Dem Glück auf der Spur

Der Stenz will einen Hund. Gleichzeitig weiht er seine Neugier seit geraumer Zeit dem Wunder des Internets. Und so taucht er immer wieder ab in die Tiefen des Worldwidewebs. Diese Tauchgänge, verbunden mit dem innig gehegten Wunsch, endlich Hundebesitzer zu werden, stellen allerdings eine fatale Kombination dar. So stürmte Lou vor ein paar Tagen abends zu mir ins Bad und rief mir atemlos entgegen: „Stenz bestellt Hund im Puter (Computer)!“ Wahrscheinlich waren Neidgefühle der Treiber ihrer Denunziation. Denn nachdem sie sich selbst kürzlich meines Handys mit den Worten bemächtigte: „Hab‘ Handy, wo kann ich bestellen Fähd (Pferd)? wartet sie bis heute vergeblich auf die Gaul-Lieferung. Warum sollte ihr Bruder also mehr Glück haben?

Hilfe, familiärer Neuzugang aus Osteuropa!

Und tatsächlich, nachdem ich mein  Abschminken aufgrund Lous Ankündigung abrupt verkürzte, entdeckte ich unseren Sohn vor Papas Computer. Er war gerade dabei, sich unsterblich in eine slowakische Hundewelpe zu verlieben. „Oh Mama, schau mal, die ist so süß!“ Das nenn‘ ich perfektes Timing. Ich kam gerade rechtzeitig, um den familiären Neuzugang aus Osteuropa noch zu stoppen. Allerdings war nur ich von diesem Timing begeistert. Dabei bin ich der Meinung, man muss Kindern im Leben auch Ziele setzen. So sieht der Stenz seinem Erwachsenwerden nun mit noch größerer Freude und Ungeduld entgegen. „Das Erste, was ich mache, wenn ich von zu Hause ausgezogen bin, ich kaufe mir einen Hund!“ entgegnete er mir mit einer Entschlossenheit, die ich wohl durch das Drücken der Escape-Taste und dem plötzlichen Erlöschen seiner vierbeinigen Liebe, auslöste.

A Sackerl für’s Kackerl – Och nö!

Finde ich super, soll er machen, so ein bisschen Motivation braucht man ja auch, um zu wachsen. Ich bin auf jeden Fall heilfroh, dass meine beiden Kinder endlich stubenrein sind. Nach ca. sechs Jahren des Windelwechselns habe ich es geschafft. Mein Leben ist windelfrei. Nach diesem großartigen Fäkal-Erfolg werde ich nun doch nicht anfangen, in meiner kostbar bemessenen Freizeit mit einem roten Sackerl fürs Kackerl durch die Lande zu ziehen. Ich bin doch nicht wahnsinnig. An dieser Stelle werden nun alle Hundebesitzer, allen voran mein Bruder, dessen größte Liebe sein Hund ist, lauthals und vehement rebellieren. Man könne doch das Verhältnis zu einem Hund nicht auf solche Nichtigkeiten reduzieren, wo ein Hund einem doch so viel Treue und Geborgenheit schenke. Und ich stimme diesen Stimmen auch bedingt zu. Daher werde ich mich in zehn Jahren, wenn der Stenz dann auszieht, auch voller Enthusiasmus hin und wieder zum Sitten seiner vierbeinigen Liebe bereit erklären. Aber bis dahin ist es endlich an der Zeit, dass nicht nur der Stenz, sondern auch ich meine Ziele wieder stringent verfolge.

Versuch’s mal mit Beharrlichkeit

Ich habe vor ein paar Wochen mal reingehört, so ganz kurz in den Clubhouse Talk „Pursuit of Happiness“. Ich weiß, das ist ein bisschen peinlich, aber irgendwie war es auch ein bisschen erkenntnisreich. Laut des Oberredners liegt das Glück nämlich im Näherkommen eines persönlichen Ziels begründet. Ach so, so ist das also mit dem Glück. Seither beschäftigt mich das mit den Zielen irgendwie. Es lässt mich sogar nicht mehr los. Und scheinbar kennt und verfolgt jeder um mich herum ganz genau seine Ziele. Selbst ein flüchtiger Bekannter schickte mir vor ein paar Wochen eine dezidierte Liste seiner Lebensmissionen. Interessant. Und auch ich habe irgendwie so das Gefühl, es ist jetzt vielleicht an der Zeit, die mutigeren Ziele, die ich mir zu Jahresbeginn noch voller Tatendrang vorgenommen habe, auch während des Jahres zu verfolgen. Da bin ich nämlich irgendwann, so zwischen dem 3. Januar und Ende Februar ein wenig erschlafft. Vielleicht sollte ich mich mehr von der Mars Expedition „Perseverence“ inspirieren lassen. Die hat ja auch nicht mitten im Landeanflug auf den roten Planeten aufgehört und die Hymne „Versuch’s mal mit Gemütlichkeit“ angestimmt. Dabei kommen meine abendlichen Dankeslisten gerade sehr bescheiden daher. Ich glaube, ich muss mich wieder an den wagemutigeren Zielen versuchen. Aber genau dieser Vorsatz ist als Mama manchmal gar nicht so einfach und man verliert sich allzu leicht in den kleinen Alltagstriumphen: “Yeah, wieder eine Spülmaschine ausgeräumt!” Dabei bin ich mir ziemlich sicher, ich bin eher nicht so der Typ, dem das Glück bei ausgeräumter Spülmaschine plötzlich jubelnd ins Gesicht springt. Ich möchte sogar ganz unbescheiden behaupten, da müssen größere Triumphe her, die mich zum Fliegen bringen.

Ein Hoch auf unsere Haus-Elfe

A propos fliegen. Direkt auf Platz zwei der Stenz’schen Wunschliste steht ein Hoverboard. Und wild ist er entschlossen, seinem zweitsehnlichsten Ziel, endlich mit Karacho auf seinem speedy Board durch unsere Straße zu fetzen, näherzukommen. Er ist wirklich zu allem bereit. Und wenn ich schreibe zu allem, dann meine ich auch zu allem. Selbst zum regelmäßigen Kehren unter unserem Tisch. Zum Laub aufsammeln in unserem Garten. Ja, sogar zum Staubsaugen unseres Hauses. So scheint es mir, dass er schon in jungen Jahren, die Macht des Zauberwortes „Beharrlichkeit“ für sich entdeckt hat. Chapeau! Aus meinem Jungen wird mal was. Jeden Morgen richtet er als erstes das Wort an seine beste Freundin Alexa, wie viel Tage er denn noch habe, bis an seinem Geburtstag sein Traum vom Hoverboard-Fliegen endlich Realität wird. Derzeit sind es noch 75 Tage. 75 Tage, in denen uns der Stenz noch tatkräftig, ja beinahe sklavisch zur Hand gehen wird. Denn während der Wunsch nach einem Hoverboard in ihm plötzlich eine Seite der grenzenlosen Hilfsbereitschaft freigelegt hat, habe ich die grenzenlose Kraft der Erpressung entdeckt. Ich weiß, das ist kein schöner Zug. Und bevor ich Kinder bekam, verurteilte ich jegliche Form erpresserischen Handelns zutiefst. Wie entrüstet war ich damals als mir mein bester Freund resigniert erzählte, dass seine gesamte Erziehung lediglich auf Erpressung beruhe. Und wie bemitleidete ich ihn doch für sein pädagogisches Versagen. Beinahe acht Jahre später hat sich meine Einstellung etwas geändert und ich nutze tatsächlich jede Gelegenheit, um meine Kinder zu hilfsbereiten Wesen zu erziehen. Ganz nach Machiavelli, nach dem der Zweck die Mittel heiligt. Und so werde ich mich die nächsten 75 Tage am Eifer unserer emsigen Haus-Elfe erfreuen. Dank seines unermüdlichen Engagements habe ich endlich Zeit, meine eigenen Ziele wieder konzentriert zu verfolgen. Und auch meine Tochter scheint in Sachen persönlicher Ziel-Realisierung dieses Jahr die Nase ganz weit vorne zu haben. So verkündete sie mir heute morgen mit ihrem unwiderstehlichen Lachen im Gesicht: „Mama, wenn ich groß bin, dann kümmere ich mich auf Dich!“

 

 

Ohhhhm!

„Ich lebe in Fülle.“ Schön, dass mich dieser Satz nun jeden Morgen quietschfidel aus dem Badezimmerspiegel anlacht. Und auch mein Mann grinst mich heute morgen im Bad liebevoll mit den Worten an: „Besser in Saus und Braus als in Fülle leben!“ Er scheint meine Selbst-Affirmationen, mit denen ich mich in Pandemie-Zeiten ein bisschen selbst bescheißen will, nicht ganz ernst zu nehmen. Aber irgendwie muss man ja versuchen, den Mangel an Reisen, Restaurantbesuchen und Freunde treffen zu überwinden. Und ich versuche es eben mit ein bisschen Esoterik. Eigentlich klappt das gar nicht mal so schlecht. Denn anstatt auf das zu schauen, was mir gerade in Corona-Zeiten so fehlt, sollte ich lieber die Dinge im Blick haben, die mich wortwörtlich in Hülle und Fülle umgeben. Da wäre zum Beispiel meine Familie. Von ihr habe ich momentan so richtig viel. Man könnte sogar von Überfluss sprechen. Sie verfolgt mich quasi auf Schritt und Tritt. Und manchmal habe ich gar das Gefühl,  dass wir regelrecht miteinander verschmelzen und  langsam aber sicher zu einem homogenen Klumpen werden. Und das ist kein Wunder, denn wenn man das mal so hochrechnet, sind wir seit knapp drei Monaten nonstop zusammen. Das sind dann beinahe mehr als 90 Tage oder 2.160 Stunden. Wenn das mal keine Fülle ist. Mehr geht kaum. Großartig!

