den fünften Geburtstag des Stenzes denke überkommen mich daher mittelgroße Beklemmungen und leichte Lähmungserscheinungen. Denn ich bin in der Organisation von B-Day-Partys nicht unbedingt begnadet. So stellte ein kleiner Gast schon zu Beginn des letzten Stenz’schen Kindergeburtstages die dringende Frage an mich: „Wann darf ich denn endlich wieder nach Hause?“ Und das obwohl die Fertigkuchen-Backmischung noch nicht einmal vollständig verzehrt war! Kein Wunder also, dass ich in leichte Panik verfalle und mit kurioser Neugierde das folgende paradoxe Phänomen an mir selbst beobachte: Je toller die Kindergeburtstage der anderen, desto phlegmatischer werde ich in Bezug auf die Event-Organisation für unseren Nachwuchs. Doch vor ein paar Tagen beschloss ich, dass damit nun Schluss ist und begann, mich kopfüber in die Planung der bevorstehenden Feierlichkeiten zu stürzen. 

Geburtstags-Lektion 1: Wie fange ich ein Huhn? 

Nicht dass ich besonders gerne Events plane. Es ist eben so, dass man ja irgend etwas machen muss, wenn der geliebte Sohn fünf wird. Das wird er ja nur einmal im Leben! Da ist schon irgendwie Druck dahinter. Und der Vorschlag einer kinderlosen Freundin doch einfach zu McDonald’s zu fahren und jedem der kleinen Gäste `nen leckeren Cheeseburger und ein Milkshake zu spendieren, erschien mir dann doch, in Anbetracht der rauschenden Feste zu denen mein Sohn bislang geladen war, etwas kleinkariert. Und irgendwie fehlt da ja auch der didaktische Anspruch! Auch wenn ich die Idee immer noch ganz großartig finde. Denn in den letzten Monaten hat der Stenz seinen Horizont durch die verschiedensten Kinder-Geburtstage merklich erweitert. Seine Kernkompetenzen liegen nun im Hühner fangen, Lamas ausführen und Ziegen füttern. Er hat Freundschaft mit zahlreichen Landwirten im Fünf-Seen-Land geschlossen. Eine Bäuerin himmelte er sogar richtig an. „Mami, die war so hübsch!“ erzählte er mir nach der Party. Als ich die 60jährige Dame, die den Kindern die Welt der Lamas erklärte, dann auf Fotos sah, war ich doch recht verdutzt über die Schwärmerei meines Kindes. Egal,  die „Party Locations to be“ unter fünfjährigen Jubilaren scheinen zur Zeit jedenfalls Bauernhöfe zu sein. Dabei standen nicht nur Ausritte auf dem Pferderücken, sondern auch Lagerfeuer in Tipi-Zelten und saisonale Kleinigkeiten wie Osterhasen aus Baumstämmen basteln auf der abwechslungsreichen Party-Agenda. Auf knifflige Lebens-Situationen ist der Stenz außerdem bestens vorbereitet. Er wird mit großer Sensibilität durch sein Dasein navigieren, denn seine Sinne wurden bei den ausgefallensten Schnitzeljagden über Wiesen, Felder und dichtes Unterholz geschärft. Außerdem hat er eine Menge neuer Vorbilder gewonnen. Wie etwa Zauberer und Superhelden, die die Festivitäten mit ihrer Anwesenheit kürten. Auch eine Karriere als begnadeter Heimwerker ist für den Stenz dank lehrreicher Geburtstage nicht mehr ausgeschlossen. Denn in eigens angekarrten Bastel-Wagons à la Löwenzahn lernte mein Kind unter fachkundiger Anleitung Piratenschiffe schnitzen. Und selbst gefertigte Pfeil und Bogen lassen unsere Familie auch in kargen Zeiten in der Wildnis überleben. Selbstverständlich stimmte bei allen Feierlichkeiten die zum Motto korrespondierende Dekoration, und zwar bis ins allerkleinste Detail! Frauen sind Perfektionisten und holistisch denkende Wesen, die nichts dem Zufall überlassen. Wer es nicht glaubt, der besucht einfach Kindergeburtstage für Fünfjährige!

Rodeo-Reiten: ein machbares Event-Konzept zum 5. Geburtstag?

Nachdem ich bei den letzten vier Geburtstagsfeiern des Stenzes die Überzeugung vertrat, dass ein großer grüner Garten, ein bisschen Spielzeug, Dr. Oetker Backmischungen und wunderbare Kinder und Eltern, die Party schon richten werden, überdenke ich dieses obsolet gewordene Event-Konzept für den nahenden fünften Geburtstag und hole mir Inspirationen bei anderen Mamis. „Leih‘ dir doch ein Pony für euren Garten bei „Rent a Pony“ riet mir meine Freundin. Als ich diesen glorreichen Vorschlag meiner Cousine erzählte, lachte sie und unterbreitete mir folgenden Gegenentwurf: „Das kannst Du günstiger haben! Mach `ne Cowboy-Motto-Party und frag` den Bauern auf der Nachbarwiese, ob die Kids auf seinen Kühen  `ne Runde Rodeo reiten dürfen. Und die Verlierer gehen alle gleich nach Hause!“ Dieser Gegenvorschlag entbehrt nicht eines gewissen Reizes.  Auch eine Feuerwehr-Motto-Party stand kurzzeitig im Raum. Zugegeben sehr kurzzeitig. Denn als ich die Bilder einer Bekannten sah, die diesen aufwendigen Weg eingeschlagen hat, war die Idee auch schon wieder verworfen. Allein die Besorgung der Requisiten würde mich Monate kosten. Ach wie waren sie schön, die Zeiten von Topf schlagen, blinde Kuh und Eier laufen.

Lustiger Hase und wissende Eule trommelt nach Regen, aber erst wenn der Büffel erlegt ist!

Irgendwann hatte ich dann aber doch den beglückenden Einfall einer Indianer-Party. Und nun sitze ich hier und kämpfe seit zwei Stunden mit ätzendem Klebeband, um bunte Regenmacher aus Klopapierrollen, Milchreis und Federschmuck zu zaubern. Habe ich erwähnt, dass jeder Regenmacher mit Indianer-Namen wie „lustiger Hase“ und „wissende Eule“ personalisiert sein wird? Ach ja, und der nächste Blogbeitrag wird wieder länger auf sich warten lassen. Denn meine Abende sind immer noch mit Pinterest-Recherchen gefüllt. Denn da geht noch einiges! So ist meine anfängliche Geburtstags-Lethargie in einen übersteigerten, absolut  lächerlichen Ehrgeiz gemündet. Wie bekloppt ist das denn? Heute habe ich mich tatsächlich dabei ertappt, wie ich minutiös eine Büffel-Jagd vorbereite. Für den sechsten Geburtstag des Stenzes gehe ich dann aber wirklich zu McDonald’s! Und wer weiß, vielleicht inspiriere ich mit diesem mutigen Schritt ja andere faule Mamas, toll wär’s!

Lost in Translation?

Louloubelle orientiert sich, was ihre Sprachambitionen anbelangt, sehr stark an der Tierwelt. Eine Amsel singt ja auch den ganzen Tag piep, piep und verleiht ihrem Gesang durch die verschiedenen Tonlagen eine ganz besondere Bedeutung. Genau wie die Kuh oder der Hahn. Beide glänzen nicht unbedingt durch ein breit gefächertes Sprach-Repertoire. Muh und Kikeriki sind für ihr Überleben absolut ausreichend. Und meine Tochter, die pfeift bislang auf einen komplexen hypotaktischen Satzbau und erfreut sich ebenfalls an der Einfachheit ihrer Satzkonstruktionen. „Keep it simple“ könnte ihre Devise lauten. So orientiert sie sich beim Sprechen ganz vorbildlich an ihren Lieblingstieren und schafft es immer wieder, virtuos durch die unterschiedlichsten Intonationen der Urlaute „Mama“ oder auch „E-Mama“ ihre Wünsche präzise zu äußern. Ein laut geschrienes „E-Mama!“ mit dem befehlshaften Deuten auf Haferflocken meint so viel wie: „Lass sofort mein Frühstück rüberwachsen, aber pronto!“ Durch das Beherrschen verschiedenster Tonlagen und mit ein wenig pantomimischen Geschick kommt man schließlich auch ans Ziel.

Aus Zwerg mach‘ Riese

Und sollte sich der Stenz ihr kleines Podest schnappen, das im Badezimmer zum Zwecke der Kindererhöhung bereitsteht, gebietet ihm ein donnernd gebrülltes „Mama“ sofort Einhalt und weist ihn an, auf der Stelle ihren wertvollen Besitz loszulassen und zurückzugeben. Gerade bei diesem Podest versteht unsere Tochter keinen Spaß. Es ist aber auch zu schön, kurzzeitig das Zwergen-Dasein zu verlassen und durch Besteigen des Podestes plötzlich auf magische Weise zu wachsen, sodass man sich beinahe auf Augenhöhe mit dem großen Bruder befindet.

