Das Leben ist ein Wunschkonzert

Heute morgen um 6:30 h weckte uns unsere Tochter mit den Worten, dass sie eine Putzfrau sei und nun gedenke, unser Schlafzimmer zu reinigen. Zur Demonstration schleppte sie unendlich viele Feuchttücher an, die sie dann sorgsam auf dem Schlafzimmerparkett verteilte. Wahrscheinlich in der hoffnungsfrohen Annahme, dass die Feuchttücher den Rest der Bodensäuberung dann schon alleine übernähmen. Leider war dem nicht so. Und dass obwohl eine eingehende Bodenwischung in der Tat von Nöten gewesen wäre. Sehr sensibel unser Kind. Anschließend versuchte Sie alle Vorhänge und Jalousien selbständig zurückzuziehen, um uns das schöne Wetter, das draußen um 6:30 Uhr bereits herrschte, zu zeigen. Was absolut eigenartig ist, denn unser Nachwuchs erfreut sich, gerade morgens zu Schulzeiten, an einem beinahe komatösen Schlaf, der selbst gegen die lautesten Weckrufe immun ist. Erst seit der schulfreien Zeit singen unsere Kinder im Morgengrauen mit den Amseln um die Wette. Wunderbar!

Feder-Krönchen und Feen-Zauberstab – Die Zukunfts-Requisiten

Egal, ich habe ja einiges zu tun. Zum Beispiel rosa Federn an das Krönchen kleben oder Sterne an den Feen-Zauberstab nähen. Das ist wichtig in dieser Zeit. Denn nach Corona werden wir das Krönchen wieder ausführen und den Zauberstab zur Erfüllung unserer Wünsche wieder in der Luft hin und herschwingen. Ich bin mir sicher, die Zeit danach wird genauso wundervoll wie zuvor. Und bis dahin backen wir Hefezopfhasen, bemalen Eier, dichten oder verteilen Millionen Schnipsel in unserem Haus. Denn die Lieblingsbeschäftigung unserer Zweitgeborenen ist neben den morgendlichen Weckrufen momentan Papier zu zerreißen. Sie zerreißt, zerreißt und zerreißt. Den lieben langen Tag. Und ich sammle auf, sammle auf und sammle auf. Ebenfalls den lieben langen Tag. Fitness-Studio brauch‘ ich nicht. Das Aufsammeln von Millionen Papierschnipseln ist mein tägliches Workout. Ich habe ein Kind geboren, dass es Hänsel und Gretel mit ihrer Brotkrumen-Streuung nachmachen möchte. Wie einzigartig sie doch ist. Auch haben es ihr Aufkleber aller Art angetan. Unzählige Aufkleber zieren mittlerweile Schränke, Wände, Waschbecken und sogar ihre Stirn und Nase. Sie ist ein wandelnder Performance-Artist, der an sich selbst das beste Exempel statuiert.

Unser Briefträger: der personalisierte Bote des Glücks

Und sollte sich der Vorrat an bunten Osterhasen-Aufklebern allmählich dem Ende neigen, wird der Mann bekniet, Nachschub zu besorgen. Denn eines hat unsere Tochter sehr schnell begriffen. Der „Puter“ (Computer) eröffnet neue materielle Welten und der Briefträger ist der Heilsbringer in dieser Zeit. „Ich liebe Briefträger!“ Für sie scheint er der personalisierte Bote des Glücks zu sein. „Liebe Briefträger so sehr!“ und „Du bestellen, Puter!“ sind ihre favorisierten Phrasen. Denn neben dem Zerreißen von Papier besteht ein weiterer Zeitvertreib unseres Kindes dieser Tage darin, sich etwas zu wünschen. Für sie scheint das Leben ein nicht enden wollendes Wunschkonzert zu sein. „Mama, weißt Du, was ich mir vom Zahnarzt wünsche?“ nuschelt sie mir mit einem, mit Zahnpasta gefüllten Mund entgegen. „Nein“, entgegne ich. „Aber wer so schön die Zähne putzt, bekommt vielleicht wirklich vom Zahnarzt eine Kleinigkeit.“ ermuntere ich sie, mir weiterhin schön den geöffneten Mund entgegenzustrecken. Ein paar motivierende Worte sind bei unserer Tochter im Zusammenhang mit bevorstehenden Zahnarztbesuchen auf jeden Fall angebracht. Denn die letzten beiden Visiten zur Mundhygiene verliefen eher suboptimal. So verließ unser guter Zahnarzt-Freund, der für mich die Inkarnation an Gelassenheit verkörpert, fluchtartig den Untersuchungsraum, nachdem Lou in ein solch markerschütterndes Geschrei ausbrach, dass selbst die Praxis-Fenster zu klirren begannen. Sogar die engagierte Zahnarzthelferin Frau Schmidt, schmiss völlig aufgelöst den Hahn, den sie origamigleich aus den Einweghandschuhen zur Ablenkung unseres Kindes herstellte, in die Ecke und kapitulierte mit den Worten: „Au weh, ihr Kind kann aber laut schreien.“ Meine Rede!

Vom Frosch geküsst, vom Einhorn gesegnet

Allerdings habe ich das Gefühl, dass unsere Tochter für den nächsten Zahnarztbesuch insgeheim Besserung gelobt. Denn sie will unbedingt nach der Zahnbegutachtung beschenkt werden. „Wünsche mir Schlade!“ äußert sie ihre geheimen Sehnsüchte, die ihr diesmal nicht der Briefträger, sondern der Zahnarzt erfüllen soll. „Oh ich glaube, der Zahnarzt ist der falsche Ansprechpartner, um dir Schokolade als Belohnung zu schenken“, entgegne ich. „Dann wünsche mir Bummibärchen.“ „Aber Lou, Gummibärchen sind genauso ungesund und machen die Zähne kaputt. Vielleicht bekommst Du eine Zahnbürste.“ „NEIN! NEIN! NEIN! Zahnbürste will ich nicht, Schlade oder Handy, richtiges Handy!“ Erwähnte ich bereits, dass meine Tochter wahrlich eine Meisterin im Wünschen ist. Dabei äußert sie ihre Sehnsüchte mit einer solchen Vehemenz, dass ich das Gefühl habe, ein riesiger Wunsch-Steinbrocken fällt mir auf den Kopf und hypnotisiert mich. Dem Mann muss es ähnlich ergehen. Denn nach meiner letzten Dienstreise kam ich nach Hause und unsere Tochter verfügte plötzlich über ein sehr fragwürdiges Schmink- und Schmuck-Sortiment. Mein Mann muss wohl vom Wunsch-Steinbrocken unseres Kindes getroffen worden sein und in geistiger Umnachtung Online-Bestellungen recht zweifelhafter Natur aufgegeben haben. Ich traute meinen Augen kaum, als ich ihre glitzernd-grünen Lippen erspähte, ganz so als hätte sie gerade einen Frosch zu Tode geküsst. Und um dieses Bild noch zu krönen, lachten mich von ihren beiden Ohren zwei kleine Einhörner verschmitzt an. So ist es also, wenn man sich mit Inbrunst etwas wünscht. Dann geht es in Erfüllung. Das werde ich jetzt auch probieren, nachdem ich mir das rosa Krönchen aufgesetzt und den Feen-Zauberstab ganz sachte mit geschlossenen Augen gen Himmel geschwenkt habe.  Was ich mir wünsche? Das bleibt mein Geheimnis. Nur so viel: es hat mit einem papierschnipselfreien Leben vor Corona zu tun.

