Tzüüüs! Hilfe unser Kind ist weg!

Reisen mit Kindern

„Eltern vergessen fünfjähriges Kind nach Rückkehr aus dem Urlaub am Flughafen“, so titelte unlängst ein Online Magazin. „Was für Anfänger!“ hätte ich früher empört gedacht. „So was kann doch nur Schwachsinnigen passieren!“ Ich bin mir sicher, so oder so ähnlich wäre mein leichtfertiges Urteil gewesen, bevor für mich die alles verändernde Mama-Ära angebrochen ist. Doch seit ich Mutter einer Tochter mit ausgeprägtem Freiheits- und Wandertrieb bin, weiß ich, dass so etwas passieren kann. Zwar vergessen wir unser Kind nicht unbedingt am Flughafen. Aber wir verlieren es hin und wieder. So wie wir unser Handy ab und zu verlegen, verlegen wir in sicherer Regelmäßigkeit auch unsere Tochter oder besser gesagt, sie verlegt sich selbst. Das muss irgendwie genetisch bedingt sein. Denn schon mein Bruder ging früher als Dreijähriger in einem amerikanischen Vergnügungspark verloren. Seltsamerweise waren es nicht meine Eltern oder ich, die sein Verschwinden bemerkten, sondern eine befreundete Familie. Irgendwie kamen wir unseren Freunden, kurz vor der Abfahrt aus dem Kinderparadies, so vor unserem Mietauto stehend, zu wenig vor.  Und genau wie damals meine Eltern, befinde auch ich mich allzu oft in panischer Suche nach meinem Kind. Und dass obwohl mir immer wieder Attribute einer Helikopter-Mutter attestiert werden. Es ist unglaublich, aber seit sich Louloubelle einigermaßen sicher auf zwei Beinen fortbewegt, ist ihr erklärtes Ziel, die Welt zu erkunden und ihre Lieblings-Floskel lautet: „Tzüüüss“ – was für Eingeweihte so viel wie „Und tschüs“ bedeutet.

Ready for Boarding to Reykjavik

Allerdings verabschiedet sie sich nicht immer formvollendet, sondern löst sich gerne auch mal ganz ohne Ankündigung in Luft auf, ganz wie das weiße Kaninchen im Zauberhut. Das erste Mal durften wir Ihre magischen Fähigkeiten des Vaporisierens am Flughafen von Cagliari bestaunen. Während ich mir eine kurze Verschnaufpause vor dem Abflug auf der Toilette gönnte, ging der Mann durch die Hölle. Denn Louloubelle fand am heillos überfüllten Airport Gefallen darin, sämtliche Ständer mit folkloristisch-italienischen Souvenirs umzustoßen. Dabei hatten es ihr die gehäkelten Topflappen, Schlüsselanhänger und bunten Flamingo Magnete besonders angetan. Und während der Mann noch dabei war, einen der vielen umgeschmissenen Nippes-Ständer wieder aufzurichten, machte sich unser Kind frohen Mutes aus dem Staub. Erst die Shop-Besitzerin machte meine bessere Hälfte darauf aufmerksam, dass nicht nur eine große sardische Salami in ihrer Auslage fehlte, sondern scheinbar auch unsere Tochter. Dass sich just zu diesem Zeitpunkt ganz Europa in unserer Abflughalle versammelte, machte das Wiederauffinden unseres Kindes nicht einfacher. Glücklicherweise konnte der Mann die kleine Ausreißerin samt ihrem Salami-Proviant dann gerade noch vom Boarding einer Maschine nach Reykjavik abhalten. Die italienische Hitze war aber auch kaum auszuhalten, da hätte sich ein kleiner Abstecher ins kühle Island sicher gelohnt!

Abrakadabra Verschwindibus

Keine Ahnung, was sich unsere Tochter bei ihren Alleingängen durch die Welt so denkt. Bei unserer letzten längeren Reise in Südtirol wurde ihr vielleicht der familiäre Packstress und die Hektik der bevorstehenden Abreise ins nächste Wellnesshotel zu viel. Denn während ich gerade unsere sieben Milliarden Reiseutensilien in ungefähr drei Millionen Koffer, Rucksäcke und Beutel verstaute und vertieft dem Gedanken nachhing, wie einfach so ein Hotelwechsel doch früher in kinderlosen Zeiten vonstatten ging, klopfte es plötzlich an unserer Hoteltür. Vor mir stand eine Dame mittleren Alters, die mich zu meiner großen Überraschung bat, meine Tochter in ihrem Bad abzuholen. „Ihre Tochter ist entzückend, aber wissen Sie, wir müssen jetzt wirklich los, wären Sie daher so lieb und kommen kurz rüber?“ Hoppla, so alt war die Dame doch auch wieder nicht, dass sie schon erste Anzeichen von Senilität aufwies, oder doch? „Entschuldigen Sie, aber da müssen Sie uns verwechseln! Meine Tochter spielt im Wohnzimmer mit unserem Sohn, sehen Sie doch!“ Oder sehen Sie eben auch nicht. Während der Stenz seinen Füßen gerade ein Schaumbad im Bidet des Hotelbades angedeihen ließ, fehlte von unserer Tochter auch nach längerem Suchen jede Spur. Allerdings stand die Terrassentür sperrangelweit offen. So ist unsere Tochter, die sich wohl nach etwas Ruhe vom familiären Chaos sehnte, über unsere Terrasse in das nachbarliche Hotelzimmer getürmt, um sich dort vom liebenswerten älteren Ehepaar mit Schokoladen-Drops füttern zu lassen. Jedenfalls hätte jeder Hamster beim Anblick ihrer prall gefüllten Backen einen Neid-Anfall bekommen. Und weil es so schön bei den Nachbarn war, ließ sie sich nur schwer von einer Übersiedlung zurück zu uns überzeugen. Ganz wie der gestresste Hund einer Freundin mit drei lauten Kindern, der sich immer zum Schlafen zu den ruhigen Rentnern gegenüber verdrückt, genoss meine Tochter ihre kleine kulinarische Verwöhn-Auszeit ebenfalls sichtlich.

„Maus“ und „Muhs“ nehmt Euch in Acht!

Und auch zu Hause, unternimmt mein Zweitgeborenes zuweilen gerne mal abwechslungsreiche Exkursionen. So schleicht sie sich immer wieder unbemerkt aus unserem Haus, um im Garten getigerte „Maus“ beim Mäusefangen zu stören, sich an glückliche „Muhs“ auf der Nachbarwiese ranzupirschen oder erwartungsfroh vor der Haustüre ihrer Freundin zu stehen. Sie ist unternehmungslustig und ich habe schwache Nerven. Daher werde ich zukünftig wohl unsere Haustür mit Schloss und Riegel versiegeln und für alle weiteren Reisen, da besorge ich mir auf Anraten einer Freundin ‘nen Kinderrucksack mit `ner Leine dran. Das klingt hart, aber ich will sicher gehen, dass sie beim nächsten Mal nicht doch den Flug nach Reykjavik erwischt!

Erwischt!

Der Mann und ich verstecken uns gerade hinter den Himbeerbüschen in der hintersten Ecke unseres Gartens und machen uns im Klandestinen über einen dicken fetten Blaubeer-Muffin her. Ein wunderbarer Blaubeer-Muffin. Mit ganz viel Crumble. Der letzte Muffin, den der Mann heute kurz vor Ladenschluss bei seinem Beutezug durch den deutschen Einzelhandel auftreiben konnte. Leider. Schon beim bloßen Anblick lief uns beiden das Wasser im Mund zusammen und uns war klar, dieser eine köstliche Muffin würde in seiner vollen Pracht ausnahmsweise mal nur zwischen uns beiden geteilt. Beim schnellen Verschlingen kommen wir uns vor, wie zwei hungrige Löwen, die während der letzten Dürre um ein Haar verendet wären. „Schnell, sie kommen, ich wisch‘ Dir noch die Krümel aus den Mundwinkeln und hör‘ bloß mit den Kaugeräuschen auf, sonst sind wir erledigt!“ zische ich panisch dem Vater meiner Kinder entgegen, während mir eine dicke Blaubeere unzerkaut im Halse steckt. „Was habt ihr gerade gegessen?“ Du meine Güte, der Stenz klingt wie ein mittelalterlicher Inquisitor und wir schauen so bedröppelt aus der Wäsche als wären wir gerade aufgrund von Ketzerei zur Hinrichtung verurteilt.

Der Zauber-Koffer, das himmlische Gastgeschenk, das durch den Nabel kommt

Dabei hatte ich heute wirklich einen herausfordernden Tag und hätte mir, wie ich finde, den letzten Blaubeer-Muffin mehr als redlich, sogar alleine verdient. Denn mein Morgen begann bereits mit einem Gespräch der besonderen Art: „Mama, wie konnte Louloubelle mir eigentlich den Zauber-Koffer mitbringen als sie geboren wurde?“ Wie hat sie das geschafft, mit Zauberhut, Zauberhandschuhen und Zauberstab aus dem Bauchnabel zu schlüpfen?“ Als Hintergrundinformation sollte der werte Leser wissen, dass unsere Tochter ihrem Bruder zum Auftakt ihres Erdendaseins einen Magier-Koffer aus den himmlischen Gefilden mitbrachte. Quasi als aufmerksames Gastgeschenk für eine immerwährend gute Bruder-Schwester-Beziehung. „Hmm, das ist eine hervorragende Frage.“ Während ich mich diesen Satz sagen höre, überlege ich mir, ob ich jetzt so vor dem ersten Kaffee Lust auf ein sanftes Aufklärungsgespräch habe. Ich habe keine Lust. Der Stenz liebt es an den Weihnachtsmann zu glauben, warum soll er dann nicht auch noch ein bisschen an dem Gedanken festhalten, dass seine liebreizende Schwester keine Kosten und Mühen gescheut hat und sich samt Magier-Koffer durch den Bauchnabel quetschte. Und während ich so langsam zu dem Schluss komme, dass ich ohne Koffein erstmal jegliche Aussage verweigere, erklärt sich der Stenz auf wundersame Weise das geschwisterliche Mitbringsel selbst. „Mama, ich glaube, Louloubelle ging in Deinem Bauch extra für mich einkaufen“. Es geht doch nichts über eine blühende Phantasie. „Ja, genau so war es“ höre ich mich verlogen sagen und schlürfe ein wenig schuldbewusst an meinem Kaffee.