Formvollendete Grußformeln à la „Hawa und Süs“

Louloubelle weiß genau, was sie will und noch viel mehr, was sie nicht will. Doch „Mama“ wird nicht nur zur sprachlichen Krisenbewältigung verwendet. Es dient in erster Linie als zärtlicher Kosename für alles, was unserer Tochter lieb und teuer ist. Unlängst entdeckte sie Oma und Opa auf einem Foto. Die Freude war unbändig und ging mit aufgeregten „Mama“-Jauchzern einher. Doch trotz ihres bislang etwas einfältigen Wortschatzes können wir Ihren individuellen Sprachduktus hervorragend interpretieren. Also kein bisschen „lost in translation“. Glücklicherweise gesellte sich zum vollmundigen „Mama“ vor nicht allzu langer Zeit ein nicht minder hinreißendes „Babba“. Hin und wieder überrascht Louloubelle uns sogar durch gänzlich neue Kreationen wie die freudvoll ausgesprochene Willkommensgeste „Hawa“, wenn ein Besucher unser Haus betritt. Da wir nicht verwöhnt sind, brechen wir bei diesem „Hawa“ regelmäßig in Jubelschreie aus, während unsere Gäste nur Bahnhof verstehen. Ihr Ohr ist einfach nicht so geschult wie unseres. „Hawa“ bedeutet ganz klar „Hallo“. Genau wie „Süs“ zur formvollendeten Tschüs-Verabschiedung herhalten muss. Überhaupt habe ich das Gefühl, das mit dem Frühling ein wenig Fahrt in die Sprachentwicklung meiner Tochter kommt. Natürlich nur in Maßen. So lässt sie seit kurzem unser Herz durch ihre höfliche Danksagung „dada“ hüpfen. Wie wundervoll, unsere Tochter setzt bei ihrer Semantik gekonnt Prioritäten und legt Wert auf Danke und Bitte. Zugegeben, an dem „Bitte“ müssen wir noch arbeiten. Aber gut Ding braucht eben Weile. Kommt Zeit kommt Rat. Und bis dahin verstehe ich das jammernde „Mimimimimimi“ meiner Tochter als Interims-Bitte.

Geschmeidige Stimme dank Kreideverzehr

Man sollte beim Sprechen ja auch nichts überstürzen. A propos überstürzen, kürzlich war der anderthalb jährige Freund von Louloubelle bei uns zu Besuch und überraschte mit imposanten Aussagen wie „Darf ich bitte Brezel haben?“ Rutschen, jetzt!“ Wahnsinn, wie eloquent der Junge ist, der geht sicherlich mal in die Politik.  Aber davon lassen wir uns nicht einschüchtern. Mozart soll ja bekanntlich sehr lange geschwiegen haben, bevor er das Sprechen begann. Vielleicht ein Zeichen seiner besonderen Begabung? Also keine Panik, unsere Tochter ist wahrscheinlich nur besonders schlau. Vielleicht möchte sie auch einfach noch ein wenig an ihrer Stimme feilen, bevor sie sich in ganzen Sätzen zum Weltgeschehen äußert. Ganz so wie es die großen Gesangs-Genies regelmäßig tun. Dieser Geistesblitz ereilte mich gestern, als unsere Zweitgeborene Gedanken verloren in ein großes Stück Straßenmalkreide biss, während der Rest der Familie im Garten werkelte, säte und zupfte. Ganz nach dem Motto: Verzehr von Kreide ölt die Stimmbänder.

Hilfe, Vermisstenmeldung!

Aber Hauptsache unser Kind versteht uns. Und das tut es. Auf das Rufen „Louloubelle Zähne putzen“ verschwindet sie stets wie ein geölter Blitz in den Weiten des Universums. Vernimmt sie allerdings die leisen schokoladengeschwängerten „Hmm-Laute“ ihres Bruders aus der Küche, rast sie antilopengleich zur Futterstelle, um in die verzückten „Hmm-Töne“ mit einzustimmen. Nur gestern Vormittag, da wollte sie partout nicht hören, als ich gerade für eine halbe Minute vertieft in das Heidi Klum Discounter Sortiment versank. (Ich weiß, wie peinlich ist das denn?!) Da machte sich Louloubelle nämlich heimlich still und leise aus dem Staub. Nach dieser Erfahrung weiß ich, dass es einfacher ist, eine Nadel im Heuhaufen zu finden als wandelnde 80  Zentimeter zwischen Kühlregalen und Warenfächern aufzuspüren. Zum Glück verfüge ich über ein lautes Organ und mein löwenartiges Gebrüll durch die Weiten des Discounters zeigte Wirkung. Eine fröhliche Rentnerin bot der kleinen  Ausreißerin Geleit und führte sie Gott sei Dank zu mir zurück. Und da war er wieder der quietschvergnügte Urlaut „Mama!“ der mir strahlend entgegen hüpfte. Also, not lost in translation but in supermarket.

Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Wildschweine

Ausflug in den Märchenwald

Ich sitze auf dem Rücken eines Keilers und galoppiere in rasender Geschwindigkeit von einem Viertel Stundenkilometer durch den Wald und erfreue mich am glücklichen Glucksen meiner Tochter, den flinken Eichhörnchen, die himmelabwärts die Bäume herabstürzen und den Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg wärmend durch die Waldlichtung in mein Gesicht bahnen. Dabei stellt sich mir die Frage, ob ich genauso bekloppt ausschaue, wie der Vater da drüben, der ebenfalls mit seinem Sohn auf dem Schoß auf dem wilden Borstentier durch den Wald flitzt. Louloubelle hält die Wildschweinohren fest umschlungen und möchte nicht runter von unserem widerborstigen Gesellen, der stoisch auf Schienen den Wald durchkämmt. Auch die rote Ampel und das „Hier absteigen“ Schild lassen sie vollkommen kalt. Und da meine Tochter sehr laut schreien kann, ich aber schon einen leichten Hörsturz in der Hütte des alten Mc Donald erlitten habe, gebe ich nach. Und ich stelle mich wieder in der Schlange an, um ein weiteres Mal auf dem Rücken des Wildschweines (mittlerweile die zehnte oder elfte Runde) durch den pittoresken Forst zu rasen. Denn ich befinde mich im örtlichen „Märchenwald“ und finde es zu meinem Erstaunen ganz großartig.

VOrsicht: hinterlistiges eichhörnchen 

Schon der Beginn unserer Exkursion erweist sich als prickelnder Spaß. Denn heute bin ich seit Jahrzehnten das erste Mal wieder Achterbahn gefahren. Ich kann es kaum glauben. O.k. zugegeben, es ist keine Achterbahn, die einem Höllenritt gleicht und bei der man kopfüber ins speiüble Nichts fällt. Nein, es ist eine Eichhörnchen-Achterbahn, die ihrem flinken Namensgeber alle Ehre macht. Eichhörnchen klingt harmlos, aber ich möchte betonen, dass das Ding wirklich durch die Kurven fetzt. Es fetzt sogar so sehr, dass es dem Stenz kurzzeitig die Sprache verschlägt. Ein Zustand, der äußerst selten bei meinem Sohn vorkommt. Bei mir übrigens ebenfalls. Und so klammern wir uns beide tonlos aneinander. Wobei das Gesicht des Stenzes gar nicht gut aussieht. Er schaut aus wie ein rotwangiger Sumo-Ringer, der seit Stunden die Luft anhält. Oh Gott, wie konnte ich bloß so blöd sein und mit ihm diese Fahrt unternehmen? Er wird ersticken. Vielleicht ist er ja auch klaustrophobisch? „Mama, ich will jetzt sofort aussteigen“ wirft mir mein Kind in der ersten infernalen Kehre verbal entgegen. Dabei erinnert er mich an einen Luftballon, bei dem die Luft binnen Sekunden rauszischt. Na wenigstens kam er jetzt mal zum Luft holen, was ein klein wenig zur Entspannung seines Gesichtsausdrucks beiträgt. Aber wirklich nur ein klein wenig. Von wegen kreidebleich, puterrot ist er immer noch. Die Lage verbessert sich auch nicht wirklich durch den adipösen Kevin, der uns von hinten ins Ohr plärrt: Yeah, bei der zweiten Runde wird’s noch schneller, das ist so geil!“ Oh man, wie können die so eine Achterbahn bloß für Vierjährige zulassen? Warum hat uns niemand gewarnt? Ich war einfach unaufmerksam. Denn das Schild „Schreien verboten“ kurz vor dem Einstieg hätte mich schon stutzig machen sollen. Auf welcher Achterbahn ist denn Schreien verboten? Und überhaupt, warum verpassen Sie diesem monströsen Gefährt keinen Teufelskopf oder eine achtgesichtige Drachen-Visage? Eine Eichhörnchen-Achterbahn bei der schreien verboten ist, ist im höchsten Maße unseriös und irreführend und ein klarer Fall für den Verbraucherschutz! Leider fällt es mir schwer, im Geiste einen Beschwerdebrief zu verfassen, da mir der Fahrtwind so sehr ins Gesicht bläst, ich ein leichtes Übelkeitsgefühl in der linken Magengrube verspüre und mein Sohn wieder mal mit dem Atmen aufgehört hat. Ich rufe ihm ermunternde Worte zu: „Du machst das so toll, gleich ist es vorbei! So mutig bist Du“. Und tatsächlich nach nur noch vier Himmels-Serpentinen, kommt das heuchlerische Eichhörnchen endlich zum Stillstand und spuckt die Menschenmassen mit einem finalen hinterlistigen Seufzer in die Freiheit aus. Ich wanke endlich auf sicherem Boden und umarme meinen Sohn inniglich. Wir haben überlebt ganz ohne uns zu übergeben. Ich bin euphorisch. Er umarmt mich mit Stolz geschwellter Brust zurück und platzt vor Freude: „Mami, ich bin Achterbahn gefahren!“

