Pups mich an, Du Mixer!

Heute Abend fragte uns der Stenz mit glänzenden Augen, ob wir denn das schlimmste Wort der Welt kennen würden? Wir verneinten und betonten mit Inbrunst auch kein Interesse am schlimmsten Wort der Welt zu hegen. Allerdings wurde Louloubelle sofort hellhörig. Denn bei „bösen Worten“ scheint es mir, wird ihr Gehirn plötzlich zu einem Schwamm, der innerhalb weniger Sekunden mephistophelische Bezeichnungen in sich aufsaugt, um sie dann bei passender Gelegenheit vor großem Publikum laut zum Besten zu geben. Ob wir wollten oder nicht, angefeuert durch die Neugierde seiner Schwester, schleuderte uns der Stenz mit schelmischem Eifer das schlimmste Wort der Welt entgegen: „Mixer!“ Ein großes Wort plumpste da auf unseren Tisch. „Mixer?“ fragte ich ungläubig. „Oh Gott, Mi(chs)er!“ wiederholte der Mann, auf einmal voller Abscheu. Wo hast Du denn dieses grässliche Wort aufgeschnappt? „Och, auf dem Pausenhof hat das einer geschrien.“ entgegnete der Stenz plötzlich etwas genant.  „Ja, Mixer ist wirklich furchterregend, bitte wiederhole das nie, nie wieder!“ befahl ich ihm mit autoritärem Nachdruck und zwanghaft unterdrücktem Lachen. 

„Guckst Du, Rhododendron!“

„Das ist ja noch tausendmal schlimmer als Rhododendron.“ gab ich ihm zu verstehen. Als Hintergrundinformation sollte an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass die Stenz’sche Oma einen ganz besonderen Humor besitzt. Als ihr Enkel sie das erste Mal mit einem Schimpfwort konfrontierte, erklärte sie ihm seelenruhig, dass das eigentlich gar kein so unheilvolles Wort sei, das er da gerade von sich gegeben habe. Viel verwerflicher wäre es, wenn man seine Wut mit folgendem, an Frevelhaftigkeit kaum zu überbietenden Ausdruck Luft verschaffe: „Rhododendron“. Mit hochrotem Kopf voller Zorn so ein „RHODODENDRON!“  in die Welt geschmettert, ja das hätte schon was, das wäre tatsächlich eine der wüstesten Verunglimpfungen, die man von sich geben könne. Mein Sohn war beeindruckt und begeistert zugleich. Auch wenn es ihn anfangs noch einige Mühe kostete, diesen schändlichen Ausdruck höchsten Furors auszusprechen. Aber Übung macht ja bekanntlich den Meister und nach unzähligen, etwas unverständlich genuschelten „Rodendrons“ beherrschte er das „böse Wort“ aus dem FF. Auch wenn er heute, ein paar Jahre später dahinter gekommen ist, dass ein blühender Rhododendron seine Eltern eher in Verzückung als in Bestürzung versetzt, ertappe ich ihn immer wieder, wie er mit großer Wonne seiner kleinen Schwester „Rhododendron“ ins Ohr flüstert. Nun ja, Rhododendron scheint wohl oder übel durch „Mixer“ abgelöst worden zu sein. Wobei ich eindringlich hoffe, dass er hier nicht so schnell hinter die eigentliche Diffamierung, die da heute über den Schulhof hallte, kommt.

„Moden Mama, moden!“

Sei’s drum. Auch Louloubelle hat mittlerweile ihren ganz eigenen, ausdrucksstarken Sprachduktus entwickelt, der glücklicherweise von allen, ihr nahestehenden Personen mit Leichtigkeit dechiffriert wird. Die Terminologie „Pups mich an, mehr pupsen, mehr pupsen.“ muss bei unserer Tochter unbedingt im Kontext gesehen werden. Sitzt sie nämlich auf der Schaukel, ist ihr Ausruf nicht etwa als Aufforderung an die auf der umliegenden Weide grasenden Kühe zur Freilassung von Methan-Gasen zu verstehen, sondern vielmehr als „Schubs mich man, mehr schubsen, mehr schubsen!“ zu interpretieren. Dabei sollte man ihrem Befehl unbedingt augenblicklich Folge leisten, sonst gibt es Geschrei. Denn unsere Tochter weiß im zarten Alter von fast drei Jahren ganz genau, was sie will und noch viel mehr, was sie nicht will. Auf die Frage, „Louloubelle, wann gehst Du denn endlich auf’s Töpfchen?“ erwidert sie gerne beschwichtigend: „Moden (Morgen) Mama, moden.“ Dabei tätschelt sie mir dann ganz  großväterlich und wohlwollend die Hand.

Einer Wind, einer Wind, das himmlische Kind!

Na dann, hoffen wir auf morgen und harren der Dinge, die da kommen. Ein Wind sollte auf jeden Fall nicht kommen. Denn den kann unsere Zweitgeborene nicht ausstehen. Gestern schrie sie voller Entrüstung von ihrem Kindersitz auf dem Fahrrad hinter mir: „Mama, einer Wind, einer Wind!“ und versuchte dabei ihre Haare, die ungestüm in ihr Gesichtchen flogen, wieder unter den kleinen Sturzhelm zu streichen. Als dies misslang, war sie außer sich über den einen Wind, der ihr da so unverschämt entgegen blies. Zu Hause angekommen pieselte sie bei dem Versuch stubenrein zu werden erst einmal auf’s Parkett, wickelte sich anschließend in den Vorhang ein und versuchte wohl so unsichtbar zu werden wie der eine Wind. Vor mich hin grollend schrubbte ich das Parkett als sie mir plötzlich aus ihrem Versteck hervortretend mein Handy überreichte. Verdattert nahm ich es entgegen und wurde von den optimistischen Worten unserer Kinderärztin am Handy überrascht: „Aber, aber morgen ist auch noch ein Tag, versuchen sie es morgen einfach wieder mit dem Töpfchen!“ Ja, und bis dahin gehe ich noch eine Runde schaukeln, vielleicht pupst mich ja sogar jemand an.

Hoch‘ lebe das Familienfest!

Ruhe. Nichts als Ruhe. Man könnte eine Stecknadel fallen hören, so leise ist es in der Kirche. Ein Grund für diese andächtige Stille könnte die charmante Ansage des Pfarrers zu Beginn seiner Predigt sein. Als der Herr Pastor nämlich meinte, dass er kleine Kinder über alles liebe, aber dies nicht der Tag der kleinen, sondern der großen, nämlich der Kommunionkinder sei. Und damit sich diese voll auf die Feierlichkeiten konzentrieren könnten, bitte er all seine kleinen Schäflein nicht laut in der Kirche rumzubrüllen. Und sollte sich doch eines seiner wundersamen Bitte nicht fügen wollen und vom Schäfchen zum Brüllaffen mutieren, wäre es Sache der Eltern, die heiligen Hallen schnellst möglich zu verlassen, um sich im sakralen Kirchenhof mit dem lärmenden Nachwuchs die Beine zu vertreten. Welch‘ eine verheißungsvolle Ansage! Da kann man als Mutter einer Zweijährigen ja gelöst durchatmen und den Gottesdienst  genießen. Draußen herrschen Minusgrade und das Anfang Mai und zu allem Übel rieselt auch noch leise der Schnee. So bekommt man doch richtig Lust, sich den weiß betüllten Brüllaffen umzubinden und ein bisschen in der Kälte zu frieren. Komisch, ich gehe gerne in die Kirche, aber beim nächsten Mal vielleicht nicht unbedingt in der tiefsten bayerisch-katholischen Provinz.