Ein Mangel kann so schön sein!

Wobei so ein kleines bisschen Mangelempfinden kann ja auch ganz nett sein. Einfach mal ein paar Tage Auszeit von der Kernfamilie. Wie sich das wohl anfühlen mag, alleine? Wahrscheinlich ziemlich öde und langweilig. Man hätte gar nichts mehr zu lachen. Und man müsste auch keine Lösungen für Probleme finden, die man ohne die Kernfamilie nicht hätte. Dabei denke ich gerade an eine gute Freundin, die wirklich in der Klemme sitzt.

Winterschlaf, so hält man sich die Familie in Corona-Zeiten vom Leib

Denn meine Freundin hat nicht nur zwei Kids und einen Mann, sondern auch noch einen Hermann. Allerdings ist Hermann seit ein paar Wochen ziemlich ruhig, da er es sich im Kühlschrank bequem gemacht hat. Dabei ist hier nicht die Rede vom ätzenden Hermann-Teig, einem ekligen Sauerteig aus Hefe und Weizenmehl, der seine besten Tage in den 90ern hatte. Nein, bei Hermann handelt es sich um eine Landschildkröte, die seit einigen Jahren das Leben unserer Freunde auf wundervolle Art bereichert. Nur momentan eben nicht. Denn Hermann hält im Kühlschrank Winterschlaf. Eine, wie ich finde, recht diplomatische Art, um sich die Familie in Corona-Zeiten vom Leib zu halten. Vielleicht sollte ich mir das auch überlegen. Allerdings würde ich, anstatt des Kühlschranks eher die Karibik als Ort meines hivernalen Rückzugs wählen. Aber egal. Meine Freundin hat jetzt jedenfalls ganz andere Probleme als von einem stillen Örtchen für sich selbst zu träumen.

Wie reanimiert man eine Landschildkröte?

Sie sollte eher einen Reanimationskurs für Landschildkröten besuchen. Denn das Thermometer von Hermanns Winterdomizil zeigte, zu ihrem großen Entsetzen, Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. So scheinen -2° Celsius für die Gesundheit einer Landschildkröte im Winterschlaf nicht gerade förderlich zu sein. Jedenfalls erschien ihr, der sonst so unternehmungslustige Hermann, der gerne auch mal auf Solo-Exkursionen die bayerische Landidylle jenseits der eigenen Gartenmauern erkundet, plötzlich nicht mehr ganz so munter. Im Gegenteil, er wirkte eher steif und reglos. Zum Glück wusste der Mann meiner Freundin Rat. Und er verwöhnt Hermann derzeit mit einer ausgiebigen Infrarot-Strahlentherapie, die wohl auch Früchte trägt. So stehen die Zeichen auf Entwarnung und es sieht ganz so aus, dass das gutmütige Reptil es den Tiefkühlerbsen nachmacht und wieder auftaut. Denn unter dem müden Panzer wurden tatsächlich erste behäbige Bewegungen gesichtet.

Kein Bedarf an Hermann II

Dabei hatten wir uns schon so wunderschöne Lösungs-Szenarien überlegt: Szenario eins sah zum Beispiel vor, auf dem schnellst möglichen Wege Hermann II zu beschaffen, der dann so unauffällig wie möglich in die Fußstapfen seines wackeren Vorfahrs treten sollte. Auch die Akquise eines munteren Fischleins stand kurzweilig zur Diskussion. Dabei fand die Diskussion in absoluter Verschwiegenheit statt, um den Seelenfrieden der Kinder meiner Freundin nicht unnötig zu belasten. Dass sich Hermann I wohl aber in absehbarer Zeit um keinen Nachfolger sorgen muss und hoffentlich bald wieder ganz der Alte ist, das nenn‘ ich mal ein Happy End! Und zwar auch für unsere Familie. Denn so wie es ausschaut, werde ich bald in noch mehr Fülle leben. Der Sohn meiner Freundin plant nämlich, auch uns zum Stenz’schen Geburtstag, mit einem Hermann zu beglücken. Wie Wundervoll!

 

Die besten Beschäftigungs-Strategien zum Überleben im Lockdown

Mit der rechten Hand ziehe ich meine Tochter wie einen kleinen, bockigen Esel hinter mir her, während ich mit meiner linken Körperhälfte versuche, mich gegen die brachiale Naturgewalt, die sich mir mit voller Wucht entgegenstemmt, zur Wehr zu setzen. Denn um uns herum tobt ein ohrenbetäubender Sturm, der mir mit einer Windstärke von gefühlten 200 Stundenkilometern ins Gesicht peitscht. Dabei ist mein linkes Ohr am Erfrieren und mein rechtes Ohr beinahe taub. Denn der kleine bockige Esel gibt alles, um im akustischen Wettstreit gegen den heulenden Wind zu gewinnen. Und sie hat tatsächlich die Nase ganz weit vorn. Ihr lauthalses Gebrüll wird lediglich von ihrem Jammer-Staccato unterbrochen: „Mama, ich fühle Kälte auf der Haut. Mamaaa, ich brauche Fell im Gesicht.“ Und sie hat Recht. Auch ich hätte gerade nichts gegen eine kleine Fellschicht an Stirn und Wangen einzuwenden. Auch Ohropax wären nicht schlecht. Denn nun setzt ihr markerschüttterndes Geschrei wieder ein. Das Herrchen, das mit seinem fidelen Dackel an mir vorbeiläuft, schaut mich mitleidig an.

Strategie 1: Spaziergänge – Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur schlechte Kleidung!

Vielleicht ist das stoische Festhalten an meinem Plan, im Lockdown bei jedem Wetter vor die Tür zu gehen, doch etwas überambitioniert? Ehrlich gesagt, hielt ich die klugscheißerische Phrase „Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur schlechte Kleidung.“ seit jeher für bekloppt. Aber wir lassen uns doch von Corona und so einem kleinen Windchen nicht unterkriegen, oder vielleicht doch? Kurzzeitig bin ich geneigt, mein schreiendes Kind einfach stehen zu lassen und weiterzulaufen. „Gehört der bockige Esel mit dem fehlenden Fell im Gesicht etwa zu mir? Ich glaube nicht.“

Strategie 2: Märchen – Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute

Aber ich bin ja keine Rabenmutter. Und so drehe ich nach drei Schritten ohne meine Tochter wieder um und versuche den Heimweg mit Beschäftigungs-Strategie Nr. 2 zu verkürzen: „Komm mein Engel, ich erzähle dir ein schönes Märchen und dabei laufen wir ganz schnell nach Hause. Also, es war einmal eine Prinzessin. Sie lebte mit ihrem glitzernden Einhorn und ihrem Prinzen zusammen auf einem wunderschönen Schloss.“ „Nein!“ schreit mir meine Tochter, die ein großes Faible für Einhörner und Prinzessinnen pflegt, mit Furor entgegen. „Kein Prinz! Die Prinzessin lebt nur mit Einhorn auf Schloss!“ O.k., unsere Tochter scheint keine guten Erfahrungen mit Prinzen gemacht zu haben. Auf meine Frage, warum sich die Prinzessin denn in keuscher Einsamkeit in ihrem Prachtbau verlustieren solle, antwortet mir Lou kurz und präzise: „Prinzen sind blöd und hässlich.“ Das finde ich eine großartige Erklärung. Ich bin mir sicher, dass unser Mädchen mit einer solch realitätsnahen Attitude vor der ein oder anderen Enttäuschung im Leben bewahrt wird. Also setze ich meine Geschichte ohne Prinzen fort und ich muss in aller Bescheidenheit zugeben, sie nimmt ein ganz fabelhaftes Ende. Ja, das Märchen ohne Prinz verläuft sogar richtig charmant und so komplikationslos.

Strategie 3: Phantasie – Wer braucht schon Prinzen, wenn man Diener haben kann?