Torkelnde Schnapsdrossel auf Entzug und fragwürdige Eis-Kreationen

Doch in so einem Märchenwald tummeln sich nicht nur für Menschen mit Höhen- und Geschwindigkeitsangst gewisse Gefahren. Seit Betreten des Vergnügungsparks lebe ich in der ständigen Angst, eines meiner Kinder im Gewusel zu verlieren. Dabei torkelt und wankt Louloubelle nach unzähligen Ausritten auf Keilern, Schimmeln und Miniatur-Igeln wie eine blinde Schnapsdrossel auf Entzug. Die Richtung in die sie torkelt ist leider immer diametral zu dem von uns gerade eingeschlagenen Weg. Weitere ernst zu nehmende Herausforderungen sind die zahlreichen Eis-Kioske und Schlangen vor den jeweiligen Attraktionen. Dabei liefern der Stenz und sein Freund heute den Beweis, dass unersättlicher Eis-Konsum nicht unbedingt von Außentemperaturen abhängt. Denn während mir bei gefühlten drei Grad Celsius diverse Gliedmaße abfrieren, kollabieren die beiden Jungs vor jedem Eis-Stand, der Fata Morganagleich in fünf Meter Abständen erscheint, und verzehren sich nach einer aufputschenden Cola-Mezzo-Mix Kaltspeise. Welcher Wahnsinnige hat sich so eine Eiskreation ausgedacht? Leider trifft mein alternativer Vorschlag doch stattdessen ein leckeres Milcheis zu wählen auf taube Ohren. Die vielen Justins und Shayennes, die schmatzend an ihrem Cola-Mezzo-Mix-Eis kleben, lassen meine Eis-Alternative noch absurder erscheinen. „Wir wollen aber das Cola-Eis!“ mault es mir unisono entgegen. Der Kompromiss kommt dann als ähnlich schauerliches Kaktus-Eis daher.

Hinten anstellen Fehlanzeige oder Kollaps durch Warten

Doch der nächste Zusammenbruch naht vor der Schlange des Eisenbähnchens, mit dem wir uns über die infrastrukturellen Gegebenheiten dieses verwunschenen Vergnügungsparks, einen Überblick verschaffen möchten. Denn die Tochter meiner Freundin sieht es partout nicht ein, sich hinten an der Menschenschlange anzustellen, wenn sie doch ganz vorne viel schneller ans Ziel kommt. Völlig perplex sträubt sie sich gegen das nach hinten Tragen ihrer Mama und erleidet kurzzeitig einen leichten Nervenzusammenbruch. Und sie ist nicht die einzige. Überall kollabieren Zweijährige auf herzzerreißende Weise. Ihre Zweifel an der Sinnhaftigkeit von Schlangen stürzen sie in veritable Existenzkrisen. Auch der Stenz versteht es nicht, warum er nach nur einer Fahrt aus seinem roten Cadillac wieder aussteigen soll, um sich dann erneut an der langen Schlange anzustellen. „Aber Mami, warum kann ich nicht einfach weiterfahren, wenn ich doch eh schon sitze?“ Tja, wo er Recht hat, hat er Recht! Logisch ist das nicht.

Nostalgische Drehungen in die Unendlichkeit

Zum Glück gibt es noch das kleine nostalgische Tier-Karussell, das unser Nachwuchs geballt in Beschlag nimmt. Hier dürfen sie sich quasi in die Unendlichkeit drehen. Und das machen sie auch stundenlang. Herrlich. Louloubelle sitzt glücklich im Schwan neben ihrem Bruder, der beschützend die Hand um sie legt und ihre Stirn küsst. „Ich pass‘ auf Dich auf kleine Schwester“ flüstert er ihr leise ins Ohr. Und ich? Ich werde plötzlich ganz ruhig. Einmal wieder den Fahrtwind bei einer Achterbahn im Gesicht spüren, das glückliche Grunzen meiner Tochter auf dem Wildschwein-Rücken hören und die chevalereske Attitude des Stenzes mitansehen, dieser Ausflug hat sich gelohnt – was ein fabelhaft satter Tag!

Mama allein zu Haus

Papa ante Portas

Zugegeben, nicht ganz. Denn da sind noch zwei kleine Menschlein, die mich mit ihren Brombeer-Äuglein anschauen. Aber Papa ist weg. Er ist jetzt regelmäßig, genau wie Mama, alleine auf Dienstreise. Mit leerem Gepäck sozusagen, ohne Junior-Tester. Was hin und wieder für alle Beteiligten sehr wohltuend ist. Denn unsere Familie ist, was das Zusammensein anbelangt, ziemlich extrem. Wir sind eigentlich ständig und immer irgendwie zusammen. Ein bisschen wie siamesische Vierlinge. Und das montags, dienstags, mittwochs, donnerstags, freitags, samstags und sonntags natürlich auch. Wobei das eigentlich sehr schön ist. Nur sonntags schleichen sich ab und zu, vom unendlich vielen Zusammensein, leichte Ermüdungserscheinungen ein. Während andere Familien für jede gemeinsame Minute unsäglich dankbar sind, sind wir hin und wieder von Dank erfüllt, wenn wir ausnahmsweise einmal getrennte Wege gehen dürfen.

Papa ante Portas oder Papa auf dienstreise

Denn bei uns ist es wie bei  „Papa ante Portas“, nur dass Papa noch nicht pensioniert ist. Er macht halt gerne „Home Office“. Genau wie Mama. Und auch der Stenz liebt unser Haus. Obgleich er auch den Kindergarten liebt, aber eben nicht unbedingt nachmittags. Denn da zieht er die Gesellschaft seiner Familie, die der Kindergärtnerinnen ganz klar vor. Tja, und der Aktivitäten-Radius von Louloubelle ist, schneller Watschelgang hin oder her, bislang noch eher eingeschränkt. Und so gilt die fortwährende Sippenhaft auch und gerade für sie.  Ja, und jetzt ist Papa für ein paar Tage verreist und Mama allein zu Hause, was eigentlich, wie eingangs erwähnt, auch mal ganz schön ist. Wenigstens ein klitzekleines bisschen – außer vielleicht morgens, abends und nachts natürlich auch. Denn wenn Papa dann mal weg ist, ist es ziemlich leer im Haus. Und ich merke, wie unglaublich cool es ist, einen Papa zu haben, der genau wie Mama da ist für die Kinder, den Haushalt und auch das ganze sonstige Alltags-Gedöns.

Morgendliche Herausforderungen: Bei uns läuft’s Kacka!

Tja, und jetzt ist er weg. Und ich versuche mich im Fertigmachen beider Kinder am Morgen und höre mich in Dauerschleife betteln: „Bitte, bitte Stenz zieh‘ Dich weiter an, nicht nochmal ein kleines Nickerchen auf dem Parkett einlegen, Anziiiiiehen!“ Gleichzeitig entkleide ich Louloubelle, die heute morgen schon ganze Arbeit geleistet hat. Quietschvergnügt zeigt sie mir Ihr Tagwerk in Form einer übervollen Windel. Hier wäre der Mittermeiersche Ausspruch „Gudrun hol den Kärcher“ durchaus angebracht. Aber leider ist Papa weg und kann mir weder Kärcher noch sonstiges Säuberungs-Utensil reichen. Sehr schade. Also versuche ich meine Tochter von dem wild müffelnden Body zu befreien. Letzterer ist durch das morgendliche Geschäft schon sehr in Mitleidenschaft geraten. Just in dem Augenblick als auch ihre geringelten Löckchen durch das Auszieh-Manöver des Bodys, sagen wir einmal „beeinträchtigt“ werden, fällt mir der schöne Buchtitel ein: „Bei uns läuft’s Kacka“. Ja, und zwar so richtig! Unter tosendem Gebrüll dusche ich mein Baby, ermuntere den Stenz weiterhin endlich von den Schlafenden zu erwachen und werde, mit einem nervösen Blick auf die Uhr, leicht hysterisch. Ich brauche dringend einen Kaffee! Wie schön ist es doch, wenn der Mann morgens gut gelaunt und in wildem Aktionismus durch das Haus fegt, dabei singt und sich voll und ganz seines Sohnes annimmt. Aber Papa ist auf Reisen und ich muss das Kind alleine schaukeln – so wie Millionen von anderen Frauen tagtäglich. Also bloß keine Selbstmitleid!

