Auf Tauchstation

Ich stehe auf der Straße und stecke kopfüber in unserer Mülltonne, während ich verzweifelt nach einem Haifischzahn suche. Es ist abstrus, ich weiß! Wie gut, dass ich manche Dinge vor der Mutterschaft nicht wusste und auch nie in Erwägung gezogen hatte. Sonst hätte ich es mir mit dem Mamasein vielleicht doch nochmal anders überlegt. Nein, hätte ich nicht! Warum ich bis über beide Ohren im Müll stecke? Weil ich des Stenzes selbst gebastelte Haifischzahn-Kette irgendwo versteckt habe. Ich weiß bloß nicht mehr wo und würde auch nicht mit 100%iger Sicherheit ausschließen wollen, dass ich sie in meinem Zorn entsorgt habe. Deshalb durchwühle ich nun den Müll während neben mir ein tobender Stenz steht, was die Suche für mich nicht unbedingt einfacher gestaltet. Wo habe ich sie bloß hin?

Gefahr in Verzug

Dass ich die Kette versteckt habe, musste sein. Denn der Stenz jagte am Wochenende seine kleine Schwester mit der Spitze seines gefährlichen Halsschmucks quer durch den Garten. Und zwar so lange, bis sich unsere Zweitgeborene unter lautem Gebrüll nicht mehr zu helfen wusste und sogar einen beherzten Sprung in unseren Koi-Teich als einzige Rettung in Erwägung zog. Dabei ist sie bislang noch bekennende Nichtschwimmerin. Das zeigt, welche Qualen sie bei ihrer Flucht vor dem scharfen Reißzahn (der wohlgemerkt aus Kunststoff bestand) ausgestanden haben muss. Es war also richtig, dass ich die blöde Kette versteckte, beschwichtige ich mich selbst, während der Stenz in resignierte Schluchzer übergeht. Mein Problem ist einfach, dass mein Hirn, um bei der Meeresbiologie zu bleiben, zunehmend einem löchrigen Fischernetz ähnelt. Da schlüpfen beim Fischen schon mal die ein oder anderen Ozeanbewohner durch.

Die Suche nach dem heiligen Gral

Oder anders ausgedrückt, durch mein stetiges Bestreben Dinge vor meinen Kindern zu verstecken, schrumpft unser häusliches Inventar. Was ich so verstecke? Mit Vorliebe elektronisches Gerät. Scharfe Zähne werden zugegebenermaßen, außer für die Zahnfee, selten an mysteriösen Orten hinterlegt. Alte iphones, ipads oder Fernbedienungen gehen bei uns hingegen häufiger auf Tauchstation. So lebten wir kürzlich vollkommen mattscheibenfrei, weil ich vergaß, an welchem geheimen Ort ich die Fernsehschalter vor unseren Kindern verborgen hielt. Nach ca. zwei Wochen machte der Mann dann einen Zufallsfund. Und zwar bevor das Popcorn in der Mikrowelle zu knallen begann. Hatte ich die Fernbedienungen doch tatsächlich in der Mikrowelle versteckt. Die Freude bei den Kindern und beim Mann war enorm. Schwieriger gestaltete sich die Suche nach dem Täschchen mit ipads und Co, die wir über Monate vermissten. Selbst Handy-Ortungen schlugen fehl. Nach den langen Wintermonaten beglückte uns auch hier wieder ein Zufallsfund. Fanden wir das gesamte Apple Produkt-Portfolio in der Badetasche tief vergraben unter den Schwimmflügeln, Schnorcheln und Taucherbrillen. Da klopfte ich mir innerlich schon ein bisschen auf die Schulter. Ich bin zwar vergesslich aber absolut kreativ beim Auffinden der perfekten Verstecke. Allerdings lehrte mich das wochenlange Herumirren und das detektivische Fahnden im Haus, dazu überzugehen, mir eine Notiz zu schreiben, wo ich denn die ein oder andere Kleinigkeit vor unserem Nachwuchs verbarg. Leider fand ich bei der letzten „Versteck-Mission“ meine Notiz nicht mehr, was eher ungeschickt war.

Geschenkt ist geschenkt wiederholen ist gestohlen!

Ganz anderes tickt unsere Tochter, die Sachen ungern aus der Hand gibt. So waren wir unlängst auf einem Kindergeburtstag eingeladen. Voller Freude und Euphorie half sie mir beim Verpacken des Einhorn-Malbuchs. Dabei gestand sie mir, wie sehr sie ihre eigenen Einhorn-Malbücher liebe. Und so hätten mich ihre starken Liebesbekundungen hinsichtlich des zu verpackenden Geschenks schon etwas misstrauisch machen sollen. Machten sie aber nicht. Auf der B-Day-Party angekommen, riss sie mit großem Elan, zusammen mit dem Geburtstagskind, das Geschenkpapier von unserem Mitbringsel herunter. Um es dann nicht mehr aus der Hand zu legen. Auch während der Spiele war sie kaum davon zu überzeugen, das Malbuch beiseite zu legen. Dabei verkündete sie überall frohgemut, dass das Geburtstagskind damit einverstanden wäre, dass sie das mitgebrachte Geschenk wieder mitnähme. Ich hielt das für einen schlechten Scherz. Doch die Party neigte sich dem Ende zu und Lou klaubte das Malbuch tatsächlich zusammen. Sogar den Luftballon, den wir der Jubilarin als Zeichen unserer Freude zu ihrem Ehrentag überreichten, wollte sie unbedingt wieder einsacken. Dabei flüsterte ich meiner Tochter unaufhörlich ins Ohr, dass man Geschenke nicht wieder mitnähme. Das wäre unhöflich. So bestünde quasi der tiefere Sinn eines Geschenkes darin, beim Beschenkten dauerhaft zu verbleiben und ihm Freude zu bereiten. Ein Umstand, den unsere Tochter vollkommen unsinnig fand und daher negierte. Sie war fest entschlossen, lediglich die Geburtstagskarte bei ihrer Freundin zu belassen. Wie großzügig! Nur unter Einsatz größtmöglicher Phantasie gelang es mir, ein gekonntes Ablenkungs-Manöver zu starten. O.k. ich gebe es zu, ein bisschen Bestechung war auch dabei: denn ich versprach ihr, dass sie dasselbe Einhorn-Buch erhalte, wenn sie ihr Mitbringsel  bei ihrer Freundin beließe. Es klappte. Allerdings war der Lernerfolg bei dieser Bestechungs-Aktion gleich null. Denn beim nächsten Playdate setzte Lou noch eins drauf und knackte zunächst das Sparschwein ihrer Freundin, um dann den Inhalt in ihre Taschen zu stopfen und glücklich zu verkünden, dass ihre Freundin, ihr gerne ihr Geld überließe.

Was sind wir doch für ein  formidables Team! Ich verlege unseren Hausstand und Lou sorgt für Nachschub. Hervorragend.

3 Antworten auf „Auf Tauchstation“

  1. Ja wie jetzt? Wurde die Haifischzahnkette wenigstens wiedergefunden? Dieses Rätsel bleibt für den amüsierten Leser leider ungelöst. Schade 🙁 .

  2. Mal wieder eine wunderbare Geschichte aus dem Familienalltag die zeigt, Humor sollte die Kernkompetenz jeder Mutter sein.

    Super Andrea!

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