Am Abend erzähle ich dem Stenz von Lous Aversion gegen Prinzen. Dieser zeigt sich wenig erstaunt und gibt zu bedenken: „Ich finde, Lou ist zu verwöhnt.“ Daraufhin entfährt dem Mann und mir unisono ein neugieriges „Warum?“ Und der Stenz ist um eine Erkrlärung nicht verlegen. Im Gegenteil, er begründet sein Urteil damit, dass seine kleine Schwester allmorgendlich nicht nur ihr Geschmeide, sondern auch ihr wallendes, weißes Sommerkleid anzöge und sich mit stolz geschwellter Brust eine Krone auf ihr scheinbar royales Haupt setze, um ihm dann mit gebieterischer Miene zu erklären, er sei nun ihr Diener. Eine aus emanzipatorischer Sicht wiederum nicht ganz schlechte Einstellung. Was braucht Frau einen Prinzen, wenn sie doch eigentlich viel besser mit einem Diener auskommt? Eine Logik, die sich mir auf Anhieb voll und ganz erschließt. Bravo! Und auch die Freundinnen unserer Tochter scheinen sehr emanzipiert. Während eines Playdates, das noch vor der Pandemie stattfand, flüsterte mir ein Freund des Stenzes, der ebenfalls ein großer Bruder ist, unter vorgehaltener Hand entgegen: „Ich fürchte mich vor meiner Schwester“. Dann lief er tonlos weg und sperrte sich in unserer Gäste-Toilette ein, während ihm seine zwei Jahre jüngere Schwester, die zeitgleich bei uns weilte, dicht auf den Fersen war. Zwar fürchtet der Stenz seine kleine Schwester nicht, aber eine andere Angst nahm kürzlich abends von ihm Besitz. Diese artikulierte er wie folgt: „Mama, gehst Du heute Abend auch nicht weg?“ „Nein, mein Engel, in Bayern herrscht strikter Lockdown mit Ausgangssperre. Daher gehe ich nirgendwohin.“ entgegnete ich besänftigend. Woraufhin mir der Stenz seine tiefsten Befürchtungen darlegte: „Ach Mama, ich habe so Angst, dass Du vor uns fliehst.“ Was habe ich doch für einen empathischen Sohn!

Strategie 4: Farbe – Mach Dein Leben bunt!

Dabei kann das Leben sogar im Lockdown wirklich schön sein. Vor allem, wenn sich die Kinder, während man selbst noch schläft, so herrlich selbst beschäftigen. Kürzlich legte sich der Stenz morgens in aller Herrgottsfrühe eine wahrlich authentische Verkleidung zu. Seinen Aussagen zu Folge, wollte er sich einmal im Leben wie ein Hund fühlen. Was ihn dazu bewegte, sich aus der gesamten Karnevalsschminke eine orangene Brühe anzurühren (es ist an dieser Stelle überflüssig zu erwähnen, dass die Spuren dieser Brühe seitdem unser gesamtes Haus zieren) und sich das scheußliche Gemisch auf seinen kompletten Oberkörper zu schmieren. Circa eine Stunde mussten wir ihn anschließend schrubben mit dem Ergebnis, dass noch Wochen nach seiner Hunde-Aktion orange-braune Farbe hinter seinen Ohren und an seinem Nacken haftete. Da lobe ich mir unserer Tochter, die zurzeit nicht sich selbst, sondern viel lieber ihren besten Freund schminkt. Mit den verheißungsvollen Worten: „Du bekommst blaue Schminke, weil Du ein Junge bist“ klatschte Lou ihrem „Best Buddy“ unlängst aquamarin-blauen Lidschatten quer über Stirn, Kinn und Wangen und kürte das glorreiche Make-Up noch mit einem grün-glitzernden Lippenstift, der unterhalb seiner Lippen vielversprechend funkelte. Wirklich viril! Farbe braucht der Mann. Und wer weiß, vielleicht wird der blaugrüne Frosch ja schließlich doch noch zum Prinzen?

Lockdown 2.0: Es werde Licht

Ich sitze sprichwörtlich im Dunkeln. Denn seit geraumer Zeit fliegt bei uns regelmäßig im Wohnzimmer die Sicherung raus und ich starre in die Finsternis. Dabei überlege ich mir jeden Nachmittag, ob die mich umgebende Dunkelheit eventuell allegorisch zu betrachten ist. Denn finster schaut es auch haartechnisch bei uns aus. Lou hat mittlerweile Haare, die selbst einen eingefleischten Sikh zum Staunen bringen würden. Ich befürchte sogar, dass sie bald die magische Marke der in dem südchinesischen Dorf Huangluo lebenden Frauen knackt. Dort brachen die stolzen Chinesinnen mit einer durchschnittlichen Haarlänge von 1,40 Meter alle Rekorde.

Mein sechster Nebenjob: Friseurin

So ist zu befürchten, dass die Haare unserer Tochter bald ihre Körpergröße einholen. Es ist also höchste Zeit endlich zu handeln, bevor Lous Haarpracht mit einem triumphalen Paukenschlag das Rennen gegen ihre Statur gewinnt. Und auch auf meinem Haupt schaut es finster aus. Ein Friseurbesuch wäre in normalen Zeiten unausweichlich. In normalen Zeiten wohlgemerkt. Nicht im Lockdown. Daher versuche ich mich nun neben meinen Tätigkeiten als Köchin, Putzfrau, Entertainer, Lehrerin, Krankenschwester auch als Friseurin. Das ist doch kein Problem. So schwer kann das ja nicht sein!

Mama, Du bist ein Patsch!

Während ich entschlossen zur Nagelschere greife und dabei sämtliche Tiegelchen und Töpfchen vom Waschbecken fege, kommentiert meine Tochter meine Ungeschicktheit trocken mit den Worten: „Mama, Du bist ein Patsch (Tollpatsch).“ Ein gelungener Auftakt für den goldenen Schnitt, den ich gleich bravourös an den Tag legen werde. Schade nur, dass beide Kinder just in dem Moment als ich die Schere ansetze, lauthals um eine sofortige Rodelpartie bitten. Egal, was getan werden muss, muss getan werden. Dann beeile ich mich eben. Schnipp Schnapp.

Schnipp Schnapp – Das Haar ist ab

„Au weh, so viel wollte ich eigentlich nicht abschneiden. Ich wollte doch erstmal ganz sachte beginnen. Jetzt ist es allerdings zu spät. Jetzt gibt es kein Zurück mehr“, denke ich so bei mir, versuche allerdings Ruhe zu bewahren und mir nichts anmerken zu lassen. „Bist Du fertig? Mama, das hat ja gar nicht weh getan“ konstatiert meine Tochter, die sich bislang vehement gegen einen Haarschnitt wehrte, da sie die damit verbundenen Schmerzen scheute. „Ja, die eine Seite ist schon mal ziemlich kurz geworden“ antworte ich ihr mit gespielter Selbstsicherheit. „Darf ich sehen?“ kommt es neugierig zurück. „Nein, noch nicht, gleich mein Engel.“ Erneutes schnipp schnapp meinerseits gefolgt von folgender innerer Zwiesprache: „Hmm, irgendwie ist es auf dieser Seite noch ein bisschen länger. Mal schauen. Da muss ich wohl noch etwas nachjustieren. Oh, Gott, jetzt ist es links viel kürzer, viel zu kurz, ja wirklich viel zu kurz. Oh Gott. Oh Gott. Oh Gott. Oh Gott!“

Bob, die neue Trendfrisur im Lockdown

Ich habe es verdorben. Nun bloß nicht panisch werden. Und ich darf auf keinen Fall nochmal nachschneiden, wenn ich vermeiden will, dass unsere Zweitgeborene gleich einen Bob trägt. „Mamaaaa, ich will Schlitten fahren!“ schreit der Stenz. „Mama, ist es fertig? Es tut immer noch nicht weh,“ frohlockt Lou. Egal. Mut zur Lücke. Nach gefühlten vier Minuten erachte ich mein Werk als vollendet. Mein Ausflug in die Welt der Star-Coiffeure war kurz, schmerzlos und mit sehr wohlwollendem Auge betrachtet, sogar von Erfolg gekrönt. Die Haare sind auf jeden Fall deutlich kürzer. Ich habe meine Tochter gerade davor bewahrt, sich beim Stolpern über ihre eigene Mähne ein Bein zu brechen. Ich darf also ruhig ein bisschen stolz auf mich sein. Und ich rede mir sogar ein, dass ich beim Schneiden gleich auf Anhieb ein „Advanced Level“ an den Tag gelegt habe. Die Unregelmäßigkeiten sind nämlich gar keine.  Das sind Stufen. Ha! Das Haar fällt dadurch einfach viel voluminöser. Das war gewollt, pure Absicht. Im Lockdown muss man sich selbst auch mal gut zureden und ermutigen. Das macht ja sonst keiner.