Kollektive Fütterung mit den Kastelruther spatzen

Also im Sauseschritt die Unterzuckerung des einen Kindes stoppen und das andere Kind sekündlich dazu ermuntern, doch bitte ein bisschen mehr als nur eine Haferflocke zu essen. Dabei trällern mir bei der morgendlichen Fütterung die Kastelruther Spatzen ein schmalziges „Wenn wir erklimmen schwindelnde Höhen, …, Bergvagabunden sind wir“ entgegen und jodeln brodelnd vor sich hin. Und ich frage mich wieder einmal, warum die häusliche Akustik immer noch dem Diktat des Stenzes und Alexa unterliegt? Wie um Himmels Willen ist der Stenz an diesen folkloristischen Song geraten? Egal, ich weiß es nicht und für solcherlei Fragestellungen ist jetzt auch wahrlich keine Zeit. Denn es sind nur noch fünf Minuten bis Buffalo bzw. bis zur Schließung der Kindergartenpforte. Doch leider fällt dem Stenz genau jetzt ein, dass seine Zeitrechnung ohne den Aschermittwoch auskommt und er zukünftig jeden Tag zum Rosenmontag erklärt. „Ich will aber als Pirat gehen“ hallt es durch unser Haus. „Mir doch egal, dass Fasching vorbei ist! Wo ist meine Augenklappe? Maaaaami, wo ist meine Augenklappe?“ Ich werde zu spät kommen. In Windeseile und mit quietschenden Reifen fahre ich, den etwas nachlässig verkleideten Pirat zu seiner Kindertagesstätte und frage mich, wie wohl Alleinerziehende Morgen für Morgen mit nicht nur zwei, sondern gar drei Kindern überleben?

Abendliche Herausforderungen: Strategien heimischer Verbarrikadierung

Doch nicht nur der Morgen bereitet Kummer und Sorgen, auch der Abend ohne Mann birgt die ein oder andere Hürde, die es mit Bärenmut und finsterer Entschlossenheit zu bewerkstelligen gilt. Zwei Attribute, die mich leider so gar nicht charakterisieren. Denn ich bin ein neurotischer, panischer Angsthase mit einer flamboyanten Phantasie. Dabei nimmt meine Phantasie mit einbrechender Dunkelheit auf infantilste Weise inflationär zu. Da höre ich Schritte auf knirschendem Kies, da knackst es und knarzt es, da sehe ich Schatten und Gespenster. Und da ich eben ein klein wenig  paranoid bin, beginne ich mit meinen abendlichen Sicherheitsmaßnahmen und der ein oder anderen Schutz-Vorkehrung: Zunächst illuminiere ich unser kleines Häuschen bis auf den letzten Halogen-Spot, den auch das hinterste Eck unseres Heimes zu bieten hat. Ich weiß, das ist nicht ökologisch. Aber darauf kann ich in meinem erhöhten Sicherheitsbewusstsein keine Rücksicht nehmen. Es geht ja schließlich um drei wehrlose Menschenleben – wobei zwei von ihnen ihre gesamte prächtige Zukunft noch vor sich haben! Man sieht ja bei Aktenzeichen XY wohin naives nächtliches Stromsparen führt. Nicht mit mir!

Stinke-Müll: die zukunftsweisende Alarmanlage 

Dann stelle ich sämtliche Mülls (vor allem den stinkenden Biomüll, den ich noch vor der Abreise des Mannes mit Argusaugen bewachte und vor dem Entsorgen bewahrte) gemeinsam mit dem nicht minder miefenden Windelmüll vor unsere Haustüre. Die diebischen Elstern da draußen sollen ruhig sehen, dass es bei uns außer stinkenden Abfällen wenig zu klauen gibt. Danach wird die Haustür vierfach verriegelt. Anschließend decke ich schon einmal einen fürstlichen Frühstückstisch, der die gesamte Nacht hindurch ebenfalls staatsaktmäßig beleuchtet bleibt. Die Intention dieser ausgepufften Abwehrmaßnahme: Etwaige Eindringlinge erspähen vom Fenster den opulenten Frühstückstisch und denken sich: „Von diesen kleinen Tellerchen wird morgen früh in trauter Eintracht gespeist, da brechen wir mal lieber nicht ein.“ Genau, hier ist nämlich niemand verreist! Anschließend beginne ich mit meiner finalen Schutzmaßnahme: Ich wandle durch das Haus und zeige vor den verschiedensten Fenstern und natürlich auch auf unserer Terrasse meine furchteinflößende Präsenz. Gerne würde ich außerdem in die dunkle Stille hinausrufen: „Ich bin zu Hause und zwar die ganze Nacht und meine Kinder, die beißen und kratzen und sehr laut schreien können, ebenfalls!“ Ich lasse es dann aber doch lieber sein. Es könnte für das ein oder andere Herrchen und dessen Hund, die mit Vorliebe gemeinsam vor unserem Haus flanieren, verstörend wirken. Ach ja, und kurz vor dem Einschlafen, schreibe ich den Nachbarn natürlich noch eine kleine unverfängliche Nachricht mit der Bitte, ihr Telefon dicht neben dem Kopfkissen zu positionieren. Nur so für den Fall der Fälle. Falls ich nämlich bei einem möglichen Einbruch neben der Polizei auch noch eine starke nachbarschaftliche Schutz-Patrouille einberufen möchte. Und dann beginne ich mich unruhig auf die verwaiste Betthälfte zu rollen und sehne mich nach der baldigen Rückkehr unseres siamesischen Vierlings!

Eine Ode an den kindlichen Nonkonformismus

Reisen mit zwei Überraschungseiern

Ich sitze gerade hoch konzentriert im Gespräch mit einer sympathischen Hotelmanagerin und versuche, unsere einjährige Tochter davon abzuhalten, sich mit den Buntstiften ihres Bruders eine furchteinflößende Kriegsbemalung auf ihr Gesichtchen zu zaubern. Doch leider ist sie fest entschlossen, sich als Gemahlin von Old Shatterhand zu qualifizieren und ihren Zukünftigen mit einem farbenprächtigen Make-Up in satten Grün, Rot- und Gelb-Tönen zu imponieren. Meine kläglichen Versuche, ihr die Buntstifte mit sanftem Druck zu entziehen, quittiert sie mit einem ohrenbetäubenden Geschrei. Doch anstatt pikiert zu schauen, erfreuen sich mein Mann und die Hotelmanagerin unisono an dem markerschütternden Indianergeheul. Beide sind sich nämlich einig, dass es doch sehr schade sei, dass der Mensch mit zunehmendem Alter seinen angeborenen Nonkonformismus, seine Authentizität und auch seine Originalität verlöre.

Einjährige Squaw eröffnet das Feuer

Ich selbst habe mittlerweile einen so roten Kopf, dass mich Old Shatterhand mit Kusshand als schwiegermütterliche Squaw akzeptieren würde. Oder vielleicht könnte ich gar Winnetou von meinen Liebreizen überzeugen? Zu meinem Leidwesen entdeckt die kleine Indianerin plötzlich die Polizei-Pistole, die ich dezent auf dem Stuhl sitzend hinter meinem Rücken verschwinden ließ. Freudentaumelnd und mit verzücktem Quietschen zielt sie damit auch prompt auf die Hotelmanagerin. Das nenne ich einmal ein professionelles Meeting! Obwohl dem Stenz ausdrücklich verboten wurde, die Pistole mit ins Gepäck zu packen, hat er sich an dieses pazifistische Verbot nicht gehalten. Und als ich den Rucksack zum Spielen für meine Kinder während des Meetings öffne, fällt mein Augenmerk sogleich auf das verhasste Kriegsutensil. Um nicht als kompletter Erziehungsversager dazustehen, versuche ich die Pistole zu verstecken. Wie sich nun herausstellt mit mittelmäßigem Erfolg. Ich dachte immer Indianer schießen nur mit Pfeil und Bogen. Zum Glück hat mein Gegenüber Humor und bewundert nun das ungezähmte, nicht domestizierte Naturell unserer Zweitgeborenen, die weder den gelben Stift noch die Schusswaffe hergeben möchte. Ganz im Gegenteil, mit der ihr ganz eigenen Eleganz, nämlich einem pinguin-gleichen Watschelgang, versucht sie nun mit beiden Corpora Delicti im Schweinsgalopp Richtung Hotelausgang zu türmen.

Erholungsurlaub ade – Abenteuer-Auszeit hallo!

Hermann Hesse hat ein sehr schönes Buch geschrieben. Es heißt „Eigensinn macht Spaß“. Genau das könnte das Lebensmotto meiner Kinder sein. Mit ihnen zu reisen ist ein bisschen wie mit quicklebendigen Überraschungseiern durch die Welt zu tingeln. Man weiß nie, was einen im nächsten Augenblick erwartet. Im schlimmsten Fall bekommen sie im lang ersehnten Sommerurlaub Maul und Klauenseuche (Hand-, Fuß- Mundkrankheit) oder im Winterurlaub einen Hüftschnupfen. Im besten Fall aber, zielen sie während eines Hotelaufenthaltes als Indianer getarnt mit einer Schusswaffe auf die Direktorin. Daher lautet mein Rat an alle werdenden Eltern: Akzeptiert so früh wie möglich die Tatsache, dass ein Urlaub bis auf weiteres erst einmal keine Erholung mit sich bringt. Verabschiedet Euch von der lieb gewonnen Angewohnheit in den Ferien auf einer Liege mehr als fünf Minuten auszuruhen, ein kleines Nachmittags-Nickerchen am Pool zu genießen oder gar ein gutes Buch zu lesen! Langweilige, eintönige Entspannungsurlaube waren gestern. Mit Einzug der Windeln und Feuchttücher in Euren Haushalt werdet Ihr automatisch zu hyperaktiven Abenteuer-Urlaubern. Auch wenn Ihr Euch noch so sehr auf ein entspanntes Wellness-Wochenende vorbereitet. Es wird ein abwechslungsreiches und tosendes Vergnügen! Verließ ich vor meinem Mama-Dasein die heimischen Gefilde, um einem berechenbaren Erholungstrip mit süßem Nichtstun zu verbringen, wird nun jede Reise zu einem überraschenden Experiment, das Unvorhergesehenes, Erstaunliches und Seltsames zu Tage fördert.