Reiswaffeln mit sedierender Wirkung

Zum Glück schlägt sich unsere Tochter bislang wacker. Sie unterbricht lediglich die heilige Stille, um herzhaft in ihre sechste Reiswaffel zu beißen, die ich ihr als Beschäftigungstherapie entgegenhalte. Aber ich habe das Gefühl, nach einer Stunde wird auch sie etwas unruhig und vor allem satt. Sie mag nicht mehr, weder Reiswaffel noch Pixie-Büchlein. Auch mit dem Bleistift auf das Liedheft zu kritzeln, findet sie langsam aber sicher langweilig. Eigenartigerweise hat sie auch keine Lust der Predigt über den treuen Hirten zu lauschen. Ein kleiner spitzer Schrei gen Kathedralen-Himmel hingegen, ja das ist schon was Feines, Juche! Das hallt so herrlich! Ich rutsche angespannt auf meinem Platz umher und versuche abzuschätzen, wie lange sich die Kommunionkinder wohl noch in ritueller Versenkung üben mögen. Denn ich mag meine müden Glieder, die schon auf der Kirchenbank erste Frostbeulen bilden, nicht noch eisigerer Kälte aussetzen. Doch leider entscheidet sich mein Schäflein nun ein bisschen Pepp in die Zeremonie zu bringen und lässt plötzlich im Sekundentakt stakkatoartige Schreie los, sodass auch das Schnarchen des Greises in der hintersten Bank abrupt aufhört. Ich sprinte in Richtung Kirchentür, doch das missfällt meiner Tochter derart, dass die Kirche Gefahr läuft unter ihrem lauten Jaulen zusammenzubrechen. Und ich merke, dass ich sie nur zum Verstummen bringe, wenn ich mich wieder in Zeitlupe auf meine Bank setze und es mit der siebten Reiswaffel versuche. Bingo! Getrockneter Reis scheint doch eine besänftigende Wirkung zu haben.

Ich liebe gut gemeinte Erziehungs-Tipps 

Da flüstert es mir plötzlich von hinten geisterhaft über die Schulter: „Entspannen Sie sich, je entspannter die Eltern, desto entspannter das Kind.“ Oh wie großartig, genauso einen Ratschlag brauche ich jetzt! Aber natürlich fällt es mir leicht, tiefenentspannt Ruhe zu bewahren, wenn zu Beginn der Kommunionfeierlichkeiten vom Pfarrer höchstpersönlich die Anordnung zur totalen Stille verkündet wurde. Sei’s drum, der liebe Gott hat Mitleid mit mir und die Kommunionkinder scheinen aus ihrer meditativen Konzentration zu erwachen. Die Kirchenfeier neigt sich dem Ende und ich stimme noch ein vollmundiges Halleluja mit an, in das meine Tochter ein letztes Mal voller Inbrunst reinschreit – diesmal zum Glück unbemerkt, denn die Schreie verpuffen im allgemeinen Lobgesang. Gott sei Dank!

Luschtig währt am längsten

Und endlich stapfen wir alle glücklich durch den weißen Mai-Schnee zum zünftigen bayerischen Festessen. Nun beginnt der fröhliche Teil. Das denkt sich jedenfalls mein Sohn als er seiner Schwester in die ruhige Vorfreude des Festmahls mit einem schelmischen Lächeln etwas ins Ohr souffliert. „KACKWUAAAAAST “ verkündet daraufhin das weiß betüllte Engelchen mit seiner blauen Samt-Verzierung am Kleid voller Glückseligkeit und eröffnet mit diesen andächtigen Worten das traute Kommunionessen. Da sie sich allerdings nicht ganz sicher ist, ob auch wirklich ihre ganz eigene Interpretation von „Guten Appetit“ von allen geladenen Gästen vernommen wurde, ruft sie noch ein zweites und drittes Mal lauthals „KACKWUAAAAST“ durch die bayerische Stube. Währenddessen fällt mein Sohn vor Lachen beinahe vom holzgeschnitzten Stuhl. Und die etwas schwerhörige Oma am Ende des Tisches raunt mir freudig entgegen: „Was hat sie gesagt? Sie ist ja wirklich eine ganz Luschtige!“ Ja, da hat sie recht. Unsere Tochter ist in der Tat eine „ganz Luschtige“, die an diesem Nachmittag noch zu Hochtouren aufläuft. So wird es immer schöner und geselliger. Der Wein fließt und das Kommunionkind hält sogar noch eine kleine Dankesrede. Welch‘ ein schöner Moment, der durch das laute Rülpsen unserer Zweitgeborenen erst so richtig lautmalerisch in Szene gesetzt wird. Wieder läuft unser Sohn Gefahr vor Lachen vom Stuhl zu fallen, während sein Cousin es unserer Tochter gleichtut und ebenfalls beherzt rülpst. Es geht doch nichts über einen entspannten Tag im Kreise der Familie – hoch  lebe das Familienfest!

 

 

Reden ist Silber, Schweigen ist Senf

Helau und Alaaf

Stille ist eigentlich etwas sehr Schönes. Gerade wenn man Kinder hat, ist Ruhe ein herrliches und rares akustisches Phänomen in dessen Genuss man eher selten kommt – eigentlich nur nachts. Wobei auch die Nächte nicht unbedingt ein Garant für himmlische Ruhe sein müssen, vor allem wenn das eigene Heim gerade unter einem Viren- und Bakterien-Bombardement steht. Doch, so ein paar Sekündchen Stille am Tag, das ist schon was ganz Feines. Allerdings können mehrere Minuten Stille, wenn man den eigenen Nachwuchs nicht im Blickfeld hat, auch als Zeichen für erhöhte Alarmbereitschaft gewertet werden. Ruhe auf einer Großbaustelle ist auch mit Vorsicht zu genießen, zeugt sie nicht selten vom Bankrott des Bauträgers. Leider fehlinterpretierte ich diese Woche gleich mehrmals das Schweigen meiner Tochter als Symbol für Frieden und Harmonie. Ich Anfängerin! 

Gäb, rot, gün, bau!

So begann schon der Montag mit einem ungewöhnlich stillen Nachmittag. Beide Kinder saßen in fröhlicher Eintracht auf dem Bett und malten. Wobei der Stenz immer wieder seine Arbeit unterbrach, um mir seine Kunst-Kollektion zu präsentieren. Daher wähnte ich mich in Sicherheit und vergaß bei der geballten artistischen Euphorie des Stenzes, über eine E-Mail gebeugt, für ein paar Minuten meine Tochter. Diese nutzte das Entgehen der mütterlichen Kontrolle um ihrerseits ihr gesamtes schöpferisches Potenzial anzuzapfen und sich als famose Magierin zu betätigen. Denn sie zauberte mit den Zauberstiften ihres Bruders ein ganz wundervolles Gemälde auf das Hochbett und das Bettlaken. Auch ihre Hände und Beine sahen ziemlich verhext aus und leuchteten mir, als ich mir die stille Existenz meines Zweitgeborenen wieder in Erinnerung rief, schillernd grün entgegen. Mein sprachloses Schweigen aufgrund der grünen Hexerei nutzte mein Mädchen, um mir ihren künstlerischen Ansatz mit den Worten zu erklären: „gäb (gelb), rot, gün (grün), bau (blau)“ und sie strahlte mit der Sonne draußen um die Wette.