„Du hast so wunderschöne Glubschaugen…“

Im Laufe des Tages nehmen meine Schuldgefühle dann doch zu und ich kläre meinen Sohn darüber auf, dass seine Schwester nicht wirklich aus dem Bauchnabel kam. Als er den wahren Ursprungsort unseres Wonneproppens erfährt, entgegnet er vollkommen entgeistert: „Ach Mama, erzähl doch bitte keinen Quatsch! So was Komisches habe ich ja noch nie gehört.“ Doch manchmal muss die Wahrheit einfach sein, so grotesk sie für einen Fünfjährigen auch anmutet. Und nach mehrmaligem Insistieren, dass das tatsächlich die Wahrheit sei, steckt sich der Stenz ein neues sehr ambitioniertes Ziel: „Mama, wenn ich groß bin, will ich auch, dass aus meinem Pipimäuschen ein Baby kommt.“ Na dann. Das nennt man wohl eine erfolgreiche Gesprächsentwicklung. Bei so viel Überraschendem, konnte die Frage, wie seine Schwester im Bauch zum Zauberkoffer kam, bis auf Weiteres unbeantwortet bleiben. Die Hauptsache ist doch, dass sich die beiden heiß und innig lieben. Als Zeichen seiner immensen Zuneigung, machte der Stenz seiner Schwester diesen Sommer ein besonders charmantes Kompliment: „Ach Louloubelle, Du hast so wunderschöne Glubschaugen, die sind wirklich phantastisch.“ Dabei richtete er dieses Bonmot gerade zu der Zeit an seine Schwester, als Özil in aller Munde war. Nicht ganz so gut wie unsere Tochter mit dem Stenz, versteht sich der Freund meines Sohnes mit seiner großen Schwester. Auf die Frage, ob er denn von seiner älteren Schwester viel Playmobil oder Lego erbe, entgegnete er nur knapp: „Ne, von der bekomme ich nur alte Kleider oder Schläge.“

Fernsehen macht dumm!

Bei dem Gedanken an diese furchterregende „Erbschaft“ muss ich am Abend unwillkürlich lachen, während ich leise auf Zehenspitzen vom Kinderzimmer zum Fernseher schleiche. Nicht aber ohne vorher noch einen kleinen Umweg in die Küche einzulegen. Ich schließe alle Türen und gehe vor dem Fernseher meiner Sucht nach Transfetten ungehindert nach. Dabei versuche ich möglichst leise mit der Chips-Tüte zu rascheln. Leider vergeblich. Der Stenz biegt plötzlich um die Ecke und wirft mir wutentbrannt entgegen: „Mama, Du machst es Dir hier gemütlich, dabei musst Du doch warten bis ich eingeschlafen bin. Und überhaupt wirst Du vom Fernsehen schauen ganz dumm!“ „Aber ich gucke doch einen französischen Film mit Untertiteln, davon wird die Mama schlau!“ entgegne ich matt, während ich den Fernseher ausschalte und meinem abendlichen Dienst nachkomme, am Stenz’schen Bett Wache zu halten.

Achtung, Achtung:

An alle angehenden Eltern da draußen, bevor Euer Baby aus dem Bauchnabel schlüpft, esst so viele Muffins wie ihr könnt und schaut Euch Eure Lieblings-Serien in Endlos-Schleife an. Denn ganz bald ist Schluss damit!

Hai-Attacke im Bayerischen Wald oder Badespaß de luxe

Badespaß de luxe

Der Stenz liebt Geschichten von Haien. Das mag auch an meinem Mann liegen. Denn durch seine älteren Brüder, kam er schon im zarten Grundschulalter in den Genuss, den „Weißen Hai“ in seiner gesamten Schauerlichkeit zu bewundern. Seine Brüder dachten wohl, dass dieser aquatische Horror genau die richtige Einschlafhilfe für den kleinen Bruder sei, während die Eltern fröhlich ausgingen. Aber ganz im Gegenteil, mehr als dreißig Jahre später erzählt der Mann dem Stenz immer wieder gerne von seiner traumatischen Filmerfahrung. Und da ich Fernsehen im Allgemeinen und den „Weißen Hai“ im Besonderen als Kinderunterhaltung irgendwie ungeeignet finde, bleibt dem Stenz bis auf weiteres das Hai-Massaker verwehrt. Doch mich beschleicht hin und wieder das Gefühl, dass mein Sohn, inspiriert durch die blutrünstigen Erzählungen seines Vaters, in Gewässern, allen voran in Schwimmbädern, die ein oder andere Szene des Blockbusters gerne mal selbst nachspielt, sodass auch ich, immer wieder ein paar prickelnde Gänsehautmomente erleben darf.

Blutige Apokalypse am Beckenrand

So weilten wir vor ein paar Monaten im Bayerischen Wald. Nach zwei relativ ereignislosen Tagen in denen meine Tochter eine symbiotische Beziehung mit einem weißen Gummischwan einging, fühlte ich mich plötzlich an den US-Kinoklassiker erinnert. Dabei fing unser Nachmittag im Hotelpool so beschaulich an. Meine Tochter saß stolz wie Bolle in ihrem weißen Gummischwan und füßelte sich mit der Anmut einer Ballerina durch das warme Nass, ganz so als müsste sie sich für Schwanensee qualifizieren. Der Stenz war ebenfalls in Hochform und tauchte mit dem Gummischwan um die Wette. Doch dann wurde das fröhliche Plantschen jäh unterbrochen. Der Stenz musste mal. Also löste ich meine Tochter unter lautstarkem Protest aus der Umklammerung vom Schwanenhals, um anschließend den Stenz einhändig von seinem Schwimmgürtel zu befreien und abzutrocknen. Einhändig, weil meine Tochter nur auf meinen Armen weilen mochte. Und während ich selbst noch wie ein begossener Pudel mit Übergepäck dastand, klirrte es plötzlich gewaltig und die Wasserflasche, die uns vor der Dehydrierung an diesem Nachmittag bewahren sollte, zerbarst in tausend Scherben. Herrlich. Und da mein Sohn besonders wohl erzogen ist, begann er die Scherben sofort aufzulesen. Ich wollte gerade noch lauthals warnen: „Bloß nix anfassen und Schuhe anziehen!“ da tauchte das Hallenbad im beschaulichen Bayerischen Wald schon in dunkelrotes Blut, ganz so als hätte die weiße Meeres-Bestie mit geballter Brutalität zugeschlagen. Wundervoll. Der Stenz fing an zu weinen, da er sein baldiges Ableben durch die Wunde an seinem Finger befürchtete. Louloubelle schlug aus reiner Solidarität in das apokalyptische Geheul mit ein und ich kam mir vor wie in einem schlechten Kubrick Film. Habe ich schon erwähnt, dass ich Schwimmbad-Nachmittage mit meinen Kindern liebe?

Das Babybecken – ein Garant für grenzenlosen Badespaß!

Doch nicht nur im Bayerischen Wald, auch in meiner Heimat, im schönen Mainz, kann man herrliche Freibad-Tage verbringen. Das Babybecken ist dabei eine Spielwiese für unermesslichen Badespaß. Da darf man bäuchlings kleine Rutschen runter sausen oder imaginäre Pflänzchen mit der Mini-Gießkanne wässern. Außerdem lassen sich ausgiebige Tattoo-Studien realisieren und es ist auch erstaunlich mitanzusehen, wie schnell die eigenen Füße im ca. 15 Zentimeter tiefen Nass, das hin und wieder eine bedrohliche Gelbfärbung annimmt, bis zur Unkenntlichkeit verschrumpeln, während der Kopf bei 37°C im Schatten langsam einer roten Ampel gleicht. Aber so ein Freibad ist mal abgesehen vom Babybecken wirklich was Feines, vor allem wenn es richtig lange und steile Rutschen gibt. Und die rasten der Stenz und ich in Dauerschleife und Karacho runter. Während Oma mit Louloubelle langsam aber sicher im Babybecken verschrumpelte, hatten mein Sohn und ich den Spaß unseres Lebens.

SOS – Bademeister verzweifelt gesucht!

Bis er plötzlich auf dem Weg zu einer weiteren gigantischen Wasserrutsche stolperte und perfekter Weise auf die Kante einer Treppenstufe fiel. Mir schien, als würde das Knie einmal kurz in der Mitte entzweit. Ein herrlicher Anblick für jemanden, der schon bei Zahnfleischbluten den Anflug einer leichten Ohnmacht verspürt. Aber es hilft ja nix. Den Stenz auf den Arm genommen und im Sauseschritt zum Bademeister-Häuschen gehechtet. Ich wusste gar nicht, dass verschrumpelten Füße so schnell rennen können. Blöd nur, wenn das Bademeister-Häuschen nicht besetzt ist. Egal, ein bisschen hysterisches Schreien hat noch keinem geschadet. Vor allem dann nicht, wenn das Geschrei durch eine rote Blut-Fontäne visuell und das Stenz`sche Wimmern akustisch untermalt wird. Da wird dann plötzlich auch bei den Mitbadenden ein bisschen Adrenalin ausgeschüttet. Vielleicht wäre die rettende Hilfe noch schneller gekommen, wenn ich „der Weiße Hai, der Weiße Hai!“ gebrüllt hätte. Aber mir war irgendwie nicht nach Späßchen. Die Bademeisterin kam dann aber zum Glück irgendwann auch angetrottet. Während ich mich beim Anblick des Stenz’schen Knies am liebsten mehrfach übergeben und dann aus dem Staub gemacht hätte, klammerte und pflasterte sie beherzt und riet mir doch lieber einen Profi zu konsultieren, da das Ganze auf jeden Fall Potenzial hätte, genäht zu werden. Nicht gerade aufbauend, weder für den Stenz noch für mich.