Weihnachten und andere Katastrophen

Als ich am Tag vor Weihnachten erwachte, fühlte ich mich bereits so zerbröselt wie meine ziemlich missratenen Butter-Plätzchen. Da hätte ich den morgendlichen Weckruf des Mannes „Der Stenz hat Kopfläuse!“ eigentlich nicht mehr gebraucht. Dabei weiß ich nun, dass es den richtigen Zeitpunkt für eine Läuse-Invasion nicht gibt. Es gibt allerdings ein besonders schlechtes Timing für so ein parasitäres Stelldichein, gerade wenn es sich um eine Premiere handelt. Und das ist der Tag vor Heiligabend. Wenn man nach beinahe kriegerischen Einkauf-Marathons, stundenlangen Pack-Zeremonien und nicht enden wollenden Bastel- und Backnachmittagen (gähn) schon so erschöpft in sich zusammensackt, dass man befürchtet, das Christkind aufgrund eines drohenden Burn-Outs zu verpassen. Ja, dann kommt so ein Lausbefall am Vorweihnachtstag einem finalen Dolchstoß gleich. Das weiß ich jetzt!

Der moderne Mann von heute schaukelt die Laus alleine

Aber der Reihe nach, zunächst sah es am Morgen des 23. Dezembers noch gar nicht so düster aus. Denn der Mann schien das Kind bzw. die Laus gut alleine zu schaukeln. Ich erwachte in einem katerähnlichen Zustand, der leider nicht durch Hochprozentiges verursacht wurde, sondern durch ungünstige Verrenkungen während der Christbaum Dekoration und einer finalen Pack-Orgie. Wie aus der Ferne vernahm ich die Stimme des Mannes, der mit stolz geschwellter Brust in einen Lobgesang seiner Heldentaten ausbrach. Wie er die Laus quasi im Nahkampf besiegt hatte, aber nicht ohne sie vorher auch als Laus unter dem Stenz’schen Amateur-Mikroskop identifiziert zu haben. Welch‘ eine couragierte Leistung! Als sich meine müden Knochen dann endlich in Richtung erstem Kaffee bewegten, rannte mir der Stenz schon mit tropfnassen, lausbehandelten Haaren freudig entgegen. „Nein, das Antiläusemittel ist ziemlich giftig, die Behandlung machen wir lieber nicht auch noch prophylaktisch bei Lou.“ fachsimpelte mir mein Mann expertengleich entgegen als ich ihn, immer noch in einem Trance ähnlichen Zustand, nach dem weiteren Procedere befragte. Also beschränkten wir uns einen Tag vor Weihnachten zunächst einmal auf das Säubern unzähliger Bettdecken, Laken, Handtücher und Kopfkissen. Mir war bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht bewusst, welch facettenreiches Kissen-Sammelsurium unser Haushalt sein Eigen nennt. Anstatt der Weihnachtsgans stopften wir diverse Haarbürsten ins Tiefkühlfach und gönnten den Kuscheltieren eine kleine vakuumverpackte Wellness-Auszeit im gelben Sack. Zwischendurch fuhren wir zur Notapotheke und besorgten uns, nur so zur Sicherheit, Nachschub des giftigen Anti-Laus-Gedöns.

Party-Nacht adé – Laus-Eier, ich komme!

Kurz vor acht am Abend, äußerte unsere Zweitgeborene dann mit einem weinerlichen Unterton in der Stimme „Papa, Kopf kratzen, Käfer!“ Ich war gerade dabei, mit letzter Kraft noch kurz zu einem nachbarschaftlichen Geburtstags-Festchen aufzubrechen als sich eine leicht hysterische Stimmung unter unserem Dach breit machte. „Ja, was machen wir denn jetzt? Sie hat auch Nissen!“ Der Laus-Experte, der am Vormittag noch von einer prophylaktischen Antilaus-Behandlung unserer Zweitgeborenen abgeraten hatte, griff nun panisch zur giftigen Tube, um auch der Tochter ihr wohlverdientes Nissen-Treatment zu verpassen. „Geh‘ ruhig, aber lass‘ mich später nicht alleine, komm bitte wenigstens zum Auskämmen der Läuse-Eier wieder.“ Ja, wenn das mal keine motivierenden Worte für eine ausschweifende Party-Nacht sind?

Die perfekte Läuse-Artillerie

Auf der Geburtstagsfeier traf ich dann auf ein ganzes Heer an kampfbereiten Antilaus-Amazonen, die mir mit ihrem profunden Spezial-Wissen zur Seite standen. Und oh Schreck, was erfuhr ich? Der Mann hatte das falsche Tonikum besorgt. „Nyda-Express“, das handliche, vollkommen ungiftige, nach Zitronengras duftende Pumpspray musste her! „Nyda“, was ein eigenartiger Name? Ganz so, als nuschle ein betrunkener Sachse seiner Kopflaus im Vollrausch entgegen: „Nü, da, hau endlich ab!“ Egal, sei’s drum.

Preisfrage: Wird das Christkind, den unter Kochwäsche begrabenen Tannenbaum finden?

Nach ganzen 25 Minuten Partygeschehen bahnte ich mir dann den Weg zurück zu den heimischen Laus-Eiern, vorbei an 70 Wäschespinnen und Hunderten von  Handtüchern und Bettlaken, die träge von unserem Treppengeländer baumelten. Dabei fragte ich mich insgeheim, wie das Christkind wohl um Himmels Willen, den unter tropfender Kochwäsche begrabenen Tannenbaum erfolgreich zu finden gedachte? Nach dieser, einem Hindernis-Lauf gleichenden Odyssee, erreichte ich dann doch endlich das Badezimmer. Hier blinzelte mir unsere schlaftrunkene Tochter mit ihren Brombeer-Äugelein entgegen. Dabei wachte sie beim Auskämmen der Nissen leider wieder ganz plötzlich auf, um ein markerschütterndes Geschrei anzustimmen. Und weil das so lustig klang, machte ich mich anschließend daran, auch dem Stenz seine bereits zweite Laus-Behandlung an diesem Tag, angedeihen zu lassen – hatte er ja einträchtig, Kopf an Kopf, mit seiner Schwester gespielt. Und um so richtig in weihnachtliche Feierlaune zu geraten, läuteten der Mann und ich, quasi als Höhepunkt um Mitternacht, den Heiligen Abend mit einer gegenseitigen Anti-Laus-Kopfmassage ein. Was ein Genuss!

Stille Nacht, heilige NAcht…

Und auch der Weihnachtsmorgen gestaltete sich nicht minder herausfordernd, nämlich mit der Jagd nach der kostbaren sächsischen Wunderwaffe „Nyda Express“. Irgendwie schleppte ich mich dann noch mit letzter Kraft zum Kinderkrippen-Spiel, wunderte mich, wieder zu Hause angekommen, über den starken Flügelschlag des Christkindes, hatte es doch wider Erwarten, all seine Geschenke erfolgreich unter dem Weihnachtsbaum abgeladen. Und während leise „Stille Nacht, heilige Nacht“ erklang,  kippte ich selig lächelnd um und träumte von lausfreien Weihnachten.

The only possibility to survive the darkness is glitzer!

Der Stenz lacht mich verschmitzt an und liest mir mit großem Vergnügen die beiden Silben „Luuuuu Saaaaa“ immer und immer wieder vor. Leider scheinen die anderen zu übenden Silben nicht die gleiche Faszination auf ihn auszuüben. Schleppend geht es voran: „mooooo, maaaaa, wiiiiiiii, laaaaaaa, leeeeee…. . Nur bei „Luuuu Saaaaa“ blitzen seine Augen kurz auf, während ich gegen den mich übermannenden Schlaf ankämpfe. “Mama, da steht Lusa”. Ja, stimmt, aber den loser den du meinst, schreibt man anders. Das scheint dem Stenz egal zu sein. Lusa ist Lusa! Irgendwie hatte ich mir das mit dem Lesen üben ganz anders vorgestellt, mehr rosarot und vielleicht auch ein bisschen hellblau. Leider ist lesen üben eher schwarz. Ein schwarzes Loch in das ich hineingezogen werde, das mich hypnotisiert, um mich anschließend ganz und gar zu verschlingen. Die monotonen Schwingungen der vorgelesenen Silben paralysieren mich.