Die schleimlösende Couch

Doch der Montagnachmittag stellte nur den Auftakt für das noch kommende künstlerische Feuerwerk zur Wochenmitte dar. Denn schon der Mittwoch bescherte mir eine noch viel großartigere Überraschung, die ebenfalls von einer kurzen Periode der Stille eingeläutet wurde. Denn während ich der etwas kränkelnden Tochter im Wohnzimmer eine kleine Inhalationspause gönnte und in die Küche eilte, um für das malade Kind eine Erfrischung zu besorgen, vernahm ich vom Stenz plötzlich die unguten Worte: „Oh nein, das wird Mama aber gar nicht freuen!“ Sogleich sprintete ich zurück ins Wohnzimmer als wäre eine Feuersbrunst hinter mir her, doch ich kam zu spät. Dabei lag mein Sohn vollkommen richtig in seiner Annahme, dass mich eine ganze Flasche zähflüssigen braunen Hustensaft, die von seiner Schwester großflächig auf unserer weißen Couch verteilt wurde, nur in einen mäßigen Glücksrausch versetzen würde.

Tisch trägt Curry

Doch nicht nur die Couch ist seit dieser Woche um dunkle Marmorierungen reicher, auch unser weißer Esstisch musste am Ende der Woche Federn lassen und schimmert seit Freitag in der Trendfarbe „Curry“. Da mein malades Kind seit Wochen nicht recht essen mag, lasse ich ihr Mittagessen törichterweise oft noch ein Weilchen stehen. Am Freitag gab es Würstel mit Kartoffelsalat und Senf. Letzterer wurde zwar von Lou mit den Worten verweigert „essen bää“, ich vergaß ihn aber ebenfalls am Tisch. Ja, ja was bin ich doch für eine Anfängerin, ich weiß! Während ich kurzzeitig den Telefonhörer abnahm, machte sich meine Tochter mit der Farbe „Gäb“ näher vertraut und verschmierte die gesamte Senftube auf unserem Esstisch, ihren Kleidern und in ihren Haaren. Das sah sehr ulkig aus, trug sie nämlich immer noch im Gesicht die Spuren ihres morgendlichen Intermezzos mit meinem Eyeliner. Und so stand sie nun vor mir, wie ein gelbes, geschminktes Knallbonbon mit senfigem Odeur.

Helau und Alaaf!

Doch die Krönung meiner bunten Woche folgte gestern. Als mir unsere Babysitter-Oma zerknirscht verkündete, dass der kleine Spielgefährte meines Mädchens leider die Windel so voll hatte, dass unsere bereits mit Schleimlöser verzierte Couch ein weiteres Mal  in Mitleidenschaft gezogen wurde. Es geht doch nichts über eine farbenfrohe Woche – gerade zu Fasching – Helau und Alaaf!

Auf dem Sprung oder toi, toi, toi!

Ich bin momentan so produktiv wie ein narkotisierter Blinddarm-Patient. Und das ist schade. Denn ich hätte eigentlich so gar nichts gegen einen straff organisierten Bürotag. Am besten mit einer Menge messbarem Output am Abend. Das wäre großartig. Denn mein Job macht mir Spaß. An To- Do Listen auf meinem Schreibtisch mangelt es auch nicht. Aber ich „arbeite“ im Home-Office, habe zwei Kinder und da ist das mit dem messbaren Output so eine Sache. Denn ich bin irgendwie immer auf dem Sprung.

Knusper, knusper Knäuschen, wer läuft da so allein zum Kindergartenhäuschen?

Das fängt schon morgens an: da springe ich wie ein australisches Känguru unter Zeitdruck mit dem Stenz im Beutel schnell zum Kindergarten, bevor ich dann wie von der Tarantel gestochen wieder zurückspringe und zu Hause einen kleinen Beuteltausch vollziehe. Die Tochter ist jetzt nämlich dran ins Auto verfrachtet zu werden, damit ich sie unter Jubelschreien zur Tagesmutter chauffieren darf. Nach Abgabe der Tochter ist mein Beutel zwar leer und manche mögen meinen, dass jetzt der produktive Teil des Tages beginnen könnte. Doch mitnichten. Denn es ist Montag Morgen und in unserem Kühlschrank herrscht gähnende Leere. Daher springe ich wie ein wild gewordener Flummi noch schnell zum Einkaufen und höre dabei unablässig so ein unangenehmes ticken im Hintergrund meines Kopfes: tick-tack, tick-tack. Die Zeit läuft, während ich die Orangen in den Einkaufswagen lege, zähle ich schon die Minuten, die mir bis zum Abholen der Sprösslinge bleiben und wäge gedanklich ab, ob es sich überhaupt noch lohnt, den Computer zu Hause anzuschalten. Wie habe ich das damals als Kind bloß überlebt? Da war niemand, der mich morgens zum Kindergarten fuhr oder gar abholte. Meine besten Freunde und ich waren uns tatsächlich auf dem Weg zum Kindergarten selbst überlassen. Ohne platt gefahren, gekidnapped, von warzigen Hexen vergiftet, von einem Dachziegel erschlagen oder plötzlich vom Blitz getroffen worden zu sein. Sogar das Abenteuer Turnen und Blockflöten-Unterricht beging ich im Alleingang auf meinen zwei Beinen. Unsere Kinder jedoch sind diesen unermesslichen Gefahren nicht mehr gewachsen. Da ist sich die heutige Mütter-Generation, und da schließe ich mich mit ein, einig.