Surprise, surprise: Krankenwagen-Inspektion

Ach ja und da waren ja auch noch Oma und meine Tochter, die mittlerweile kurz vor dem akuten Schrumpeltot stehen mussten. Ich legte also mal wieder einen halsbrecherischen Galopp durch das 20 ha große Freibad-Areal ein und verkündete Oma samt Tochter die frohe Botschaft, dass uns ein munterer Ausflug ins Krankenhaus bevorstünde. Die Freude war auf allen Seiten unermesslich! Denn es macht riesigen Spaß bei siedender Hitze ein Kleinkind, einen höchst alarmierten Fünfjährigen mit Platzwunde und sieben Millionen Badesachen durch die rheinhessische Provinz bis zum Auto zu tragen. Denn der Stenz durfte aufgrund erneuter Blut-Fontänen-Gefahr keinesfalls selbst laufen. Es ist außerdem überflüssig zu erwähnen, dass man morgens nur einen Parkplatz in kilometerweiter Entfernung des Schwimmbad-Eingangs gefunden hatte. Doch Oma und ich haben das Ganze souverän gewuppt. Und es gelang uns sogar noch auf Anraten der Bademeisterin, zwei Rettungssanitäter über die Platzwunde schauen zu lassen. Welch‘ ein Highlight an diesem von unerwarteten Überraschungen gespickten Tag. So durften wir nicht nur im Bademeister-Häuschen, sondern auch noch in einem Krankenwagen Platz nehmen. Leider rieten uns auch die Sanitäter dringend zum Hospital-Besuch.

Eine Runde Gummibärchen für Alle

Völlig ermattet, rotgesichtig und Schweiß gebadet liefen Oma, eine mittlerweile leicht unterzuckerte aber immer noch hervorragend gelaunte Louloubelle, ein ängstlicher Stenz und ich durch die heilsbringende Krankenhaus-Pforte. Während ich den Stenz so auf meinen Armen trug, hatte ich Gelegenheit, ihn von den unermesslichen Vorteilen des Nähens einer Platzwunde zu überzeugen. Erstaunlicherweise sah er dem Nähvorgang gar nicht mehr so beklommen entgegen und zeigte sogar eine gewisse Neugier auf die vielen Spritzen und das lustige Nähzeug des Kinderarztes. Dieser betrat das Krankenzimmer dann bestens gelaunt und verkündete nach Sichtung der Wunde mit rheinhessischem Charme. „Also, wenn das mein Kind wäre, würde ich ihm nur ein Pflaster auf die Wunde kleben und gut wär‘s! Aber weil Sie ja scheinbar keine Kosten und Mühen gescheut haben, und hier mit Sack und Pack aufgetaucht sind, gehe ich für Sie die Extrameile und klebe die Wunde! Außerdem bekommt ihr tapferes Kind noch `ne Tüte Gummibärchen, wollen Sie auch eine? Ich glaube, verdient hätten Sie es!“ „Au ja her damit, und wissen Sie zufälligerweise, wann endlich mal wieder so eine richtig fiese Kaltfront nach Deutschland zieht? Ich fürchte mich nämlich vor dem nächsten Schwimmbad-Besuch,  beinahe genauso wie vor Spielbergs Weißem Hai!“

 

Where goes it to the beach?

Ein Strand-Tag mit Kids

Der Auszug aus Ägypten kann beginnen. Schon allein das Packen von sieben Trilliarden Badetaschen für den Strand kommt in unserer Familie einer zeitraubenden Doktorarbeit gleich, die sich in folgende Kapitel gliedert:

I) Sonnenschutz-Gedöns
II) Beach Entertainment
III) Lecker Strandhappen

kleine weiße neopren gespenster 

So beginne ich mit der Bearbeitung des ersten Gliederungspunktes und beantworte folgende Fragestellungen: Sind für alle Sonnenhüte im Gepäck? Und auch die obligatorischen Ersatzhüte? Denn meine Familie verliert Sonnenhüte wie andere Leute Regenschirme. Wie schaut es mit den hundert unterschiedlichen Sonnencremes aus? A propos Sonnenschutz, habe ich schon erwähnt, dass ich das Eincremen meiner Kinder hasse? „Bitte, bitte Stenz stillstehen, bitte kannst Du Dich kurz zu mir umdrehen?“ Diesen Satz bete ich während des Eincreme Manövers unzählige Male mantramäßig herunter, bevor ich zum Sprint ansetze, um meiner Tochter im Schweinsgalopp hinterher zu hechten, da sie sich bei der Ankündigung „Louloubelle eincremen!“ erst mal spontan aus dem Staub macht. Habe ich sie eingefangen, besteht sie darauf, meine Uhr, meinen Bikini und auch meine Haare gleichermaßen mit Sonnenmilch zu behandeln. Gerade letztere könnten in Anbetracht ihrer Strohigkeit ein wenig Sonnenschutz vertragen, so jedenfalls denkt sich wohl meine Tochter. Ist es dann vollbracht und meine Sprösslinge unter einer Zentimeter dicken weißen Cremeschicht begraben, beginnt das Suchen der unterschiedlichen Neopren Shirts und Shorts. Denn die kleinen milchig ausschauenden Gespenster brauchen für einen Tag am Strand ja noch das passende Gewand! Ach, was muss das ungeschützte Sonnenbaden zu Großmutters Zeiten noch herrlich gewesen sein!

Das Krokodil: hüter des Strandhauses

Nach Abschluss des Sonnenschutz-Kapitels beginnt die Zusammenstellung des Entertainment und Sport-Utensils. „Nein, Stenz, die Flossen und deinen Schnorchel samt Taucherbrille brauchst du an diesem Strand nicht!“ Der Mann ächzt und stöhnt im Hintergrund und verkündet baldigen Wadenkrampf, verursacht durch das Aufblasen der Luftmatratze via Blasebalg. “Aber dann will ich wenigstens mein großes Krokodil zum Reiten mitnehmen!” quengelt der Sohn mit dem Vater um die Wette. “Wer soll das denn alles schleppen?” unterbricht der Mann sein Aufblas-Gejammere. “Wir haben ja auch noch zwei Sonnenschirme, das Zelt und die Luftmatratze – nein, das Krokodil bleibt zu Hause und bewacht unser Häuschen”, versuche ich dem Stenz zu erklären. “Ok, gut Mama.” Wow, das war einfach, ich glaube es kaum, dass dieser Erklärung keine langwierige Debatte folgte. “Aber meinen Eimer, Schaufel, Bagger und ach ja, das Fischernetz müssen unbedingt mit!”

Mit „Essen auf Rädern“ zum Strand

Ich genehmige sämtliche, für eine Fischgroßfang-Aktion benötigten Angler Accessoires, und beginne mit den kulinarischen Vorbereitungen für die bevorstehende Strand Exkursion. Noch schnell ein kleines Salätchen gezaubert, während Teile von mir in der ca. 45 Grad heißen Küche immer wieder ins Fischernetz geraten und ich meine Tochter davon abhalte, sämtliche, von unserem Vermieter als Deko-Elemente aufgestellten Muscheln in den Mülleimer zu schmeißen. Noch eine Wagenladung Bananen eingepackt, Cracker, Babyflaschen und ca. Dreiliter Wasserflaschen und schwuppdiwupp, schon sind wir bereit. Ich komme mir vor, wie ein „Essen auf Rädern“ Lieferant. Wie schnell das immer geht! Ein Blick auf die Uhr verrät, dass wir nur lächerliche anderthalb Stunden mit Packen beschäftigt waren.Mit unserer Strand-Ausstattung könnten wir locker das nächste halbe Jahr am Meer kampieren. Mit welcher Leichtigkeit beging ich doch früher einen Beach-Tag: Ein Handtuch, ein Buch, Wasser und das war’s. Mensch, jetzt hätte ich fast die Handtücher vergessen. Ich frage mich mittlerweile, warum wir uns eigentlich nicht einfach wieder an „unseren“ Strand direkt vor der Haustür fläzen? Hier sind wir immer alleine, müssen nichts packen und schnorcheln kann man auch.

Der Kampf um die letzte freie Strandparzelle ist eröffnet

Ach ja, am anderen Strand ist die Farbe des Meeres so unglaublich Türkis! Was ein absolut bekloppter Grund schimpfe ich leise vor mich hin, während ich mit Louloubelle auf dem einen Arm, einer ca. 20 kg schweren Strandtasche in der anderen Armbeuge und einem Strandzelt um den Hals, gefolgt von einem ebenso schwer beladenen Mann und einem heroisch schleppenden Stenz über glühend heißen Sand stapfe auf der verzweifelten Suche nach einem freien Strandplätzchen in der Front Row. Leider sind eben diese Plätze an dem ach so Türkis schimmerndem Meer heute rar gesät. Das einzig freie Eckchen Sand direkt am fluoreszierenden Ozean erspähen wir vor dem Wassersport Verleih. Na ja, die werden schon nicht so sein. Doch, leider sind sie so! Allerdings erst nachdem wir unsere zehn Trilliarden Taschen abgestellt, ausgeräumt und unsere Schirme und das Zelt im Schweiße unseres Angesichts aufgebaut haben. Denn erst dann werden wir von dem Wassersport-Futzi mit Schimpf und Schande vertrieben. Also ganz ehrlich von den Italienern hätte ich da mehr Souveränität und Toleranz erwartet. Ich fühle mich gerade ein bisschen wie Maria und Joseph, die für die Geburt des Heilands um Obdach betteln. “Komm, ich frag‘ mal die sympathisch dreinschauende, etwas mollige italienische Mami, ob es ihr was ausmacht, wenn wir uns schräg vor ihrem Schirm niederlassen, oder besser gesagt, Schweiß gebadet zusammenbrechen. “Do you mind?” beginne ich vorsichtig und mit unsicherer Stimme in ihre Richtung. „Noooo!!!!“ kläfft sie mir entgegen. Was eine Kuh! Das gibt‘s doch nicht! Von wegen italienische Gastfreundschaft. Bei der Verteidigung ihrer Strandparzelle versteht sie keinerlei Spaß. Mittlerweile scheint auch Loulebelle, die tonlos auf meinem Arm sitzt, meine Körperwärme bei 37 Grad im Schatten als nicht mehr ganz so Trost spendend wie sonst zu empfinden.

bloss kein peeling, der sand muss weg! 