Es lebe die Phantasie!

In meinem naiven Denken ging ich davon aus, dass mir der Stenz als Einsteiger-Lektüre nach acht Wochen Schulunterricht, vielleicht erst einmal etwas zögerlich, dann aber doch relativ hurtig, von Michels Abenteuern aus Lönneberga vorlesen würde. Aber nur, um mir wenig später mit viel Verve in der Stimme die gesammelten Werke meiner Lieblingslektüre aus Kindertagen, nämlich “Ich und meine Schwester Clara” zu rezitieren. In meiner Phantasie war er es, der der gesamten Familie ab Schulbeginn die Gutenacht-Geschichte vorliest. Die Realität gestaltet sich leider etwas anders und lullt mich mit stockend vorgebrachten Urtönen in einen tiefen Dämmerschlaf.

Eben noch im schwarzen Loch und plötzlich mittendrin im bunten Leben

Dieser wird allerdings von unserer Tochter jäh unterbrochen. Sie fordert nämlich lauthals meine Meinung in Stilfragen ein. So schrecke ich aus meiner tief versunkenen Lethargie auf, weil mich unsere Zweitgeborene mit einem halluzinogenen Farbrausch konfrontiert. Dabei fällt mir plötzlich das folgende Zitat ein: “The only possibility to survive the darkness is glitzer.” Wie wahr. Eben noch im schwarzen Loch und jetzt mittendrin im bunten Leben. Denn neben dem Schreibtisch des Stenzes steht ein laufender Meter, eingehüllt in Geschmeide, das die Kraft besäße, schwache Augen zu lähmen. Ich habe das Gefühl, es ist ein bisschen so, als blicke ich in einen gleißenden Feuerball. Meine Augen müssen sich nach dem Gewahrwerden des schillernden Antlitzes unserer Tochter erst wieder an das Grau dieses tristen Novembertages gewöhnen. Eine Art Schwindel überkommt mich, der sich auch nicht bessert, indem ich “Susi isst Salami” von weit weg vernehme.

Mehr ist mehr!

Und während mein Kopf noch Karussell fährt, ist unsere Tochter der Verzweiflung nahe. Denn bei dem Versuch, ihrem Aussehen noch mehr Glamour zu verleihen, ist sie kläglich gescheitert. Das pinke Glitzer-Shirt lässt sich nämlich nicht so ohne weiteres über das dicke rosa Hasenkleid, das sie gerade trägt, stülpen. Und ihr „Bau“ (Bauch) entbehrt nun des begehrten Glitters. Mit größtem Ingrimm tut sie ihre Verzweiflung kund. Und ihr Bruder stimmt in ihr lautes Wehklagen mit folgenden Worten ein: „SO KANN ICH MICH NICHT KONZENTRIEREN!“ Die Verve, die ich bei den Leseübungen bisher etwas vermisste, offenbart sich nun im Zorn-Gebrüll beider Kinder. „Aber Mama, suche Ring!“ jammert es mir außerdem von der etwas nachlässig gekleideten und nur halbherzig glitzernden Lou entgegen. Das kann ich mir kaum vorstellen, dass einer ihrer Ringe tatsächlich verloren ging. Denn acht von ihren zehn Fingerchen erstrahlen in animalischem Glanz. Während auf dem Daumen ein furchteinflößender Löwe seine Zähne fletscht, lacht mich von ihrem Zeigefinger ein Pinguin verstohlen an. Überhaupt wären ihre Hände momentan perfekt geeignet für einen zoologischen Anschauungsunterricht. Denn beinahe jeder ihrer Finger wird von einem Tier-Ring geziert. Ihre Arme hingegen wären zur ausschweifenden Farbenlehre prädestiniert. Denn ca. 20 bis 30 bunt schillernde Armbänder mäandern sich bis hoch hinauf zu ihren Schultern. Ganz nach dem bescheidenen Motto: „Mehr ist mehr.“ Und wenn ich sie so betrachte und dieses Bild in die Zukunft extrapoliere, bin ich mir fast sicher, dass es schmucktechnisch auch in 13 Jahren nicht schlimmer werden kann.

Ich, der „Stlye-Lusa“

So ist die erste Amtshandlung unserer Tochter am Morgen, ihr gesamtes Geschmeide anzulegen. Dafür marschiert sie nach dem ersten Augenaufschlag schnurstracks zu ihrer „Kacktruhe“ (Schatztruhe) und wühlt in deren Untiefen. Wird sie hier nicht fündig, frequentiert sie einen ihrer beiden Reiseköfferchen, die ebenfalls als Aufbewahrungsort für ihr funkelndes Habe dienen. Diverse Ringe, Haarspangen und etliche Armbänder dürfen zum gelungenen Auftakt in einen glanzvollen Tag nicht fehlen. So wundere ich mich fast täglich, dass sich unser Kind unter der Zentnerlast an Klunkern überhaupt noch aufrecht halten kann. Aber wer weiß, vielleicht bin ich auch einfach nur ein „Style-Lusa“, der keine Ahnung von Mode hat?

„Mama, was ist sexy?“

Mama, was ist sexy?“ Hoppla, was ist das denn? Welch eine Frage kurz bevor meine häuslichen Pflichten sich endlich dem lang herbeigesehnten Ende neigen. Ich bin quasi nur noch wenige Zentimeter von der Zielgeraden entfernt. Beide Kinder liegen schon im Bett. Ich erwarte nur noch zwei bis 15 überschaubare Toilettengänge der Zweitgeborenen und laut verkündete Hungerattacken des Erstgeborenen. Letztere stellen sich bei uns in letzter Zeit regelmäßig genau dann ein, wenn der letzte Krümel vom Tisch gefegt und alle Kinder-Zähne ordnungsgemäß geputzt wurden. Unzählige Küss-Orgien liegen bereits hinter mir. „Mama, noch ein Bussi deben (geben) und auch die heikle Frage der Kleider-Selektion für den nächsten Tag wurde bereits ausführlichst und abschließend geklärt. Ich bin also wirklich schon fast durch für den Tag. Die nächtliche Freiheit winkt mir lächelnd entgegen, Fanfarenklänge huldigen in meiner Phantasie schon der kurzen Zeitspanne, die nur für mich reserviert ist.

Sexy darf keinesfalls hübsch sein!