Kollektiver Schaf-Kollaps

Daher, bewahrt Ruhe bei öffentlichen Tobsuchtsanfällen vor starrendem Publikum und erfreut Euch am quirlig-kreativen und vor allem immer lauten Spiel Eurer Sprösslinge. Denn spätestes in vierzig Jahren werden auch sie zu langweiligen, Ruhe suchenden und immer müden Eltern mutieren, die ihren bezaubernden Watschelgang verloren haben. Also genießt die Zeit bis dahin und nehmt jeden unvorhersehbaren Augenblick dankbar und demütig an. Seht es als Spaß! Ich weiß, es fällt nicht immer leicht. Das merke ich wieder einmal als Fräulein Lou mit Schmackes sämtliche Holz-Schafe, die in der Hotellobby zu Deko-Zwecken bereitstehen, umschmeißt. Damit hat auch der Rezeptionist, der mit offenem Mund dem tierischen Schaf-Kollaps beiwohnt, nicht gerechnet. Warum musste er auch meine Kinder dazu ermuntern, eine Runde lustiges Schafe reiten zu spielen? Fräulein Lou ist über den kollektiven Schaf-Zusammenbrauch ebenfalls erzürnt und brüllt.

Man(n) trägt Dusch-Haube 

Zum Glück eilt ihr Bruder herbei und rettet sie. Und zwar mit einer avantgardistisch abstehenden Dusch-Haube als kleidsamen Heilsbringer-Beweis. Diese erquickliche Kopfbedeckung trägt der Stenz während unseres Hotelaufenthaltes immer mal wieder zwischendurch. So als modisches Accessoire für den trendigen Mann von morgen sozusagen. Er fand dieses schmucke Kleidungsstück bei den Beauty-Produkten in unserem Hotelbad.  Die Duschhaube ist auch stiller Zeuge unseres Uno-Spiels, das ich mit dem Stenz nach dem Schaf-Massaker, in der stylischen Hotelbar zum Zeitvertreib beginne.

Von wegen harmloses Kartenspiel, Vorsicht Lynchgefahr!

Leider ist der Kartenspaß von kurzer Dauer. Daran ändert auch die fesche Optik meines Sohnes nichts. Denn Fräulein Lou hat es auf all unsere Spielkarten abgesehen und versucht ihnen mit Gewalt habhaft zu werden. Der schreienden Offensive von Fräulein Lou folgt eine brüllende Defensive des Stenzes und das alles vor den milde dreinblickenden Augen des Pianoplayers, der im heimeligen Licht des Kaminfeuers „Autumn Leaves“ zum Besten gibt. So eine Auszeit im Wellnesshotel könnte ja so entspannend sein. Allerdings nicht für mich. Ich klaube drei Millionen Unokarten aus den hintersten Ecken der Hotelbar und versuche währenddessen den Stenz davon abzuhalten, sämtliche Kerzen, die die Bar stimmungsvoll illuminieren, auszublasen und Fräulein Lou im Sekundentakt vor dem offenen Kaminfeuer zu bewahren. Während mir wieder einmal der Schweiß von der Stirn rinnt, entschließe ich eine Etage tiefer zu gehen. Allerdings erleidet meine Tochter hier im Wellnessbereich im Halbstundentakt einen mittelschweren bis schweren Nervenzusammenbruch, weil sie noch mehr Trockenobst verspeisen möchte. Auch erfreut sie sich bei ihren ersten ambitionierten Schwimmversuchen immer wieder an ihrem eigenen Echo, das mit akustischer Imposanz durch den Indoor-Pool hallt.

Let the show begin!

Damit ich diesen tosenden Nachmittag mental als Geschenk annehme, murmle ich, inspiriert vom Gedankengut der weisen Hotelmanagerin, folgendes Mantra vor mich hin: „Sei dankbar für ihre rebellische, authentische und originelle Art! Diese wunderbaren Eigenschaften währen nicht mehr lange. Schon bald werden sie sozialisiert, gezähmt und angepasst ihre Bahnen im Pool und im Leben schwimmen. Also genieß‘ das Echo im Hallenbad, stimm‘ lauthals mit ein und setz die Dusch-Haube auf!“

Besser Laus drauf als Wurm drin

Vergangene Woche bekam ich ein ganz besonderes Geschenk einer Freundin, die auch Mama ist. Dank diesem außergewöhnlichen Mitbringsel duftet nun unsere gesamte Familie wie eine kunterbunte Frühlingswiese, vor allem hinter den Ohren. Wir riechen sogar so betörend, dass mein Mann abends aufgrund des Wohlgeruches, der aus dem benachbarten Gitterbett zu ihm hinüberweht, nicht einschlafen kann. Auch die provisorisch gebaute Geruchs-Mauer aus Kopfkissen bringt nicht den gewünschten Erfolg beziehungsweise den ersehnten Schlaf.

Dabei stammt die wundersame Gabe nicht aus einer Parfümerie, sondern aus der heimischen Dorf-Apotheke. Auch trägt die freundliche Schenkung keinen besonders wohlklingenden Namen wie es sich eigentlich für einen solch berauschenden  Duft geziemt. Weder „Romance“, noch „Escape“ oder „Fleur“ wurde als Name gewählt. Wobei alle drei hervorragend passen würden, besonders „Escape“. Auch an der Schönheit des Flacons ließe sich noch das ein oder andere optimieren. Marketing ist alles! Da kann man sich schon mal ein Beispiel an Kenzo und Co nehmen. Aber leider erwiesen sich die Hersteller des geschenkten Duftes als absolute Dilettanten, marketingtechnisch gesehen. Und das ist schade, denn der Duft kann so einiges und ist multipel einsetzbar – selbst als Raum-Zerstäuber oder als der neue „bed and body mist“. Aber was nutzen die mannigfaltigsten Aromen, wenn die Verpackung eine Katastrophe und der Name an Plumpheit kaum zu überbieten ist: Bei „Lausschreck“ lockt man wahrlich niemanden hinter dem Ofen hervor.

Amsel-Ei, Hühner-Ei, Straußen-Ei? Gefahr ist in Verzug!

Aber von vorne: Der Stenz kam diese Woche mit den Worten vom Kindergarten nach Hause: „Mein Freund hat Eier. Deshalb wurde er heute schon ganz früh vom Kindergarten abgeholt. Mami, ich frage mich, wie groß sind seine Eier?“ Wäre die Situation nicht so seltsam, müsste ich laut lachen. Ja, wie groß sind sie wohl die Eier? Eher so Amsel-Ei-Größe oder ist absolute Gefahr in Verzug, weil sie monströse Straußen-Ei-Dimensionen aufweisen? „Die müssen schon groß sein, wenn sie so gefährlich sind“ denkt der Stenz meinen Gedanken laut zu Ende.

Läuse-Schleusen – die Bälleparadiese von morgen

Und tatsächlich werden momentan im Kindergarten schwere Geschütze aufgefahren, da ist das frühzeitige Abholen bei Nissenbefall nur eine der vielen zielgerichteten Maßnahmen. So könnte unser geliebter Kindergarten momentan problemlos als Setting des nächsten Blockbusters „Outbreak II“ dienen. Da werden von den wunderbaren Kindergärtnerinnen Läuse-Schilder zur Information aufgehängt – Vorsicht ist geboten! Kuschelecken täglich und akribisch gesäubert, süße Kisselchen und Schmusedecken kochend ausgewaschen und sogar Läuse-Schleusen eingerichtet. Ja, der werte Leser hat sich nicht verlesen: LÄUSE-SCHLEUSEN! Was ich persönlich absolut phantastisch finde. Welcher Kindergarten weist eine so bemerkenswerte Attraktion auf? Rutschen, Feuerwehrstangen, Klettergerüste und Schaukeln, all das ist gewöhnliche Kinder-Animation. Vergiss die Trampoline unzähliger Kindergärten. Läuse-Schleusen sind die neuen Bälleparadiese! Ganz nach dem Motto: Läuse-Schleusen am Morgen vertreiben Kummer und Sorgen.

Superman-Anzug: die beste Prophylaxe gegen Laus-Kontamination

Doch was wäre eine Schleuse ohne Schutzanzüge? Und tatsächlich läuft das Gros unserer Sprösslinge im Kindergarten momentan mit Spiderman-, Drachen-, Tiger- und Piraten-Ganzkörper-Kostümen umher, die Schutzanzüge der jecken Läuse-Zeit sozusagen. Dabei werden die bunten Hauben nur kurzzeitig zur morgendlichen Laus-Inspektion gelüpft. Denn seit ein paar Wochen besteht das Morgen-Ritual im Kindergarten nicht im heiteren Stuhlkreis, sondern in der trauten Eier- bzw. Nissen-Suche. „Wie werdet ihr denn untersucht?“ frage ich den Stenz neugierig. „Da kommt eine Ärztin und schaut mit einer Art „Eis-Stäbchen“ unsere Haare an“, erklärt er auskunftsfreudig. „Aha, mit einem Eis-Stäbchen also“, murmle ich und kratze mich gedankenverloren am Kopf.