Um Himmels Willen, ein Blick auf meine Tochter lässt mich entsetzt auffahren. Ihre Augen sind feuerrot, die Nase läuft und ihre Stirn ist übersät mit unzähligen, ziemlich ungesund aussehenden Quaddeln. Und ich ahne, dass sie sich mal wieder die Sonnencreme ins Auge gerieben hat. Das arme Hascherl. Gute Manieren hin oder her, dem Kind muss geholfen werden. Wir pflanzen uns jetzt einfach neben den feschen italienischen Opa im Tiger-Tanga, basta! Zum Glück hat er Erbarmen und zwinkert dem Stenz freudig zu. Louloubelle betten wie auf Handtücher und sie beginnt sofort mit der akribischen Säuberung ihres Körpers. Denn trotz Sonnencreme im Auge und allergischer Reaktion übersieht meine Tochter kein einziges Sandkorn, das an ihrem Körper haften bleibt. Und da bleibt viel haften. Denn dieser Strand erfreut sich nicht nur eines türkisblauen Meeres, sondern auch an besonders feinem, kleinkörnigem Puderzuckersand. So sitzt meine Zweitgeborene stoisch auf ihren Handtüchern, reinigt sich und scheint ansonsten wunschlos glücklich. Was ein wunderbares Kind. Am Strand laufen kann sie leider nicht, da sich ihre Füße partout weigern, den Sand zu berühren. Das wäre aber auch zu ärgerlich, wenn man zuvor Stunden mit der Sand-Reinigung verbracht hat. So tragen wir unser „Königs-Baby“ sänftengleich für einen erfrischenden Location-Wechsel immer wieder zum Meer und betten sie sanft auf der Luftmatratze. Zu dieser entwickelt sie auf Anhieb ein ähnlich inniges Verhältnis wie zu unseren Handtüchern. Sie möchte am liebsten gar nicht mehr runter. Freudestrahlend und glucksend blickt Sie in die schimmernde Ferne. So hat sich unser kleiner Ausflug vollends gelohnt. Wir Glückskinder! Hach, das Meer hier ist aber auch wirklich sagenhaft Türkis!

Invasion der Hottentotten oder warum ich Picknicks liebe

Essen mit Kindern

Ich habe den Eindruck, dass sich mein Dasein, seit ich Kinder habe, darauf beschränkt, Essen heranzukarren, Essen in irgendeiner Form zu verarbeiten, Essen aufzudecken, Essen abzudecken und Essen vom Boden, den Wänden, den Stühlen, den Tischen und sogar den Fenstern abzukratzen. Auch das Entfernen von Essensresten auf T-Shirts, Kleidchen und Hosen ist mit meiner mütterlichen Existenz verwoben, wie die morgendliche Meditation im buddhistischen Kloster. Atme ich irgendwann erleichtert auf, weil ich den letzten Krümel aus der hintersten, abstrusen Ecke unseres Hauses aufgeklaubt und entsorgt und das Spiderman T-Shirt von einem unheilvollen Fettfleck befreit habe, bricht die Nacht über mich herein und wenige Stunden später, wenn der Morgen graut, fängt der ewige Zyklus von vorne an.

Ich, die multifunktionale Wirtin

Dabei fühle ich mich als würde ich ein Gastgewerbe betreiben. Bei diesem Gastgewerbe bin ich nicht nur der herzliche Gastgeber, sondern auch Einkäufer, Koch, Kellner, Putz- und Waschfrau in Personalunion. Ich bin ein Held, ein Tausendsassa! Denn ein einfacher Vorgang wie das Essen zieht in unserem Hause einen langen Schwanz an diversen Arbeitsschritten nach sich. Das liegt daran, dass meine Gäste hin und wieder einen recht martialischen Habitat bei der Nahrungsaufnahme an den Tag legen. So werde ich fast täglich von den Hottentotten übermannt.  Gerade mein jüngster Stammgast versteht, wenn es um so elementare Dinge wie essen geht, keinerlei Spaß. Merkt meine Tochter zum Beispiel, dass sie nach dem ersten Augenaufschlag nicht wie erwartet, schnurstracks in das von mir betriebene „Lokal“ getragen wird, sondern die Wirtin zunächst den Weg in Richtung Wickelkommode einschlägt, wird der Morgen mit Zeter und Mordio klangvoll eingeläutet. Geduld ist eine Tugend, an der meine Tochter noch arbeiten muss. So beginne ich in Windeseile mit meiner morgendlichen Schnippelei diverser Obstsorten. Ist das erste Müsli angerichtet, beginnt mein Mädchen die von mir liebevoll zubereitete Vitaminbombe in sich hineinzustopfen als gäbe es kein Morgen mehr. Neutrale Beobachter könnten sogar den Eindruck gewinnen, Louloubelle hätte während ihres kurzen Erden-Daseins auf betrüblichste Weise darben müssen.

Die jungen wilden Food Artisten

Allerdings endet dieser Stopf-Prozess abrupt. Nämlich dann, wenn das zweite Müsli für den Stenz auf dem Tisch steht. Denn mein Zweitgeborenes hat einen starken Hang zum Futterneid. So als hätte sie zwanzig Brüder, die ihr das Gelbe vom Ei missgönnten. Da kann ich noch so oft versichern, dass das Stenz’sche Müsli mit denselben wertvollen Ingredienzien punktet wie ihr eigenes. Während Louloubelle brüllt und sich nach dem brüderlichen Essen verzehrt, verteidigt der Stenz schon aus Prinzip sein Frühstück. Obwohl er sich für letzteres genauso begeistert wie Donald Trump für den Umweltschutz. Die Spuren dieses ersten Frühstück-Kampfes wirken wie abstrakte Food-Art. Meine Kinder sind dabei die jungen Wilden der häuslichen Food-Art-Szene. Dabei ist das Arbeits-Outfit der jungen Künstlerin bemerkenswert. Um ihren Hals baumelt ein grüner, sehr kleidsamer Frosch-Latz, der als Auffangbecken von Blaubeerschalen, ausgespuckten Brotrinden, verschlabberter Milch und anderem undefinierbar Wiedergekäutem dient. Vergesse ich morgens und mittags nachlässigerweise die Säuberung dieses Auffangbeckens, fühle ich mich am Abend wie ein Fischer, der mit fetter Beute vom Meer in den Hafen einfährt. Dass die Künstlerin während ihrer Live-Food-Art-Performance in einer Art „Pferdegeschirr“ angeschnallt ihrer Passion nachkommt, ist unserer Vorsicht geschuldet. Denn die Artistin seilt sich beim Umherwerfen und Verschmieren von Lebensmitteln gerne einmal wagemutig, wie ein Bungee Jumper im Adrenalinrausch, von ihrem Kindersitz ab.

Küss‘ die Hand!

Und obwohl mein Zweitgeborenes unterhalb ihres Froschlatzes, also knieabwärts, von weit ausgebreiteten Tüchern verdeckt wird, hinterlässt sie bei jedem Mahl eine farbenfrohe Spur auf ihren Kleidern. Ob Himbeeren, Tomatensauce, Butter oder andere bunte Speisen, sie werden an ihren Gewändern und  in ihren Haaren verewigt. Es vergeht kein Tag an dem Louloubelles Garderobe am Abend nicht einen schweren Grad der Verwahrlosung aufweist. Es sei denn, ich habe zuvor hundertdreißig Mal ihre Outfits gewechselt. Allerdings habe ich, die beschäftigte Wirtin, für solcherlei Sperenzchen keine Zeit. Und auch der Stenz zieht den Ärmel, um lästige Speisereste abzuwischen, ganz klar seiner Serviette vor. Für was gibt es auch Flecken-Zwerge? Diese kleinen wundersamen Verbündeten im Kampf gegen Rinnsale jedweder Couleur begrüßen mich in der Drogerie schon mit Kusshand. Karre ich ja Wagenladungen von ihnen wöchentlich nach Hause.

„Halt’s bitte mit zwei Händen!“

Diese, von meinen Eltern oft synchron ausgerufene Phrase begleitete meinen Bruder und mich durch unsere gesamte Kindheit. Heute weiß ich warum. Denn auch ich belle sie öfter mal lautstark durch unser Haus. Während der Stenz zu meinem Erstaunen mit immer gesitteteren Tischmanieren bei fester Nahrungsaufnahme aufwartet (mal ausgenommen des Käse-Stangen-Massakers, das er vor kurzem unbemerkt veranstaltete) erleben wir bei seiner flüssigen Nahrungsaufnahme leider immer wieder herbe Rückschläge. Und da sich  auch meine Tochter momentan hemmungslos selbst überschätzt und auf selbständiges Trinken aus Bechern beharrt, breiten sich in unserem Heim Wasser-, Apfelsaft- und Milchlachen ozeangleich aus. Und ich bin mir sicher, es kommt der Tag, an dem wir in einer der Lachen ertrinken oder auf ewig festkleben.

