„Mama, was ist sexy?“

Mama, was ist sexy?“ Hoppla, was ist das denn? Welch eine Frage kurz bevor meine häuslichen Pflichten sich endlich dem lang herbeigesehnten Ende neigen. Ich bin quasi nur noch wenige Zentimeter von der Zielgeraden entfernt. Beide Kinder liegen schon im Bett. Ich erwarte nur noch zwei bis 15 überschaubare Toilettengänge der Zweitgeborenen und laut verkündete Hungerattacken des Erstgeborenen. Letztere stellen sich bei uns in letzter Zeit regelmäßig genau dann ein, wenn der letzte Krümel vom Tisch gefegt und alle Kinder-Zähne ordnungsgemäß geputzt wurden. Unzählige Küss-Orgien liegen bereits hinter mir. „Mama, noch ein Bussi deben (geben) und auch die heikle Frage der Kleider-Selektion für den nächsten Tag wurde bereits ausführlichst und abschließend geklärt. Ich bin also wirklich schon fast durch für den Tag. Die nächtliche Freiheit winkt mir lächelnd entgegen, Fanfarenklänge huldigen in meiner Phantasie schon der kurzen Zeitspanne, die nur für mich reserviert ist.

Sexy darf keinesfalls hübsch sein!

Und dann so eine Frage. „Papa meint, sexy ist hübsch.“ Ja, um Gottes Willen, sexy ist auf keinen Fall hübsch. Wie kommt der Mann auf so eine blöde Antwort? Er will es schnell hinter sich bringen, er ist schon in den abendlichen Freiheits-Modus eingetaucht. Er schwimmt quasi schon in Ruhe und Frieden. Da wird er sich auch von einer solch anspruchsvollen Frage nicht mehr herausziehen lassen. Das wäre zu unbequem. Ich überlege, gehe in mich. Hübsch darf keinesfalls sexy sein. Ich sehe den Stenz schon einer seiner Lehrerinnen leise zuraunen: „Sie sind aber sexy.“ Wundervoll. Und das nur, weil der Mann aus Bequemlichkeit nicht auf feine semantische Sprachnuancen eingegangen ist. Ich will doch nicht, dass es meinem Sohn aufgrund der Lethargie seiner Eltern einmal so ergeht wie einem meiner französischen Ex-Freunde während einer Arzt-Konsultation. So erwiderte der Franzose würgend auf den ärztlichen Befehl, die Zunge herauszustrecken, damit man seine Mandeln besser sähe: „Bloß nischt, Dr. Jäger, da muss isch kotzen.“ Warum hat sich dem armen Franzosen vor mir keiner angenommen und ihm erklärt, dass „kotzen“ zwar im Zusammenhang leidiger Magisterarbeiten unter seinesgleichen als Wortwahl passend erscheinen mag,  aber nicht unbedingt bei ärztlichen Untersuchungen? Nein, so soll es dem Stenz, wenn er im zarten Alter von sechs Jahren einmal der Schönheit seiner Lehrerin huldigt nicht ergehen. Also entgegne ich auf die bedeutungsschwangere Frage meines Kindes: „Sexy ist ein großer Busen.“ Bäm. Und ich bin mir sicher, er wird sexy in absehbarer Zeit zu niemandem sagen. Ja, ich gehe sogar so weit und meine, dass er den Begriff überhaupt nie wieder in den Mund nehmen wird. Denn große Busen sind für einen Sechsjährigen alles außer hübsch und das ist auch gut so. „Iiiii und achso“ entgegnet mir der Stenz müde gähnend. Und ich jubiliere innerlich. Ich habe es geschafft. Ich bin am Ziel, gleich wird geschlafen.

Boffeln lieb ich nicht!

Aber da habe ich mich zu früh gefreut. Denn auf das Stichwort „iii“ scheint Louloubelle nur gewartet zu haben, denn plötzlich sprudelt es aus ihr heraus. Rotten (Karotten) ihhh und Boffeln (Kartoffeln) lieb ich nicht. Reis lieb ich. „Oh, Mama, ich habe Hunger“ verkündet der Stenz, der plötzlich wieder von umtriebigen Lebensgeistern zu neuer Energie geweckt wurde. Und das obwohl ich in der hitzigen sexy-Debatte doch hoffnungsfroh schon ein Gähnen erspähte. Nun gibt es wichtigeres als in die Untiefen der deutschen Sprache einzutauchen oder gar zu schlafen. Nun gilt es kurz vor 21 Uhr existenzielleren Bedürfnissen nachzukommen. „Auch Hungaaaa“ brüllt die Tochter. „Ich habe heute Mittag fast nix gegessen, denn im Hort gab es eklige Puffnudeln“ Mit diesen Worten versucht der Stenz sein Verlangen nach einer kleinen abendlichen Delikatesse zu legitimieren. „Es gab was? Puffnudeln?“ „Ja, eklige Puffnudeln mit lila Sauerkraut.“ Es hilft ja nix, müde erhebe ich mich und wanke mit beiden Kindern nach unten in die Küche, um das mittlerweile laut schreiende Hungaaaaa-Bedürfnis zu stillen und um das kulinarische Geheimnis zu lüften, das die im Hort kredenzten Puffnudeln mit lila Sauerkraut umwehen. Drei bis sieben Fruchtzwerge später weiß ich es: Es sind Schlutzkrapfen mit Rotkohl. Eigenartige Kombi, aber vielleicht ganz sexy?

Und täglich grüßt das Murmeltier

Meine Kinder sind Langschläfer. Sie schlagen hinsichtlich ihres natürlichen Biorhythmus vollkommen nach ihren Eltern. Sie werden abends unglaublich aktiv, ganz so als hätten sie in erquickendem Koffein gebadet. Aber morgens sind sie die Inkarnation von Murmeltieren im Winterschlaf. Nicht wachzukriegen. Ich weiß, dieser Umstand ist eigentlich eine Frechheit, aber ich kann Sie beruhigen, es besteht trotzdem kein Grund zum Neid. Denn der Stenz geht jetzt in die Schule und so ist es vorbei mit unserem kollektiven Winterschlaf. Um uns zu trösten, meinte meine etwas schadenfrohe Familie zu unseren unmenschlichen Weckzeiten, denen wir seit Schulbeginn ausgesetzt sind nur lapidar:  „Mensch, hört auf zu jammern, das ist doch jetzt nur für die nächsten 16 Jahre so.“ Wie wahr. 

Morgengrauen oder der frühe Morgen bringt das Grauen

Während wir in den letzten Jahren nie in den Genuss kamen, die Schönheit der aufgehenden Sonne in ihrer ganzen Farbenpracht zu bewundern, dürfen wir nun dieses einmalige Naturspektakel tagtäglich bestaunen. Aber das ist auch schon der einzige Vorteil, den ich in unserem aufoktroyierten Frühaufstehertum sehe. Doch bevor der rote Feuerball langsam über unseren Osthügel kriecht und den Himmel in ein bezaubernd kitschiges Lila-Rosa hüllt, begegnen wir erst einmal dem großen gleißenden Nichts. Oder um es mit den staunenden Worten unserer dreijährigen Tochter auszudrücken: „Mama, was das ist das swarze (schwarze) große Ding?“ Dabei zeigte sie vergangene Woche voller Verblüffung auf die alles verschluckende Dunkelheit, die draußen vor unserem Fenster wie ein gruseliges Ungetüm zu uns hineinlugte. Nun verstehe ich auch den tieferen Sinn von „Morgengrauen“ oder besser gesagt, der frühe Morgen bringt das Grauen. Morgens dunkel? Ein Paradoxon, an das sich unsere dreijährige Tochter wohl nun leider gewöhnen muss.