Eine Begegnung der dritten Art: Der Toiletten-Mann und ich

Mit diesen verblüffenden Gedanken mache ich mich auf den Weg zum heimischen PC. Allerdings darf ich die Pforte zur Glück bringenden Produktivität wieder nicht durchschreiten, denn ein riesiger Toi-Toiletten-Wagen versperrt die Straße. „Oh nein, den Typen kenne ich schon.“ denke ich und balle meine Hände zu Fäusten. Unsere Straße ist leider so eng wie ein bei 90° gewaschener Rolli und macht, mit derzeit gleich zwei Großbaustellen, dem Berliner Flughafen Konkurrenz. Wunderbar. Und der Toi-Toiletten-Futzi hat die Ruhe weg. Wie beim letzten Mal. Mit einer Rolle Klopapier und einem Eimer bewaffnet schlurft er in Zeitlupe zum stillen  Örtchen auf der Baustelle, während sein LKW ein Durchkommen für mich unmöglich macht. Ich merke, wie Wut in mir aufsteigt. Das kann doch nicht sein, dass ich mir gerade überlege, dem Toiletten-Futzi an die Gurgel zu springen. Ich bin doch eigentlich ein friedlicher Mensch. Dem gestressten Flummi in mir ist meine pazifistische Grundeinstellung aber herzlich egal und ich ertappe mich, wie ich auf die Hupe drücke und zwar richtig. Kurzzeitig wacht der Toi-Futzi aus seiner schlafwandlerischen Trance auf und macht kehrt. Aber nicht, um seinen blöden Laster wegzufahren, sondern um seelenruhig eine zweite Klopapierrolle aus dem Wagen zu hieven. „Was für eine Provokation! Der spinnt ja! Das ist ja mal wieder typisch Mann. Der glaubt, ihm gehört die Welt.“ Ich bin sauer. Ich, an seiner Stelle hätte freundlichst um Vergebung gebeten, hätte das Klo-Vehikel umgeparkt und dann meine Arbeit verrichtet. Man will ja niemanden den Tag versauen. Und was macht diese schleichende Schildkröte? Nachdem er sich gefühlte Stunden im Klohäuschen versteckt, steuert er auf mich zu, um mich mal so richtig und frontal zu beschimpfen. „Tief durchatmen!“ befehle ich mir. Ich habe doch kürzlich im Wartezimmer so einen Artikel gelesen, über Liebe, die man seinem Nächsten schenken soll, gerade im Straßenverkehr. Ich versuche es wirklich mit aller Kraft, lasse dann aber doch das Wagenfenster runter und schimpfe zurück. Oh man, was passiert  denn hier? Das Leben hat es mit mir bislang wahrlich gut gemeint.  Was soll denn diese entgleiste Situation jetzt? Streite ich mich gerade tatsächlich mit diesem Typen, der seinen Job wahrscheinlich genauso hasst wie ich die Warterei vor seinem Lokus-Wagen? Was bin ich bloß für `ne miese Ratte? Das liegt alles nur am ständigen Rumgespringe und den nicht angefangenen To Do Listen. Und so verstumme ich und versuche Liebe zu versprühen. Den Toiletten-Heini bringt mein abruptes Schweigen aus dem Konzept oder eventuell hat ihn ja auch ein fetter Strahl meiner Liebe getroffen. Vielleicht auch eher nicht. Er steigt auf jeden Fall verdattert in seinen LKW, um anschließend, mir einen Vogel zeigend abzudampfen. Ich denke, dass meine Woche auch schon mal besser angefangen hat. Nach dem Ausladen der Einkäufe und einer ersten Tasse Kaffee bleiben mir genau 25 Minuten bis zur Abholung des Stenzes. Die verplempere ich dann mit Online-Recherchen über Toi-WCs. Und für den Nachmittag nehme ich mir feste vor,  beim Fußballtraining meines Sohnes einfach auf der Reservebank sitzen zu bleiben und mir das Rumgehüpfe von A nach B und wieder zurück zu sparen.  Stattdessen brülle ich ihm lieber ein fröhliches „Toi, toi, toi – noch ein Tor!“ zu. Produktivität wird gemeinhin ja so überschätzt!

Experiment Haustausch: geglückt!

Wir haben vor Giraffen Tränen der Freude vergossen. Wir haben über Affen gelacht, sind mit Pinguinen geschwommen und haben Wale gesichtet. Wir haben die Schönheit der Welt von oben bestaunt und den Eukalyptusbaumschatten von unten genossen. Wir sind auf Berge geklettert und haben uns im Sand versteckt. Wir haben die Wellen gejagt und der Wind hat uns fortgepustet. Das Lachen der Menschen hat uns berührt und das Licht und die Farben verzückt. Wir sind ganz nah zusammengerückt und dabei ist uns das Glück, dieses flüchtig unberechenbare Ding auf die Schliche gekommen. Es ist uns nicht mehr von der Seite gewichen – ganz so als hätten wir es für die Ewigkeit gepachtet. Und auch wenn es uns wieder verlässt, die Momente, die uns das Glück für unsere kleine Ewigkeit festhalten, bleiben. Nichts anderes habe ich mir gewünscht: Erinnerungen, die das Herz zum Hüpfen bringen.

Reisen – ein Weichspüler für die Seele

Südafrika hat mich weichgespült und ich gleiche seit Wochen einem tropfenden Schwamm, der bei jeder Gelegenheit beseelt zu Sentimentalitäten neigt. Diese Reise hat mich daran erinnert, dass sich das Abenteuer da draußen in der Welt versteckt und nur selten durch’s heimische Wohnzimmer stapft. Auch wenn es dort ganz schön gemütlich ist. Wann hatte ich das bloß vergessen? Irgendwann zwischen Arbeit, Nestbau und Kinderkriegen. Ja doch, es hockt im Busch, auf sonnenbeschienen Bergen, am rauschenden, tosenden Meer. Jeder Moment zählt, auch und gerade dieser. Wir sind wieder neugierig geworden auf noch mehr Welt und noch mehr Himmel! Wir haben unsere Häuser und Leben mit Fremden getauscht und haben so viel dadurch gewonnen. Wir durften vier Wochen in eine andere Wirklichkeit schlüpfen. Eine lichtdurchflutete und bunte Wirklichkeit, in der ich mir vorkomme wie ein Maulwurf, der nach langer Zeit wieder den Himmel erblickt. Und selbst nach Wochen dieser Wirklichkeit zwicken wir uns morgens und fragen uns: „Ist das nicht doch alles nur ein Traum?“

Der Himmel frohlockt

Heute, da lagen wir am Meer und es kamen junge, unglaublich drahtige Surfer aus ihren unglaublich trendigen Häusern an den Strand gerannt. Sie stürzten sich mit einer Leichtigkeit und Anmut ins Meer und ritten die Wellen als wären sie halb Fisch und halb Mensch. Lichtgestalten, deren Element Wasser und Luft zugleich ist. Währenddessen saßen der Mann, die Tochter und ich wie drei lichtscheue Maulwürfe in unserer Sandmulde und staunten. Wir staunten über den Ozean, die Dünen, die Weite, die Schönheit, die uns umgab und über den Stenz, der sich mit einer Lebensfreude in die Fluten warf als gäbe es kein Morgen mehr, auch eine kleine Lichtgestalt – jedenfalls für mich! In diesem stolzen Augenblick bekam ich aus der Heimat Fotos von Raureif und toten Ästen geschickt und ich dachte mir: „Das einzig nicht so gute an diesem Haustausch ist, dass er zu Ende geht und wir Kapstadt, diesen riesigen Abenteuerspielplatz wieder verlassen müssen.“ Dieses Sehnsuchtsziel, an dem hinter jeder Ecke, die nächste famose Überraschung hervorlugt und uns mit offenen Mündern zurücklässt. Was bleibt uns anderes übrig, als eine neue Reise zu planen? Denn der Himmel frohlockt, auch für uns Maulwürfe!