Aas-Beseitigung oder Fischstäbchen-Weitspucken 

Doch nun hat, Yippie, yippie yeah die Outdoor-Saison endlich begonnen. Und das ist nicht nur fabelhaft, weil mir süßer Blumenduft in die Nase steigt, der See für frische Abkühlung sorgt und sich die Sonne auf meiner Haut so wohlig anfühlt. Nein, ein wunderbarer Grund ebenfalls den Sommer zu bejubeln ist, dass meine Kinder endlich wieder draußen essen. Hier, unter freiem Himmel versickern sämtliche Lachen, Krümel und wiedergekäuten Nudelreste auf wundersame Weise im Erdreich. Kein Wunder also, dass lustige Outdoor-Picknicks seit April zu unserem kulinarischen Familien-Alltag gehören wie das bunt schillernde Gefieder zum Papagei. Denn hey, hier draußen auf unserer Terrasse ist es vollkommen wurscht ob selbige nach unten fällt. Wurde in den karg-krümeligen Wintermonaten unser Kehrbesen zu meinem treuen Lover, habe ich ihn bei Sonnenschein mit dem heißblütigen Gartenschlauch eingetauscht. Denn auf unserer Terrasse, kann man einfach alles wegsprühen. So dachte ich zumindest. Bis uns kürzlich mein Schwager besuchte. Wir mampften gerade in glücklicher Eintracht die letzten Reste der süßen Geburtstags-Torte als mein Schwager beim Kauen plötzlich innehielt und angewidert sagte: „Was riecht denn hier so grauenvoll? Das ist ja unerträglich! Kann es sein, dass unter Eurem Terrassentisch gerade ein toter Fisch vergammelt? Ihr müsst das Aas unbedingt finden und beseitigen!“ Herrlich, wenn diese gepflegte Tisch-Konversation mal nicht appetitanregend wirkt. Aber leider hatte mein Schwager recht. Nur gut, dass wir für eine Woche verreisten. Denn wenn ich die Wahl habe, zwischen Aas aufzuspüren und zu beseitigen, dann packe ich lieber meine Koffer und entscheide mich für’s Schreiben. Ist so. Kann ich nicht ändern. Und manche Probleme lösen sich ja bekanntlich von selbst. Und so picknicken wir nach unserer Reise munter weiter. Nur wenn sich meine Kinder mal wieder im Fischstäbchen Weitspucken am Terrassentisch üben, greife ich schnell und vehement ein!

Rebellion an der Kleiderfront

Kleider und Kinder

Es sind die immer gleichen Fragen, die Mamas und Papas überall auf der Welt bewegen. Wie bringe ich mein Kind zum Schlafen bevor ich mich selbst, vor Müdigkeit unberechenbar geworden, in einem Erdloch verstecke mit der Aufschrift: „Bitte die nächsten sechs Jahre nicht stören, ich halte Winterschlaf!“ Wie überstehe ich das gemeinsame Essen mit Kleinkindern ohne im klebrigen Allerlei zu ersticken oder noch schlimmer, ohne einen furchteinflößenden Fetisch für Handstaubsauger und Kehrbesen zu entwickeln? Oder wie bringe ich meinen Nachwuchs dazu, sich konventionell und der Saison entsprechend zu kleiden? Eine ganz heikle Frage! Das merkte auch eine Schweizerin, deren Buch mich sehr amüsierte. Ihre dreijährige Tochter wählte zum morgendlichen Einkauf das folgende moderne Sommer-Outfit: knallbunter Badeanzug lässig kombiniert mit farbenfrohen Gummistiefeln und einer Kette aus selbst gebastelten Tampons. Auch wenn der Stenz gerne mal eine Duschhaube als trendige Kopfbedeckung trägt, ist sein Modebewusstsein lange nicht so avantgardistisch wie das der kleinen Schweizer Fashionista. Dennoch kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass das Verhältnis meines Sohnes zur Mode ein besonderes ist.

„Diese Duhe lieb‘ ich nicht“

Dass harmlos ausschauende Kleidungsstücke, wie zeitlose Turnschuhe, einen kleinen Menschen so in Rage bringen können, hätte ich vor meinem Dasein als Mama nie für möglich gehalten. „Diese Duhe (Schuhe) lieb‘ ich nicht“, erklärte mir der Stenz schon mit zwei Jahren voller Inbrunst und pfefferte die von mir heiß geliebten Mini-Chucks mit Schmackes in die Ecke. Um dann, man glaubt es nicht, mit einem breiten Lächeln in die wohl hässlichsten Schuhe der Welt, in kleine blaue Mini-Crocs zu schlüpfen. Mein Mutter- und Modeherz blutete und ich musste erst lernen, dass der Todesfeind N°1 für uns am Morgen Schuhe mit Schnürsenkeln sind. Doch nicht nur Schnürsenkel-Schuhe auch perfide Socken, die sich nach dem Aufstehen auf hinterlistige Weise dazu entschließen, mal ein bisschen Falten zu schlagen und sich an den Fußzehen ganz böse zu kringeln, verwandeln mein Kind in Etwas, das mich ängstigt und zur Überlegung bringt, einen Exorzisten zu rufen. „Endlich mal ein bisschen Ramba Zamba hier im Haus“, denken sich die blöden Socken und lachen hämisch in ihre Käsefuß-Aura. Auch lokalpatriotische Bayern-Outfits müssen präzise und mit Bedacht gewählt werden. „Nein, es muss das weiß blau karierte Hemd zur Lederhose sein, ein anderes ziehe ich auf garrrrr keinen Fall an!“ Und das aus dem Mund eines Vierjährigen, der vor kurzer Zeit noch nicht mal wusste, was eine Maifeier ist (zu dieser wollte er das Outfit nämlich tragen). Dass das einzig weiß blau karierte Hemd in seinem Kleiderschrank fünf Nummern zu klein war und lediglich bis knapp über den Hals reichte, war ihm dabei völlig schnuppe. In Modefragen ist der Stenz leider komplett beratungsresistent.

4°C und Sonnenschein, ideal zum Tragen der neuesten Sommermode

Ein weiteres hoch explosives Minenfeld, das unsere heimische Ankleide in ein Krisengebiet verwandelt, ist die Länge seiner Hosen und Shirts. Lange Beinkleider sind für den Stenz, seit die Märzsonne den bayerischen Tiefschnee sanft hinwegtaute, ein absolutes No Go. Die mütterliche Anordnung, bei Außentemperaturen von 4°C doch bitte die lange Hose anzuziehen, erscheint dem Stenz ähnlich absurd wie der Befehl auf unser Dach zu steigen um von dort zum Kindergarten zu fliegen. „Aber Mami, es scheint doch die Sonne, da muss ich kurze Hosen anziehen!“ startet mein Sohn seine sinnige Argumentationskette. Dabei beschleicht mich so eine leise Ahnung, warum der Stenz so seltsam in Mode-Dingen tickt. Und es könnte sein, dass ich daran nicht ganz unschuldig bin.

Frühkindliches Mode-Trauma

Der Stenz hat ein Trauma. Mit anderthalb Jahren verloren wir dummerweise auf einer Reise das einzige Paar Schuhe, das wir ihm in den Urlaub mitgenommen hatten. Wir verloren es unwiederbringlich in einer italienischen Serpentine weit oberhalb des Gardasees. Auf der Zielgeraden, wenige Kilometer vor unserem ersten Urlaubsort, entschied sich der Stenz dazu, seine Treterchen im Auto wild von sich zu schmeißen und zu brüllen. Vollkommen erschöpft hielten wir an. Als wir dann endlich weiterfuhren, hatte sich der Stenz zwar immer noch nicht beruhigt, aber seine Schuhe, die ich interimsweise auf dem Autodach geparkt hatte, waren für immer im italienischen Nirgendwo verschollen. Die Hotel-Badelatschen in Größe XS aus dicker Pappe halfen uns leider nicht wirklich über den herben Verlust hinweg. Und so mussten wir uns, auf unserer zweiten Feriendestination Elba angekommen, auf die Suche nach geeignetem Ersatz machen. Nun ist, wie wir bald merkten, auf einer kleinen Insel wie Elba, das Sortiment für Kleinkind-Schuhe in etwa so umfangreich wie in der damaligen DDR die Auswahl an exotischen Früchten. Wir erwarben für ihn blaue Taucherschuhe! Aus Neopren! Tragischerweise verschlampten wir auch noch seinen Sonnenhut. Ein entsprechendes Kappen-Substitut, das wir nach langer Suche aufspürten, schillerte auffällig pink und saß schon etwas spack. So flanierte der Stenz an der Strand-Promenade mit blauen Neoprenschuhen und wenig genderneutralem, viel zu kleinem Hut.

Emanzipation von der aufoktroyierten mütterlichen Transpiration

Warum mein Sohn so gerne freies Bein zeigt liegt wohl in der Tatsache begründet, dass er seit seiner Geburt schwitzen muss. Verantwortlich für diese unfreiwillige Transpiration bin wohl ich.  Denn ich friere immer und überall. Und so greife ich gerne auch noch Ende Mai zu wärmenden Strumpfhosen. Mein Kleiderschrank beeindruckt mit einer schier unendlichen Fülle an Rollkragenpullis. Im Winter trage ich beinahe durchgehend Thermo-Unterwäsche, bevorzugt zweilagig. Das Jack Wolfskin hässliche Mäntel entwirft ist mir vollkommen wurscht, ich kaufe sie trotzdem. Hauptsache sie sind warm. Und da ich immer und überall friere, versuche ich meine Kinder vor diesem Leiden zu schützen. Und zwar indem ich sie seit ihrer Geburt in Watte packe. Ich zähle zu den Müttern, bei denen Omas, Opas und Tanten entsetzt aufschreien und vor einem kindlichen Kollaps durch Überhitzung warnen. In diesem Fall bin ich allerdings diejenige, die beratungsresistent bleibt. Papperlapapp, erfroren sind schon viele, erschwitzt ist allerdings noch keiner! Gegen dieses unsinnige, von mir ins Leben gerufene Credo, streikt aber nun der Stenz. Er geht in Watte-Pack-Revolution und verzeiht mir bis heute den Taucherschuh-Faux Pas nicht. Zu Recht! Also bei der nächsten Rebellion an der Kleiderfront werde ich mein Verschulden an der Misere unbedingt im Hinterkopf behalten. Nur für die widerspenstigen Socken, für die kann ich wirklich nix!

Über Brustwarzen-Zwirbler, Ohren-Zieher und andere Nachteulen

Schlafen ist wunderbar. Kinder, insbesondere Babys sehen das leider anders. Gerade das Einschlafen ist nicht besonders beliebt. So erfuhr ich unlängst, dass der Sohn einer Freundin nur dann sanft entschlummere, wenn er zuvor die Brustwarzen seiner Mama zwirble, ein anderes Kind zöge zum besseren Einschlafen an Mutters Ohren und wieder ein weiteres gelange nur ins Land der süßen Träume, wenn es sich wie eine Federboa um den Hals der Mama schmiege. Was machen Mütter nicht alles für ein klein wenig Schlaf? Sind sie nicht alle Heldinnen?