Und dann so eine Frage. „Papa meint, sexy ist hübsch.“ Ja, um Gottes Willen, sexy ist auf keinen Fall hübsch. Wie kommt der Mann auf so eine blöde Antwort? Er will es schnell hinter sich bringen, er ist schon in den abendlichen Freiheits-Modus eingetaucht. Er schwimmt quasi schon in Ruhe und Frieden. Da wird er sich auch von einer solch anspruchsvollen Frage nicht mehr herausziehen lassen. Das wäre zu unbequem. Ich überlege, gehe in mich. Hübsch darf keinesfalls sexy sein. Ich sehe den Stenz schon einer seiner Lehrerinnen leise zuraunen: „Sie sind aber sexy.“ Wundervoll. Und das nur, weil der Mann aus Bequemlichkeit nicht auf feine semantische Sprachnuancen eingegangen ist. Ich will doch nicht, dass es meinem Sohn aufgrund der Lethargie seiner Eltern einmal so ergeht wie einem meiner französischen Ex-Freunde während einer Arzt-Konsultation. So erwiderte der Franzose würgend auf den ärztlichen Befehl, die Zunge herauszustrecken, damit man seine Mandeln besser sähe: „Bloß nischt, Dr. Jäger, da muss isch kotzen.“ Warum hat sich dem armen Franzosen vor mir keiner angenommen und ihm erklärt, dass „kotzen“ zwar im Zusammenhang leidiger Magisterarbeiten unter seinesgleichen als Wortwahl passend erscheinen mag,  aber nicht unbedingt bei ärztlichen Untersuchungen? Nein, so soll es dem Stenz, wenn er im zarten Alter von sechs Jahren einmal der Schönheit seiner Lehrerin huldigt nicht ergehen. Also entgegne ich auf die bedeutungsschwangere Frage meines Kindes: „Sexy ist ein großer Busen.“ Bäm. Und ich bin mir sicher, er wird sexy in absehbarer Zeit zu niemandem sagen. Ja, ich gehe sogar so weit und meine, dass er den Begriff überhaupt nie wieder in den Mund nehmen wird. Denn große Busen sind für einen Sechsjährigen alles außer hübsch und das ist auch gut so. „Iiiii und achso“ entgegnet mir der Stenz müde gähnend. Und ich jubiliere innerlich. Ich habe es geschafft. Ich bin am Ziel, gleich wird geschlafen.

Boffeln lieb ich nicht!

Aber da habe ich mich zu früh gefreut. Denn auf das Stichwort „iii“ scheint Louloubelle nur gewartet zu haben, denn plötzlich sprudelt es aus ihr heraus. Rotten (Karotten) ihhh und Boffeln (Kartoffeln) lieb ich nicht. Reis lieb ich. „Oh, Mama, ich habe Hunger“ verkündet der Stenz, der plötzlich wieder von umtriebigen Lebensgeistern zu neuer Energie geweckt wurde. Und das obwohl ich in der hitzigen sexy-Debatte doch hoffnungsfroh schon ein Gähnen erspähte. Nun gibt es wichtigeres als in die Untiefen der deutschen Sprache einzutauchen oder gar zu schlafen. Nun gilt es kurz vor 21 Uhr existenzielleren Bedürfnissen nachzukommen. „Auch Hungaaaa“ brüllt die Tochter. „Ich habe heute Mittag fast nix gegessen, denn im Hort gab es eklige Puffnudeln“ Mit diesen Worten versucht der Stenz sein Verlangen nach einer kleinen abendlichen Delikatesse zu legitimieren. „Es gab was? Puffnudeln?“ „Ja, eklige Puffnudeln mit lila Sauerkraut.“ Es hilft ja nix, müde erhebe ich mich und wanke mit beiden Kindern nach unten in die Küche, um das mittlerweile laut schreiende Hungaaaaa-Bedürfnis zu stillen und um das kulinarische Geheimnis zu lüften, das die im Hort kredenzten Puffnudeln mit lila Sauerkraut umwehen. Drei bis sieben Fruchtzwerge später weiß ich es: Es sind Schlutzkrapfen mit Rotkohl. Eigenartige Kombi, aber vielleicht ganz sexy?

Und täglich grüßt das Murmeltier

Meine Kinder sind Langschläfer. Sie schlagen hinsichtlich ihres natürlichen Biorhythmus vollkommen nach ihren Eltern. Sie werden abends unglaublich aktiv, ganz so als hätten sie in erquickendem Koffein gebadet. Aber morgens sind sie die Inkarnation von Murmeltieren im Winterschlaf. Nicht wachzukriegen. Ich weiß, dieser Umstand ist eigentlich eine Frechheit, aber ich kann Sie beruhigen, es besteht trotzdem kein Grund zum Neid. Denn der Stenz geht jetzt in die Schule und so ist es vorbei mit unserem kollektiven Winterschlaf. Um uns zu trösten, meinte meine etwas schadenfrohe Familie zu unseren unmenschlichen Weckzeiten, denen wir seit Schulbeginn ausgesetzt sind nur lapidar:  „Mensch, hört auf zu jammern, das ist doch jetzt nur für die nächsten 16 Jahre so.“ Wie wahr. 

Morgengrauen oder der frühe Morgen bringt das Grauen

Während wir in den letzten Jahren nie in den Genuss kamen, die Schönheit der aufgehenden Sonne in ihrer ganzen Farbenpracht zu bewundern, dürfen wir nun dieses einmalige Naturspektakel tagtäglich bestaunen. Aber das ist auch schon der einzige Vorteil, den ich in unserem aufoktroyierten Frühaufstehertum sehe. Doch bevor der rote Feuerball langsam über unseren Osthügel kriecht und den Himmel in ein bezaubernd kitschiges Lila-Rosa hüllt, begegnen wir erst einmal dem großen gleißenden Nichts. Oder um es mit den staunenden Worten unserer dreijährigen Tochter auszudrücken: „Mama, was das ist das swarze (schwarze) große Ding?“ Dabei zeigte sie vergangene Woche voller Verblüffung auf die alles verschluckende Dunkelheit, die draußen vor unserem Fenster wie ein gruseliges Ungetüm zu uns hineinlugte. Nun verstehe ich auch den tieferen Sinn von „Morgengrauen“ oder besser gesagt, der frühe Morgen bringt das Grauen. Morgens dunkel? Ein Paradoxon, an das sich unsere dreijährige Tochter wohl nun leider gewöhnen muss.

Von wegen, der frühe Vogel fängt den Wurm – der frühe Vogel ist müde und wird dick

Genau wie der Stenz. An seinem ersten Schultag meinte er beim Weckruf, den ich in aller Herrgottsfrühe gen Kinderzimmer trällerte nur vollkommen entgeistert: „Mama, das ist nicht Dein Ernst, dass wir jetzt jeden Morgen mitten in der Nacht aufstehen müssen! Und dann sollen wir auch noch im Dunkeln zur Schule spazieren? Das ist einfach nur furchtbar!“  Leider teile ich die Meinung des Stenzes uneingeschränkt und bin daher in Sachen motivierender Ermunterung im besagten Morgengrauen eigentlich nicht der richtige Ansprechpartner. Und während ich zu Beginn noch die glückliche Mutti mimte, die ihre Kinder mit guter Laune und einem seligen Lächeln auf den Lippen wachküsst, bin ich nun jeden Morgen leider genauso schlecht gelaunt wie der Stenz. Wer hat sich diesen Frühaufsteher-Mist bloß ausgedacht? Kein Wunder, dass die humorvolle Lehrerin unseres Sohnes nach den ersten zwei Wochen berichtete, dass ihre Erstklässler sie bereits um 8:15 Uhr nach dem baldigen Schulschluss befragen und um 8:20 Uhr die Brotzeit einläuten möchten. Bei dieser unwirtlichen Uhrzeit ist man schon nach dem Aufstehen so erschlafft, dass man gleich wieder nach Hause ins warme Bett flüchten möchte oder eben die Müdigkeit mit ganz vielen, am besten zuckersüßen Kohlenhydraten bekämpfen muss. Was eine ungesunde Lebensführung, die unweigerlich zu krankmachendem Schlafdefizit und Fettleibigkeit führt. Von wegen, der frühe Vogel fängt den Wurm, der frühe Vogel wird dick und stürzt ab.