Experiment Haustausch

Ich bin eher nicht so der Abenteurer. Um ehrlich zu sein, bin ich sogar das Gegenteil, nämlich ein glückliches Gewohnheitstier in bequemer Komfortzonen-Lage. Ich werde schon nervös, wenn ich in meinem Supermarkt den Frischkäse plötzlich nicht mehr an gewohnter Stelle finde. Keine Ahnung, welcher Teufel mich geritten hat, einen einmonatigen Haustausch mit einer Familie in Südafrika anzuleiern.  Ach ja doch, ich weiß warum. Ich dachte mir letztes Jahr im vorweihnachtlichen Stress, es wäre doch mal ganz lustig dem ganzen Brimborium zu entfliehen und mal nicht Christkind, Weihnachtsmann und Backelfe in Personalunion zu spielen. Außerdem wollte ich Erinnerungen schaffen. Unvergessliche Erinnerungen. Erinnerungen, die nix mit regen- und graupelgeschwängertem deutschen Dezemberblues zu tun haben. Denn aus Erinnerungen besteht doch letztlich das Leben, so ist es doch, oder?

Weihnachtsmann folge uns nach afrika

Tja, und jetzt sitze ich in der Patsche. Denn ich habe das irgendwie alles unterschätzt. Den Stenz zum Beispiel. Der steht nicht so auf Erinnerungen, die in unmittelbarer Verbindung zu Plastiktannen stehen. Er liebt es traditionell. „Mami, ich will hierbleiben, am besten im Schnee, denn zu Hause ist Weihnachten so feierlich! Denk doch mal an letztes Jahr, da hatten wir gleich zwei Weihnachtsbäume und die waren echt und nicht aus Plastik. Und der Weihnachtsmann kam mit `ner Laterne durch den Garten gestapft. Der Weihnachtsmann findet den Weg doch gar nicht nach Afrika. Der sitzt am Nordpol und wir können froh sein, wenn sein Hirsch (gemeint Rentier) Deutschland findet!“ „Aber Stenz, Du wirst vielleicht Elefanten sehen, von einem Pavian gekitzelt werden und von Deinem eigenen Trampolin im Garten zum Tafelberg hüpfen! Das wird fantastisch!“

Der Messy in uns

Doch nicht nur die konservative Traditionsverbundenheit unseres fünfjährigen Sohnes habe ich unterschätzt. Nein, auch unser vollgestopftes Haus. Denn seit einem halben Jahr nerve ich meine gesamte Umgebung und mich selbst mit Haustauschvorbereitungen. Ja tatsächlich, ich kann mich selber kaum noch ertragen. Und meine Freunde sprechen mich schon gar nicht mehr an. „Ach die, die kommt sowieso nicht mit, die ist entweder krank oder am Packen“ – grauenvoll! Ich bin zu einem kranken Pack-Zombie mutiert, der aus dem allgemeinen Sozialleben ausgestiegen ist. Schon im Spätsommer fing ich an, unser Messy-Haus auszumisten und mich beschleicht mittlerweile das mulmige Gefühl, dass ich damit niemals fertig werde, auch drei Tage vor unserer Abreise nicht. Denn während ich radikal altes Zeugs und Gedöns ausmiste, rauswerfe, verschenke und spende, stiehlt sich unbemerkt, auf geradezu unheimliche Weise, neues Zeugs und Gedöns durch ein unsichtbares Hintertürchen wieder rein. Genauso ist das auch mit dem Aufräumen. Ich will, dass sich die Südafrikaner bei uns wohl fühlen und ein Mindestmaß an Ordnung und Sauberkeit herrscht. Meine Kinder sehen das anders, leider. Während ich an einem Ende des Hauses wasche, putze, ordne und glattstreiche, verkrumpelt, verdreckt und verstaubt schon wieder der andere Teil. Ich bin der weibliche Sisyphos.

Pest und Cholera über den Wolken

Ach ja, und auch das Versprechen an den Stenz, dass diese Reise durchweg hervorragend und ganz fantastisch wird, nagt an mir. Denn ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht! Die Reaktionen mancher, denen ich von unserem Abenteuer erzähle sind alles andere als motivierend: „Ach herrje, da hast Du Dir ja ganz schön was aufgehalst und das obwohl ihr es so schön zu Hause und in den Hotels habt!“ oder „Au weia, nehmt ihr eine Waffe mit?“ (Ohne Quatsch, das wurden wir wirklich gefragt!) Zugegeben, diese Kommentare stammen nicht unbedingt von meinen engsten Freunden, denn die sind allesamt Abenteurer und vollkommen entgeistert, dass ich mich so anstelle. Und ich stelle mich an. Sehr sogar! Ich bin selbst erschrocken, wie greisenhaft ich denke. Denn seit ich zwei Kinder habe, lauern für mich die Gefahren hinter jeder Ecke. Und so wähne ich mich und meine Liebsten nach der Lektüre der Sicherheitsdingsbums vom Auswärtigen Amt bereits mit einem Bein im Grab. Ich weiß, es ist lächerlich. Aber ich wappne mich seit Tagen im Geiste gegen bärbeißige Paviane, diverse Sicherheitslücken vor Ort, Pest, Cholera und unstillbare Brechdurchfälle sämtlicher Familienangehöriger schon während des Hinfluges. Zur Entschuldigung meiner hysterischen Befürchtungen sollte ich erwähnen, dass mich am vergangenen Wochenende ein fieser Magen-Darm-Virus beinahe dahingerafft hätte.

Hilfe, Paviane am Spülbecken gesichtet

Als mich dann auch noch beim Stöbern der Facebook Fotos unserer Haustausch-Familie Bilder von Skorpionen und Höckervogelspinnen in der heimischen, südafrikanischen Küche anspringen, will sich meine angsterfüllte Seele am liebsten unter dem bayerischen Sofa verstecken und den Abflug unbemerkt verstreichen lassen. Zu allem Überfluss artikuliere ich meine Sorgen den Südafrikanern gegenüber recht ungeschickt. Denn ich erkundigte mich bei ihnen, nach einem probaten Mittel gegen baboons (Paviane) gemeint waren natürlich baboon spiders (Höckervogelspinnen) in der Küchenspüle. Daraufhin höre ich unsere Haustausch-Lady förmlich über den Äther hinweg schallend lachen als sie mir per Whats App antwortet: „Mach dir keine Sorgen, Paviane haben wir noch keine im Haus und die Höckervogelspinne hat uns nur einmal vor sechs Jahren besucht. Danach nie wieder. Ach ja, und der Skorpion, der ist so gefährlich wie ’ne Wespe. So, don’t worry, be happy – that’s Africa!“

Erwähnte ich bereits, dass ich in der Patsche sitze, mich aber unglaublich auf unser Abenteuer freue?

 

Papa allein zu Haus‘ oder die Kuh ist los!

Stier Galopp im Garten

Kürzlich war ich für einen halben Tag geschäftlich unterwegs. Am Tegernsee. Es war herrlich! Bevor ich losfuhr, legte ich sorgsam Kleider und Kleidchen für meinen Nachwuchs parat. Schnippelte Obst, bereitete Müslischälchen vor und packte sorgsam das Rucksäcklein für mein Zweitgeborenes, damit es während seines Aufenthaltes bei der Tagesmutter, die ein oder andere appetitliche Schmauserei vorfände. Und als ich dann frohen Mutes ob des bevorstehenden Ausfluges losfuhr, herrschte in unserem Haus Sauberkeit, Ordnung, Stille und sehr viel Frieden.