Ich, die engagierte Traubenstampferin

Zurzeit schlafe ich sehr gut. Das war nicht immer so. Denn auch meine Kinder verlangten, vor allem im Säuglingsalter, nach dem ein oder anderen grotesk anmutenden Einschlaf-Ritual. So sprang ich beispielsweise bei meiner Zweitgeborenen wie ein Känguru mit seinem Jungen im Beutel durch unser Wohnzimmer. Ganz so, als sei ich auf der Flucht vor einem ausgehungerten Löwen. Und wenn ich nicht gerade am Fernseher und unserer Couch vorbei sprang, dann betätigte ich mich als Traubenstampferin. So sah ich nämlich aus, als ich ganz langsam von einem Bein auf’s nächste trat, natürlich mit der Tochter im Beutel. Ganz so wie ein Hampelmann in Zeitlupe. Dabei brummte ich mit sonorer Stimme die Ur-Laute: „Alles ist gut, Mama ist da.“ Ganz tief und schwer hörte ich mich dabei an. Sowohl das Hüpfen als auch die Stimmverlagerung verlangte mir so einiges ab. Ich versuchte nämlich auf Anweisung der Hebamme genau die Tonlage zu treffen, die mein Kind im Bauch von mir vernommen hatte. Meiner Phantasie waren also keine Grenzen gesetzt. Es hört sich leichter an als es tatsächlich ist, wie ein Schwerverbrecher im Stimmbruch zu sprechen.

Nächtlicher Beutelwechsel

Doch bevor ich mit meinen Sprüngen und meinem tiefen Singsang loslegen konnte, musst erst mein Känguru-Beutel fachkundig an mich geknotet werden. Nicht dass bei meinen Hüpfern plötzlich und unerwartet mein Junges herauspurzelte – nicht auszudenken! Zum Glück wurde ich von einer Freundin in die hohe Kunst des Beutelwickelns eingewiesen. Gar nicht so einfach ein scheinbar 500 Meter langes, nicht enden wollendes Tuch an sich zu verarbeiten ohne als erste lebende Mumie in die Annalen einzugehen. Während mein Sohn drei Jahre zuvor, beim Einwickeln eine klaustrophobische Attacke erlitt und ich selbst zu ersticken drohte und daraufhin diese Einschlafmethode als absurd abschrieb, schwor ich bei meiner Tochter darauf. Es war nämlich die einzige Möglichkeit, sie zwischen ein und vier Uhr nachts wieder zum Einschlafen zu bewegen. Doch eines nachts konnte ich nicht mehr. Weder hüpfen, hampeln noch singen. Die Lösung: Der Känguru-Papa musste zur Känguru-Mama mutieren. Nachdem ich ihm unser Junges umgebunden hatte, fing er an zu stampfen. Denn für Hüpfer war er um diese unwirtliche Zeit zu müde. Er stampfte und singsangte. Allerdings schienen seine Stampfer mit meinen nicht mithalten zu können. Ich glaube, ihnen fehlte es einfach an der nötigen Grazie. Und so verlangte unsere Tochter zappelnd und weinend nach einem Beutelwechsel. Und auch wenn mein Mann damals als professionelle Einschlafhilfe morgens um halb vier versagte, so bleibt mir doch bis heute dieses wundervolle Bild des Mannes, der sich als Känguru-Mutter probierte. Und das ist Gold wert, glauben Sie mir!

Warmer Wüstenwind, der Einschlafbalsam für Säuglinge

A propos gelungenes Bild. Auch mein Sohn trug dazu bei, dass ich im hohen Alter viele fröhliche Erinnerungen vor meinem geistigen Auge Revue passieren lassen kann. Denn während meine Tochter sich dazu entschloss, lediglich zwischen der dritten und siebten Lebenswoche mitten in der Nacht lauthals Wache zu halten, schlief der Stenz genau eine Nacht. Und zwar die nach seiner Geburt. Anschließend vertrat er die Überzeugung, dass der nächtliche Schlaf überbewertet sei und entsagte ihm bis auf Weiteres fast gänzlich. Vielleicht war es auch nicht unbedingt seine Überzeugung als viel mehr sein Wille, uns, seine Eltern, in Sachen Kreativität zu schulen. Er wollte erfinderische Eltern, die sich ihre nächtliche Erholung auf trickreiche Weise verdienten. So probierten wir Pucken, Beutelhopser, Waschmaschinenfahrten und Staubsauger-Hypnose. Nichts von alledem half. Doch dann entdeckten wir dank empirischer Studien befreundeter Eltern eine, auf den ersten Blick recht aussichtsreiche Strategie. Sie bestand darin, den Stenz zu föhnen. Und so etablierte sich folgender Automatismus: Der Stenz schrie und wir föhnten. Wenige Minuten nach dem Föhnen knackte unser Kind weg. Es war wie Zauberei. Wir konnten unser Glück kaum fassen. Jubelnd lagen wir uns in den Armen. Ich war sogar kurzzeitig versucht, die Korken knallen zu lassen. Doch morgens um fünf kommt die Feierlaune schon ein bisschen schal und fad daher. Deshalb ab ins Bett und sofort schlafen. Doch „wäääääh“ –  was war das denn? Just in dem Moment als ich meine Augen schloss, begann der Stenz erneut zu brüllen. Also noch mal eine Runde föhnen. Das Problem an dieser Taktik war, dass sie nur auf den ersten Blick von Erfolg gekrönt war. Denn der Stenz’sche Schlaf war nach einer Föhn-Einheit leider nur von kurzer Dauer, sehr kurzer Dauer. Besonders schön wurde unser Föhn-Spektakel in Wellnesshotels, die ihren Gästen nicht trauten und ihnen diebische Absichten unterstellten. Denn dann war der Föhn an der Badezimmerwand fest installiert und wir sahen uns genötigt, unser greinendes Kind samt Reisebettchen zum Föhn zu bugsieren. Ebenfalls ein sehr schönes und erinnerungswürdiges Bild. Vor allem dann, wenn das Reisebett nicht durch die Badezimmertür passt. Zu meiner Entschuldigung, wir waren verzweifelt nachts um halb fünf.

Zicklein oder Känguru, was ist besser?

Die zweite, und viel nachhaltigere Strategie war die des Kinderwagenschiebens. Zu ihr waren wir nach einer Nacht, in der ich stolze 58 Föhn-Intervalle zählte und in der ich beinahe unsere Wohnung in Brand gesteckt hätte, übergegangen. Die Kinderwagen-Methode war nicht nur nachhaltiger und sicherer, sondern auch gesünder. Denn ein bisschen frische Luft hat noch niemandem geschadet. Das ist auch besser als Wüstenwind aus dem Föhn. Wobei ich mich auch fast in der Sahara wähnte als ich in einem Sommer sengender Hitze flink wie ein Zicklein von Schattenplatz zu Schattenplatz sprang. Nicht um besonders saftige Grashalme zu fressen, sondern um den Stenz im Kinderwagen in den Schlaf zu schieben. Fast 60 Minuten schob ich ihn bei 40 Grad Celsius, immer auf der dünnen Schattenlinie der Gebüsche unserer Straße balancierend, bis er dann endlich einschlief. Aber nur um nach zehn Minuten des Power Naps zu Hause wieder aufzuwachen. Doch trotz solcher Rückschläge, erwies sich der Kinderwagen für sehr lange Zeit als mein loyalster Verbündeter. Ich schob ihn auf Terrassen, in Wohnzimmern, in Gärten nachts um halb vier und kämpfte mich mit ihm durch Eis, Sturm und Schnee, nur um mein Kind zum Schlafen zu bringen. Und heute? Heute braucht es eigentlich nicht viel mehr als einen ausgetobten Tag, ein weiches Bett und die Gewissheit, dass wir ganz nah sind, damit unsere Kinder einschlafen. Sollten Sie sich also gerade dabei ertappen, irgendwo da draußen wie ein Zicklein, ein Känguru oder eine Traubenstampferin in Trance zu funktionieren, nur damit ihr Kind endlich einnickt, dann merken sie sich einfach ihren Anblick und speichern ihn ganz feste. Denn in nicht allzu langer Zeit können Sie darüber wieder lachen. Versprochen!

Spielzeuge des Grauens oder es lebe das pantomimische Spiel

Gefahr Tinnitus

Ich glaube ich werde irre. Der Grund: Spielzeuge, die direkt aus der Hölle stammen. Was herrschten früher wundervolle Zeiten als sich die Kinder mit dumpf klackernden Bauklötzen, tonlosen Puzzlen und beschaulichem Puppen-Spiel vergnügten. Auch Seilhüpfen, Gummi-Twist und Kartenspiele, die meine Jugend so glücklich und geräuschlos ausfüllten, lassen mir heute Tränen der Wehmut in die Augen steigen und verleiten mich zu nostalgischen Träumereien. Da herrschte in den Häusern und Gärten noch Stille und Beschaulichkeit. Beschaulichkeit fand heute morgen auf jeden Fall wo anders statt, nicht bei uns. 

Frieden für meine Ohros

Dabei fing der Tag so verheißungsvoll an. Louloubelle und der Stenz lagen sich nach dem Aufwachen in den Armen, küssten und herzten sich. Und bei jedem spitzen Freudenschrei meiner Tochter lachte der Stenz liebevoll und mahnte zur Mäßigung: „Pssst, Mama und Papa wollen noch ein bisschen schlafen, nicht so laut schreien kleine Schwester.“ Was habe ich doch für ein Prachtexemplar von Sohn! Die Schwester hörte allerdings nur bedingt, nämlich das Signalwort „Schreien“ und folgte der brüderlichen Anordnung stante pede durch eine nicht enden wollende Freudenschrei-Salve, die maschinenpistolengleich aus ihr herausschoss. Mein spontaner Impuls: ich schob mir die Ohropax noch weiter in meine Hörmuschel, um auch die letzten Millimeter meines Trommelfells von der feindlichen Akustik dieses rauen Morgens abzuschotten. Danach sinnierte ich über die kuriose Bedeutung von „Ohropax“. Welch‘ eine originelle Wort-Kreation: Pax, also Frieden für die Ohros. Ja, Herr, schenk mir Frieden für meine Ohros! Bitte, bitte, sofort!