Ich, der Halb-Tausendsassa

Ich bin einfach der geborene Multitasker. Ich rock‘ das alles. Von wegen verzagen. Das bisschen Homeschooling, das bisschen Kochen, das bisschen Putzen und das bisschen Haare schneiden, das macht sich wirklich von ganz alleine. Schwupp und schon sind die Haare weg. Und der Stenz ist noch jung und hat keine Ahnung. Unlängst fragte er mich nämlich: „Mama, was ist ein Tausendsassa?“ „Das ist jemand, der einfach alles kann.“ entgegnete ich wie immer schlagfertig. „Aha, dann ist Papa ein Tausendsassa“ erwiderte der Stenz zu meinem großen Erstaunen. „Warum denn Papa? Und was bin ich?“ fragte ich ihn mit einer gewissen Gereiztheit in der Stimme „Du bist ein „Halb-Tausendsassa.“ Aha. Na, dann. Wenig später wollte ich sicher gehen, dass meine Tochter auf jeden Fall einmal ein Tausendsassa und kein Halb-Tausendsassa wie ich werde und fragte sie, was sie denn einmal später, gedenke zu werden. Beruflich meine ich. Sie lächelte und beugte sich liebevoll zu mir und raunte mir weise dreinblickend zu: „Mama, wenn Du tot bist und im Graben liegst, flüstere ich dir ins Ohr, was ich geworden bin.“ Na, dann. Ich muss einfach nur warten, bis ich irgendwann einmal nach dem Lockdown, in ca. 100 Jahren, im Graben liege. Bis dahin, sollte ich meine Zeit aber sinnvoll nutzen und noch ein bisschen Licht auch auf meinen Kopf zaubern. Etwas, was ich noch nie getan habe. Wünschen Sie mir Glück!

Let’s dance in the rain

Manchmal frage ich mich, was ich tun würde, wenn ich keine Kinder hätte? Was würde ich mit all der freien Zeit bloß anfangen? Eine Frage, die wahrscheinlich alle Eltern irgendwann umtreibt. Eines ist gewiss, ich würde am Wochenende bis nachmittags schlafen, anstatt Samstag morgens um 6:30 Uhr lautstark von Pumuckls hämischen Gelächter geweckt zu werden. Ich würde lesen, Musik hören und vielleicht einfach mal gar nichts tun. So gar nichts. Ich weiß, dass hört sich ziemlich keck, wenn nicht sogar verwegen an. Wie geht das überhaupt? Kann ich das noch? Ich erinnere mich vage, dass ich früher ziemlich gut darin war, gerade im Herbst. Da bin ich einfach nur so rumgelegen, tagelang. Ich war quasi ein Meister im Rumliegen. 

Ein Hoch auf authentische Halloween-Verkleidungen!

Das ist Jahrzehnte her. Und gerade jetzt, wo mein Leben irgendwie Loopings dreht, wäre so ein bisschen faules Rumliegen wirklich verlockend. Stattdessen finde ich mich im Treppenhaus der Privatwohnung unserer Kinderärztin wieder. Sie leuchtet gerade mit einer Stehlampe die Stenz’sche Stirn aus und knetet dabei auf hartgefrorenem Kleber rum. Auch eine Beschäftigung für einen Freitag-Abend. Andere feiern, ich schließe mich der Ärztin an und walke gemeinsam mit ihr auf der mittlerweile vierten Klebertube herum. Der Kleber scheint vertrocknet zu sein, was sehr schade ist, soll er doch eigentlich das Loch im Kopf unseres Sohnes wieder zusammenkitten. Einfach nur rumliegen, wie wäre das jetzt schön! Ich träume davon, während ich meinem Kind das Blut aus der Stirn tupfe und den Riss fachmännisch zusammendrücke, sodass aus der klaffenden Wunde wieder die zauberhafte Stirn unseres Kindes wird. Zu meinem eigenen Erstaunen bin ich auch ziemlich gut im Zusammendrücken, ganz so als würde ich den lieben langen Tag nichts anderes machen. Ich muss mich da jetzt auch mal selber loben. Aber auch den Stenz muss ich preisen. Hat er sich doch „just in time“ kurz vor Allerheiligen, durch einen waghalsigen Sprung vom Fensterbrett auf die Couchgarnitur unserer Freunde, eine wahrlich authentische Halloween-Verkleidung zugelegt. Das ist ihm wirklich phantastisch gelungen – und das alles so kostengünstig. Seine Haare sind mittlerweile blutverschmiert, genau wie seine Stirn und auch sein Gesichtsausdruck könnte nicht gruseliger sein. Aber er ist selbst jetzt die personifizierte Tapferkeit.

Bayerische Askese

Schade, dass er morgen so nicht Süßigkeiten sammeln darf. Denn momentan darf man ja leider gar nichts. Und schon gar keine Wellnessreise unternehmen. Während mir all meine Freunde aus dem hohen Norden noch Anfang Oktober beneidenswerte Fotos aus ihren verschiedenen herbstlichen Ferien-Destinationen schickten, sind die Bayern einfach asketische Streber und lassen ihre Herbstferien pünktlich zum Lockdown beginnen. Solche Anfänger!

Mein Secret Escape: Das Sanitärfachgeschäft

Aber das ist nicht schlimm. Wie gut, dass ich mich nach dem Umzug und unseren Hausbauplanungen so erfrischt und erquickt fühle wie lange nicht mehr. Und wenn mich dann doch ein leichter Hauch von Erschöpfung umweht, weiß ich Rat: Ich suche einfach diverse Bad-Ausstellungen auf und mache sie zu meinem Secret Escape. Gerade das Probeliegen in einer freistehenden Badewanne entbehrt nicht einem gewissen Erholungsfaktor, wie ich gestern erfahren durfte. Ich war sogar kurzzeitig geneigt, die freundliche Verkäuferin zu bitten, das Licht zu dimmen und die atmosphärischen Deko-Kerzen anzuzünden. Leider hielt mich mein Mann davon ab. Und auch beim Küchen-Schreiner lässt sich sicher noch der ein oder andere magische Relax-Moment zelebrieren. Ich werde einfach um ein bis zwei Gläser Rotwein bitten. Dann wird das mindestens so erholsam wie die Wellness-Auszeiten, die ich ursprünglich für diesen November geplant hatte. Mit ein bisschen Phantasie und viel Wein, trinkt man sich die Corona Herbst-Ferien einfach schön.

Rumliegen wird überbewertet

Abwechslungsreich war der erste Ferientag auf jeden Fall: vormittags belebte mich das „Beinahe-Nickerchen“ in der Badewanne des Sanitärfachgeschäftes. Während ich nachmittags dem Abriss unseres Hauses mit Spannung beiwohnen durfte. Was ein Spektakel! Wer braucht da noch Kino oder Theater? So ein Hausabriss sorgt für perfekte Unterhaltung in Corona-Zeiten. Der Baggerfahrer war auch ganz beschämt über den schallenden Applaus, der ihm nach der ersten sanften, ja beinahe liebevollen Zertrümmerung unseres ehemaligen Bades zuteil wurde. Ja, richtiggehend genant wurde er. Ich hätte nie für möglich gehalten, dass ein Baggerfahrer so viel Zartgefühl besitzt. Und so hatte er den Beifall unserer gesamten Nachbarschaft mehr als verdient. Ja, und dann am Abend wurde ich mit der gruseligen und sehr gekonnten Showeinlage des Stenzes zum Halloween-Auftakt ebenfalls reich beschenkt. Wenn die Herbstferien so kurzweilig weiter gehen, werde ich dem öden Rumliegen sicherlich keine Träne hinterherweinen. Ganz nach dem Motto: „Manche spazieren im Regen, andere werden einfach nur nass.“ In diesem Sinne, werde ich im Herbstregen tanzen! Denn nichts tun, kann ich auch später noch.

 

Einmal magic Mushrooms, bitte!

Emetophobie. Ein großes Wort für eine große Angst. Fast hätte ich vergessen, dass ich unter ihr leide. Was habe ich doch für bezaubernde Kinder, die auf meine Brech-Phobie Rücksicht nehmen und so gut wie nie spucken. Und wenn doch, dann in übersichtlich-bescheidenen Maßen. Meist bei längeren, serpentinreichen Autofahrten bei denen ich nur wortlos eine Tüte nach hinten reiche, die der Mann, zu meiner großen Freude, ohne Murren entsorgt. Denn die Aufgaben wurden bei uns schon vor der Elternschaft klar verteilt. Der Mann ist für Kotze zuständig! Hört sich unromantisch an, ist es auch, vereinfacht in Ausnahmesituationen allerdings Vieles. Zum Glück neigt unsere Familie im Allgemeinen eher zu Hals- und Rachen-Katharren als zu Magen-Darm-Malaisen. Und so ergehe ich mich in Dankbarkeit, dass ich trotz Kindern und einer veritablen Brech-Angst bisher gut überlebt habe.