Von wegen, der frühe Vogel fängt den Wurm – der frühe Vogel ist müde und wird dick

Genau wie der Stenz. An seinem ersten Schultag meinte er beim Weckruf, den ich in aller Herrgottsfrühe gen Kinderzimmer trällerte nur vollkommen entgeistert: „Mama, das ist nicht Dein Ernst, dass wir jetzt jeden Morgen mitten in der Nacht aufstehen müssen! Und dann sollen wir auch noch im Dunkeln zur Schule spazieren? Das ist einfach nur furchtbar!“  Leider teile ich die Meinung des Stenzes uneingeschränkt und bin daher in Sachen motivierender Ermunterung im besagten Morgengrauen eigentlich nicht der richtige Ansprechpartner. Und während ich zu Beginn noch die glückliche Mutti mimte, die ihre Kinder mit guter Laune und einem seligen Lächeln auf den Lippen wachküsst, bin ich nun jeden Morgen leider genauso schlecht gelaunt wie der Stenz. Wer hat sich diesen Frühaufsteher-Mist bloß ausgedacht? Kein Wunder, dass die humorvolle Lehrerin unseres Sohnes nach den ersten zwei Wochen berichtete, dass ihre Erstklässler sie bereits um 8:15 Uhr nach dem baldigen Schulschluss befragen und um 8:20 Uhr die Brotzeit einläuten möchten. Bei dieser unwirtlichen Uhrzeit ist man schon nach dem Aufstehen so erschlafft, dass man gleich wieder nach Hause ins warme Bett flüchten möchte oder eben die Müdigkeit mit ganz vielen, am besten zuckersüßen Kohlenhydraten bekämpfen muss. Was eine ungesunde Lebensführung, die unweigerlich zu krankmachendem Schlafdefizit und Fettleibigkeit führt. Von wegen, der frühe Vogel fängt den Wurm, der frühe Vogel wird dick und stürzt ab.

Morgentoilette mal anders

Doch nun sind ja endlich auch in Bayern die Herbstferien gekommen und schon Wochen vor der beglückenden Auszeit hüpft mein, sich nach Schlaf verzehrendes Herz im Carré. Denn nun können die Murmeltiere wieder Murmeltiere sein und schlafen so viel sie möchten. In der Theorie. Doch die Praxis gestaltet sich leider bisweilen anders. Nämlich so, dass ich um 4:30 Uhr am ersten Ferientag das erste Mal auf die Uhr blicke, um mich zu vergewissern, dass ich bloß nicht verschlafe und mein Kind aufgrund meiner Verpenntheit irreversible Diskriminierungen erleiden muss. Um 5:30 Uhr schlafe ich endlich wieder beruhigt ein, denn es sind ja Ferien. Aber nur um um 6:30 Uhr vom Mann neben mir geweckt zu werden, der sich unruhig auf den Laken wälzt. Um 7:00 Uhr ist nicht mehr an Schlaf zu denken, da der Stenz plötzlich vor mir steht und fragt, wann wir denn endlich schwimmen gehen, jetzt wo wir doch im Wellnesshotel sind. Hey, was ist bloß mit unserem angeborenen Biorhythmus geschehen? Um 7:20 Uhr gibt nun auch die Tochter ihren qualifizierten und legitimen Morgengruß zum Besten: „Mama, Hungaaaaa!“ Nun dann! Einen Vorteil hat das frühe Aufstehen ja, der Tag ist plötzlich viel länger und man hat auf einmal sogar Zeit, kurz nach Sonnenaufgang Berge zu erklimmen.  Doch bevor die Berge rufen, warten so profane Dinge wie die Morgentoilette auf unsere Kinder. So sitzt Louloubelle auf dem Klo und wartet stolz wie Bolle auf das von uns als Chor angestimmte „Trulala“, das ihre Toilettenleistungen angemessen würdigt. Nach erfolgreichem Toilettengang und musikalischer Einlage unsererseits betätigt unsere Tochter in einem kurzen, unbeaufsichtigten Augenblick einen der vielen Knöpfe im Badezimmer und erhält eine unvorbereitete Morgendusche, die in großem, illustrem Strahl aus unserem Hightech-Klo springt. Eine Wasser-Fontäne, die unsere Zweitgeborene dermaßen erschreckt, dass sie in ein nicht enden wollendes Gebrüll verfällt und ihre nassen Haare lautstark beweint, während sich der große Bruder vor Lachen den Bauch hält und anschließend eine Runde Socken-Schlittschuh über dem glitschigen Steinboden fährt. Tja, so eine Toiletten-Intimdusche kann auch zu einem höheren Maß an  Sauberkeit auf Hotelzimmern führen – wer hätte das gedacht? Da frage ich mich tatsächlich, woher das Sprichwort „Morgenstund hat Gold im Mund“ stammt? Aber egal, auf zum Berg – vielleicht treffen wir ja noch das ein oder andere Murmeltier, das noch keinen Winterschlaf hält.

 

Pups mich an, Du Mixer!

Heute Abend fragte uns der Stenz mit glänzenden Augen, ob wir denn das schlimmste Wort der Welt kennen würden? Wir verneinten und betonten mit Inbrunst auch kein Interesse am schlimmsten Wort der Welt zu hegen. Allerdings wurde Louloubelle sofort hellhörig. Denn bei „bösen Worten“ scheint es mir, wird ihr Gehirn plötzlich zu einem Schwamm, der innerhalb weniger Sekunden mephistophelische Bezeichnungen in sich aufsaugt, um sie dann bei passender Gelegenheit vor großem Publikum laut zum Besten zu geben. Ob wir wollten oder nicht, angefeuert durch die Neugierde seiner Schwester, schleuderte uns der Stenz mit schelmischem Eifer das schlimmste Wort der Welt entgegen: „Mixer!“ Ein großes Wort plumpste da auf unseren Tisch. „Mixer?“ fragte ich ungläubig. „Oh Gott, Mi(chs)er!“ wiederholte der Mann, auf einmal voller Abscheu. Wo hast Du denn dieses grässliche Wort aufgeschnappt? „Och, auf dem Pausenhof hat das einer geschrien.“ entgegnete der Stenz plötzlich etwas genant.  „Ja, Mixer ist wirklich furchterregend, bitte wiederhole das nie, nie wieder!“ befahl ich ihm mit autoritärem Nachdruck und zwanghaft unterdrücktem Lachen. 

„Guckst Du, Rhododendron!“

„Das ist ja noch tausendmal schlimmer als Rhododendron.“ gab ich ihm zu verstehen. Als Hintergrundinformation sollte an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass die Stenz’sche Oma einen ganz besonderen Humor besitzt. Als ihr Enkel sie das erste Mal mit einem Schimpfwort konfrontierte, erklärte sie ihm seelenruhig, dass das eigentlich gar kein so unheilvolles Wort sei, das er da gerade von sich gegeben habe. Viel verwerflicher wäre es, wenn man seine Wut mit folgendem, an Frevelhaftigkeit kaum zu überbietenden Ausdruck Luft verschaffe: „Rhododendron“. Mit hochrotem Kopf voller Zorn so ein „RHODODENDRON!“  in die Welt geschmettert, ja das hätte schon was, das wäre tatsächlich eine der wüstesten Verunglimpfungen, die man von sich geben könne. Mein Sohn war beeindruckt und begeistert zugleich. Auch wenn es ihn anfangs noch einige Mühe kostete, diesen schändlichen Ausdruck höchsten Furors auszusprechen. Aber Übung macht ja bekanntlich den Meister und nach unzähligen, etwas unverständlich genuschelten „Rodendrons“ beherrschte er das „böse Wort“ aus dem FF. Auch wenn er heute, ein paar Jahre später dahinter gekommen ist, dass ein blühender Rhododendron seine Eltern eher in Verzückung als in Bestürzung versetzt, ertappe ich ihn immer wieder, wie er mit großer Wonne seiner kleinen Schwester „Rhododendron“ ins Ohr flüstert. Nun ja, Rhododendron scheint wohl oder übel durch „Mixer“ abgelöst worden zu sein. Wobei ich eindringlich hoffe, dass er hier nicht so schnell hinter die eigentliche Diffamierung, die da heute über den Schulhof hallte, kommt.