Morgentoilette mal anders

Doch nun sind ja endlich auch in Bayern die Herbstferien gekommen und schon Wochen vor der beglückenden Auszeit hüpft mein, sich nach Schlaf verzehrendes Herz im Carré. Denn nun können die Murmeltiere wieder Murmeltiere sein und schlafen so viel sie möchten. In der Theorie. Doch die Praxis gestaltet sich leider bisweilen anders. Nämlich so, dass ich um 4:30 Uhr am ersten Ferientag das erste Mal auf die Uhr blicke, um mich zu vergewissern, dass ich bloß nicht verschlafe und mein Kind aufgrund meiner Verpenntheit irreversible Diskriminierungen erleiden muss. Um 5:30 Uhr schlafe ich endlich wieder beruhigt ein, denn es sind ja Ferien. Aber nur um um 6:30 Uhr vom Mann neben mir geweckt zu werden, der sich unruhig auf den Laken wälzt. Um 7:00 Uhr ist nicht mehr an Schlaf zu denken, da der Stenz plötzlich vor mir steht und fragt, wann wir denn endlich schwimmen gehen, jetzt wo wir doch im Wellnesshotel sind. Hey, was ist bloß mit unserem angeborenen Biorhythmus geschehen? Um 7:20 Uhr gibt nun auch die Tochter ihren qualifizierten und legitimen Morgengruß zum Besten: „Mama, Hungaaaaa!“ Nun dann! Einen Vorteil hat das frühe Aufstehen ja, der Tag ist plötzlich viel länger und man hat auf einmal sogar Zeit, kurz nach Sonnenaufgang Berge zu erklimmen.  Doch bevor die Berge rufen, warten so profane Dinge wie die Morgentoilette auf unsere Kinder. So sitzt Louloubelle auf dem Klo und wartet stolz wie Bolle auf das von uns als Chor angestimmte „Trulala“, das ihre Toilettenleistungen angemessen würdigt. Nach erfolgreichem Toilettengang und musikalischer Einlage unsererseits betätigt unsere Tochter in einem kurzen, unbeaufsichtigten Augenblick einen der vielen Knöpfe im Badezimmer und erhält eine unvorbereitete Morgendusche, die in großem, illustrem Strahl aus unserem Hightech-Klo springt. Eine Wasser-Fontäne, die unsere Zweitgeborene dermaßen erschreckt, dass sie in ein nicht enden wollendes Gebrüll verfällt und ihre nassen Haare lautstark beweint, während sich der große Bruder vor Lachen den Bauch hält und anschließend eine Runde Socken-Schlittschuh über dem glitschigen Steinboden fährt. Tja, so eine Toiletten-Intimdusche kann auch zu einem höheren Maß an  Sauberkeit auf Hotelzimmern führen – wer hätte das gedacht? Da frage ich mich tatsächlich, woher das Sprichwort „Morgenstund hat Gold im Mund“ stammt? Aber egal, auf zum Berg – vielleicht treffen wir ja noch das ein oder andere Murmeltier, das noch keinen Winterschlaf hält.

 

Pups mich an, Du Mixer!

Heute Abend fragte uns der Stenz mit glänzenden Augen, ob wir denn das schlimmste Wort der Welt kennen würden? Wir verneinten und betonten mit Inbrunst auch kein Interesse am schlimmsten Wort der Welt zu hegen. Allerdings wurde Louloubelle sofort hellhörig. Denn bei „bösen Worten“ scheint es mir, wird ihr Gehirn plötzlich zu einem Schwamm, der innerhalb weniger Sekunden mephistophelische Bezeichnungen in sich aufsaugt, um sie dann bei passender Gelegenheit vor großem Publikum laut zum Besten zu geben. Ob wir wollten oder nicht, angefeuert durch die Neugierde seiner Schwester, schleuderte uns der Stenz mit schelmischem Eifer das schlimmste Wort der Welt entgegen: „Mixer!“ Ein großes Wort plumpste da auf unseren Tisch. „Mixer?“ fragte ich ungläubig. „Oh Gott, Mi(chs)er!“ wiederholte der Mann, auf einmal voller Abscheu. Wo hast Du denn dieses grässliche Wort aufgeschnappt? „Och, auf dem Pausenhof hat das einer geschrien.“ entgegnete der Stenz plötzlich etwas genant.  „Ja, Mixer ist wirklich furchterregend, bitte wiederhole das nie, nie wieder!“ befahl ich ihm mit autoritärem Nachdruck und zwanghaft unterdrücktem Lachen. 

„Guckst Du, Rhododendron!“

„Das ist ja noch tausendmal schlimmer als Rhododendron.“ gab ich ihm zu verstehen. Als Hintergrundinformation sollte an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass die Stenz’sche Oma einen ganz besonderen Humor besitzt. Als ihr Enkel sie das erste Mal mit einem Schimpfwort konfrontierte, erklärte sie ihm seelenruhig, dass das eigentlich gar kein so unheilvolles Wort sei, das er da gerade von sich gegeben habe. Viel verwerflicher wäre es, wenn man seine Wut mit folgendem, an Frevelhaftigkeit kaum zu überbietenden Ausdruck Luft verschaffe: „Rhododendron“. Mit hochrotem Kopf voller Zorn so ein „RHODODENDRON!“  in die Welt geschmettert, ja das hätte schon was, das wäre tatsächlich eine der wüstesten Verunglimpfungen, die man von sich geben könne. Mein Sohn war beeindruckt und begeistert zugleich. Auch wenn es ihn anfangs noch einige Mühe kostete, diesen schändlichen Ausdruck höchsten Furors auszusprechen. Aber Übung macht ja bekanntlich den Meister und nach unzähligen, etwas unverständlich genuschelten „Rodendrons“ beherrschte er das „böse Wort“ aus dem FF. Auch wenn er heute, ein paar Jahre später dahinter gekommen ist, dass ein blühender Rhododendron seine Eltern eher in Verzückung als in Bestürzung versetzt, ertappe ich ihn immer wieder, wie er mit großer Wonne seiner kleinen Schwester „Rhododendron“ ins Ohr flüstert. Nun ja, Rhododendron scheint wohl oder übel durch „Mixer“ abgelöst worden zu sein. Wobei ich eindringlich hoffe, dass er hier nicht so schnell hinter die eigentliche Diffamierung, die da heute über den Schulhof hallte, kommt.

„Moden Mama, moden!“

Sei’s drum. Auch Louloubelle hat mittlerweile ihren ganz eigenen, ausdrucksstarken Sprachduktus entwickelt, der glücklicherweise von allen, ihr nahestehenden Personen mit Leichtigkeit dechiffriert wird. Die Terminologie „Pups mich an, mehr pupsen, mehr pupsen.“ muss bei unserer Tochter unbedingt im Kontext gesehen werden. Sitzt sie nämlich auf der Schaukel, ist ihr Ausruf nicht etwa als Aufforderung an die auf der umliegenden Weide grasenden Kühe zur Freilassung von Methan-Gasen zu verstehen, sondern vielmehr als „Schubs mich man, mehr schubsen, mehr schubsen!“ zu interpretieren. Dabei sollte man ihrem Befehl unbedingt augenblicklich Folge leisten, sonst gibt es Geschrei. Denn unsere Tochter weiß im zarten Alter von fast drei Jahren ganz genau, was sie will und noch viel mehr, was sie nicht will. Auf die Frage, „Louloubelle, wann gehst Du denn endlich auf’s Töpfchen?“ erwidert sie gerne beschwichtigend: „Moden (Morgen) Mama, moden.“ Dabei tätschelt sie mir dann ganz  großväterlich und wohlwollend die Hand.

Einer Wind, einer Wind, das himmlische Kind!