Armer, adipöser Koi

Jedenfalls bis zu jenem denkwürdigen Dienstag vergangener Woche, an dem meine Brech-Phobie plötzlich Gelegenheit bekam, wie Phoenix aus der Asche aufzusteigen. Aber der Reihe nach. Wir hatten Besuch. Nicht nur vom besten Freund unseres Sohnes, sondern auch von der neuen besten Freundin unserer Tochter. Außerdem gesellte sich noch meine Freundin und ihr Sohn zu uns, sodass unsere Bude, wie fast immer, voll war. Dabei sprangen die Mädchen wie ausgelassene Böckchen im Garten umher, immer dicht gefolgt von mir, der Böckchen-Mama, die hechelnd zu verhindern suchte, dass der weibliche Nichtschwimmer-Nachwuchs in den Zierteich fiel. Außerdem galt es, die Gesundheit unseres neuen Familienmitglieds, eines stolzen Kois, zu verteidigen. Der arme Kerl schien seit unserem Einzug, durch die immerwährende Fütterung bereits deutlich an Gewicht zugelegt zu haben. Ein klarer Fall von ungewollt aufoktroyierter Adipositas. Doch der asiatische Zierkarpfen konnte aufatmen, die Mädchen entfernten sich, um in stummer Zwiesprache mit dem grünen Gras zu versinken. Was meiner Freundin und mir eine kleine Verschnaufpause gestattete. Diese wurde allerdings jäh unterbrochen als die zauberhafte kleine Nachbarin mich plötzlich mit prall gefüllten Hamsterbacken anblickte. „Oh, was hast Du denn da im Mund? Spuck das bitte sofort wieder aus!“ begegnete ich der sonderbaren Vorratshaltung von Lou’s Freundin, die scheinbar für die kalte Jahreszeit vorzusorgen gedachte. Leider schüttelte sie daraufhin nur vehement ihr Köpfchen, sodass ich mich plötzlich in deutlicherem Befehlston an sie wandte. Und siehe da, es wirkte. Sie spuckte etwas Undefinierbares aus, mit dem ich mich nicht weiter beschäftigte, sondern stattdessen die schnelle Umsiedlung der Mädchen vom Garten ins Haus anordnete.

Gefährliche Gras-Observierung

Denn Puzzlen schien mir plötzlich deutlich ungefährlicher als ein Aufenthalt im Garten mit ominösem Frischluft-Snack. Und so war ich doch ziemlich erstaunt, als ich auf einmal einen markerschütternden Schrei der apokalyptischen Sorte vernahm. In höchster Alarmbereitschaft setzte ich zu einem rekordverdächtigen Sprint in Richtung des tinitösen Gebrülls an. Dort erblickte ich unsere Tochter, die in einer Art Schockstarre auf ihre neue beste Freundin zeigte. Ein kurzer Blick auf die Kleine genügte, und die Schockstarre sprang auch auf mich über, während aus unserer kleinen Besucherin ebenfalls so einiges heraussprang und schwappte. Es war furchtbar! Sie würgte und spie und je mehr sie würgte und spie, desto apathischer und paralysierter wurde ich. Mein spontaner erster Gedanke: Flucht. Egal wohin, Hauptsache auf und davon. Aber so was kann man bzw. Frau ja schlecht machen. Blöd nur, dass ausgerechnet jetzt, der Mann unterwegs war. Mein Retter in Kotz-Angelegenheiten glänzte mit Abwesenheit. Anstatt mütterlich und fürsorglich zu helfen, stimmte ich in das allgemeine Wehklagen mit ein und blickte vollkommen entgeistert meine Freundin mit der beunruhigten Frage an: „Was soll ich bloß tun?“ Sie war ebenso perplex und es half wenig, dass sich gefühlte 20 Jungs um das brechende, arme Kind versammelten und die Stimmung mit ihren „Iiii“- und „Bääääää“-Rufen, „die hat bestimmt Corona“ noch aufheizten. Die Freundin, deren Mann einmal zu ihr sagte: „Wenn eines unserer Kinder jemals in unser Auto kotzt, lassen wir es stehen und kaufen ein neues“ wusste erstaunlicherweise Rat. Sie empfahl mir mit zittriger Stimme: „Lauf und hol‘ Handtücher.“

Kampf an vorderster Front

Eine Aufforderung, die mir sehr gelegen kam, gab sie mir doch die Möglichkeit, den chaotischen Tatort kurzfristig zu verlassen und mich in den Tiefen  unseres Kellers zu verlieren. Dort versuchte ich dann weite Teile meines Körpers in den gelben Putzhandschuhen zu versenken, was mir nur bedingt gelang. Kurzfristig überlegte ich mir sogar, mir eine Wäscheklammer zwecks Geruchseliminierung an die Nase zu heften. Eine Wäscheklammer, die ich übrigens von meiner besten Freundin vor der Stenz’schen Geburt mit den Worten überreicht bekam: „Auf dass Du die Zeit mit Kind trotz Kotz-Phobie überlebst.“ Ich ließ es dann aber doch bleiben und schnappte mir aus dem Gästebad  circa 50 Handtücher mit denen ich den Ort des Unglücks großflächig abdeckte. Zum Glück nahm sich meine Freundin, der magenkranken Nachbarin liebevoll an und versorgte sie fachmännisch, während ich an vorderster Front mit geschlossenen Augen und angehaltenem Atem gegen das Ertrinken in diversen Brechlachen kämpfte. Es war schauerlich. Selbst für Menschen, die dem Brechen eher indifferent gegenüberstehen. Nebenbei vernahm ich  wie in Trance, dass sich unsere Tochter zu allem Überfluss auch noch lautstark weigerte, ihrer armen Freundin temporär rosa Socken zu leihen. Daraufhin machte ich mir eine mentale Notiz, sie in Empathie und Altruismus besser zu schulen. Wobei ich an diesem verheißungsvollen Tag auch nicht gerade ein schillerndes Vorbild in Sachen Mitgefühl darstellte.  Ich war vielmehr ein  „Anti-Held“. Was ein grotesker Nachmittag zu dem sich nun noch eine weitere Freundin  bei uns einfand. Sie kam,  um sämtliche Jungs unseres Haushaltes zum Tennis abzuholen und mir dabei den Rat zu geben, doch anstatt einer Nasenklammer besser einen Mund- und Nasenschutz überzuziehen.  Dabei überkam mich selbst mit Maske eine nie dagewesene Welle der Übelkeit. Einzig und allein der Gang zur Mülltonne, in die ich unseren gesamten Handtuch-Bestand stopfte, brachte kurzzeitig Erleichterung.

Pilzchen, schenk‘ mir ein halluzinogenes Träumchen!

Währenddessen ging meine Freundin mit detektivischem Eifer der Frage nach, ob es sich nun um einen fiesen Magen-Darm-Virus handele, der uns in Kürze alle dahinraffe oder doch um etwas anderes? Und plötzlich stand die schreckliche, etwas laienhafte Diagnose „Pilzvergiftung“ im Raum. Was hatte die Kleine vorhin nochmal ausgespuckt? Und tatsächlich, es war scheinbar ein „Schwammerl“, den unsere Besucherin als typisch bajuwarischen Imbiss in unserem Garten einwarf. Und so gesellte sich zu meiner Übelkeit plötzlich auch noch eine akute Panik-Attacke. Wies das bisher Erlebte noch Spuren einer schlechten Komödie auf, so war auf einmal Schluss mit lustig. Und ich schwor mir, zukünftig bei Playdates  eine stasihafte Komplett-Überwachung an den Tag zu legen. Mit diesem Vorsatz, meinem schlechten Gewissen und der Freundin unserer Tochter unter dem Arm, schleppte ich mich zu unserer Nachbarin. Ich überreichte ihr nicht nur ihr Kind, sondern auch die Überbleibsel des vertilgten Pilzes. Zum Glück wurde dieser schnell als harmloser Wiesen-Champion entlarvt. Und auch die Tatsache, dass das kleine Böckchen wieder zu Sprüngen im heimischen Garten ansetzte, ließ mich etwas aufatmen. Trotzdem befiel mich am Abend, als ich nach stundenlangem Putzen in den Weiten eines duftenden Schaumbades verschwand, eine seltsame Sehnsucht: die Sehnsucht nach einem feinen, kleinen Pilzchen, der mir half, die Schrecken des Nachmittags im halluzinogenen Rausch zu vergessen.

Lange Büsen und andere Kuriositäten

„Mama, ich liebe Deine schönen langen Büsen“. Welch ein großartiger Auftakt für ein glückliches Wochenende. Ich wusste es, es ist alles eine Frage der Perspektive. Das Glas ist eben doch nicht halb leer, sondern fast voll. Meine Freundin wollte mich zwar davon überzeugen, dass die Feststellung „schöne lange Büsen“ zu haben, nicht unbedingt die Art Kompliment ist, bei der eine Frau in glückliche Ekstase ausbrechen sollte. Aber ich finde, sie irrt. Denn die Schönheit liegt doch im Auge des Betrachters. Braucht unsere Welt, gerade jetzt, nicht viel mehr originelle Komplimente? Ich sollte mir ein Bespiel an meiner Tochter nehmen.

Pinker Glitter gegen Herbstblues

Und das tat ich. Vor ein paar Wochen stand ich an der Drogerie-Kasse. Draußen regnete es in Strömen und das Gesicht der traurig dreinblickenden Kassiererin schien eine Reflexion der bayerischen Herbstwitterung zu sein. Tristesse pur. Der einzige Farbtupfer in dieser grauen Monotonie: die neonpinken Fingernägel, der Kassiererin. Diese wurden sogar noch mit viel Liebe zum Detail durch funkelnde Strassperlchen veredelt. Zugegeben, ich bin eher ein Verfechter schlichter Nagelkunst und würde meine Fingernägel niemals Jahrzehnte lang wachsen lassen, um sie dann in funkelnden Glitter zu tauchen. Aber irgendwie war das heute egal und ich hörte mich plötzlich zu der etwas korpulenteren Dame Ende Fünfzig sagen: „Haben Sie schöne Fingernägel, da bekommt man trotz des miesen Wetters richtig gute Laune.“ Gerade noch versunken in das eintönige Scannen der Waren, blickte sie mich unvermittelt an. Zunächst mit einem zaghaften, dann mit einem breiten Lächeln, das aus den Tiefen ihrerselbst an die Oberfläche gespült wurde. „Vielen Dank! Ich wünsche Ihnen  auch einen wunderschönen Nachmittag.“ Und den hatte ich tatsächlich, einzig und allein durch das berührende Lächeln dieser Frau.