„Moden Mama, moden!“

Sei’s drum. Auch Louloubelle hat mittlerweile ihren ganz eigenen, ausdrucksstarken Sprachduktus entwickelt, der glücklicherweise von allen, ihr nahestehenden Personen mit Leichtigkeit dechiffriert wird. Die Terminologie „Pups mich an, mehr pupsen, mehr pupsen.“ muss bei unserer Tochter unbedingt im Kontext gesehen werden. Sitzt sie nämlich auf der Schaukel, ist ihr Ausruf nicht etwa als Aufforderung an die auf der umliegenden Weide grasenden Kühe zur Freilassung von Methan-Gasen zu verstehen, sondern vielmehr als „Schubs mich man, mehr schubsen, mehr schubsen!“ zu interpretieren. Dabei sollte man ihrem Befehl unbedingt augenblicklich Folge leisten, sonst gibt es Geschrei. Denn unsere Tochter weiß im zarten Alter von fast drei Jahren ganz genau, was sie will und noch viel mehr, was sie nicht will. Auf die Frage, „Louloubelle, wann gehst Du denn endlich auf’s Töpfchen?“ erwidert sie gerne beschwichtigend: „Moden (Morgen) Mama, moden.“ Dabei tätschelt sie mir dann ganz  großväterlich und wohlwollend die Hand.

Einer Wind, einer Wind, das himmlische Kind!

Na dann, hoffen wir auf morgen und harren der Dinge, die da kommen. Ein Wind sollte auf jeden Fall nicht kommen. Denn den kann unsere Zweitgeborene nicht ausstehen. Gestern schrie sie voller Entrüstung von ihrem Kindersitz auf dem Fahrrad hinter mir: „Mama, einer Wind, einer Wind!“ und versuchte dabei ihre Haare, die ungestüm in ihr Gesichtchen flogen, wieder unter den kleinen Sturzhelm zu streichen. Als dies misslang, war sie außer sich über den einen Wind, der ihr da so unverschämt entgegen blies. Zu Hause angekommen pieselte sie bei dem Versuch stubenrein zu werden erst einmal auf’s Parkett, wickelte sich anschließend in den Vorhang ein und versuchte wohl so unsichtbar zu werden wie der eine Wind. Vor mich hin grollend schrubbte ich das Parkett als sie mir plötzlich aus ihrem Versteck hervortretend mein Handy überreichte. Verdattert nahm ich es entgegen und wurde von den optimistischen Worten unserer Kinderärztin am Handy überrascht: „Aber, aber morgen ist auch noch ein Tag, versuchen sie es morgen einfach wieder mit dem Töpfchen!“ Ja, und bis dahin gehe ich noch eine Runde schaukeln, vielleicht pupst mich ja sogar jemand an.

Hoch‘ lebe das Familienfest!

Ruhe. Nichts als Ruhe. Man könnte eine Stecknadel fallen hören, so leise ist es in der Kirche. Ein Grund für diese andächtige Stille könnte die charmante Ansage des Pfarrers zu Beginn seiner Predigt sein. Als der Herr Pastor nämlich meinte, dass er kleine Kinder über alles liebe, aber dies nicht der Tag der kleinen, sondern der großen, nämlich der Kommunionkinder sei. Und damit sich diese voll auf die Feierlichkeiten konzentrieren könnten, bitte er all seine kleinen Schäflein nicht laut in der Kirche rumzubrüllen. Und sollte sich doch eines seiner wundersamen Bitte nicht fügen wollen und vom Schäfchen zum Brüllaffen mutieren, wäre es Sache der Eltern, die heiligen Hallen schnellst möglich zu verlassen, um sich im sakralen Kirchenhof mit dem lärmenden Nachwuchs die Beine zu vertreten. Welch‘ eine verheißungsvolle Ansage! Da kann man als Mutter einer Zweijährigen ja gelöst durchatmen und den Gottesdienst  genießen. Draußen herrschen Minusgrade und das Anfang Mai und zu allem Übel rieselt auch noch leise der Schnee. So bekommt man doch richtig Lust, sich den weiß betüllten Brüllaffen umzubinden und ein bisschen in der Kälte zu frieren. Komisch, ich gehe gerne in die Kirche, aber beim nächsten Mal vielleicht nicht unbedingt in der tiefsten bayerisch-katholischen Provinz.

Reiswaffeln mit sedierender Wirkung

Zum Glück schlägt sich unsere Tochter bislang wacker. Sie unterbricht lediglich die heilige Stille, um herzhaft in ihre sechste Reiswaffel zu beißen, die ich ihr als Beschäftigungstherapie entgegenhalte. Aber ich habe das Gefühl, nach einer Stunde wird auch sie etwas unruhig und vor allem satt. Sie mag nicht mehr, weder Reiswaffel noch Pixie-Büchlein. Auch mit dem Bleistift auf das Liedheft zu kritzeln, findet sie langsam aber sicher langweilig. Eigenartigerweise hat sie auch keine Lust der Predigt über den treuen Hirten zu lauschen. Ein kleiner spitzer Schrei gen Kathedralen-Himmel hingegen, ja das ist schon was Feines, Juche! Das hallt so herrlich! Ich rutsche angespannt auf meinem Platz umher und versuche abzuschätzen, wie lange sich die Kommunionkinder wohl noch in ritueller Versenkung üben mögen. Denn ich mag meine müden Glieder, die schon auf der Kirchenbank erste Frostbeulen bilden, nicht noch eisigerer Kälte aussetzen. Doch leider entscheidet sich mein Schäflein nun ein bisschen Pepp in die Zeremonie zu bringen und lässt plötzlich im Sekundentakt stakkatoartige Schreie los, sodass auch das Schnarchen des Greises in der hintersten Bank abrupt aufhört. Ich sprinte in Richtung Kirchentür, doch das missfällt meiner Tochter derart, dass die Kirche Gefahr läuft unter ihrem lauten Jaulen zusammenzubrechen. Und ich merke, dass ich sie nur zum Verstummen bringe, wenn ich mich wieder in Zeitlupe auf meine Bank setze und es mit der siebten Reiswaffel versuche. Bingo! Getrockneter Reis scheint doch eine besänftigende Wirkung zu haben.

Ich liebe gut gemeinte Erziehungs-Tipps 

Da flüstert es mir plötzlich von hinten geisterhaft über die Schulter: „Entspannen Sie sich, je entspannter die Eltern, desto entspannter das Kind.“ Oh wie großartig, genauso einen Ratschlag brauche ich jetzt! Aber natürlich fällt es mir leicht, tiefenentspannt Ruhe zu bewahren, wenn zu Beginn der Kommunionfeierlichkeiten vom Pfarrer höchstpersönlich die Anordnung zur totalen Stille verkündet wurde. Sei’s drum, der liebe Gott hat Mitleid mit mir und die Kommunionkinder scheinen aus ihrer meditativen Konzentration zu erwachen. Die Kirchenfeier neigt sich dem Ende und ich stimme noch ein vollmundiges Halleluja mit an, in das meine Tochter ein letztes Mal voller Inbrunst reinschreit – diesmal zum Glück unbemerkt, denn die Schreie verpuffen im allgemeinen Lobgesang. Gott sei Dank!