Na dann, hoffen wir auf morgen und harren der Dinge, die da kommen. Ein Wind sollte auf jeden Fall nicht kommen. Denn den kann unsere Zweitgeborene nicht ausstehen. Gestern schrie sie voller Entrüstung von ihrem Kindersitz auf dem Fahrrad hinter mir: „Mama, einer Wind, einer Wind!“ und versuchte dabei ihre Haare, die ungestüm in ihr Gesichtchen flogen, wieder unter den kleinen Sturzhelm zu streichen. Als dies misslang, war sie außer sich über den einen Wind, der ihr da so unverschämt entgegen blies. Zu Hause angekommen pieselte sie bei dem Versuch stubenrein zu werden erst einmal auf’s Parkett, wickelte sich anschließend in den Vorhang ein und versuchte wohl so unsichtbar zu werden wie der eine Wind. Vor mich hin grollend schrubbte ich das Parkett als sie mir plötzlich aus ihrem Versteck hervortretend mein Handy überreichte. Verdattert nahm ich es entgegen und wurde von den optimistischen Worten unserer Kinderärztin am Handy überrascht: „Aber, aber morgen ist auch noch ein Tag, versuchen sie es morgen einfach wieder mit dem Töpfchen!“ Ja, und bis dahin gehe ich noch eine Runde schaukeln, vielleicht pupst mich ja sogar jemand an.

Hoch‘ lebe das Familienfest!

Ruhe. Nichts als Ruhe. Man könnte eine Stecknadel fallen hören, so leise ist es in der Kirche. Ein Grund für diese andächtige Stille könnte die charmante Ansage des Pfarrers zu Beginn seiner Predigt sein. Als der Herr Pastor nämlich meinte, dass er kleine Kinder über alles liebe, aber dies nicht der Tag der kleinen, sondern der großen, nämlich der Kommunionkinder sei. Und damit sich diese voll auf die Feierlichkeiten konzentrieren könnten, bitte er all seine kleinen Schäflein nicht laut in der Kirche rumzubrüllen. Und sollte sich doch eines seiner wundersamen Bitte nicht fügen wollen und vom Schäfchen zum Brüllaffen mutieren, wäre es Sache der Eltern, die heiligen Hallen schnellst möglich zu verlassen, um sich im sakralen Kirchenhof mit dem lärmenden Nachwuchs die Beine zu vertreten. Welch‘ eine verheißungsvolle Ansage! Da kann man als Mutter einer Zweijährigen ja gelöst durchatmen und den Gottesdienst  genießen. Draußen herrschen Minusgrade und das Anfang Mai und zu allem Übel rieselt auch noch leise der Schnee. So bekommt man doch richtig Lust, sich den weiß betüllten Brüllaffen umzubinden und ein bisschen in der Kälte zu frieren. Komisch, ich gehe gerne in die Kirche, aber beim nächsten Mal vielleicht nicht unbedingt in der tiefsten bayerisch-katholischen Provinz.

Reiswaffeln mit sedierender Wirkung

Zum Glück schlägt sich unsere Tochter bislang wacker. Sie unterbricht lediglich die heilige Stille, um herzhaft in ihre sechste Reiswaffel zu beißen, die ich ihr als Beschäftigungstherapie entgegenhalte. Aber ich habe das Gefühl, nach einer Stunde wird auch sie etwas unruhig und vor allem satt. Sie mag nicht mehr, weder Reiswaffel noch Pixie-Büchlein. Auch mit dem Bleistift auf das Liedheft zu kritzeln, findet sie langsam aber sicher langweilig. Eigenartigerweise hat sie auch keine Lust der Predigt über den treuen Hirten zu lauschen. Ein kleiner spitzer Schrei gen Kathedralen-Himmel hingegen, ja das ist schon was Feines, Juche! Das hallt so herrlich! Ich rutsche angespannt auf meinem Platz umher und versuche abzuschätzen, wie lange sich die Kommunionkinder wohl noch in ritueller Versenkung üben mögen. Denn ich mag meine müden Glieder, die schon auf der Kirchenbank erste Frostbeulen bilden, nicht noch eisigerer Kälte aussetzen. Doch leider entscheidet sich mein Schäflein nun ein bisschen Pepp in die Zeremonie zu bringen und lässt plötzlich im Sekundentakt stakkatoartige Schreie los, sodass auch das Schnarchen des Greises in der hintersten Bank abrupt aufhört. Ich sprinte in Richtung Kirchentür, doch das missfällt meiner Tochter derart, dass die Kirche Gefahr läuft unter ihrem lauten Jaulen zusammenzubrechen. Und ich merke, dass ich sie nur zum Verstummen bringe, wenn ich mich wieder in Zeitlupe auf meine Bank setze und es mit der siebten Reiswaffel versuche. Bingo! Getrockneter Reis scheint doch eine besänftigende Wirkung zu haben.

Ich liebe gut gemeinte Erziehungs-Tipps 

Da flüstert es mir plötzlich von hinten geisterhaft über die Schulter: „Entspannen Sie sich, je entspannter die Eltern, desto entspannter das Kind.“ Oh wie großartig, genauso einen Ratschlag brauche ich jetzt! Aber natürlich fällt es mir leicht, tiefenentspannt Ruhe zu bewahren, wenn zu Beginn der Kommunionfeierlichkeiten vom Pfarrer höchstpersönlich die Anordnung zur totalen Stille verkündet wurde. Sei’s drum, der liebe Gott hat Mitleid mit mir und die Kommunionkinder scheinen aus ihrer meditativen Konzentration zu erwachen. Die Kirchenfeier neigt sich dem Ende und ich stimme noch ein vollmundiges Halleluja mit an, in das meine Tochter ein letztes Mal voller Inbrunst reinschreit – diesmal zum Glück unbemerkt, denn die Schreie verpuffen im allgemeinen Lobgesang. Gott sei Dank!

Luschtig währt am längsten

Und endlich stapfen wir alle glücklich durch den weißen Mai-Schnee zum zünftigen bayerischen Festessen. Nun beginnt der fröhliche Teil. Das denkt sich jedenfalls mein Sohn als er seiner Schwester in die ruhige Vorfreude des Festmahls mit einem schelmischen Lächeln etwas ins Ohr souffliert. „KACKWUAAAAAST “ verkündet daraufhin das weiß betüllte Engelchen mit seiner blauen Samt-Verzierung am Kleid voller Glückseligkeit und eröffnet mit diesen andächtigen Worten das traute Kommunionessen. Da sie sich allerdings nicht ganz sicher ist, ob auch wirklich ihre ganz eigene Interpretation von „Guten Appetit“ von allen geladenen Gästen vernommen wurde, ruft sie noch ein zweites und drittes Mal lauthals „KACKWUAAAAST“ durch die bayerische Stube. Währenddessen fällt mein Sohn vor Lachen beinahe vom holzgeschnitzten Stuhl. Und die etwas schwerhörige Oma am Ende des Tisches raunt mir freudig entgegen: „Was hat sie gesagt? Sie ist ja wirklich eine ganz Luschtige!“ Ja, da hat sie recht. Unsere Tochter ist in der Tat eine „ganz Luschtige“, die an diesem Nachmittag noch zu Hochtouren aufläuft. So wird es immer schöner und geselliger. Der Wein fließt und das Kommunionkind hält sogar noch eine kleine Dankesrede. Welch‘ ein schöner Moment, der durch das laute Rülpsen unserer Zweitgeborenen erst so richtig lautmalerisch in Szene gesetzt wird. Wieder läuft unser Sohn Gefahr vor Lachen vom Stuhl zu fallen, während sein Cousin es unserer Tochter gleichtut und ebenfalls beherzt rülpst. Es geht doch nichts über einen entspannten Tag im Kreise der Familie – hoch  lebe das Familienfest!