Schluss mit zerquetschter Raupe!

Und dass obwohl ich mitten im Umzugsstress war und meine Laune seit Wochen um den Gefrierpunkt rangierte. Ein Bekannter schrieb mir kürzlich, dass ein durchschnittlicher Vier-Personen-Haushalt um die zehntausend Gegenstände verwalte. Welch ein Trugschluss! Es sind 10 Millionen Gegenstände. Warum ich das so genau weiß? Ich habe sie gezählt, mich über sie gewundert, sie weiterverschenkt, sie eingepackt und sie mitunter mit Schmackes in die Tonne getreten. Welch ein Vergnügen es doch ist, das eigene Leben sorgsam zu kuratieren und fein säuberlich in Kisten zu verpacken. Vor allem, wenn die Mitbewohner so gar nicht am Verpacken des eigenen Lebens interessiert sind. Ich sortierte aus, und unsere Kinder sortierten mit vehementem Widerspruch wieder ein. Zwischendurch verkündeten sie kraftvoll, unstillbare Hungergefühle, die ich mit dem Reichen von Bananen, Nüsschen und weiteren Leckereien vergeblich zu befriedigen suchte. Auch durch das teilweise langwierige  Hausaufgaben-Ritual  und die „Fertig-Schreie“ der Zweitgeborenen, die mir aus dem Badezimmer-Klo immer wieder entgegen hallten, kamen meine Packbemühungen jeden Nachmittag ins Stocken. Da half es auch nichts, dass ich die Musik immer lauter drehte und mich hinter den Kisten vor dem Wahnsinn, der überall hämisch lauernd auf mich wartete, versteckte. Am Abend fühlte ich mich trotzdem wie eine zerquetschte Raupe.

Vive la Bourgeoisie!

Aber damit ist jetzt Schluss. Wir sind endlich umgezogen und es fühlt sich phantastisch an. Ich lebe nun zum ersten Mal in einem richtigen „Erwachsenen-Haushalt“, mit Erwachsenen-Einbauschränken, einem Erwachsenen-Kamin und hohen Decken, die wie für Erwachsene gemacht sind. Und auch der Garten ist schlichtweg verehrungswürdig. So weckt mich nun allmorgendlich das Leuchten einer schimmernden Akazie, die freundlich in mein Bett hinein lugt. MIt ihrem  herbstlichen Goldregen lässt sie meinen Morgen mit ungewohntem Daseinsjubel beginnen. Ich habe das Gefühl, endlich dem Ikea-Stadium entwachsen und auf einer parkähnlichen Insel der Ruhe und Beschaulichkeit angekommen zu sein. Ein wahrlich bourgeoises Gefühl!

Oma, kauf mal Schwesta!

Und auch unser Nachwuchs fühlt sich heimisch und tanzt in der Dämmerung  um das gemütliche Kamin-Feuer herum. Nach Ansicht unserer Tochter steht einer Familienerweiterung im behaglich-trauten Heim nun nichts mehr im Wege: „Mama zu meinem Burztag wünsche ich mir nicht Spielzeug, sondern Schwesta!“ Welch frommer Wunsch, dem ich schlagfertigst entgegne: „Mein Engel, so schade, aber wir haben schon etwas anderes für Dich besorgt“ „Egal, Mama, dann soll Oma Schwesta kaufen.“ Ja, Platz hätten wir ja nun. Unser neues Häuschen trumpft sogar mit so etwas Keckem wie einem Hobbyraum auf. Dieser befindet sich im Souterrarin, wie die Franzosen so schön euphemistisch zu sagen pflegen. Genau, wie die acht Millionen der zehn Millionen Gegenstände unseres Haushaltes. Allerdings wird das neue „Spielzimmer“ von unserem Nachwuchs noch mit einem gewissen Argwohn betrachtet, Auf meine Aufforderung doch eher im Hobbyraum als neben meinem Schreibtisch zu toben erwiderte Lou: „Mama, ist nicht Hobbyraum, ist Keller, da spiel‘ ich nicht!“ Schlaues Kerlchen. Sie muss nach ihrer Mama und Oma kommen; der Frau mit den langen schönen Büsen und deren Mutter, die zum Burztag Schwesta kauft!

Über Siegen und Fähde

Eine Freundin erzählte mir neulich, dass ihr Sohn ihr zu Muttertag ein ganz besonderes Geschenk bereitet habe. Und zwar hatte er ihr im Auftrag seiner Lehrerin eine geheime Höhle gebaut. Welch‘ großartige Idee, welch‘ zauberhaftes Präsent! Gerade in Corona-Zeiten. Warum ist die Stenz’sche Lehrerin nicht auf diesen fulminanten Geistesblitz gekommen? Ich beneide meine Freundin insgeheim sehr um ihre Höhle. Ich will auch eine. So ein klandestines Örtchen, in das ich mich bei ohrenbetäubendem Geschrei schnell mal in Begleitung von ganz viel Wein, Chips und guter Musik verkriechen kann. Ein Bollwerk zum Schutz gegen das familiäre Chaos. Die Welt um mich herum kann in Unordnung, Dreck und Gebrüll versinken – egal, ich sitze milde lächelnd in meiner Höhle. Was muss das herrlich sein! Dabei würde ich in dieser Höhle gerne auf unbegrenzte Zeit lustig vor mich hin leben und erst wieder rauskommen, wenn jemand an der Höhlenpforte klopft und mir attestiert, dass meine Kinder zu rational denkenden Geschöpfen herangewachsen sind und ihre Gemüter nicht mehr tobenden Ozeanen gleichen, über die Hurrikans der Stufe Vier hinwegfegen.

„Mama, Du riechst mir bäh“

Heute morgen z.B. hatte ich das Gefühl, dass mindestens die große Schwester von Hurrikan Katrina von unserer Zweitgeborenen Besitz ergriffen hat. Und dass nur, weil ihr beim Öffnen des Kühlschranks ein leichter Hauch von Knoblauch entgegenwehte. Der letzte Rest an emotionaler Stabilität wich dann aus ihrem kleinen Körper, nachdem ich ihr mitteilte, dass die Himbeeren leider leer gefuttert seien. Überhaupt entpuppt sich unsere Tochter zur Zeit als äußerst sensibel, was Gerüche anbelangt. So schrie sie gestern Vormittag bei der Verabschiedung quer über den Kindergarten-Garten: „Mama bäh“. Ich versuchte ihr dennoch ein Abschieds-Bussi auf die Wange zu drücken, was sie mit einer weiteren Präzisierung und öffentlichen Charme-Offensive mit: „Mama, Du riechst mir bäh“ quittierte, sodass auch die letzte Mutter ganz hinten im Garten annehmen musste, dass ich in Sachen Körperhygiene zur Vernachlässigung neige. Mitnichten, möchte ich an dieser Stelle betonen. Trotz Corona, ich dusche täglich und putze mir oft sogar vier Mal am Tag die Zähne. Ich bin wirklich reinlich, habe allerdings am Morgen das dringende Bedürfnis, mindestens einen starken Kaffee zu trinken. Ein Fakt, der von unserer familieninternen Geruchspolizei leider für nicht gutgeheißen wird. Zum Glück riecht die Kindergärtnerin laut unserer Tochter besonders „lecker“, denn sie duftet gemäß Lou so toll nach „Desinfektmittel“. Vielleicht sollte ich mein nächstes Bad auch in diesem Zauberfluid nehmen.

Lou, die knallige Granate

Doch nicht nur Gerüche haben die Macht, unsere Tochter in einen mittelschweren bis schweren Nervenzusammenbruch zu stürzen. Auch verbale Missverständnisse können fatale Folgen für meinen Seelenfrieden und mein Gehör haben. So erklärte mir Lou auf einem Spaziergang zunächst in freundlichem Ton, dass sie gerne noch bei den „Siegen“ vorbeischauen wolle. „Welche Siegen?“ fragte ich relativ geistesabwesend zurück. „Die Siegen!“ entgegnete sie schon in etwas harscherer Gangart. Da ich ahnte, dass dieser Dialog für mich übel enden könnte, gab ich vor, ihren Befehl selbstverständlich verstanden zu haben und erwiderte ganz nonchalant: „Ja, klar die Siegen!“ Allerdings tappte ich immer noch im Dunkeln. Leider merkte das unser Kind. Denn mittlerweile schrie sie mir mit äußerster Empörung entgegen: „Nicht die Siegen, die Siegen!!!!“ Zum Glück kam die Erlösung, in Gestalt dreier munterer und milde lächelnder Ziegen just in dem Moment um die Ecke, als unsere Zweitgeborene  dabei war, sich aus dem Kinderwagen auf den Boden zu stürzen und vor Zorn wie eine knallige Granate zu explodieren. „Ja klar, da sind sie schon die fröhlichen Siegen.“ Doch nicht nur die Siegen, auch die Fähde (Pferde) haben es ihr angetan. Seit sie einmal bei einem Kindergeburtstag auf dem Sattel eines Fähdes stehen und dazu noch galoppieren durfte, erklärt sie mir allabendlich, dass morgen wieder einmal ihr Geburtstag sei und sie bitte auch zu einer Fähde-Party einladen wolle. Auch könne sie heute Abend, so kurz vor ihrem täglich wiederkehrenden Ehrentag nur mit der heiß geliebten „Fähde-Flasche“ einschlafen. Dabei findet sie im Gegensatz zu mir, die ich die weibliche Hysterie um die mähnigen Huftiere nie nachvollziehen konnte, alles an Fähden faszinierend, sogar das Apfelkacka (Pferdeäpfel), wie sie mir unlängst erklärte.