„Lausschreck“ – Das „Drei Wetter-Taft“ für Mamis

Überhaupt juckt es mich, seit die Läuse-Epidemie um sich greift, überall. Obwohl wir bislang weder Eier noch sonstiges Krabbeltier auf uns beobachten konnten, benutzen wir Weidenrinden-Shampoo auf dem Kopf, Kokosnuss-Öl hinter den Ohren und das Lausschreck-Spray immer mal wieder für zwischendurch, großzügig verteilt wie in der Drei Wetter Taft Werbung. „Lausschreck – und die Frisur sitzt, auch nach fünfzehnstündigem Kampf gegen Nissen und greinende Vierjährige“. Außerdem haben wir die chemische Keule prophylaktisch im Schrank und ein weiteres silikonhaltiges, nicht pestizidgeschwängertes Fabrikat ist bereits von der Versand-Apotheke auf dem heilbringenden Weg zu uns. Wir sind also bestens gerüstet und bereit, den lästigen Parasiten mit probaten Mitteln entgegenzutreten. Falls sich denn die Eier dazu entschlössen, auch unser Haar zu überrollen.

Marienkäferchen flieg!

„Warum setzt ihr Euch keine Marienkäfer auf den Kopf?“ schlägt mir die Stimme meiner besten Freundin am Telefon quietschfidel entgegen, während ich gerade das Kokosnuss-Öl großflächig auf  Fräulein Lous Nacken verteile. „Think out of the box! Und ökologisch wäre es noch dazu,“ kichert sie mit einer Leichtigkeit, die nur Kinderlose in sich tragen. So scheint für meine Freundin, ein mit Läuse befallener Haushalt ähnlich weit entfernt wie das australische Sydney. „Aber in dieser symbiotischen Beziehung melken Marienkäfer doch Läuse.“ erinnere ich mich vage und schöpfe aus meinem Fundus rudimentärer Bio-Kenntnisse. „Stimmt, da hast Du Recht“ schallt es mir lachend entgegen. So habe ich tatsächlich ihre waghalsige Idee expertengleich in den Wind geschlagen, obwohl mir Marienkäfer als defensive Läuse-Maßnahme tatsächlich lieber wären als stinkendes Weidenrindenzeugs. Tja, wer den Schaden hat, muss für den Spott nicht sorgen. Und auch die Apothekerin, die ich zur bevorstehende Ungeziefer-Bedrohung befrage, meint nur lakonisch: „Machen Sie sich nicht verrückt, es gibt Schlimmeres als Läuse.“ Und da hat sie wohl recht. Zum Beispiel Würmer. Besser Laus drauf als Wurm drin. Aber das ist wieder eine andere Geschichte und zum Glück bislang nicht unsere!

Mit dicken Klunkern in der Rumpelkammer

Kunst

Einer meiner Lieblingsautoren ist Ephraim Kishon. Seine Satiren sind fabelhaft. Dabei ist die Geschichte, bei der seine Familie von einer entfernten Tante ein recht eigenwilliges Bild geschenkt bekommt, eine meiner Favoriten. Denn was macht man mit einem überdimensionalen Gemälde, das den eigenen Geschmack nicht unbedingt widerspiegelt? Richtig, man verbannt es in die letzte Ecke der Rumpelkammer und hängt es nur dann auf, wenn die Tante zu Besuch kommt. Was macht man allerdings, wenn der Kunst-Mäzen mit dem Beschenkten unter einem Dach wohnt?

Unser Heim ist eine Galerie und wir die Galeristen

Der Stenz bastelt gerne. Ob malen, kleben, kneten, matschen, hämmern, schnitzen oder sprühen, alles, was mit den Händen hergestellt werden kann ist großartig. Doch genauso leidenschaftlich, wie er bastelt, liebt mein Kind es, dass selbst Produzierte zur Schau zu stellen und publikumswirksam in Szene zu setzen. Während bei anderen Eltern die kindliche Kunst in Boxen unter der Couch gelagert wird, legt unser Sohn gesteigerten Wert darauf, seine Kunstwerke seinen Mitmenschen zu zeigen. Denn nicht nur auf die Geschicklichkeit, auch auf die entsprechende Präsentation kommt es an! Dabei ist unser Haus, seiner Ansicht nach, der perfekte Ausstellungsort.

Performance Art vor der Haustür

Dass wir einen begnadeten Kunsthandwerker unter unserem Dach beherbergen, merken unsere Gäste bereits vor der Eingangstür. Denn hier hat sich im Lauf der letzten Jahre eine Vielzahl an verschiedensten Kunstobjekten auf mysteriöse Weise eingefunden. Sie alle verbinden sich zu einer facettenreichen Installation, die von einer ganz besonderen ökologischen Ästhetik zeugt. Das etwas zerrupfte Vogelnest wird kontrastiert von goldenen Steinen, die schamhaft unter 5.000 Stöcken und 200 Schnitzereien hervorlugen. Ein bisschen Moos, Kastanien, Baumrinde und am See gesammelte Glasscherben, die herrlich in der Sonne funkeln, gesellen sich ebenfalls zu dieser naturnahen Art-Kollektion. Nicht selten stolpert man in unser trautes Heim, weil die Kunst vor unserem Haus übermächtig wird und den Zugang versperrt. So nehmen unserer Besucher, ob sie wollen oder nicht, aktiv an einer lebendigen Art-Performance teil, die die Betrachtungsweise Darwins neu interpretiert: Nur dem Geschicktesten gelingt es, die heimische Türschwelle zu betreten.

Um Restmüll wird gebeten

Dabei wird seit einiger Zeit unser Art-Sammelsurium durch ein ganz besonderes „Oeuvre“ komplettiert. Vor ein paar Tagen zog sich der Stenz nämlich für eine neue Kreation in sein Zimmer zurück und malte voller Elan Schriftzüge von unserem Müllplan ab, die sich bei näherer Betrachtung als folgende, handsignierte Mitteilung entpuppte: „Restmüll hier – Vochrrrx“. Ich sollte das wertvolle Gemälde noch mit dem aktuellen Datum und dem Zusatz „Winter“ versehen (sodass das Werk im Stenz’schen Kunst-Zyklus des Jahres 2018 auch für die Nachwelt richtig eingeordnet werden könne). So weit, so gut. Nicht gut wurde es allerdings, als der Stenz auf die Idee kam, dieses wunderbare Pamphlet nun an der Außenmauer unseres Hauses zu befestigen. Ihm schwebte vor, die Mitteilung solle für alle Spaziergänger gut lesbar oberhalb unseres Briefkastens angedübelt werden. Dabei war ihm das Dübeln sehr wichtig. Der Mann wollte aber nicht dübeln und alle Vorbeiziehenden ermutigen, Restmüll vor unserer Haustüre zu deponieren. Bittere Enttäuschung machte sich in den Augen des Künstlers breit. Und da wir, die Galeristen, am Abend schon ein wenig mürbe waren, ließen wir uns breitschlagen. Es wurde zwar nicht gedübelt, aber wenigstens geklebt. So finden neuerdings nur diejenigen Einlass in unser Haus, die ein wenig Restmüll am Eingang ablegen und so geschickt sind, die gesammelten Stock-Berge zu überwinden.

Leere Klopapierrollen? Her damit!

Doch der zu uns Hereinstolpernde muss beim Eintreten nicht traurig sein, dass er die aufgetürmte Kunst vor dem Haus aus dem Sichtfeld verliert. Denn er stößt auch im warmen Inneren unseres Heimes auf sehr viel artistisches Material. Dabei steht ein signifikanter Teil unserer „Home-Art“ unter dem Motto: „Das unerschöpfliche Potenzial von Klopapierrollen“. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal ein eifriger Sammler eben dieser werde. Während andere Leute Sonnenbrillen, Whisky oder Antiquitäten hamstern, stürze ich mich seit geraumer Zeit auf leere Klopapierrolle und bin selbst in Wellnesshotels versucht, die ollen Papp-Dinger in meinen Koffer zu schmuggeln, um der Stenz’schen Bastel-Euphorie neue Impulse zu geben. Dabei scheint die Kreativität meines Kindes grenzenlos und zeigt sich in einer Art Arche Noah aus Klopapier-Tieren: Ob Küken, Drachen, Kraken, Elefanten, ja sogar Schneemänner, warten bei uns weltenhungrig darauf, in See zu stechen.

Das sommerliche Weihnachtsbaum-Pendant

Dabei frage ich mich immer wieder, wie andere Eltern es schaffen, dass ihr Haus diesen cleanen Chic aus „Vor-Kinder-Zeiten“ beibehält? Wir schaffen es jedenfalls nicht. Denn die skulptural-animalische Kunst, die aus Klopapierrollen unser Wohnzimmer schmückt, findet eine entsprechende Ergänzung an fast allen Wänden unseres Hauses. Denn da, wo zwischen schiefen Familienfotos und lustigen Kinder-Portraits noch Platz ist, hängen bunte Collagen, Kartoffeldrucke und selbst Gemaltes. Sogar unsere beiden Zitronenbäumchen wurden atmosphärisch vom Stenz verziert. Ganz so als würden sie sich, dank handgefertigter Mobilés, als sommerliches Pendant zum Weihnachtsbaum verstehen.