Luschtig währt am längsten

Und endlich stapfen wir alle glücklich durch den weißen Mai-Schnee zum zünftigen bayerischen Festessen. Nun beginnt der fröhliche Teil. Das denkt sich jedenfalls mein Sohn als er seiner Schwester in die ruhige Vorfreude des Festmahls mit einem schelmischen Lächeln etwas ins Ohr souffliert. „KACKWUAAAAAST “ verkündet daraufhin das weiß betüllte Engelchen mit seiner blauen Samt-Verzierung am Kleid voller Glückseligkeit und eröffnet mit diesen andächtigen Worten das traute Kommunionessen. Da sie sich allerdings nicht ganz sicher ist, ob auch wirklich ihre ganz eigene Interpretation von „Guten Appetit“ von allen geladenen Gästen vernommen wurde, ruft sie noch ein zweites und drittes Mal lauthals „KACKWUAAAAST“ durch die bayerische Stube. Währenddessen fällt mein Sohn vor Lachen beinahe vom holzgeschnitzten Stuhl. Und die etwas schwerhörige Oma am Ende des Tisches raunt mir freudig entgegen: „Was hat sie gesagt? Sie ist ja wirklich eine ganz Luschtige!“ Ja, da hat sie recht. Unsere Tochter ist in der Tat eine „ganz Luschtige“, die an diesem Nachmittag noch zu Hochtouren aufläuft. So wird es immer schöner und geselliger. Der Wein fließt und das Kommunionkind hält sogar noch eine kleine Dankesrede. Welch‘ ein schöner Moment, der durch das laute Rülpsen unserer Zweitgeborenen erst so richtig lautmalerisch in Szene gesetzt wird. Wieder läuft unser Sohn Gefahr vor Lachen vom Stuhl zu fallen, während sein Cousin es unserer Tochter gleichtut und ebenfalls beherzt rülpst. Es geht doch nichts über einen entspannten Tag im Kreise der Familie – hoch  lebe das Familienfest!

 

 

Reden ist Silber, Schweigen ist Senf

Helau und Alaaf

Stille ist eigentlich etwas sehr Schönes. Gerade wenn man Kinder hat, ist Ruhe ein herrliches und rares akustisches Phänomen in dessen Genuss man eher selten kommt – eigentlich nur nachts. Wobei auch die Nächte nicht unbedingt ein Garant für himmlische Ruhe sein müssen, vor allem wenn das eigene Heim gerade unter einem Viren- und Bakterien-Bombardement steht. Doch, so ein paar Sekündchen Stille am Tag, das ist schon was ganz Feines. Allerdings können mehrere Minuten Stille, wenn man den eigenen Nachwuchs nicht im Blickfeld hat, auch als Zeichen für erhöhte Alarmbereitschaft gewertet werden. Ruhe auf einer Großbaustelle ist auch mit Vorsicht zu genießen, zeugt sie nicht selten vom Bankrott des Bauträgers. Leider fehlinterpretierte ich diese Woche gleich mehrmals das Schweigen meiner Tochter als Symbol für Frieden und Harmonie. Ich Anfängerin! 

Gäb, rot, gün, bau!

So begann schon der Montag mit einem ungewöhnlich stillen Nachmittag. Beide Kinder saßen in fröhlicher Eintracht auf dem Bett und malten. Wobei der Stenz immer wieder seine Arbeit unterbrach, um mir seine Kunst-Kollektion zu präsentieren. Daher wähnte ich mich in Sicherheit und vergaß bei der geballten artistischen Euphorie des Stenzes, über eine E-Mail gebeugt, für ein paar Minuten meine Tochter. Diese nutzte das Entgehen der mütterlichen Kontrolle um ihrerseits ihr gesamtes schöpferisches Potenzial anzuzapfen und sich als famose Magierin zu betätigen. Denn sie zauberte mit den Zauberstiften ihres Bruders ein ganz wundervolles Gemälde auf das Hochbett und das Bettlaken. Auch ihre Hände und Beine sahen ziemlich verhext aus und leuchteten mir, als ich mir die stille Existenz meines Zweitgeborenen wieder in Erinnerung rief, schillernd grün entgegen. Mein sprachloses Schweigen aufgrund der grünen Hexerei nutzte mein Mädchen, um mir ihren künstlerischen Ansatz mit den Worten zu erklären: „gäb (gelb), rot, gün (grün), bau (blau)“ und sie strahlte mit der Sonne draußen um die Wette.

Die schleimlösende Couch

Doch der Montagnachmittag stellte nur den Auftakt für das noch kommende künstlerische Feuerwerk zur Wochenmitte dar. Denn schon der Mittwoch bescherte mir eine noch viel großartigere Überraschung, die ebenfalls von einer kurzen Periode der Stille eingeläutet wurde. Denn während ich der etwas kränkelnden Tochter im Wohnzimmer eine kleine Inhalationspause gönnte und in die Küche eilte, um für das malade Kind eine Erfrischung zu besorgen, vernahm ich vom Stenz plötzlich die unguten Worte: „Oh nein, das wird Mama aber gar nicht freuen!“ Sogleich sprintete ich zurück ins Wohnzimmer als wäre eine Feuersbrunst hinter mir her, doch ich kam zu spät. Dabei lag mein Sohn vollkommen richtig in seiner Annahme, dass mich eine ganze Flasche zähflüssigen braunen Hustensaft, die von seiner Schwester großflächig auf unserer weißen Couch verteilt wurde, nur in einen mäßigen Glücksrausch versetzen würde.

Tisch trägt Curry

Doch nicht nur die Couch ist seit dieser Woche um dunkle Marmorierungen reicher, auch unser weißer Esstisch musste am Ende der Woche Federn lassen und schimmert seit Freitag in der Trendfarbe „Curry“. Da mein malades Kind seit Wochen nicht recht essen mag, lasse ich ihr Mittagessen törichterweise oft noch ein Weilchen stehen. Am Freitag gab es Würstel mit Kartoffelsalat und Senf. Letzterer wurde zwar von Lou mit den Worten verweigert „essen bää“, ich vergaß ihn aber ebenfalls am Tisch. Ja, ja was bin ich doch für eine Anfängerin, ich weiß! Während ich kurzzeitig den Telefonhörer abnahm, machte sich meine Tochter mit der Farbe „Gäb“ näher vertraut und verschmierte die gesamte Senftube auf unserem Esstisch, ihren Kleidern und in ihren Haaren. Das sah sehr ulkig aus, trug sie nämlich immer noch im Gesicht die Spuren ihres morgendlichen Intermezzos mit meinem Eyeliner. Und so stand sie nun vor mir, wie ein gelbes, geschminktes Knallbonbon mit senfigem Odeur.

Helau und Alaaf!

Doch die Krönung meiner bunten Woche folgte gestern. Als mir unsere Babysitter-Oma zerknirscht verkündete, dass der kleine Spielgefährte meines Mädchens leider die Windel so voll hatte, dass unsere bereits mit Schleimlöser verzierte Couch ein weiteres Mal  in Mitleidenschaft gezogen wurde. Es geht doch nichts über eine farbenfrohe Woche – gerade zu Fasching – Helau und Alaaf!