Wenn der Pinguin zum Mingo (Flamingo) wird

Nachdem ich ihr, ihren neuen Fetisch, die Fähde-Flasche schnell und wehenden Haares aus der Küche apportierte, gelang es Lou das Einschlaf-Ritual wieder in die Länge zu ziehen. So fing sie damit an,  dass sie jetzt nicht mehr mit mir kuscheln könne, denn ich rieche ihr irgendwie wieder einmal bäh. Als mein Sohn mich dann ermuntern wollte, ein bisschen Parfum aufzutragen, damit ich das olfaktorische Wohlgefallen unserer Tochter erlange, reichte es mir. Ich rief nach dem Mann, der das Lullaby-Ritual zur Zeit mit mehr Geduld als ich realisiert. Dabei stolperte ich beim Verlassen des Kinderzimmers aus Versehen über diverse Rucksäcke, Taschen und Täschchen, die Lou schon vor Wochen akribisch gepackt hatte. Denn sie will ja gerüstet sein für den bevorstehenden Urlaub im „Fähde-Tel“ (Pferde-Hotel), dem sie nach der langen coronabedingten Urlaubs-Abstinenz mit großer Vorfreude entgegensieht. Doch nicht nur Fähde, auch Pinguine versetzen Lou momentan in einen Zustand größter Euphorie, denn „die sind so schön rosa“. Ach so, vielleicht verziehe ich mich vor unseren „Fähde-Ferien“ einfach noch ein Weilchen in meine Höhle und komme erst wieder raus, wenn ein rosa Pinguin vorbeifliegt.

Eichhörnchen, seid auf der Hut!

„Stenz, Eichhörnchen schreibt man mit zwei h in der Mitte!“ Irgendwie scheinen meine Worte allerdings an diesem Morgen ungehört im Universum zu verpuffen. Denn auch beim fünften Versuch, lässt unser Sohn eine eigene Spezies, nämlich die der „Eich-Örnchen“ in seinem Deutschheft Haselnüsse knacken. Oder er möchte partout vornehm erscheinen und wählt eine Schreibweise, die der Aussprache unserer hugenottischen Vorfahren gerecht würde. Während ich mir denke, dass Papier ja geduldig ist, wirft die Tochter ein randvolles Glas Milch quer über den Tisch. Aber erst nachdem sie vorher ein randvolles Glas Wasser in ihrem Bett entleert hat. Ich versuche auch die zweite Sauerei schnellst möglich zu beseitigen und lausche dabei den schulischen Ausführungen des Stenzes , der von der weiblichen Eichkatze und dem männlichen Eichkater, die gemeinsam ein Kobel bauen, referiert. Höchst interessant! Die Waschmaschine piepst. Ich unterbreche den „Eich-Örnchen“-Diskurs und sprinte zur Waschtrommel und sinniere darüber, was ich heute Mittag mal wieder kochen könnte.

Nix mit „Essen hält Leib und Seele zusammen“

Dabei streife ich momentan tatsächlich mein angeborenes Koch-Phlegma ab. Ich kann es kaum glauben. Die Ratlosigkeit, die mittlerweile hinter unserem heimischen Herd herrscht, wächst täglich mindestens auf die Höhe des Eiffelturms. Und so ertappe ich mich doch wirklich dabei, an einer Rezept-Austausch-Ketten-Email teilzunehmen. Ich bitte an dieser Stelle alle meine Freundinnen um Verzeihung. Sogar die Einladung einem Koch-Chat beizutreten, habe ich aus purer Verzweiflung angenommen. Etwas so Abstruses wäre mir zu Vor-Corona-Zeiten wirklich nicht in den Sinn gekommen. Während ich noch darüber reflektiere, was ich heute so auf den Mittagstisch zaubere, höre ich das weibliche Chaos-Geschwader die Treppe hoch stapfen. Ich folge ihr unauffällig. Puh, sie fängt nur an zu tanzen. Und ich atme zwei Minuten durch und widme mich wieder der mittäglichen Essensplanung, die momentan für unsere Familie einen hohen Stellenwert einnimmt. Wie heißt es so schön: „Essen hält Leib und Seele zusammen.“ Um den passenden Seelen-Kit zu finden, trage ich wirklich eine schwere Last auf meinen Schultern. Unglücklicherweise werde ich dieser, aufgrund von fehlendem Talent und, ich gebe es zu, mangelnder Euphorie, nicht gerecht.

Karotten: Das Anti-Corona-Hausmittel

Trotz meiner Unfähigkeit in Gourmet-Fragen, hat unsere Tochter sehr genaue Vorstellungen von einem perfekten Mahl. So artikuliert sie schon am frühen Morgen ihre kulinarischen Gelüste präzise: „Mama fühle Halsweh, brauche Bonbon. Fühle wirklich schlecht! Bonbon, jeeeeeetzt!“ Aber wie kommt es, dass sich Lou so schlecht fühlt? Weihte sie uns doch erst kürzlich in die Geheimnisse prosperierender Gesundheit ein. So kam sie noch zu Kindergartenzeiten mit folgendem Anti-Corona-Hausmittel nach Hause: „Rotte beißen, Krankheit weg.“ Ach ja, stimmt, unsere Tochter hält ja leider jegliches Wurzelgemüse seit jeher für höchst verabscheuungswürdig. Kein Wunder also, dass sie heute morgen von einer Malaise geplagt wird. Und auch Schlat ist bäh, wohingegen Schlade für köstlich befunden wird. So sollte man, wenn man ihr Freund werden möchte, unbedingt auf sprachliche Feinheiten achten und sie keinesfalls mit Schlat (Salat) belästigen, sondern vielmehr mit Schlade (Schokolade) beglücken. Dabei hat Lou ein seltenes Talent. Sie besitzt die Fähigkeit, auf genau die Schwachstellen hinzuweisen, die mein Gekochtes mitunter aufweist und zwar mit absoluter Treffsicherheit. So buk ich voller Elan vor Ostern Hefezopfhasen, die allerdings lediglich zur Zierde reichten. Denn zum Verzehr waren diese kleinen saisonalen Kunstwerke laut unserer Tochter vollkommen ungeeignet. So entgegnete sie auf die Frage ihres Vaters, ob sie denn noch ein kleines Häschen zum Nachtisch verspeisen wolle mit folgenden Worten: „Nein, nicht essen, sonst Zahn fällt aus.“

„Ahhh“ ist nicht gleich „Ahhh“

Aber es ist nicht nur diese allgemeine Koch-Resignation, sondern es ist die fehlende Motivation in sämtlichen Bereichen des häuslichen Lebens, die mich, aber auch viele meiner weiblichen Bekannten gerade in den Wahnsinn treiben.  Es ist quasi ein holistisches Problem. So erzählte mir eine Freundin unlängst, dass Sie sich nur für ein paar Minuten ins Bad eingeschlossen habe, einfach mal, um in Ruhe durchzuschnaufen und ein bisschen zu weinen. Ich nickte am Telefon wie ein Wackel-Dackel, weil ich sie so gut verstand. Allerdings wurde die kurze „Me-Time“ meiner Freundin unschönerweise durch Geschrei gestört. Nämlich das hochfrequente Gejaule ihrer Tochter. Was in Zeiten wie diesen nicht ungewöhnlich ist. Denn die Tochter schreie zur Zeit eigentlich ständig, erklärte sie mir. Daher ignorierte meine Freundin das Gebrüll ganz nonchalant. Es schien ihr nicht das „Alarm-Stufe-Rot-Geschrei“, sondern eher so das „Hach, da ist mir ein Stift runtergefallen und ich bin zu faul, mich zu bücken“ Geschrei. Also reagierte sie nicht. Wieder Wackel-Dackel Genicke meinerseits. Denn meine Herangehensweise an Schrei-Attacken ist momentan ähnlich. Als ihr Mann dann aber leicht panisch gegen die Badezimmer-Tür hämmerte mit der Bitte, die Tochter schnellst möglich zu verarzten, weil ihr der große Bruder mit Pfeil und Bogen ein kleines Loch in die Stirn geschossen habe, bat sie ihr Gehör in Zukunft, um eine differenziertere Wahrnehmung.  „Ahhhhh“ ist eben nicht gleich „Ahhhhhh“.