Bratwürstel und Eis am Stiel – was braucht es mehr zum glücklich sein?

Und ich war mir sicher, dass dieser Zustand auch nach meiner Abfahrt irgendwie anhalten würde. Hatte der Mann ja schon oft bewiesen, dass er auch alleine, ganz ohne Kindsmutter in der Lage war, für das Überleben unserer Nachkommen zu sorgen. In meiner Abwesenheit erschienen meine Kinder zwar immer ein wenig verzottelter und etwas exzentrisch gekleideter als sonst, aber sie waren glücklich. Denn zum glücklich sein braucht es nicht viel mehr als ein paar Bratwürste, unzählige Eis am Stiel und laute Musik für ein kollektives Tänzchen am Nachmittag. Kohlenhydratige Beilagen und Gemüse werden gemeinhin überschätzt! Kurzum, meiner Familie stand auch ohne mich ein gewöhnlicher, wenn auch etwas ungesünderer Tag ins Haus. So dachte ich es mir jedenfalls.

Stiere außer Rand und Band
Stiere außer Rand und Band
Animalischer Slapstick in unserer Garten-Idylle

Doch manchmal kommt es anders als man denkt. Eine leise Ahnung, dass dieser Tag einen seltsamen Verlauf nehmen würde, beschlich mich, als schon während der Autofahrt im Minutentakt Whatsapp Mitteilungen meines Mannes aufpoppten. Als ich dann endlich im Meeting saß und mein Handy weiterhin nicht zu beruhigen war, beschloss ich, dass ich den Mitteilungsdrang meines Gatten nicht länger ignorieren konnte und öffnete ein von ihm gesandtes Video. Was ich sah, erinnerte mich an Pleiten Pech und Pannen, wobei unser heimischer Garten die Kulisse darstellte – welch ein animalischer Slapstick: Im Morgennebel galoppierten zwei wild gewordene Stiere durch unseren Garten. Sie veranstalteten erstaunliche Bocksprünge und mich beschlich das Gefühl, dass diese Bocksprünge nicht unbedingt ein Zeichen jubilierender Freude als vielmehr eine Manifestation existenzieller Panik waren. Das zweite Video zeigte, wie sich die Kühe an unseren Sträuchern zu schaffen machten und mein Mann ihnen mit zittriger Stimme zaghaft befahl: „Kühe geht weg!“ Aber leider gab es wohl ein Kommunikationsproblem. Und sie schmetterten seine höfliche Bitte mit einem simultan gebrüllten „Muh“ ab. Anschließend machten Sie sich mit ihren Hörnern an unserer Hauswand zu schaffen.

Der Mann, ein Meister in gepflegter Kuh-Konversation

Da kann man sich doch voll auf den Job konzentrieren, wenn man weiß, dass das heimische Nest gerade von zwei wild gewordenen Stieren angegriffen wird, die Kinder panisch das Treiben verfolgen und im Duett um die Wette kreischen und sich der Mann in gepflegter Kuh-Konversation versucht. Da hilft nur, Handy ausschalten und die Verantwortung abgeben. Der Mann ist großartig und wird das Kind bzw. die Kuh schon schaukeln. Denn wenn ich eines an ihm liebe, ist es seine Kreativität. Daher ging ich davon aus, dass er sein Können als Cowboy unter Beweis stellen und die Kühe wieder auf die Nachbarwiese treiben würde, um anschließend zur Tagesordnung überzugehen.

Der Stall von Bethlehem am heimischen Kamin

Diese optimistische Mutmaßung erwies sich leider als totale Fehleinschätzung. Der Anblick, der sich mir bei meiner Rückkehr bot, ließ nur einen Gedanken zu: Den Kühen war es gelungen, in unser Haus einzudringen, es in feindlicher Absicht zu übernehmen und unser Wohnzimmer als Stall zu erobern. Beim Anblick unseres Erdgeschosses schwindelte es mir: Zeitungen waren in tausend Fetzen zerrissen, Erdklumpen verzierten unser Parkett und braune Fingerabdrücke verschönerten die weißen Wände. Ich war mir sicher, hier zwischen Couch und Kamin hatte ein martialischer Kampf ums Überleben stattgefunden oder wenigstens ein halsbrecherisches Rodeo! Von den Rodeo-Reitern fehlte allerdings jede Spur. Lediglich ein schmauchiger Rauchgeruch in der Küche verriet, dass die Bratwurstbrutzelei heute nicht ganz geglückt war. Aber dafür mundete das Eis umso mehr. Denn als ich meine drei Cowboys wiederfand, zelebrierten sie gerade bei einem gigantischen Eis ihren Sieg über die Stiere, die in trauter Eintracht wieder auf unserer Nachbarwiese grasten. Wie die Rückkehr gelang und warum unser Wohnzimmer einem Stall glich, bleibt wohl für immer das Geheimnis meiner Rodeo-Reiter. Nur gut, dass Weihnachten vor der Tür steht. Unser Wohnzimmer wäre die perfekte Kulisse für ein gelungenes Krippenspiel.

 

Tzüüüs! Hilfe unser Kind ist weg!

Reisen mit Kindern

„Eltern vergessen fünfjähriges Kind nach Rückkehr aus dem Urlaub am Flughafen“, so titelte unlängst ein Online Magazin. „Was für Anfänger!“ hätte ich früher empört gedacht. „So was kann doch nur Schwachsinnigen passieren!“ Ich bin mir sicher, so oder so ähnlich wäre mein leichtfertiges Urteil gewesen, bevor für mich die alles verändernde Mama-Ära angebrochen ist. Doch seit ich Mutter einer Tochter mit ausgeprägtem Freiheits- und Wandertrieb bin, weiß ich, dass so etwas passieren kann. Zwar vergessen wir unser Kind nicht unbedingt am Flughafen. Aber wir verlieren es hin und wieder. So wie wir unser Handy ab und zu verlegen, verlegen wir in sicherer Regelmäßigkeit auch unsere Tochter oder besser gesagt, sie verlegt sich selbst. Das muss irgendwie genetisch bedingt sein. Denn schon mein Bruder ging früher als Dreijähriger in einem amerikanischen Vergnügungspark verloren. Seltsamerweise waren es nicht meine Eltern oder ich, die sein Verschwinden bemerkten, sondern eine befreundete Familie. Irgendwie kamen wir unseren Freunden, kurz vor der Abfahrt aus dem Kinderparadies, so vor unserem Mietauto stehend, zu wenig vor.  Und genau wie damals meine Eltern, befinde auch ich mich allzu oft in panischer Suche nach meinem Kind. Und dass obwohl mir immer wieder Attribute einer Helikopter-Mutter attestiert werden. Es ist unglaublich, aber seit sich Louloubelle einigermaßen sicher auf zwei Beinen fortbewegt, ist ihr erklärtes Ziel, die Welt zu erkunden und ihre Lieblings-Floskel lautet: „Tzüüüss“ – was für Eingeweihte so viel wie „Und tschüs“ bedeutet.