Auf dem Sprung oder toi, toi, toi!

Ich bin momentan so produktiv wie ein narkotisierter Blinddarm-Patient. Und das ist schade. Denn ich hätte eigentlich so gar nichts gegen einen straff organisierten Bürotag. Am besten mit einer Menge messbarem Output am Abend. Das wäre großartig. Denn mein Job macht mir Spaß. An To- Do Listen auf meinem Schreibtisch mangelt es auch nicht. Aber ich „arbeite“ im Home-Office, habe zwei Kinder und da ist das mit dem messbaren Output so eine Sache. Denn ich bin irgendwie immer auf dem Sprung.

Knusper, knusper Knäuschen, wer läuft da so allein zum Kindergartenhäuschen?

Das fängt schon morgens an: da springe ich wie ein australisches Känguru unter Zeitdruck mit dem Stenz im Beutel schnell zum Kindergarten, bevor ich dann wie von der Tarantel gestochen wieder zurückspringe und zu Hause einen kleinen Beuteltausch vollziehe. Die Tochter ist jetzt nämlich dran ins Auto verfrachtet zu werden, damit ich sie unter Jubelschreien zur Tagesmutter chauffieren darf. Nach Abgabe der Tochter ist mein Beutel zwar leer und manche mögen meinen, dass jetzt der produktive Teil des Tages beginnen könnte. Doch mitnichten. Denn es ist Montag Morgen und in unserem Kühlschrank herrscht gähnende Leere. Daher springe ich wie ein wild gewordener Flummi noch schnell zum Einkaufen und höre dabei unablässig so ein unangenehmes ticken im Hintergrund meines Kopfes: tick-tack, tick-tack. Die Zeit läuft, während ich die Orangen in den Einkaufswagen lege, zähle ich schon die Minuten, die mir bis zum Abholen der Sprösslinge bleiben und wäge gedanklich ab, ob es sich überhaupt noch lohnt, den Computer zu Hause anzuschalten. Wie habe ich das damals als Kind bloß überlebt? Da war niemand, der mich morgens zum Kindergarten fuhr oder gar abholte. Meine besten Freunde und ich waren uns tatsächlich auf dem Weg zum Kindergarten selbst überlassen. Ohne platt gefahren, gekidnapped, von warzigen Hexen vergiftet, von einem Dachziegel erschlagen oder plötzlich vom Blitz getroffen worden zu sein. Sogar das Abenteuer Turnen und Blockflöten-Unterricht beging ich im Alleingang auf meinen zwei Beinen. Unsere Kinder jedoch sind diesen unermesslichen Gefahren nicht mehr gewachsen. Da ist sich die heutige Mütter-Generation, und da schließe ich mich mit ein, einig.

Eine Begegnung der dritten Art: Der Toiletten-Mann und ich

Mit diesen verblüffenden Gedanken mache ich mich auf den Weg zum heimischen PC. Allerdings darf ich die Pforte zur Glück bringenden Produktivität wieder nicht durchschreiten, denn ein riesiger Toi-Toiletten-Wagen versperrt die Straße. „Oh nein, den Typen kenne ich schon.“ denke ich und balle meine Hände zu Fäusten. Unsere Straße ist leider so eng wie ein bei 90° gewaschener Rolli und macht, mit derzeit gleich zwei Großbaustellen, dem Berliner Flughafen Konkurrenz. Wunderbar. Und der Toi-Toiletten-Futzi hat die Ruhe weg. Wie beim letzten Mal. Mit einer Rolle Klopapier und einem Eimer bewaffnet schlurft er in Zeitlupe zum stillen  Örtchen auf der Baustelle, während sein LKW ein Durchkommen für mich unmöglich macht. Ich merke, wie Wut in mir aufsteigt. Das kann doch nicht sein, dass ich mir gerade überlege, dem Toiletten-Futzi an die Gurgel zu springen. Ich bin doch eigentlich ein friedlicher Mensch. Dem gestressten Flummi in mir ist meine pazifistische Grundeinstellung aber herzlich egal und ich ertappe mich, wie ich auf die Hupe drücke und zwar richtig. Kurzzeitig wacht der Toi-Futzi aus seiner schlafwandlerischen Trance auf und macht kehrt. Aber nicht, um seinen blöden Laster wegzufahren, sondern um seelenruhig eine zweite Klopapierrolle aus dem Wagen zu hieven. „Was für eine Provokation! Der spinnt ja! Das ist ja mal wieder typisch Mann. Der glaubt, ihm gehört die Welt.“ Ich bin sauer. Ich, an seiner Stelle hätte freundlichst um Vergebung gebeten, hätte das Klo-Vehikel umgeparkt und dann meine Arbeit verrichtet. Man will ja niemanden den Tag versauen. Und was macht diese schleichende Schildkröte? Nachdem er sich gefühlte Stunden im Klohäuschen versteckt, steuert er auf mich zu, um mich mal so richtig und frontal zu beschimpfen. „Tief durchatmen!“ befehle ich mir. Ich habe doch kürzlich im Wartezimmer so einen Artikel gelesen, über Liebe, die man seinem Nächsten schenken soll, gerade im Straßenverkehr. Ich versuche es wirklich mit aller Kraft, lasse dann aber doch das Wagenfenster runter und schimpfe zurück. Oh man, was passiert  denn hier? Das Leben hat es mit mir bislang wahrlich gut gemeint.  Was soll denn diese entgleiste Situation jetzt? Streite ich mich gerade tatsächlich mit diesem Typen, der seinen Job wahrscheinlich genauso hasst wie ich die Warterei vor seinem Lokus-Wagen? Was bin ich bloß für `ne miese Ratte? Das liegt alles nur am ständigen Rumgespringe und den nicht angefangenen To Do Listen. Und so verstumme ich und versuche Liebe zu versprühen. Den Toiletten-Heini bringt mein abruptes Schweigen aus dem Konzept oder eventuell hat ihn ja auch ein fetter Strahl meiner Liebe getroffen. Vielleicht auch eher nicht. Er steigt auf jeden Fall verdattert in seinen LKW, um anschließend, mir einen Vogel zeigend abzudampfen. Ich denke, dass meine Woche auch schon mal besser angefangen hat. Nach dem Ausladen der Einkäufe und einer ersten Tasse Kaffee bleiben mir genau 25 Minuten bis zur Abholung des Stenzes. Die verplempere ich dann mit Online-Recherchen über Toi-WCs. Und für den Nachmittag nehme ich mir feste vor,  beim Fußballtraining meines Sohnes einfach auf der Reservebank sitzen zu bleiben und mir das Rumgehüpfe von A nach B und wieder zurück zu sparen.  Stattdessen brülle ich ihm lieber ein fröhliches „Toi, toi, toi – noch ein Tor!“ zu. Produktivität wird gemeinhin ja so überschätzt!

Experiment Haustausch: geglückt!

Wir haben vor Giraffen Tränen der Freude vergossen. Wir haben über Affen gelacht, sind mit Pinguinen geschwommen und haben Wale gesichtet. Wir haben die Schönheit der Welt von oben bestaunt und den Eukalyptusbaumschatten von unten genossen. Wir sind auf Berge geklettert und haben uns im Sand versteckt. Wir haben die Wellen gejagt und der Wind hat uns fortgepustet. Das Lachen der Menschen hat uns berührt und das Licht und die Farben verzückt. Wir sind ganz nah zusammengerückt und dabei ist uns das Glück, dieses flüchtig unberechenbare Ding auf die Schliche gekommen. Es ist uns nicht mehr von der Seite gewichen – ganz so als hätten wir es für die Ewigkeit gepachtet. Und auch wenn es uns wieder verlässt, die Momente, die uns das Glück für unsere kleine Ewigkeit festhalten, bleiben. Nichts anderes habe ich mir gewünscht: Erinnerungen, die das Herz zum Hüpfen bringen.