Wer lang hat, lässt lang hängen

Doch die Stenz’sche Kunst orientiert sich nicht nur an Türschwellen, Wänden und Pflanzen – nein, sie macht auch vor mir nicht halt. So wurde ich heute Morgen von meinem Sohn ermuntert, mich für den bevorstehenden Besuch ein wenig chic zu machen. Zu diesem Zweck solle ich mir ein ganz besonderes Geschmeide anlegen bzw. an die Ohren hängen. Und so baumeln nun zwei unterschiedlich große, verschiedenfarbige und sehr, sehr auffällige Riesen-Klunker an meinen Lauscherchen herunter. Selbstverständlich wurde auch diese kostbare Bijouterie vom Stenz selbst aus Fimo hergestellt.  Sein Entzücken kommentierte er bei meinem Anblick wie folgt: „Ach Mami, hoffentlich bekomme ich später auch mal so eine hübsche Mama wie Dich.“ Ja, da muss er lange suchen, bis er eine Frau findet, die so einen erlesenen Geschmack hat. Vergiss alle perlenbeohringten Frauen. Understatement war gestern! „Wer lang hat, lässt lang hängen“ hat mal eine Freundin zu mir gesagt und mit dieser Devise entscheide ich mich mutig, unsere Freunde mit den neuen Klunkern zu begrüßen. Allerdings fällt mir bei meinem Anblick im Spiegel Ephraim Kishon wieder ein. Ich bin mir sicher, er hätte mich in die letzte Ecke der Rumpelkammer verbannt!

Glücksmomente

Happy Family

Ich mag eigentlich keine rührseligen, kitschigen Texte, in denen Mütter ihre Kinder in den Himmel loben und jeden Pups des eigenen Fleisches und Blutes sezieren, bestaunen und mit inniglicher Liebe für die Nachwelt festhalten. All, denjenigen, denen es ähnlich geht wie mir, rate ich daher vom Lesen des nachfolgenden Textes dringend ab! Denn er ist vor allem für meine Kinder geschrieben. Wenn sie mich irgendwann einmal fragen: „Wie war das denn damals so mit uns?“ Dann werde ich mich verrunzelt zurücklehnen, versonnen lächeln und sagen: „Das war alles ziemlich schön!“

Das Baby wird Loulotte

Ich bin ein larmoyantes Meckermaul, obwohl ich nichts zu meckern habe. Denn ich lebe mit zwei wunderbaren kleinen Geschöpfen und einer großen, nicht minder wunderbaren Kreatur, an einem paradiesischen Fleckchen Erde. Meine Kinder amüsieren mich und rühren mein Herz. Denn während ich, seit ich Mama bin, hin und wieder etwas abschlaffe und matschig in der Gegend umherlaufe, sind meine Kinder ein Quell unendlicher Energie, Freude und die personifizierte Lebenslust. Vor allem das Baby lief in den letzten Monaten zu Höchstformen auf. Quasi von null auf hundert. Von Geburt an, mit einer außergewöhnlichen Haarpracht gesegnet, besitzt meine Tochter mit ihren 14 Monaten einen so dichten braunen Schopf, dass es Martin Schulz vor Neid die Tränen in die Augen triebe. Und auch Dieter Bohlens Beißerchen würden durch das weiße Lachen meines Zweitgeborenen in den Schatten gestellt – und das obwohl ihr Lachen bislang noch eckzahnlos erstrahlt (jedenfalls unten). Daher ist es nun an der Zeit, dass das Baby offiziell den Säuglings-Status verlässt und die Metamorphose zu Loulotte oder Fräulein Lou (ich bin mir noch unschlüssig) vollzieht. Fräulein Lou nutzt ihre kleinen Hauer nicht nur, um sich hin und wieder gegen die tätlichen Angriffe und Liebesbekundungen des Stenzes zu verteidigen, nein sie macht von ihnen in erster Linie Gebrauch, um zu essen – und zwar mit großem Entzücken.

Essen macht Freude Punkt!

Während ich gestern Abend meine Phantasie vollends ausschöpfte und Feen, Zauberer und sonstige Fabelwesen dazu einlud, eine lustige Rutschpartie auf einem Marmeladenbrot die Speiseröhre des Stenzes hinunterzurasen, nutzte Fräulein Lou den unbeobachteten Augenblick ganz für sich: Sie schnappte sich den gesamten Camembert, der das abendliche Buffet komplettierte und biss herzhaft hinein. Allerdings bemerkte ich diesen Umstand erst, als der halbe Camembert bereits frohgemut vertilgt war. Aufgrund ihrer Vorliebe für französischen Weichkäse und feinsten Wachholder-Schinken nennt sie ihr Opa auch liebevoll „Schinke-Marie’sche“ (hessisch ausgesprochen!) oder „Camemberta“. Denn während mein Sohn nur zu speisen gedenkt, wenn ich ihm vorlese oder seltsame Geschichten erzähle, schlägt Fräulein Lou vollkommen nach ihren Eltern und isst mit großer Wonne, was ich unglaublich sympathisch finde. Vor allem, wenn meine Tochter beim Verzehr von leckeren Köstlichkeiten mit einer Inbrunst „mmmmhhh-Laute“ aus den Tiefen ihrer kleinen verzückten Seele ertönen lässt. Sie ist sozusagen in das perfekte Umfeld hineingeboren. So gerät sie auf unseren Wellnessreisen immer wieder vor kulinarischer Begeisterung in Ekstase. Ihr beim wonniglichen Essen zuzuschauen ist einfach großartig! Und auch wenn sie vor Glück brummt wie ein Bär bin ich kurzzeitig versucht, mit einzustimmen und das Lied der glücklichen Grizzlys zu grummeln. Außerdem berührt es mich zutiefst, dass alles, was Loulotte liebt, bislang noch „Mama“ heißt. Ob Papa, der Stenz, ihre heißbegehrte bunte Blockflöte, die kleine Schlange aus der Holzdose, der Wachholder-Schinken – all das verdient die wunderbare, oft leicht nasal aber immer flammend hervorgebrachte Bezeichnung „Mama, ohhh!“

Über fröhliche Cowbäuerinnen und Fahrten in der Waschmaschine

Doch am schönsten ist es, die beiden Geschwister in trauter Zweisamkeit zu beobachten und dabei genaue Tätigkeitsbeschreibungen à la : „Mama, wir spielen Cowbäuerin und Kuh. Loulotte ist die Cowbäuerin und ich die Kuh.“ entgegenzunehmen. Aufgrund des freudetaumelnden Gesichtchens von Loulotte, die rittlings auf dem Bruder sitzt, bin ich zeitweilig versucht, die Berufsbezeichnung „Cowbäuerin“ in den Jobcentern dieser Welt als neue, Glück bringende, rurale Berufsbezeichnung zu propagieren. Überhaupt ist der Stenz seinem kleinen Geschwisterchen gegenüber meist (nicht immer) sehr fürsorglich eingestellt. Vor ein paar Wochen weinte er gar bitterlich und rief mich in vollkommener Verzweiflung, ich solle unverzüglich seine Schwester retten. Diese sei nämlich gerade dabei, frohen Mutes die Waschmaschine zu besteigen und eine quirlige Fahrt in der runden Trommel zu absolvieren. Auch wenn Loulotte gemäß der Stenz’schen Einschätzung hin und wieder „abgöttlich“ stinke, habe sie ein derart burschikoses und unsanftes Reinigungsritual doch nicht verdient und ich solle sie vor dem Verderben bewahren.

Tumber Tor, such’ mich!

Denn mit wem solle er sonst in Zukunft wohl verstecken spielen? Lediglich seine Schwester scheint in unserer Familie eine echte Spürnase zu sein. Während der Mann und ich wie tumbe Tore in unserem Wohnzimmer umherirren und erst nach einem halbstündigen Such-Marathon den Stenz aus seinem präferierten Versteck, hinter dem Vorhang hervorzaubern, ist seine Schwester weitaus zielstrebiger. Außerdem lässt sie sich im Moment des Auffindens, so fabelhaft erschrecken. Auf das große „WUAAAHHH“ des Stenzes folgt immer eine nicht enden wollende Lach-Salve von Fräulein Lou. Überhaupt ist Loulotte ein sehr solidarisches Wesen: Sobald der Stenz und ich lachen, freut sie sich aus purer Solidarität mit, egal um was oder wen es geht – selbst dann, wenn sie im Zentrum des Gelächters steht. Aber wehe der Stenz weint, dann ist Gefahr in Verzug und es wird nach Leibeskräften, mit Vorliebe in einer sehr hochfrequenten Tonlage, mitgebrüllt.

Hmm, lecker Papilloten

Man sagt ja immer, die Welt mit Kinderaugen zu betrachten sei so unglaublich bereichernd. An diesen Spruch dachte ich auch heute Morgen als Loulotte mit überbordender Neugierde in unser grünes Badewannen-Krokodil biss und sich anschließend schlapplachte. Wofür das in ihren Augen wohl gut sei? Als Anti-Ausrutsch-Schutz jedenfalls nicht. Und auch die bunten Papilloten, die sie vor dem Vergessen bewahrte und aus den Untiefen unseres Badezimmerschrankes hervorzog, mussten sich erstmal eines genauen Beiß-Testes unterziehen. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, schmeckte das Badewannen-Krokodil wesentlich besser.