Ready for Boarding to Reykjavik

Allerdings verabschiedet sie sich nicht immer formvollendet, sondern löst sich gerne auch mal ganz ohne Ankündigung in Luft auf, ganz wie das weiße Kaninchen im Zauberhut. Das erste Mal durften wir Ihre magischen Fähigkeiten des Vaporisierens am Flughafen von Cagliari bestaunen. Während ich mir eine kurze Verschnaufpause vor dem Abflug auf der Toilette gönnte, ging der Mann durch die Hölle. Denn Louloubelle fand am heillos überfüllten Airport Gefallen darin, sämtliche Ständer mit folkloristisch-italienischen Souvenirs umzustoßen. Dabei hatten es ihr die gehäkelten Topflappen, Schlüsselanhänger und bunten Flamingo Magnete besonders angetan. Und während der Mann noch dabei war, einen der vielen umgeschmissenen Nippes-Ständer wieder aufzurichten, machte sich unser Kind frohen Mutes aus dem Staub. Erst die Shop-Besitzerin machte meine bessere Hälfte darauf aufmerksam, dass nicht nur eine große sardische Salami in ihrer Auslage fehlte, sondern scheinbar auch unsere Tochter. Dass sich just zu diesem Zeitpunkt ganz Europa in unserer Abflughalle versammelte, machte das Wiederauffinden unseres Kindes nicht einfacher. Glücklicherweise konnte der Mann die kleine Ausreißerin samt ihrem Salami-Proviant dann gerade noch vom Boarding einer Maschine nach Reykjavik abhalten. Die italienische Hitze war aber auch kaum auszuhalten, da hätte sich ein kleiner Abstecher ins kühle Island sicher gelohnt!

Abrakadabra Verschwindibus

Keine Ahnung, was sich unsere Tochter bei ihren Alleingängen durch die Welt so denkt. Bei unserer letzten längeren Reise in Südtirol wurde ihr vielleicht der familiäre Packstress und die Hektik der bevorstehenden Abreise ins nächste Wellnesshotel zu viel. Denn während ich gerade unsere sieben Milliarden Reiseutensilien in ungefähr drei Millionen Koffer, Rucksäcke und Beutel verstaute und vertieft dem Gedanken nachhing, wie einfach so ein Hotelwechsel doch früher in kinderlosen Zeiten vonstatten ging, klopfte es plötzlich an unserer Hoteltür. Vor mir stand eine Dame mittleren Alters, die mich zu meiner großen Überraschung bat, meine Tochter in ihrem Bad abzuholen. „Ihre Tochter ist entzückend, aber wissen Sie, wir müssen jetzt wirklich los, wären Sie daher so lieb und kommen kurz rüber?“ Hoppla, so alt war die Dame doch auch wieder nicht, dass sie schon erste Anzeichen von Senilität aufwies, oder doch? „Entschuldigen Sie, aber da müssen Sie uns verwechseln! Meine Tochter spielt im Wohnzimmer mit unserem Sohn, sehen Sie doch!“ Oder sehen Sie eben auch nicht. Während der Stenz seinen Füßen gerade ein Schaumbad im Bidet des Hotelbades angedeihen ließ, fehlte von unserer Tochter auch nach längerem Suchen jede Spur. Allerdings stand die Terrassentür sperrangelweit offen. So ist unsere Tochter, die sich wohl nach etwas Ruhe vom familiären Chaos sehnte, über unsere Terrasse in das nachbarliche Hotelzimmer getürmt, um sich dort vom liebenswerten älteren Ehepaar mit Schokoladen-Drops füttern zu lassen. Jedenfalls hätte jeder Hamster beim Anblick ihrer prall gefüllten Backen einen Neid-Anfall bekommen. Und weil es so schön bei den Nachbarn war, ließ sie sich nur schwer von einer Übersiedlung zurück zu uns überzeugen. Ganz wie der gestresste Hund einer Freundin mit drei lauten Kindern, der sich immer zum Schlafen zu den ruhigen Rentnern gegenüber verdrückt, genoss meine Tochter ihre kleine kulinarische Verwöhn-Auszeit ebenfalls sichtlich.

„Maus“ und „Muhs“ nehmt Euch in Acht!

Und auch zu Hause, unternimmt mein Zweitgeborenes zuweilen gerne mal abwechslungsreiche Exkursionen. So schleicht sie sich immer wieder unbemerkt aus unserem Haus, um im Garten getigerte „Maus“ beim Mäusefangen zu stören, sich an glückliche „Muhs“ auf der Nachbarwiese ranzupirschen oder erwartungsfroh vor der Haustüre ihrer Freundin zu stehen. Sie ist unternehmungslustig und ich habe schwache Nerven. Daher werde ich zukünftig wohl unsere Haustür mit Schloss und Riegel versiegeln und für alle weiteren Reisen, da besorge ich mir auf Anraten einer Freundin ‘nen Kinderrucksack mit `ner Leine dran. Das klingt hart, aber ich will sicher gehen, dass sie beim nächsten Mal nicht doch den Flug nach Reykjavik erwischt!

Erwischt!

Der Mann und ich verstecken uns gerade hinter den Himbeerbüschen in der hintersten Ecke unseres Gartens und machen uns im Klandestinen über einen dicken fetten Blaubeer-Muffin her. Ein wunderbarer Blaubeer-Muffin. Mit ganz viel Crumble. Der letzte Muffin, den der Mann heute kurz vor Ladenschluss bei seinem Beutezug durch den deutschen Einzelhandel auftreiben konnte. Leider. Schon beim bloßen Anblick lief uns beiden das Wasser im Mund zusammen und uns war klar, dieser eine köstliche Muffin würde in seiner vollen Pracht ausnahmsweise mal nur zwischen uns beiden geteilt. Beim schnellen Verschlingen kommen wir uns vor, wie zwei hungrige Löwen, die während der letzten Dürre um ein Haar verendet wären. „Schnell, sie kommen, ich wisch‘ Dir noch die Krümel aus den Mundwinkeln und hör‘ bloß mit den Kaugeräuschen auf, sonst sind wir erledigt!“ zische ich panisch dem Vater meiner Kinder entgegen, während mir eine dicke Blaubeere unzerkaut im Halse steckt. „Was habt ihr gerade gegessen?“ Du meine Güte, der Stenz klingt wie ein mittelalterlicher Inquisitor und wir schauen so bedröppelt aus der Wäsche als wären wir gerade aufgrund von Ketzerei zur Hinrichtung verurteilt.