Reisen – ein Weichspüler für die Seele

Südafrika hat mich weichgespült und ich gleiche seit Wochen einem tropfenden Schwamm, der bei jeder Gelegenheit beseelt zu Sentimentalitäten neigt. Diese Reise hat mich daran erinnert, dass sich das Abenteuer da draußen in der Welt versteckt und nur selten durch’s heimische Wohnzimmer stapft. Auch wenn es dort ganz schön gemütlich ist. Wann hatte ich das bloß vergessen? Irgendwann zwischen Arbeit, Nestbau und Kinderkriegen. Ja doch, es hockt im Busch, auf sonnenbeschienen Bergen, am rauschenden, tosenden Meer. Jeder Moment zählt, auch und gerade dieser. Wir sind wieder neugierig geworden auf noch mehr Welt und noch mehr Himmel! Wir haben unsere Häuser und Leben mit Fremden getauscht und haben so viel dadurch gewonnen. Wir durften vier Wochen in eine andere Wirklichkeit schlüpfen. Eine lichtdurchflutete und bunte Wirklichkeit, in der ich mir vorkomme wie ein Maulwurf, der nach langer Zeit wieder den Himmel erblickt. Und selbst nach Wochen dieser Wirklichkeit zwicken wir uns morgens und fragen uns: „Ist das nicht doch alles nur ein Traum?“

Der Himmel frohlockt

Heute, da lagen wir am Meer und es kamen junge, unglaublich drahtige Surfer aus ihren unglaublich trendigen Häusern an den Strand gerannt. Sie stürzten sich mit einer Leichtigkeit und Anmut ins Meer und ritten die Wellen als wären sie halb Fisch und halb Mensch. Lichtgestalten, deren Element Wasser und Luft zugleich ist. Währenddessen saßen der Mann, die Tochter und ich wie drei lichtscheue Maulwürfe in unserer Sandmulde und staunten. Wir staunten über den Ozean, die Dünen, die Weite, die Schönheit, die uns umgab und über den Stenz, der sich mit einer Lebensfreude in die Fluten warf als gäbe es kein Morgen mehr, auch eine kleine Lichtgestalt – jedenfalls für mich! In diesem stolzen Augenblick bekam ich aus der Heimat Fotos von Raureif und toten Ästen geschickt und ich dachte mir: „Das einzig nicht so gute an diesem Haustausch ist, dass er zu Ende geht und wir Kapstadt, diesen riesigen Abenteuerspielplatz wieder verlassen müssen.“ Dieses Sehnsuchtsziel, an dem hinter jeder Ecke, die nächste famose Überraschung hervorlugt und uns mit offenen Mündern zurücklässt. Was bleibt uns anderes übrig, als eine neue Reise zu planen? Denn der Himmel frohlockt, auch für uns Maulwürfe!

Experiment Haustausch

Ich bin eher nicht so der Abenteurer. Um ehrlich zu sein, bin ich sogar das Gegenteil, nämlich ein glückliches Gewohnheitstier in bequemer Komfortzonen-Lage. Ich werde schon nervös, wenn ich in meinem Supermarkt den Frischkäse plötzlich nicht mehr an gewohnter Stelle finde. Keine Ahnung, welcher Teufel mich geritten hat, einen einmonatigen Haustausch mit einer Familie in Südafrika anzuleiern.  Ach ja doch, ich weiß warum. Ich dachte mir letztes Jahr im vorweihnachtlichen Stress, es wäre doch mal ganz lustig dem ganzen Brimborium zu entfliehen und mal nicht Christkind, Weihnachtsmann und Backelfe in Personalunion zu spielen. Außerdem wollte ich Erinnerungen schaffen. Unvergessliche Erinnerungen. Erinnerungen, die nix mit regen- und graupelgeschwängertem deutschen Dezemberblues zu tun haben. Denn aus Erinnerungen besteht doch letztlich das Leben, so ist es doch, oder?

Weihnachtsmann folge uns nach afrika

Tja, und jetzt sitze ich in der Patsche. Denn ich habe das irgendwie alles unterschätzt. Den Stenz zum Beispiel. Der steht nicht so auf Erinnerungen, die in unmittelbarer Verbindung zu Plastiktannen stehen. Er liebt es traditionell. „Mami, ich will hierbleiben, am besten im Schnee, denn zu Hause ist Weihnachten so feierlich! Denk doch mal an letztes Jahr, da hatten wir gleich zwei Weihnachtsbäume und die waren echt und nicht aus Plastik. Und der Weihnachtsmann kam mit `ner Laterne durch den Garten gestapft. Der Weihnachtsmann findet den Weg doch gar nicht nach Afrika. Der sitzt am Nordpol und wir können froh sein, wenn sein Hirsch (gemeint Rentier) Deutschland findet!“ „Aber Stenz, Du wirst vielleicht Elefanten sehen, von einem Pavian gekitzelt werden und von Deinem eigenen Trampolin im Garten zum Tafelberg hüpfen! Das wird fantastisch!“

Der Messy in uns

Doch nicht nur die konservative Traditionsverbundenheit unseres fünfjährigen Sohnes habe ich unterschätzt. Nein, auch unser vollgestopftes Haus. Denn seit einem halben Jahr nerve ich meine gesamte Umgebung und mich selbst mit Haustauschvorbereitungen. Ja tatsächlich, ich kann mich selber kaum noch ertragen. Und meine Freunde sprechen mich schon gar nicht mehr an. „Ach die, die kommt sowieso nicht mit, die ist entweder krank oder am Packen“ – grauenvoll! Ich bin zu einem kranken Pack-Zombie mutiert, der aus dem allgemeinen Sozialleben ausgestiegen ist. Schon im Spätsommer fing ich an, unser Messy-Haus auszumisten und mich beschleicht mittlerweile das mulmige Gefühl, dass ich damit niemals fertig werde, auch drei Tage vor unserer Abreise nicht. Denn während ich radikal altes Zeugs und Gedöns ausmiste, rauswerfe, verschenke und spende, stiehlt sich unbemerkt, auf geradezu unheimliche Weise, neues Zeugs und Gedöns durch ein unsichtbares Hintertürchen wieder rein. Genauso ist das auch mit dem Aufräumen. Ich will, dass sich die Südafrikaner bei uns wohl fühlen und ein Mindestmaß an Ordnung und Sauberkeit herrscht. Meine Kinder sehen das anders, leider. Während ich an einem Ende des Hauses wasche, putze, ordne und glattstreiche, verkrumpelt, verdreckt und verstaubt schon wieder der andere Teil. Ich bin der weibliche Sisyphos.