 

 

Reden ist Silber, Schweigen ist Senf

Helau und Alaaf

Stille ist eigentlich etwas sehr Schönes. Gerade wenn man Kinder hat, ist Ruhe ein herrliches und rares akustisches Phänomen in dessen Genuss man eher selten kommt – eigentlich nur nachts. Wobei auch die Nächte nicht unbedingt ein Garant für himmlische Ruhe sein müssen, vor allem wenn das eigene Heim gerade unter einem Viren- und Bakterien-Bombardement steht. Doch, so ein paar Sekündchen Stille am Tag, das ist schon was ganz Feines. Allerdings können mehrere Minuten Stille, wenn man den eigenen Nachwuchs nicht im Blickfeld hat, auch als Zeichen für erhöhte Alarmbereitschaft gewertet werden. Ruhe auf einer Großbaustelle ist auch mit Vorsicht zu genießen, zeugt sie nicht selten vom Bankrott des Bauträgers. Leider fehlinterpretierte ich diese Woche gleich mehrmals das Schweigen meiner Tochter als Symbol für Frieden und Harmonie. Ich Anfängerin! 

Gäb, rot, gün, bau!

So begann schon der Montag mit einem ungewöhnlich stillen Nachmittag. Beide Kinder saßen in fröhlicher Eintracht auf dem Bett und malten. Wobei der Stenz immer wieder seine Arbeit unterbrach, um mir seine Kunst-Kollektion zu präsentieren. Daher wähnte ich mich in Sicherheit und vergaß bei der geballten artistischen Euphorie des Stenzes, über eine E-Mail gebeugt, für ein paar Minuten meine Tochter. Diese nutzte das Entgehen der mütterlichen Kontrolle um ihrerseits ihr gesamtes schöpferisches Potenzial anzuzapfen und sich als famose Magierin zu betätigen. Denn sie zauberte mit den Zauberstiften ihres Bruders ein ganz wundervolles Gemälde auf das Hochbett und das Bettlaken. Auch ihre Hände und Beine sahen ziemlich verhext aus und leuchteten mir, als ich mir die stille Existenz meines Zweitgeborenen wieder in Erinnerung rief, schillernd grün entgegen. Mein sprachloses Schweigen aufgrund der grünen Hexerei nutzte mein Mädchen, um mir ihren künstlerischen Ansatz mit den Worten zu erklären: „gäb (gelb), rot, gün (grün), bau (blau)“ und sie strahlte mit der Sonne draußen um die Wette.

Die schleimlösende Couch

Doch der Montagnachmittag stellte nur den Auftakt für das noch kommende künstlerische Feuerwerk zur Wochenmitte dar. Denn schon der Mittwoch bescherte mir eine noch viel großartigere Überraschung, die ebenfalls von einer kurzen Periode der Stille eingeläutet wurde. Denn während ich der etwas kränkelnden Tochter im Wohnzimmer eine kleine Inhalationspause gönnte und in die Küche eilte, um für das malade Kind eine Erfrischung zu besorgen, vernahm ich vom Stenz plötzlich die unguten Worte: „Oh nein, das wird Mama aber gar nicht freuen!“ Sogleich sprintete ich zurück ins Wohnzimmer als wäre eine Feuersbrunst hinter mir her, doch ich kam zu spät. Dabei lag mein Sohn vollkommen richtig in seiner Annahme, dass mich eine ganze Flasche zähflüssigen braunen Hustensaft, die von seiner Schwester großflächig auf unserer weißen Couch verteilt wurde, nur in einen mäßigen Glücksrausch versetzen würde.

Tisch trägt Curry

Doch nicht nur die Couch ist seit dieser Woche um dunkle Marmorierungen reicher, auch unser weißer Esstisch musste am Ende der Woche Federn lassen und schimmert seit Freitag in der Trendfarbe „Curry“. Da mein malades Kind seit Wochen nicht recht essen mag, lasse ich ihr Mittagessen törichterweise oft noch ein Weilchen stehen. Am Freitag gab es Würstel mit Kartoffelsalat und Senf. Letzterer wurde zwar von Lou mit den Worten verweigert „essen bää“, ich vergaß ihn aber ebenfalls am Tisch. Ja, ja was bin ich doch für eine Anfängerin, ich weiß! Während ich kurzzeitig den Telefonhörer abnahm, machte sich meine Tochter mit der Farbe „Gäb“ näher vertraut und verschmierte die gesamte Senftube auf unserem Esstisch, ihren Kleidern und in ihren Haaren. Das sah sehr ulkig aus, trug sie nämlich immer noch im Gesicht die Spuren ihres morgendlichen Intermezzos mit meinem Eyeliner. Und so stand sie nun vor mir, wie ein gelbes, geschminktes Knallbonbon mit senfigem Odeur.

Helau und Alaaf!

Doch die Krönung meiner bunten Woche folgte gestern. Als mir unsere Babysitter-Oma zerknirscht verkündete, dass der kleine Spielgefährte meines Mädchens leider die Windel so voll hatte, dass unsere bereits mit Schleimlöser verzierte Couch ein weiteres Mal  in Mitleidenschaft gezogen wurde. Es geht doch nichts über eine farbenfrohe Woche – gerade zu Fasching – Helau und Alaaf!

Auf dem Sprung oder toi, toi, toi!

Ich bin momentan so produktiv wie ein narkotisierter Blinddarm-Patient. Und das ist schade. Denn ich hätte eigentlich so gar nichts gegen einen straff organisierten Bürotag. Am besten mit einer Menge messbarem Output am Abend. Das wäre großartig. Denn mein Job macht mir Spaß. An To- Do Listen auf meinem Schreibtisch mangelt es auch nicht. Aber ich „arbeite“ im Home-Office, habe zwei Kinder und da ist das mit dem messbaren Output so eine Sache. Denn ich bin irgendwie immer auf dem Sprung.

Knusper, knusper Knäuschen, wer läuft da so allein zum Kindergartenhäuschen?

Das fängt schon morgens an: da springe ich wie ein australisches Känguru unter Zeitdruck mit dem Stenz im Beutel schnell zum Kindergarten, bevor ich dann wie von der Tarantel gestochen wieder zurückspringe und zu Hause einen kleinen Beuteltausch vollziehe. Die Tochter ist jetzt nämlich dran ins Auto verfrachtet zu werden, damit ich sie unter Jubelschreien zur Tagesmutter chauffieren darf. Nach Abgabe der Tochter ist mein Beutel zwar leer und manche mögen meinen, dass jetzt der produktive Teil des Tages beginnen könnte. Doch mitnichten. Denn es ist Montag Morgen und in unserem Kühlschrank herrscht gähnende Leere. Daher springe ich wie ein wild gewordener Flummi noch schnell zum Einkaufen und höre dabei unablässig so ein unangenehmes ticken im Hintergrund meines Kopfes: tick-tack, tick-tack. Die Zeit läuft, während ich die Orangen in den Einkaufswagen lege, zähle ich schon die Minuten, die mir bis zum Abholen der Sprösslinge bleiben und wäge gedanklich ab, ob es sich überhaupt noch lohnt, den Computer zu Hause anzuschalten. Wie habe ich das damals als Kind bloß überlebt? Da war niemand, der mich morgens zum Kindergarten fuhr oder gar abholte. Meine besten Freunde und ich waren uns tatsächlich auf dem Weg zum Kindergarten selbst überlassen. Ohne platt gefahren, gekidnapped, von warzigen Hexen vergiftet, von einem Dachziegel erschlagen oder plötzlich vom Blitz getroffen worden zu sein. Sogar das Abenteuer Turnen und Blockflöten-Unterricht beging ich im Alleingang auf meinen zwei Beinen. Unsere Kinder jedoch sind diesen unermesslichen Gefahren nicht mehr gewachsen. Da ist sich die heutige Mütter-Generation, und da schließe ich mich mit ein, einig.