Eichkatze, lauf! Eichkatze, lauf!

Und auch mir offenbarte sich diese weitreichende Erkenntnis heute Mittag. Ich Glückliche! Nachdem ich meinen Liebsten das hundertste Nudelgericht während der Zwangs-Isolation kredenzt hatte und gerade mit dem Mann den Abwasch starten wollte, ertönte ein markerschütterndes Lamento. Ein „Ahhh“ der lebensbedrohlichen Art sozusagen. Ich ließ alles stehen und liegen und blickte im Wohnzimmer auf ein Blutbad. Und der Stenz, der eigentlich so gar kein Blut sehen kann, mitten drin. Mit den Worten: „Ich verblute!“ und „Lou hat mir ihren Finger in die Nase gerammt“ erfuhr ich schnell die Ursache des heimischen Massakers. Vielleicht wäre so eine Atemschutzmaske über Mund und Nase auch im innerhäuslichen Umgang miteinander gar nicht so verkehrt.  Auch der Mann kam eilig herbeigerannt und raunte mir zu: „Das Hauptblut habe ich auf dem Wohnzimmerboden schon mal weggewischt, den Rest schaffst Du, oder?“ Ja, den Rest schaffte ich und während ich eilig eine Rolle Zewa Wisch und Weg in den Nasenhöhlen unseres Erstgeborenen verschwinden ließ, dachte ich so bei mir: „Ich muss die Eichkatze warnen. So ein Kobel-Bau mit dem Eichkater hat weitreichende Folgen – gerade in Quarantäne-Zeiten!

Überlebens-Strategien für gestresste Mütter in Corona-Zeiten

Überlebensstrategien in Corona-Zeiten

Ich bin heute zum ersten Mal in meinem Leben in einer Tiefgarage stecken geblieben. Irgendwie in den Untiefen der automobilen Dunkelheit versackt. Ich kam einfach nicht mehr raus. Ist mir noch nie passiert. Muss an Corona liegen. Meine Nerven liegen blank. Habe ich doch tatsächlich das Tiefgaragen-Ticket verschlampt. Als ich mir dessen gewahr wurde, riss ich mir die Maske vom Gesicht, die ich heute schon mal probehalber ausführte und fragte den Stenz maximal ratlos: „Ja, was machen wir denn jetzt?“ Er entgegnete relativ indifferent: „Mama, woher soll ich das denn wissen!“ Eine andere Antwort hätte mich bei näherer Überlegung auch überraschen  sollen. Allerdings ersann die Tochter einen kreativen Plan: „Mama Bus fahren!“

Stuck in the Dark

Da aber leider gerade kein Bus zur Hand war, machte ich mich eiligen Schrittes auf zum Not-Knopf an der Tiefgaragen-Einfahrt und klingelte Sturm. Wieder ein absolutes Novum für mich. Habe ich noch nie zuvor gemacht. Nicht das Sturm klingeln, sondern dass an der Schranke mit dem Jenseits sprechen. Dabei befahl mir das Jenseits: „Bewahren Sie Ruhe!“ Während ich diese allerdings zunehmend verlor, meldete sich nach einer gefühlten Ewigkeit, diesmal live aus dem Off die Erlösung mit den Worten: „Gibt es ein Problem? Ok, dann komme ich mal schnell runter.“ Hach, was `ne Erleichterung, ich muss die Corona-Isolation nicht auch noch in der Düsterkeit bei Abgas-Mief fortsetzen. Während ich mir das so dachte, griff ich in meine Hosentasche und Abrakadabra, da war es, das verlorene und erlösende Ticket in die Freiheit. Yeah!

Fröhliche Garagen-Auszeit

Als ich die Geschichte später einer Bekannten erzählte, meinte sie ganz trocken, dass sich ihre Freundin seit Corona regelmäßig heimlich für ’ne halbe Stunde in ihre Garage zurückziehe. Quasi als Auszeit, um Mann und Kindern zu entfliehen. Vielleicht wäre das meine Chance gewesen. Andererseits, hatte ich die Kids ja auf der Rückbank. Aber vielleicht sollte ich diese Überlebens-Strategie in Corona-Zeiten zu meinen anderen dominanten Survival-Maßnahmen hinzufügen. Die da wären: Viel Rotwein, Peppa Wutz und das ganztägige Tragen von Ohropax. Dabei wirkt die dominante Strategie Ohropax in Verbindung mit Rotwein ganz besonders dämpfend. Fast wie eine interne und externe Schall-Isolierung. Eine Wohltat in bizarren Zeiten wie diesen. Außerdem überhört man mit den Stöpseln im Ohr die stinklangweiligen Dialoge zwischen George und Lucie Löffel, die aufgrund der Peppa Wutz Obsession unserer Tochter mittlerweile in Dauerschleife durch unser Wohnzimmer wabern. Wohltuend wirkt auch wildes, ungehemmtes Tanzen auf Party-Musik, um etwaige Spannungen, die sich in der Isolation mit Kindern und Mann leicht aufbauen, abzuschütteln.

Familien-Zusammenführung in der Kanalisation

Vor dem Tiefgaragen-Fiasko schüttelte ich morgens beim Tanzen allerdings nicht nur aufgestaute Aggressionen ab, sondern auch eine triefend nasse Ratte. Denn während ich mit dem Stenz versuchte, in tiefster Konzentration gepflegtem Homeschooling nachzugehen, übte sich Lou in Sachen Kreativität. Letztere wurde unserem Kind erst unlängst von unserer Nachbarin mit absolutem Kennerblick attestiert: „Die Kleine hat Phantasie“. Ja, das hat sie. Dabei mündet ihr Einfallsreichtum bisweilen darin, dass ich mich plötzlich genötigt fühle, den Klempner zu rufen. So hörte ich sie heute morgen auf dem stillen Örtchen laut und furios schimpfen. Und dass, während der Stenz und ich vollkommen versunken, einen lustigen „Homeschooling Pompom“ bastelten. „Böse Maus, mag dich gar nicht, du böse Maus!“ Als ich sie dann vom Klo hob, erblickte ich die weiße Kuscheltier-Ratte ihres Bruders in den Untiefen unserer Toilette. Warum sich der Nager den Zorn unserer Zweitgeborenen zugezogen hat, ist mir immer noch schleierhaft. „Will, dass Maus mit Pipi runtersaust!“ gab sie mir verschwörerisch zu verstehen. Hatte die Ratte sie beleidigt oder gar noch schlimmer, ihren Schladen (Schokoladen)-Proviant weggefuttert? Vielleicht ist unser Kind auch einfach nur ein empathisches Wesen und pocht in schweren Zeiten auf eine harmonische Zusammenführung der Ratten-Familie in den Tiefen der Kanalisation? Ich werde es wohl nie erfahren. Egal, ich rettete die Ratte und  gönnte ihr eine 90°C heiße Dusche in der Waschtrommel.

Fingernägel auf  Fußnägeln

Doch Lou ist nicht nur kreativ, sondern schon im zarten Alter von drei Jahren überaus schönheitsbewusst. So ertappte ich sie unlängst beim Versuch, meinen roten Nagellack auf ihre Lippen zu schmieren. Denn gerade in der Isolation scheint es ihr wichtig, sich nicht gehen zu lassen und mit purpurnem Mündchen zu glänzen. Aktionen wie diese lassen mich manchmal überlegen, ob ich vielleicht schon um 13 Uhr damit beginnen sollte, mir meinen Rotwein großzügig einzuschenken? Dann würde mich auch die Tatsache nicht aus der Bahn werfen, dass sich unsere Tochter gerade mit bloßen Händen Kakao in ihre Milch schöpft und ich könnte das ununterbrochene Gejammer, dass sie jetzt und sofort unbedingt Fingernägel auf ihre Fußnägel haben möchte, besser ignorieren. Denn nichts macht unsere Tochter glücklicher als Nagellack alias Fingernägel auf ihren Fußnägeln. Am besten in rot, wobei rosa geht auch. Dabei ist sie schon selig, wenn sie nur Menschen mit Nagellack erblickt. Meine beste Freundin zum Beispiel hat das Herz unserer Tochter im Sturm erobert, als sie sie in ihre Arme nahm, die in Händen mit perfekt manikürten Fingernägeln mündeten. Obwohl meine beste Freundin weit weg wohnt, spricht sie täglich von ihr. Genau wie von meiner „Schwägerin“, die ebenfalls ganz bezaubernde Hände ihr Eigen nennt. Auf die Frage, wen unsere Tochter denn mehr liebe, die Mama oder die Freundin meines Bruders kam vor ein paar Tagen wie aus der Pistole geschossen „Melanie, weil sie ist so schön“. Danke für die Blumen, es geht doch nichts über charmante Komplimente an die eigene Mutter. Aber gut, ein Kind braucht Rollen-Modelle. Vielleicht wird es später ja doch noch Mutter Theresa. Und bis dahin, schenke ich mir mal ein Glas Rotwein ein!