Pest und Cholera über den Wolken

Ach ja, und auch das Versprechen an den Stenz, dass diese Reise durchweg hervorragend und ganz fantastisch wird, nagt an mir. Denn ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht! Die Reaktionen mancher, denen ich von unserem Abenteuer erzähle sind alles andere als motivierend: „Ach herrje, da hast Du Dir ja ganz schön was aufgehalst und das obwohl ihr es so schön zu Hause und in den Hotels habt!“ oder „Au weia, nehmt ihr eine Waffe mit?“ (Ohne Quatsch, das wurden wir wirklich gefragt!) Zugegeben, diese Kommentare stammen nicht unbedingt von meinen engsten Freunden, denn die sind allesamt Abenteurer und vollkommen entgeistert, dass ich mich so anstelle. Und ich stelle mich an. Sehr sogar! Ich bin selbst erschrocken, wie greisenhaft ich denke. Denn seit ich zwei Kinder habe, lauern für mich die Gefahren hinter jeder Ecke. Und so wähne ich mich und meine Liebsten nach der Lektüre der Sicherheitsdingsbums vom Auswärtigen Amt bereits mit einem Bein im Grab. Ich weiß, es ist lächerlich. Aber ich wappne mich seit Tagen im Geiste gegen bärbeißige Paviane, diverse Sicherheitslücken vor Ort, Pest, Cholera und unstillbare Brechdurchfälle sämtlicher Familienangehöriger schon während des Hinfluges. Zur Entschuldigung meiner hysterischen Befürchtungen sollte ich erwähnen, dass mich am vergangenen Wochenende ein fieser Magen-Darm-Virus beinahe dahingerafft hätte.

Hilfe, Paviane am Spülbecken gesichtet

Als mich dann auch noch beim Stöbern der Facebook Fotos unserer Haustausch-Familie Bilder von Skorpionen und Höckervogelspinnen in der heimischen, südafrikanischen Küche anspringen, will sich meine angsterfüllte Seele am liebsten unter dem bayerischen Sofa verstecken und den Abflug unbemerkt verstreichen lassen. Zu allem Überfluss artikuliere ich meine Sorgen den Südafrikanern gegenüber recht ungeschickt. Denn ich erkundigte mich bei ihnen, nach einem probaten Mittel gegen baboons (Paviane) gemeint waren natürlich baboon spiders (Höckervogelspinnen) in der Küchenspüle. Daraufhin höre ich unsere Haustausch-Lady förmlich über den Äther hinweg schallend lachen als sie mir per Whats App antwortet: „Mach dir keine Sorgen, Paviane haben wir noch keine im Haus und die Höckervogelspinne hat uns nur einmal vor sechs Jahren besucht. Danach nie wieder. Ach ja, und der Skorpion, der ist so gefährlich wie ’ne Wespe. So, don’t worry, be happy – that’s Africa!“

Erwähnte ich bereits, dass ich in der Patsche sitze, mich aber unglaublich auf unser Abenteuer freue?

 

Papa allein zu Haus‘ oder die Kuh ist los!

Stier Galopp im Garten

Kürzlich war ich für einen halben Tag geschäftlich unterwegs. Am Tegernsee. Es war herrlich! Bevor ich losfuhr, legte ich sorgsam Kleider und Kleidchen für meinen Nachwuchs parat. Schnippelte Obst, bereitete Müslischälchen vor und packte sorgsam das Rucksäcklein für mein Zweitgeborenes, damit es während seines Aufenthaltes bei der Tagesmutter, die ein oder andere appetitliche Schmauserei vorfände. Und als ich dann frohen Mutes ob des bevorstehenden Ausfluges losfuhr, herrschte in unserem Haus Sauberkeit, Ordnung, Stille und sehr viel Frieden.

Bratwürstel und Eis am Stiel – was braucht es mehr zum glücklich sein?

Und ich war mir sicher, dass dieser Zustand auch nach meiner Abfahrt irgendwie anhalten würde. Hatte der Mann ja schon oft bewiesen, dass er auch alleine, ganz ohne Kindsmutter in der Lage war, für das Überleben unserer Nachkommen zu sorgen. In meiner Abwesenheit erschienen meine Kinder zwar immer ein wenig verzottelter und etwas exzentrisch gekleideter als sonst, aber sie waren glücklich. Denn zum glücklich sein braucht es nicht viel mehr als ein paar Bratwürste, unzählige Eis am Stiel und laute Musik für ein kollektives Tänzchen am Nachmittag. Kohlenhydratige Beilagen und Gemüse werden gemeinhin überschätzt! Kurzum, meiner Familie stand auch ohne mich ein gewöhnlicher, wenn auch etwas ungesünderer Tag ins Haus. So dachte ich es mir jedenfalls.

Stiere außer Rand und Band
Stiere außer Rand und Band
Animalischer Slapstick in unserer Garten-Idylle

Doch manchmal kommt es anders als man denkt. Eine leise Ahnung, dass dieser Tag einen seltsamen Verlauf nehmen würde, beschlich mich, als schon während der Autofahrt im Minutentakt Whatsapp Mitteilungen meines Mannes aufpoppten. Als ich dann endlich im Meeting saß und mein Handy weiterhin nicht zu beruhigen war, beschloss ich, dass ich den Mitteilungsdrang meines Gatten nicht länger ignorieren konnte und öffnete ein von ihm gesandtes Video. Was ich sah, erinnerte mich an Pleiten Pech und Pannen, wobei unser heimischer Garten die Kulisse darstellte – welch ein animalischer Slapstick: Im Morgennebel galoppierten zwei wild gewordene Stiere durch unseren Garten. Sie veranstalteten erstaunliche Bocksprünge und mich beschlich das Gefühl, dass diese Bocksprünge nicht unbedingt ein Zeichen jubilierender Freude als vielmehr eine Manifestation existenzieller Panik waren. Das zweite Video zeigte, wie sich die Kühe an unseren Sträuchern zu schaffen machten und mein Mann ihnen mit zittriger Stimme zaghaft befahl: „Kühe geht weg!“ Aber leider gab es wohl ein Kommunikationsproblem. Und sie schmetterten seine höfliche Bitte mit einem simultan gebrüllten „Muh“ ab. Anschließend machten Sie sich mit ihren Hörnern an unserer Hauswand zu schaffen.

Der Mann, ein Meister in gepflegter Kuh-Konversation

Da kann man sich doch voll auf den Job konzentrieren, wenn man weiß, dass das heimische Nest gerade von zwei wild gewordenen Stieren angegriffen wird, die Kinder panisch das Treiben verfolgen und im Duett um die Wette kreischen und sich der Mann in gepflegter Kuh-Konversation versucht. Da hilft nur, Handy ausschalten und die Verantwortung abgeben. Der Mann ist großartig und wird das Kind bzw. die Kuh schon schaukeln. Denn wenn ich eines an ihm liebe, ist es seine Kreativität. Daher ging ich davon aus, dass er sein Können als Cowboy unter Beweis stellen und die Kühe wieder auf die Nachbarwiese treiben würde, um anschließend zur Tagesordnung überzugehen.

Der Stall von Bethlehem am heimischen Kamin

Diese optimistische Mutmaßung erwies sich leider als totale Fehleinschätzung. Der Anblick, der sich mir bei meiner Rückkehr bot, ließ nur einen Gedanken zu: Den Kühen war es gelungen, in unser Haus einzudringen, es in feindlicher Absicht zu übernehmen und unser Wohnzimmer als Stall zu erobern. Beim Anblick unseres Erdgeschosses schwindelte es mir: Zeitungen waren in tausend Fetzen zerrissen, Erdklumpen verzierten unser Parkett und braune Fingerabdrücke verschönerten die weißen Wände. Ich war mir sicher, hier zwischen Couch und Kamin hatte ein martialischer Kampf ums Überleben stattgefunden oder wenigstens ein halsbrecherisches Rodeo! Von den Rodeo-Reitern fehlte allerdings jede Spur. Lediglich ein schmauchiger Rauchgeruch in der Küche verriet, dass die Bratwurstbrutzelei heute nicht ganz geglückt war. Aber dafür mundete das Eis umso mehr. Denn als ich meine drei Cowboys wiederfand, zelebrierten sie gerade bei einem gigantischen Eis ihren Sieg über die Stiere, die in trauter Eintracht wieder auf unserer Nachbarwiese grasten. Wie die Rückkehr gelang und warum unser Wohnzimmer einem Stall glich, bleibt wohl für immer das Geheimnis meiner Rodeo-Reiter. Nur gut, dass Weihnachten vor der Tür steht. Unser Wohnzimmer wäre die perfekte Kulisse für ein gelungenes Krippenspiel.