Testosteron liegt in der Luft

Doch dieses Geschrei ist nur der Auftakt, sozusagen die Aufwärmphase für einen noch viel ohrenbetäubenderen Vormittag. Schlaftrunken wanke ich gen Küche als mich plötzlich von rechts etwas mit einem infernalen Lärm streift. Doch nicht nur von rechts lauert Gefahr, auch von links sind meine Füße Ziel einer gnadenlosen Attacke und meine Lauscherchen werden ein weiteres Mal in Alarmbereitschaft versetzt. Dagegen waren die Jubelrufe meiner Tochter eine Symphonie für die Sinne. Der Mann und der Stenz scheinen allerdings nicht beeinträchtigt, im Gegenteil, sie sind in ihrem Element. Und ich spüre in der Küche eine stark testosterongeschwängerte Atmosphäre, die so gar nicht ausbalanciert ist. Wem wir diese männlich aufgeladene Unheils-Ambiance zu verdanken haben? Gleich zwei laut tosenden und wild blinkenden Super-Verhikeln. Ihre schwarzen, ferngesteuerten Seelen rasen durch unser Wohnzimmer und veranlassen mich zur sofortigen Flucht in den Garten. Wie konnte sich der Stenz bloß diese mephistophelischen Bestien zum Geburtstag wünschen? Und wie konnte ich bloß so blöd sein und diese Wünsche auch noch kommunizieren?

Akustische Apokalpyse

Während ich diesem Gedanken schuldbewusst nachhänge, erweist sich meine Flucht als missglückt. Denn die gewünschte Stille wird jäh unterbrochen. Der Grund: die Mutter allen akustischen Terrors und der personifizierte Hörsturz ist mir gefolgt und zwar in Form zweier harmlos wirkender Walkie Talkies. Doch sie sehen nur auf sichere Entfernung für Taube harmlos aus. Vergiss hochfrequente Freudenschreie, laute, ferngesteuerte Motorengeräusche, diese Walkie Talkies sprengen alles, was meine nach Stille und Frieden lechzenden Ohros in letzter Zeit gehört haben. Ich wusste gar nicht, dass Töne so schmerzen können. Wie nennt man dieses akustische Inferno? Vollkommen kopflos entreiße ich dem Stenz die beiden Kommunikationsgeräte des Grauens. Allerdings mit einem katastrophalen Effekt. Die beiden Walkie Talkies drehen in meinen Händen vollkommen durch. Sie sondern plötzlich einen unberechenbaren Widerhall ab, der für menschliche Ohren das finale Aus bedeutet.  Nur eine unerwartete-Explosion in meinem Garten stelle ich mir schrecklicher vor als diese markerschütternden Interferenzen. Fingernagel-Gekratze auf ’ner Tafel ist dagegen ein Spaziergang. Zu allem Überfluss stimmt der Stenz nun auch noch in diese Kakophonie ein. Er will die Walkie Talkies nämlich um keinen Preis hergeben. Und meine Tochter? Sie hat nichts Besseres zu tun als sich in diesem erbarmungslosen Moment ein kleines, rumliegendes Polizeimotorrad zu schnappen, das mit den harschen Befehlen „Polizei, Polizei, brrrrrrrrrrrr!“ meine finale akustische Apokalypse einläutet. Um Gottes willen. Ich glaube ich werde ohnmächtig, komplett irre oder taub. Ich hätte nie gedacht, dass mir die letzte Option einmal so attraktiv erscheinen würde.

Spielzeug-Industrie, nimm‘ Dich in Acht!

In Amerika kann man doch jeden und jede wegen irgendeinem belanglosen Mist verklagen. Vielleicht sollte ich die Spielzeug-Industrie verklagen. Denn im Laufe der Zeit haben wir so allerhand tönenden Tand bekommen. Dabei waren meine Favoriten bislang: ein sächsisch lispelnder Abschlepp-Truck und eine dämonische Maske, die gruselige Echolaute beim Überstreifen von sich gibt. Besonders schön, wenn ein unschuldiges Baby auf einmal spricht wie ein seniles Ungeheuer. Wissen die Spielzeug-Futzis denn nicht, dass Eltern im wahrsten Sinne des Wortes schon genug um die Ohren haben? Da braucht man nicht noch kreischende Walkie Talkies, plärrendes Fernsteuer-Gedöns und Polizeimotorräder, die ihre diktatorischen Dogmen in die Welt hinaus posaunen. Augen auf bei der Spielzeugwahl! Die nächste Wunschliste des Stenzes wird Dinge wie Memory und Anleitungen für kreative Pantomime beinhalten. Spaß hin oder her. Und bis zum nächsten Wiegenfest? Da verstopfe ich einfach meine Ohros mit den Frieden bringenden Wachs-Bällchen. Das nenn‘ ich mal eine glorreiche Erfindung!

Frankenstein lässt grüßen

Murphy, Du alter Schuft

Kurz vor Abreisen, größeren Familienfesten oder vor wichtigen beruflichen Terminen, gerne auch im Urlaub schlägt Murphy zu. Und zwar mit einer Regelmäßigkeit, dass es mich selbst schon gruselt. Denn er sendet uns dann von irgendwoher die seltsamsten Krankheiten. Diesmal plane ich ja nicht nur eine grandiose Indianer-Party mit ebenso grandiosen Regenmachern, nein wir stehen auch kurz vor Louloubelles Taufe. Somit schlägt Murphy gleich zwei fette Fliegen mit einer Klappe, wenn er uns temporär ausknockt. Und er hat sich diesmal was ganz Feines für uns überlegt. Phantasie hat der Kerl ja. Und genau wie seine Phantasie, so blüht auch unsere Bindehautentzündung und zwar eitrig bröckelnd und rot schimmernd. Hatten wir noch nie. Aber irgendwann ist ja immer das erste Mal.

Abwarten und Tee trinken – der männliche Therapieansatz bei jedweder Malaise

Ich schleppe meinen müden Körper nach unten ins Wohnzimmer, wo mein Sohn und mein Mann gerade imaginär einen Airbus in San Francisco landen. Ich fühle mich mal wieder wie 110, die Nase läuft, der Kopf ist schwer und ich glaube, ich habe zu allem Übel auch noch einen Tennis-Arm. Keinen Tennis-Arm vom Tennis spielen, dafür bin ich viel zu schlapp. Nein, einen Tennis-Arm vom Kleinkind tragen. Ich und mein Tennis-Arm sind heute morgen jedenfalls mit dem falschen Fuß aufgestanden. Und was erspähen meine Adleraugen binnen Sekunden an diesem glorreichen Morgen? Einen fiesen roten Film über den Stenz’schen Augen. Eine Tatsache, die dem Mann vollkommen entgangen zu sein scheint. Ich spreche den Mann darauf an. Der Mann sieht nix. Außer vielleicht die Landebahn vor sich. „Wo sollen die Augen denn rot sein?“ Ich glaube, Du siehst Gespenster.“ Ich: „Na da, ist doch alles komplett rot und voller Eiter da vorne! Ich wusste es, es geht rum und jetzt hat’s uns erwischt. Das kann doch nicht wahr sein. Unser Baby wird wie Frankensteins Brut höchst persönlich über dem Taufbecken hängen.“ Der Mann hat zwischenzeitlich das Flugzeug erfolgreich gelandet und stellt seine ausschweifende Fehldiagnose: „Da ist nichts, vielleicht ein kleines Äderchen, das gestern beim Sturz vom Baum geplatzt ist. Ich würde da jetzt einfach gar nichts unternehmen und abwarten. Das ist immer das Beste. Das geht von alleine wieder weg. Das weiß ich genau!“ Gar nichts unternehmen und abwarten – welch‘ grandioser Vorschlag, und so einfach in der Umsetzung. Eine vollkommen maskuline Herangehensweise an so viele alltägliche Herausforderungen. Und auch die uns plötzlich besuchende Schwiegermama beruhigt mich mit den Worten. „Das sind nur die gelben Blütenpollen, die sich vorne am Auge sammeln. Birke und Lärche spielen momentan total verrückt. Nein, das ist doch kein Eiter! Ein bisschen Sonne, frische Luft und Schokolade und den Kindern geht‘s morgen wieder gut.“

Eiter wischen: glücklicher Zeitvertreib an sonnigen Frühlingswochenenden

Leider behalten weder der Mann noch seine Mutter mit ihren medizinischen Aussagen Recht. Und ich darf an diesem Wochenende gleich zwei Mal zur Notapotheke, um antibiotische Tropfen und Salben zu besorgen. Zwei Mal, weil jedes Kind bei dieser höchst infektiösen Augenseuche sein eigenes Set benötigt. Denn natürlich hat es meine Tochter wenige Stunden später auch erwischt. Aber es gibt, gerade bei schönem Wetter keinen besseren Zeitvertreib als sich mit Apothekern über die beste Methode der Eiter-Beseitigung am Augenlid zu unterhalten. Selten so anregende Schwätzchen gehalten. Doch der eigentliche Spaß fängt zu Hause an: Der Mann meldet sich freiwillig und ziemlich kleinlaut zum Eiter wischen und kochsalzgetränkte Kompressen legen, während ich quasi stündlich Antibiotikum in Flüssigform in des Babys und des Stenzes geschwollene Äuglein träufele. Gerade bei Louloubelle ist das Freude pur. Denn so ein 18 Monate altes Kleinkind ist natürlich sehr aufgeschlossen und verständig bei der Behandlung einer bakteriellen Bindehautentzündung.

