Lange Büsen und andere Kuriositäten

„Mama, ich liebe Deine schönen langen Büsen“. Welch ein großartiger Auftakt für ein glückliches Wochenende. Ich wusste es, es ist alles eine Frage der Perspektive. Das Glas ist eben doch nicht halb leer, sondern fast voll. Meine Freundin wollte mich zwar davon überzeugen, dass die Feststellung „schöne lange Büsen“ zu haben, nicht unbedingt die Art Kompliment ist, bei der eine Frau in glückliche Ekstase ausbrechen sollte. Aber ich finde, sie irrt. Denn die Schönheit liegt doch im Auge des Betrachters. Braucht unsere Welt, gerade jetzt, nicht viel mehr originelle Komplimente? Ich sollte mir ein Bespiel an meiner Tochter nehmen.

Pinker Glitter gegen Herbstblues

Und das tat ich. Vor ein paar Wochen stand ich an der Drogerie-Kasse. Draußen regnete es in Strömen und das Gesicht der traurig dreinblickenden Kassiererin schien eine Reflexion der bayerischen Herbstwitterung zu sein. Tristesse pur. Der einzige Farbtupfer in dieser grauen Monotonie: die neonpinken Fingernägel, der Kassiererin. Diese wurden sogar noch mit viel Liebe zum Detail durch funkelnde Strassperlchen veredelt. Zugegeben, ich bin eher ein Verfechter schlichter Nagelkunst und würde meine Fingernägel niemals Jahrzehnte lang wachsen lassen, um sie dann in funkelnden Glitter zu tauchen. Aber irgendwie war das heute egal und ich hörte mich plötzlich zu der etwas korpulenteren Dame Ende Fünfzig sagen: „Haben Sie schöne Fingernägel, da bekommt man trotz des miesen Wetters richtig gute Laune.“ Gerade noch versunken in das eintönige Scannen der Waren, blickte sie mich unvermittelt an. Zunächst mit einem zaghaften, dann mit einem breiten Lächeln, das aus den Tiefen ihrerselbst an die Oberfläche gespült wurde. „Vielen Dank! Ich wünsche Ihnen  auch einen wunderschönen Nachmittag.“ Und den hatte ich tatsächlich, einzig und allein durch das berührende Lächeln dieser Frau.

Schluss mit zerquetschter Raupe!

Und dass obwohl ich mitten im Umzugsstress war und meine Laune seit Wochen um den Gefrierpunkt rangierte. Ein Bekannter schrieb mir kürzlich, dass ein durchschnittlicher Vier-Personen-Haushalt um die zehntausend Gegenstände verwalte. Welch ein Trugschluss! Es sind 10 Millionen Gegenstände. Warum ich das so genau weiß? Ich habe sie gezählt, mich über sie gewundert, sie weiterverschenkt, sie eingepackt und sie mitunter mit Schmackes in die Tonne getreten. Welch ein Vergnügen es doch ist, das eigene Leben sorgsam zu kuratieren und fein säuberlich in Kisten zu verpacken. Vor allem, wenn die Mitbewohner so gar nicht am Verpacken des eigenen Lebens interessiert sind. Ich sortierte aus, und unsere Kinder sortierten mit vehementem Widerspruch wieder ein. Zwischendurch verkündeten sie kraftvoll, unstillbare Hungergefühle, die ich mit dem Reichen von Bananen, Nüsschen und weiteren Leckereien vergeblich zu befriedigen suchte. Auch durch das teilweise langwierige  Hausaufgaben-Ritual  und die „Fertig-Schreie“ der Zweitgeborenen, die mir aus dem Badezimmer-Klo immer wieder entgegen hallten, kamen meine Packbemühungen jeden Nachmittag ins Stocken. Da half es auch nichts, dass ich die Musik immer lauter drehte und mich hinter den Kisten vor dem Wahnsinn, der überall hämisch lauernd auf mich wartete, versteckte. Am Abend fühlte ich mich trotzdem wie eine zerquetschte Raupe.

Vive la Bourgeoisie!

Aber damit ist jetzt Schluss. Wir sind endlich umgezogen und es fühlt sich phantastisch an. Ich lebe nun zum ersten Mal in einem richtigen „Erwachsenen-Haushalt“, mit Erwachsenen-Einbauschränken, einem Erwachsenen-Kamin und hohen Decken, die wie für Erwachsene gemacht sind. Und auch der Garten ist schlichtweg verehrungswürdig. So weckt mich nun allmorgendlich das Leuchten einer schimmernden Akazie, die freundlich in mein Bett hinein lugt. MIt ihrem  herbstlichen Goldregen lässt sie meinen Morgen mit ungewohntem Daseinsjubel beginnen. Ich habe das Gefühl, endlich dem Ikea-Stadium entwachsen und auf einer parkähnlichen Insel der Ruhe und Beschaulichkeit angekommen zu sein. Ein wahrlich bourgeoises Gefühl!

Oma, kauf mal Schwesta!

Und auch unser Nachwuchs fühlt sich heimisch und tanzt in der Dämmerung  um das gemütliche Kamin-Feuer herum. Nach Ansicht unserer Tochter steht einer Familienerweiterung im behaglich-trauten Heim nun nichts mehr im Wege: „Mama zu meinem Burztag wünsche ich mir nicht Spielzeug, sondern Schwesta!“ Welch frommer Wunsch, dem ich schlagfertigst entgegne: „Mein Engel, so schade, aber wir haben schon etwas anderes für Dich besorgt“ „Egal, Mama, dann soll Oma Schwesta kaufen.“ Ja, Platz hätten wir ja nun. Unser neues Häuschen trumpft sogar mit so etwas Keckem wie einem Hobbyraum auf. Dieser befindet sich im Souterrarin, wie die Franzosen so schön euphemistisch zu sagen pflegen. Genau, wie die acht Millionen der zehn Millionen Gegenstände unseres Haushaltes. Allerdings wird das neue „Spielzimmer“ von unserem Nachwuchs noch mit einem gewissen Argwohn betrachtet, Auf meine Aufforderung doch eher im Hobbyraum als neben meinem Schreibtisch zu toben erwiderte Lou: „Mama, ist nicht Hobbyraum, ist Keller, da spiel‘ ich nicht!“ Schlaues Kerlchen. Sie muss nach ihrer Mama und Oma kommen; der Frau mit den langen schönen Büsen und deren Mutter, die zum Burztag Schwesta kauft!

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