Gefühle hoch hundert

Ich habe bei meinen Kindern immer irgendwie das Gefühl, dass sie ihre Emotionen in potenzierter Form erleben: Freude, Trauer, Neugierde und Stolz hoch hundert oder so. Allein am Abend ist Fräulein Lou derart erbost, wenn ich es wage, nach zehn Minuten der Streicheleinheiten ihres Hinterköpfchens kurzzeitig zu pausieren. Denn sie liebt es, platt wie eine Flunder auf dem Bauch liegend, wohlig in den Schlaf gestreichelt zu werden. Aber wehe ich lege eine kleine Pause ein, dann wirft sie sich mit so viel Pathos wieder auf die Matratze ihres Bettchens und verlangt nach der Fortsetzung der angenehmen Kopfmassage. Als Dank, schläft sie dann auch ruckzuck ein. Ein Umstand, den ich fast noch schöner finde als ihr freudvolles Essen.

Der Augenstern schiebt den „römischen Streitwagen“

Selten zuvor habe ich so viel Stolz in den Augen funkeln sehen, wie bei meinen Kindern. So schiebt Fräulein Lou ihren Bruder mit einem fast berstenden Selbstbewusstsein in ihrem kleinen blauen „Streitwagen“ quer durch unser Wohnzimmer. Stolz wie Bolle ist sie auch, wenn sie an beiden Händen vom Stenz gehalten, ihre ersten Schritte durch das Kinderzimmer tapst. Als Dank wird der Stenz anschließend an der Wange gestreichelt, was den großen Bruder wiederum zu den Worten verleitet: „Ich liebe Dich so sehr mein Augenstern.“

Ich weiß, dieser Text ist eine Zumutung und Sie sind in den letzten fünf Minuten durch triefende Inniglichkeit gewatet. Aber ich habe Sie ja vor der Lektüre gewarnt!

Zum Spießer mutiert? Oder: Eine Hommage an WG-Zeiten

Hommage an die Kaiser-WG

Was ist aus mir geworden? Vor zehn Jahren lebte ich in einer Neuner-WG und lernte schon in meinen eigenen vier Wänden jeden Tag neue Leute kennen. Mein unmittelbarer Nachbar war ein Franzose mit chinesischen Wurzeln. Links hinten am Ende des Flurs lebte ein Italiener, der jede Nacht eine andere Couch-Surferin aus exotischen Destinationen bei sich beherbergte. Bevorzugt mit fabelhaftem Aussehen. Dabei hauste der Italiener selbst in einem circa sechs Quadratmeter großen Unterschlupf, der ehemals als Küche diente. Weiße Fliesen zierten noch bei seinem Einzug die Wände, eine heimelige Reminiszenz an die frühere Koch-Ära. Den Couch- Surferinnen war das Kajütenartige dieses Verschlags wurscht und dem Gastgeber ebenfalls. Platz ist ja bekanntlich in der kleinsten Hütte. Da störte auch der leichte Gas-Geruch, der aus einer defekten Leitung austrat, kaum. Überhaupt war uns allen vieles Wurscht. Der Zustand der Küche zum Beispiel oder wann der Flur das letzte Mal geputzt wurde. 

Tür an Tür mit der griechischen Kreissäge

Doch der Reihe nach. Ich bin nicht sehenden Auges in diese Neuner-WG geraten. Eine sehr schöne Zeit in meinem Leben übrigens. Zum Zeitpunkt meines Einzugs beherbergte die Altbauwohnung im Herzen von Schwabing gerade einmal vier andere Mitbewohner. Drei davon kannte ich und einen bekam ich nie zu Gesicht. Bei ihm handelte es sich um den „schnarchenden Griechen“. Er war ein scheues Wesen höheren Alters, von dessen Existenz wir lediglich durch seine kreissägenartigen Geräusche wussten. Der Grieche schnarchte am Tag und in der Nacht. Er verschnarchte auch den Zeitpunkt als unsere Fünfer-WG ganz plötzlich zu einer Neuner-WG mutierte. Ich kam abends nach Hause und erblickte auf einmal im Flur eine durchbrochene Wand. Dabei muss man wissen, dass die Vermieterin meiner damaligen Bleibe recht gierig war. Sie verlangte für mein zehn Quadratmeter-Zimmer stolze 400 Euro, wobei die anderen Zimmer teilweise noch teurer waren. Und da ihr die zimmerweise Vermietung in bester Lage Münchens als sehr lukrativ erschien, ließ sie kurzerhand von ein paar  Schwarzarbeitern in einer Nacht- und Nebelaktion, die Wand zu einer anderen zimmerreichen Wohnung durchbrechen. Aus zwei mach eins sozusagen.

„Les escargots du Portugal“

Mit einem gewissen Phlegma nahmen wir die wohnlichen Änderungen hin und harrten der Dinge, die da kamen. Und sie kamen aus Frankreich, Schweden, Portugal, Australien, der Schweiz und vielen anderen Orten, die ich im Laufe der Jahre leider vergessen habe. Es war herrlich. Drei meiner besten Freunde hier in München stammen immer noch aus dieser WG-Zeit. Es wurde in verschneiten Schwabinger Nächten Feuerzangenbowle getrunken, auf langen Ganzkörperspiegeln Sushi zubereitet und die weltbeste Pizza gebacken. Frische Schnecken aus Portugal waren eigentlich immer Bestandteil unseres wüst durcheinanderfliegenden Kühlschranks. Ich nannte damals doch tatsächlich ein halbes Kühlschrank-Fach mein eigen. Ulkigerweise war das ausreichend. Wer mich beim Einzug noch nicht kannte wusste bald, dass ich die Haferflocken-Esserin oder die Tomaten-Sandwich-Vertilgerin war. Alles in allem also eine sehr Platz sparende Kühlschrank-Konsumentin.

Verteidigungs-Strategie: Bügelbrett

In unserer „Kaiser-WG“ lebten die verschiedensten Charaktere in munterer Co-Existenz auf relativ engem Raum. Dabei war dieses Zusammenleben hervorragend, um die eigene Toleranz zu schulen. Nachdem das blonde Mädchen, das immer Hotpants trug, relativ zügig ausgezogen war, zog mir gegenüber ein freundlicher Kiffer ein. Sein Reich bestand aus sage und schreibe sieben Quadratmetern, welches sich allerdings, meiner Vermutung nach, durch die zahlreichen halluzinogenen Stoffe, die er rauchte auf phantastische Weise auszubreiten schien. Dabei war er, gerade den Schnecken gegenüber, die immer quicklebendig und taufrisch per Postfracht von Portugal in unser trautes Heim eingeflogen wurden, nicht besonders tolerant. Toleranz musste man auch üben, wenn Wiesn-Zeit war und sich noch mehr Menschen in unserer WG versammelten. Dabei wurde mein Zuhause immer wieder zu einem Panoptikum. Es war eine Wunderkammer seltsamer Begebenheiten und Begegnungen. Eines nachts stand beispielsweise der Schweizer mit einem Bügelbrett bewaffnet in meiner Zimmertür. Er meinte, er wolle sich verteidigen. Vor wem genau blieb mir bis heute ein Rätsel.

Auberge Espagnole im Herzen von Schwabing

Das tolle an der WG-Zeit war das Unterschiedliche an uns. Heterogenität par excellence sozuagen. Nicht nur die Länder oder Städte aus denen wir kamen. Auch unsere Biographien und Ausbildungen hätten verschiedener nicht sein können. Ein bisschen wie eine bunt gemischte Haribo-Tüte. Ob Lehrer, Arzthelferinnen, Fotografen, Berater, Physiker, Ingenieure oder Studenten – wir alle lebten in einer fröhlichen „Auberge Espagnole“ mitten am Schwabinger Kaiserplatz. Dabei blieb es nicht unbedingt bei einer Neuner-WG. Denn wir hatten alle unsere kürzeren oder längeren Liaisons und Partner, die wir anschleppten. Daher war es keine Seltenheit, wenn sich bei uns im „Wohnzimmer“ mal mehr als zwanzig Leute tummelten. Wenn es mir zu viel wurde, ging ich zum Mann oder zog mich in mein kleines bescheidenes Reich am Ende des Flurs zurück und mampfte meine Haferflocken.

In der Bayerischen Vierer-WG ist Exotik Fehlanzeige

Und heute, zehn Jahre später? Da ertappe ich mich tatsächlich dabei, wie ich meiner Freundin einen total verspießten Link sende. Einen Link auf dem sie Tipps mit wöchentlichen Rezeptideen findet. Tatarata: sogar zum Download als PDF! Sensationell. Man muss ja irgendwas kochen für die Kinder! Und da Schnecken nicht unbedingt zu den Lieblingsspeisen Vierjähriger zählen, brauche ich und mein Umfeld dringend Inspiration. Unglaublich, wie sich das Leben verändert. Von Neuner- auf Vierer-WG in zehn Jahren. Dabei sind zwei meiner Mitbewohner noch minderjährig und manchmal genauso verrückt wie der Schweizer mit dem Bügelbrett! Nur nicht ganz so international sind wir. Denn auf die Frage an den Stenz, ob er denn Vegetarier sei, antwortete er unlängst mit stolz geschwellter Brust: „Nein, ich bin Bayer!“ Aber für die Exotik in unserem Leben reisen wir dann halt einfach ein bisschen mehr.