Albino-Häschen mit Maulsperre

Dabei treibt mich vor allem die Einhaltung der strikten Hygiene-Vorkehrungen in den Wahnsinn. Meine diversen Internet-Recherchen ergaben zu meinem Schrecken, dass diese Augen-Seuche nicht nur über eine Schmierinfektion (was ein wohlklingendes Wort!), sondern auch über Tröpfcheninfektion verbreitet wird. Wie schön, dass sich Louloubelle nach der Gabe der Augentropfen nicht nur wie wild die Äuglein reibt und danach alles, was ihr in die Hände fällt anfasst, sondern auch mit Vorliebe an allem schleckt, was ableckbar ist. Das fängt bei meinem Gesicht an und hört bei sämtlichen Büchern im Regal auf. Die kleine Graugans auf dem Bilderbuch schreit aber auch förmlich nach einem feuchten Bussi. Ich bin mir sicher, sämtliche Seuchen der Menschheitsgeschichte konnten nicht verhindert werden. Da waren Kleinkinder mit im Spiel! Dabei leistet meine Tochter bei der Verbreitung dieser furchteinflößenden Augen-Pest ganze Arbeit. In ihrer Akribie steckt sie sich auch einen quadratischen Duplo-Stein in den Mund. Und zwar so, dass der Stein zu einer Art Mundsperre führt. Rien ne va plus. Nichts geht mehr. Der grüne Stein steckt unwiderruflich zwischen ihrem Kiefer fest. Sie schaut aus wie ein verzweifeltes Albino-Häschen, das versehentlich ein überproportioniertes Löwenzahnblatt im Mäulchen hält. Noch nicht mal laut weinen kann sie, nur wimmern. Auf so was wird man als werdende Mama einfach nicht genügend vorbereitet. Anstatt einen Geburtsvorbereitungskurs zu besuchen, hätte ich mir mal lieber die verrücktesten Geschichten von Freunden mit Kindern anhören sollen. Inspiriert vom Heimlich Manöver lege ich das japsende Albino-Häschen über mein Knie. Fortuna ist mir hold gesonnen, der quadratische Löwenzahn gibt nach und das Häschen und ich fallen ermattet zu Boden.

Sagrotan: Sie baden gerade ihren Körper darin

Diesen Kampf habe ich gewonnen. Aber keine Müdigkeit vortäuschen, auf geht‘s in die zweite Desinfektions-Runde. Der Duplo-Stein erfährt ein Bad in Sagrotan, genau wie alle anderen Spielsachen und ich übrigens auch. Denn dass sich diese Form der Bindehautentzündung doch nicht per Tröpfcheninfektion überträgt und man 24 Stunden nach Antibiotikum-Gabe gar nicht mehr ansteckend ist, erfahre ich leider erst nach fast überstandener Krankheit. Aber das ist nun auch schon egal. Hauptsache der Täufling und seine Familie schlagen den Pfarrer nicht mit blutunterlaufenden Augen in die Flucht. Und nicht nur blütenweiße Zähne auch schneeweiße Pupillen wären auf dem Foto für’s Familienalbum wünschenswert. Komm‘ Murphy altes Haus, gib Dir `nen Ruck, drei Tage hast Du noch!

Mein Kampf mit dem Klebeband oder ich plane eine Indianerparty

Indianerparty

Ich habe länger nicht mehr für diesen Blog geschrieben. Ich hatte keine Zeit. Ich war beschäftigt. Sehr beschäftigt. Ich plane einen Kindergeburtstag. Daher schreibe ich nicht mehr, sondern bastle. Aber auch die Recherche zum Festakt raubt mir einiges an Zeit. Denn was die Mamas um mich herum in den letzten Monaten an eventplanerischem Geschick vorgelegt haben, hat mich zutiefst eingeschüchtert. Vielleicht hat es mich auch etwas verschreckt, ich gebe es zu. Meine Freundinnen sind allesamt Tausendsassas mit unglaublicher Kreativität, höchsten Ansprüchen und sagenhaften Kunstfertigkeiten! Wenn ich an den fünften Geburtstag des Stenzes denke überkommen mich daher mittelgroße Beklemmungen und leichte Lähmungserscheinungen. Denn ich bin in der Organisation von B-Day-Partys nicht unbedingt begnadet. So stellte ein kleiner Gast schon zu Beginn des letzten Stenz’schen Kindergeburtstages die dringende Frage an mich: „Wann darf ich denn endlich wieder nach Hause?“ Und das obwohl die Fertigkuchen-Backmischung noch nicht einmal vollständig verzehrt war! Kein Wunder also, dass ich in leichte Panik verfalle und mit kurioser Neugierde das folgende paradoxe Phänomen an mir selbst beobachte: Je toller die Kindergeburtstage der anderen, desto phlegmatischer werde ich in Bezug auf die Event-Organisation für unseren Nachwuchs. Doch vor ein paar Tagen beschloss ich, dass damit nun Schluss ist und begann, mich kopfüber in die Planung der bevorstehenden Feierlichkeiten zu stürzen. 

Geburtstags-Lektion 1: Wie fange ich ein Huhn? 

Nicht dass ich besonders gerne Events plane. Es ist eben so, dass man ja irgend etwas machen muss, wenn der geliebte Sohn fünf wird. Das wird er ja nur einmal im Leben! Da ist schon irgendwie Druck dahinter. Und der Vorschlag einer kinderlosen Freundin doch einfach zu McDonald’s zu fahren und jedem der kleinen Gäste `nen leckeren Cheeseburger und ein Milkshake zu spendieren, erschien mir dann doch, in Anbetracht der rauschenden Feste zu denen mein Sohn bislang geladen war, etwas kleinkariert. Und irgendwie fehlt da ja auch der didaktische Anspruch! Auch wenn ich die Idee immer noch ganz großartig finde. Denn in den letzten Monaten hat der Stenz seinen Horizont durch die verschiedensten Kinder-Geburtstage merklich erweitert. Seine Kernkompetenzen liegen nun im Hühner fangen, Lamas ausführen und Ziegen füttern. Er hat Freundschaft mit zahlreichen Landwirten im Fünf-Seen-Land geschlossen. Eine Bäuerin himmelte er sogar richtig an. „Mami, die war so hübsch!“ erzählte er mir nach der Party. Als ich die 60jährige Dame, die den Kindern die Welt der Lamas erklärte, dann auf Fotos sah, war ich doch recht verdutzt über die Schwärmerei meines Kindes. Egal,  die „Party Locations to be“ unter fünfjährigen Jubilaren scheinen zur Zeit jedenfalls Bauernhöfe zu sein. Dabei standen nicht nur Ausritte auf dem Pferderücken, sondern auch Lagerfeuer in Tipi-Zelten und saisonale Kleinigkeiten wie Osterhasen aus Baumstämmen basteln auf der abwechslungsreichen Party-Agenda. Auf knifflige Lebens-Situationen ist der Stenz außerdem bestens vorbereitet. Er wird mit großer Sensibilität durch sein Dasein navigieren, denn seine Sinne wurden bei den ausgefallensten Schnitzeljagden über Wiesen, Felder und dichtes Unterholz geschärft. Außerdem hat er eine Menge neuer Vorbilder gewonnen. Wie etwa Zauberer und Superhelden, die die Festivitäten mit ihrer Anwesenheit kürten. Auch eine Karriere als begnadeter Heimwerker ist für den Stenz dank lehrreicher Geburtstage nicht mehr ausgeschlossen. Denn in eigens angekarrten Bastel-Wagons à la Löwenzahn lernte mein Kind unter fachkundiger Anleitung Piratenschiffe schnitzen. Und selbst gefertigte Pfeil und Bogen lassen unsere Familie auch in kargen Zeiten in der Wildnis überleben. Selbstverständlich stimmte bei allen Feierlichkeiten die zum Motto korrespondierende Dekoration, und zwar bis ins allerkleinste Detail! Frauen sind Perfektionisten und holistisch denkende Wesen, die nichts dem Zufall überlassen. Wer es nicht glaubt, der besucht einfach Kindergeburtstage für Fünfjährige!

Rodeo-Reiten: ein machbares Event-Konzept zum 5. Geburtstag?

Nachdem ich bei den letzten vier Geburtstagsfeiern des Stenzes die Überzeugung vertrat, dass ein großer grüner Garten, ein bisschen Spielzeug, Dr. Oetker Backmischungen und wunderbare Kinder und Eltern, die Party schon richten werden, überdenke ich dieses obsolet gewordene Event-Konzept für den nahenden fünften Geburtstag und hole mir Inspirationen bei anderen Mamis. „Leih‘ dir doch ein Pony für euren Garten bei „Rent a Pony“ riet mir meine Freundin. Als ich diesen glorreichen Vorschlag meiner Cousine erzählte, lachte sie und unterbreitete mir folgenden Gegenentwurf: „Das kannst Du günstiger haben! Mach `ne Cowboy-Motto-Party und frag` den Bauern auf der Nachbarwiese, ob die Kids auf seinen Kühen  `ne Runde Rodeo reiten dürfen. Und die Verlierer gehen alle gleich nach Hause!“ Dieser Gegenvorschlag entbehrt nicht eines gewissen Reizes.  Auch eine Feuerwehr-Motto-Party stand kurzzeitig im Raum. Zugegeben sehr kurzzeitig. Denn als ich die Bilder einer Bekannten sah, die diesen aufwendigen Weg eingeschlagen hat, war die Idee auch schon wieder verworfen. Allein die Besorgung der Requisiten würde mich Monate kosten. Ach wie waren sie schön, die Zeiten von Topf schlagen, blinde Kuh und Eier laufen.

Lustiger Hase und wissende Eule trommelt nach Regen, aber erst wenn der Büffel erlegt ist!

Irgendwann hatte ich dann aber doch den beglückenden Einfall einer Indianer-Party. Und nun sitze ich hier und kämpfe seit zwei Stunden mit ätzendem Klebeband, um bunte Regenmacher aus Klopapierrollen, Milchreis und Federschmuck zu zaubern. Habe ich erwähnt, dass jeder Regenmacher mit Indianer-Namen wie „lustiger Hase“ und „wissende Eule“ personalisiert sein wird? Ach ja, und der nächste Blogbeitrag wird wieder länger auf sich warten lassen. Denn meine Abende sind immer noch mit Pinterest-Recherchen gefüllt. Denn da geht noch einiges! So ist meine anfängliche Geburtstags-Lethargie in einen übersteigerten, absolut  lächerlichen Ehrgeiz gemündet. Wie bekloppt ist das denn? Heute habe ich mich tatsächlich dabei ertappt, wie ich minutiös eine Büffel-Jagd vorbereite. Für den sechsten Geburtstag des Stenzes gehe ich dann aber wirklich zu McDonald’s! Und wer weiß, vielleicht inspiriere ich mit diesem mutigen Schritt ja andere faule Mamas, toll wär’s!