 

Tzüüüs! Hilfe unser Kind ist weg!

Reisen mit Kindern

„Eltern vergessen fünfjähriges Kind nach Rückkehr aus dem Urlaub am Flughafen“, so titelte unlängst ein Online Magazin. „Was für Anfänger!“ hätte ich früher empört gedacht. „So was kann doch nur Schwachsinnigen passieren!“ Ich bin mir sicher, so oder so ähnlich wäre mein leichtfertiges Urteil gewesen, bevor für mich die alles verändernde Mama-Ära angebrochen ist. Doch seit ich Mutter einer Tochter mit ausgeprägtem Freiheits- und Wandertrieb bin, weiß ich, dass so etwas passieren kann. Zwar vergessen wir unser Kind nicht unbedingt am Flughafen. Aber wir verlieren es hin und wieder. So wie wir unser Handy ab und zu verlegen, verlegen wir in sicherer Regelmäßigkeit auch unsere Tochter oder besser gesagt, sie verlegt sich selbst. Das muss irgendwie genetisch bedingt sein. Denn schon mein Bruder ging früher als Dreijähriger in einem amerikanischen Vergnügungspark verloren. Seltsamerweise waren es nicht meine Eltern oder ich, die sein Verschwinden bemerkten, sondern eine befreundete Familie. Irgendwie kamen wir unseren Freunden, kurz vor der Abfahrt aus dem Kinderparadies, so vor unserem Mietauto stehend, zu wenig vor.  Und genau wie damals meine Eltern, befinde auch ich mich allzu oft in panischer Suche nach meinem Kind. Und dass obwohl mir immer wieder Attribute einer Helikopter-Mutter attestiert werden. Es ist unglaublich, aber seit sich Louloubelle einigermaßen sicher auf zwei Beinen fortbewegt, ist ihr erklärtes Ziel, die Welt zu erkunden und ihre Lieblings-Floskel lautet: „Tzüüüss“ – was für Eingeweihte so viel wie „Und tschüs“ bedeutet.

Ready for Boarding to Reykjavik

Allerdings verabschiedet sie sich nicht immer formvollendet, sondern löst sich gerne auch mal ganz ohne Ankündigung in Luft auf, ganz wie das weiße Kaninchen im Zauberhut. Das erste Mal durften wir Ihre magischen Fähigkeiten des Vaporisierens am Flughafen von Cagliari bestaunen. Während ich mir eine kurze Verschnaufpause vor dem Abflug auf der Toilette gönnte, ging der Mann durch die Hölle. Denn Louloubelle fand am heillos überfüllten Airport Gefallen darin, sämtliche Ständer mit folkloristisch-italienischen Souvenirs umzustoßen. Dabei hatten es ihr die gehäkelten Topflappen, Schlüsselanhänger und bunten Flamingo Magnete besonders angetan. Und während der Mann noch dabei war, einen der vielen umgeschmissenen Nippes-Ständer wieder aufzurichten, machte sich unser Kind frohen Mutes aus dem Staub. Erst die Shop-Besitzerin machte meine bessere Hälfte darauf aufmerksam, dass nicht nur eine große sardische Salami in ihrer Auslage fehlte, sondern scheinbar auch unsere Tochter. Dass sich just zu diesem Zeitpunkt ganz Europa in unserer Abflughalle versammelte, machte das Wiederauffinden unseres Kindes nicht einfacher. Glücklicherweise konnte der Mann die kleine Ausreißerin samt ihrem Salami-Proviant dann gerade noch vom Boarding einer Maschine nach Reykjavik abhalten. Die italienische Hitze war aber auch kaum auszuhalten, da hätte sich ein kleiner Abstecher ins kühle Island sicher gelohnt!

Abrakadabra Verschwindibus

Keine Ahnung, was sich unsere Tochter bei ihren Alleingängen durch die Welt so denkt. Bei unserer letzten längeren Reise in Südtirol wurde ihr vielleicht der familiäre Packstress und die Hektik der bevorstehenden Abreise ins nächste Wellnesshotel zu viel. Denn während ich gerade unsere sieben Milliarden Reiseutensilien in ungefähr drei Millionen Koffer, Rucksäcke und Beutel verstaute und vertieft dem Gedanken nachhing, wie einfach so ein Hotelwechsel doch früher in kinderlosen Zeiten vonstatten ging, klopfte es plötzlich an unserer Hoteltür. Vor mir stand eine Dame mittleren Alters, die mich zu meiner großen Überraschung bat, meine Tochter in ihrem Bad abzuholen. „Ihre Tochter ist entzückend, aber wissen Sie, wir müssen jetzt wirklich los, wären Sie daher so lieb und kommen kurz rüber?“ Hoppla, so alt war die Dame doch auch wieder nicht, dass sie schon erste Anzeichen von Senilität aufwies, oder doch? „Entschuldigen Sie, aber da müssen Sie uns verwechseln! Meine Tochter spielt im Wohnzimmer mit unserem Sohn, sehen Sie doch!“ Oder sehen Sie eben auch nicht. Während der Stenz seinen Füßen gerade ein Schaumbad im Bidet des Hotelbades angedeihen ließ, fehlte von unserer Tochter auch nach längerem Suchen jede Spur. Allerdings stand die Terrassentür sperrangelweit offen. So ist unsere Tochter, die sich wohl nach etwas Ruhe vom familiären Chaos sehnte, über unsere Terrasse in das nachbarliche Hotelzimmer getürmt, um sich dort vom liebenswerten älteren Ehepaar mit Schokoladen-Drops füttern zu lassen. Jedenfalls hätte jeder Hamster beim Anblick ihrer prall gefüllten Backen einen Neid-Anfall bekommen. Und weil es so schön bei den Nachbarn war, ließ sie sich nur schwer von einer Übersiedlung zurück zu uns überzeugen. Ganz wie der gestresste Hund einer Freundin mit drei lauten Kindern, der sich immer zum Schlafen zu den ruhigen Rentnern gegenüber verdrückt, genoss meine Tochter ihre kleine kulinarische Verwöhn-Auszeit ebenfalls sichtlich.

„Maus“ und „Muhs“ nehmt Euch in Acht!

Und auch zu Hause, unternimmt mein Zweitgeborenes zuweilen gerne mal abwechslungsreiche Exkursionen. So schleicht sie sich immer wieder unbemerkt aus unserem Haus, um im Garten getigerte „Maus“ beim Mäusefangen zu stören, sich an glückliche „Muhs“ auf der Nachbarwiese ranzupirschen oder erwartungsfroh vor der Haustüre ihrer Freundin zu stehen. Sie ist unternehmungslustig und ich habe schwache Nerven. Daher werde ich zukünftig wohl unsere Haustür mit Schloss und Riegel versiegeln und für alle weiteren Reisen, da besorge ich mir auf Anraten einer Freundin ‘nen Kinderrucksack mit `ner Leine dran. Das klingt hart, aber ich will sicher gehen, dass sie beim nächsten Mal nicht doch den Flug nach Reykjavik erwischt!