Eine Begegnung der dritten Art: Der Toiletten-Mann und ich

Mit diesen verblüffenden Gedanken mache ich mich auf den Weg zum heimischen PC. Allerdings darf ich die Pforte zur Glück bringenden Produktivität wieder nicht durchschreiten, denn ein riesiger Toi-Toiletten-Wagen versperrt die Straße. „Oh nein, den Typen kenne ich schon.“ denke ich und balle meine Hände zu Fäusten. Unsere Straße ist leider so eng wie ein bei 90° gewaschener Rolli und macht, mit derzeit gleich zwei Großbaustellen, dem Berliner Flughafen Konkurrenz. Wunderbar. Und der Toi-Toiletten-Futzi hat die Ruhe weg. Wie beim letzten Mal. Mit einer Rolle Klopapier und einem Eimer bewaffnet schlurft er in Zeitlupe zum stillen  Örtchen auf der Baustelle, während sein LKW ein Durchkommen für mich unmöglich macht. Ich merke, wie Wut in mir aufsteigt. Das kann doch nicht sein, dass ich mir gerade überlege, dem Toiletten-Futzi an die Gurgel zu springen. Ich bin doch eigentlich ein friedlicher Mensch. Dem gestressten Flummi in mir ist meine pazifistische Grundeinstellung aber herzlich egal und ich ertappe mich, wie ich auf die Hupe drücke und zwar richtig. Kurzzeitig wacht der Toi-Futzi aus seiner schlafwandlerischen Trance auf und macht kehrt. Aber nicht, um seinen blöden Laster wegzufahren, sondern um seelenruhig eine zweite Klopapierrolle aus dem Wagen zu hieven. „Was für eine Provokation! Der spinnt ja! Das ist ja mal wieder typisch Mann. Der glaubt, ihm gehört die Welt.“ Ich bin sauer. Ich, an seiner Stelle hätte freundlichst um Vergebung gebeten, hätte das Klo-Vehikel umgeparkt und dann meine Arbeit verrichtet. Man will ja niemanden den Tag versauen. Und was macht diese schleichende Schildkröte? Nachdem er sich gefühlte Stunden im Klohäuschen versteckt, steuert er auf mich zu, um mich mal so richtig und frontal zu beschimpfen. „Tief durchatmen!“ befehle ich mir. Ich habe doch kürzlich im Wartezimmer so einen Artikel gelesen, über Liebe, die man seinem Nächsten schenken soll, gerade im Straßenverkehr. Ich versuche es wirklich mit aller Kraft, lasse dann aber doch das Wagenfenster runter und schimpfe zurück. Oh man, was passiert  denn hier? Das Leben hat es mit mir bislang wahrlich gut gemeint.  Was soll denn diese entgleiste Situation jetzt? Streite ich mich gerade tatsächlich mit diesem Typen, der seinen Job wahrscheinlich genauso hasst wie ich die Warterei vor seinem Lokus-Wagen? Was bin ich bloß für `ne miese Ratte? Das liegt alles nur am ständigen Rumgespringe und den nicht angefangenen To Do Listen. Und so verstumme ich und versuche Liebe zu versprühen. Den Toiletten-Heini bringt mein abruptes Schweigen aus dem Konzept oder eventuell hat ihn ja auch ein fetter Strahl meiner Liebe getroffen. Vielleicht auch eher nicht. Er steigt auf jeden Fall verdattert in seinen LKW, um anschließend, mir einen Vogel zeigend abzudampfen. Ich denke, dass meine Woche auch schon mal besser angefangen hat. Nach dem Ausladen der Einkäufe und einer ersten Tasse Kaffee bleiben mir genau 25 Minuten bis zur Abholung des Stenzes. Die verplempere ich dann mit Online-Recherchen über Toi-WCs. Und für den Nachmittag nehme ich mir feste vor,  beim Fußballtraining meines Sohnes einfach auf der Reservebank sitzen zu bleiben und mir das Rumgehüpfe von A nach B und wieder zurück zu sparen.  Stattdessen brülle ich ihm lieber ein fröhliches „Toi, toi, toi – noch ein Tor!“ zu. Produktivität wird gemeinhin ja so überschätzt!

Experiment Haustausch: geglückt!

Wir haben vor Giraffen Tränen der Freude vergossen. Wir haben über Affen gelacht, sind mit Pinguinen geschwommen und haben Wale gesichtet. Wir haben die Schönheit der Welt von oben bestaunt und den Eukalyptusbaumschatten von unten genossen. Wir sind auf Berge geklettert und haben uns im Sand versteckt. Wir haben die Wellen gejagt und der Wind hat uns fortgepustet. Das Lachen der Menschen hat uns berührt und das Licht und die Farben verzückt. Wir sind ganz nah zusammengerückt und dabei ist uns das Glück, dieses flüchtig unberechenbare Ding auf die Schliche gekommen. Es ist uns nicht mehr von der Seite gewichen – ganz so als hätten wir es für die Ewigkeit gepachtet. Und auch wenn es uns wieder verlässt, die Momente, die uns das Glück für unsere kleine Ewigkeit festhalten, bleiben. Nichts anderes habe ich mir gewünscht: Erinnerungen, die das Herz zum Hüpfen bringen.

Reisen – ein Weichspüler für die Seele

Südafrika hat mich weichgespült und ich gleiche seit Wochen einem tropfenden Schwamm, der bei jeder Gelegenheit beseelt zu Sentimentalitäten neigt. Diese Reise hat mich daran erinnert, dass sich das Abenteuer da draußen in der Welt versteckt und nur selten durch’s heimische Wohnzimmer stapft. Auch wenn es dort ganz schön gemütlich ist. Wann hatte ich das bloß vergessen? Irgendwann zwischen Arbeit, Nestbau und Kinderkriegen. Ja doch, es hockt im Busch, auf sonnenbeschienen Bergen, am rauschenden, tosenden Meer. Jeder Moment zählt, auch und gerade dieser. Wir sind wieder neugierig geworden auf noch mehr Welt und noch mehr Himmel! Wir haben unsere Häuser und Leben mit Fremden getauscht und haben so viel dadurch gewonnen. Wir durften vier Wochen in eine andere Wirklichkeit schlüpfen. Eine lichtdurchflutete und bunte Wirklichkeit, in der ich mir vorkomme wie ein Maulwurf, der nach langer Zeit wieder den Himmel erblickt. Und selbst nach Wochen dieser Wirklichkeit zwicken wir uns morgens und fragen uns: „Ist das nicht doch alles nur ein Traum?“

Der Himmel frohlockt

Heute, da lagen wir am Meer und es kamen junge, unglaublich drahtige Surfer aus ihren unglaublich trendigen Häusern an den Strand gerannt. Sie stürzten sich mit einer Leichtigkeit und Anmut ins Meer und ritten die Wellen als wären sie halb Fisch und halb Mensch. Lichtgestalten, deren Element Wasser und Luft zugleich ist. Währenddessen saßen der Mann, die Tochter und ich wie drei lichtscheue Maulwürfe in unserer Sandmulde und staunten. Wir staunten über den Ozean, die Dünen, die Weite, die Schönheit, die uns umgab und über den Stenz, der sich mit einer Lebensfreude in die Fluten warf als gäbe es kein Morgen mehr, auch eine kleine Lichtgestalt – jedenfalls für mich! In diesem stolzen Augenblick bekam ich aus der Heimat Fotos von Raureif und toten Ästen geschickt und ich dachte mir: „Das einzig nicht so gute an diesem Haustausch ist, dass er zu Ende geht und wir Kapstadt, diesen riesigen Abenteuerspielplatz wieder verlassen müssen.“ Dieses Sehnsuchtsziel, an dem hinter jeder Ecke, die nächste famose Überraschung hervorlugt und uns mit offenen Mündern zurücklässt. Was bleibt uns anderes übrig, als eine neue Reise zu planen? Denn der Himmel frohlockt, auch für uns Maulwürfe!