Der Zauber-Koffer, das himmlische Gastgeschenk, das durch den Nabel kommt

Dabei hatte ich heute wirklich einen herausfordernden Tag und hätte mir, wie ich finde, den letzten Blaubeer-Muffin mehr als redlich, sogar alleine verdient. Denn mein Morgen begann bereits mit einem Gespräch der besonderen Art: „Mama, wie konnte Louloubelle mir eigentlich den Zauber-Koffer mitbringen als sie geboren wurde?“ Wie hat sie das geschafft, mit Zauberhut, Zauberhandschuhen und Zauberstab aus dem Bauchnabel zu schlüpfen?“ Als Hintergrundinformation sollte der werte Leser wissen, dass unsere Tochter ihrem Bruder zum Auftakt ihres Erdendaseins einen Magier-Koffer aus den himmlischen Gefilden mitbrachte. Quasi als aufmerksames Gastgeschenk für eine immerwährend gute Bruder-Schwester-Beziehung. „Hmm, das ist eine hervorragende Frage.“ Während ich mich diesen Satz sagen höre, überlege ich mir, ob ich jetzt so vor dem ersten Kaffee Lust auf ein sanftes Aufklärungsgespräch habe. Ich habe keine Lust. Der Stenz liebt es an den Weihnachtsmann zu glauben, warum soll er dann nicht auch noch ein bisschen an dem Gedanken festhalten, dass seine liebreizende Schwester keine Kosten und Mühen gescheut hat und sich samt Magier-Koffer durch den Bauchnabel quetschte. Und während ich so langsam zu dem Schluss komme, dass ich ohne Koffein erstmal jegliche Aussage verweigere, erklärt sich der Stenz auf wundersame Weise das geschwisterliche Mitbringsel selbst. „Mama, ich glaube, Louloubelle ging in Deinem Bauch extra für mich einkaufen“. Es geht doch nichts über eine blühende Phantasie. „Ja, genau so war es“ höre ich mich verlogen sagen und schlürfe ein wenig schuldbewusst an meinem Kaffee.

„Du hast so wunderschöne Glubschaugen…“

Im Laufe des Tages nehmen meine Schuldgefühle dann doch zu und ich kläre meinen Sohn darüber auf, dass seine Schwester nicht wirklich aus dem Bauchnabel kam. Als er den wahren Ursprungsort unseres Wonneproppens erfährt, entgegnet er vollkommen entgeistert: „Ach Mama, erzähl doch bitte keinen Quatsch! So was Komisches habe ich ja noch nie gehört.“ Doch manchmal muss die Wahrheit einfach sein, so grotesk sie für einen Fünfjährigen auch anmutet. Und nach mehrmaligem Insistieren, dass das tatsächlich die Wahrheit sei, steckt sich der Stenz ein neues sehr ambitioniertes Ziel: „Mama, wenn ich groß bin, will ich auch, dass aus meinem Pipimäuschen ein Baby kommt.“ Na dann. Das nennt man wohl eine erfolgreiche Gesprächsentwicklung. Bei so viel Überraschendem, konnte die Frage, wie seine Schwester im Bauch zum Zauberkoffer kam, bis auf Weiteres unbeantwortet bleiben. Die Hauptsache ist doch, dass sich die beiden heiß und innig lieben. Als Zeichen seiner immensen Zuneigung, machte der Stenz seiner Schwester diesen Sommer ein besonders charmantes Kompliment: „Ach Louloubelle, Du hast so wunderschöne Glubschaugen, die sind wirklich phantastisch.“ Dabei richtete er dieses Bonmot gerade zu der Zeit an seine Schwester, als Özil in aller Munde war. Nicht ganz so gut wie unsere Tochter mit dem Stenz, versteht sich der Freund meines Sohnes mit seiner großen Schwester. Auf die Frage, ob er denn von seiner älteren Schwester viel Playmobil oder Lego erbe, entgegnete er nur knapp: „Ne, von der bekomme ich nur alte Kleider oder Schläge.“

Fernsehen macht dumm!

Bei dem Gedanken an diese furchterregende „Erbschaft“ muss ich am Abend unwillkürlich lachen, während ich leise auf Zehenspitzen vom Kinderzimmer zum Fernseher schleiche. Nicht aber ohne vorher noch einen kleinen Umweg in die Küche einzulegen. Ich schließe alle Türen und gehe vor dem Fernseher meiner Sucht nach Transfetten ungehindert nach. Dabei versuche ich möglichst leise mit der Chips-Tüte zu rascheln. Leider vergeblich. Der Stenz biegt plötzlich um die Ecke und wirft mir wutentbrannt entgegen: „Mama, Du machst es Dir hier gemütlich, dabei musst Du doch warten bis ich eingeschlafen bin. Und überhaupt wirst Du vom Fernsehen schauen ganz dumm!“ „Aber ich gucke doch einen französischen Film mit Untertiteln, davon wird die Mama schlau!“ entgegne ich matt, während ich den Fernseher ausschalte und meinem abendlichen Dienst nachkomme, am Stenz’schen Bett Wache zu halten.

Achtung, Achtung:

An alle angehenden Eltern da draußen, bevor Euer Baby aus dem Bauchnabel schlüpft, esst so viele Muffins wie ihr könnt und schaut Euch Eure Lieblings-Serien in Endlos-Schleife an. Denn ganz bald ist Schluss damit!

Hai-Attacke im Bayerischen Wald oder Badespaß de luxe

Badespaß de luxe

Der Stenz liebt Geschichten von Haien. Das mag auch an meinem Mann liegen. Denn durch seine älteren Brüder, kam er schon im zarten Grundschulalter in den Genuss, den „Weißen Hai“ in seiner gesamten Schauerlichkeit zu bewundern. Seine Brüder dachten wohl, dass dieser aquatische Horror genau die richtige Einschlafhilfe für den kleinen Bruder sei, während die Eltern fröhlich ausgingen. Aber ganz im Gegenteil, mehr als dreißig Jahre später erzählt der Mann dem Stenz immer wieder gerne von seiner traumatischen Filmerfahrung. Und da ich Fernsehen im Allgemeinen und den „Weißen Hai“ im Besonderen als Kinderunterhaltung irgendwie ungeeignet finde, bleibt dem Stenz bis auf weiteres das Hai-Massaker verwehrt. Doch mich beschleicht hin und wieder das Gefühl, dass mein Sohn, inspiriert durch die blutrünstigen Erzählungen seines Vaters, in Gewässern, allen voran in Schwimmbädern, die ein oder andere Szene des Blockbusters gerne mal selbst nachspielt, sodass auch ich, immer wieder ein paar prickelnde Gänsehautmomente erleben darf.

Blutige Apokalypse am Beckenrand

So weilten wir vor ein paar Monaten im Bayerischen Wald. Nach zwei relativ ereignislosen Tagen in denen meine Tochter eine symbiotische Beziehung mit einem weißen Gummischwan einging, fühlte ich mich plötzlich an den US-Kinoklassiker erinnert. Dabei fing unser Nachmittag im Hotelpool so beschaulich an. Meine Tochter saß stolz wie Bolle in ihrem weißen Gummischwan und füßelte sich mit der Anmut einer Ballerina durch das warme Nass, ganz so als müsste sie sich für Schwanensee qualifizieren. Der Stenz war ebenfalls in Hochform und tauchte mit dem Gummischwan um die Wette. Doch dann wurde das fröhliche Plantschen jäh unterbrochen. Der Stenz musste mal. Also löste ich meine Tochter unter lautstarkem Protest aus der Umklammerung vom Schwanenhals, um anschließend den Stenz einhändig von seinem Schwimmgürtel zu befreien und abzutrocknen. Einhändig, weil meine Tochter nur auf meinen Armen weilen mochte. Und während ich selbst noch wie ein begossener Pudel mit Übergepäck dastand, klirrte es plötzlich gewaltig und die Wasserflasche, die uns vor der Dehydrierung an diesem Nachmittag bewahren sollte, zerbarst in tausend Scherben. Herrlich. Und da mein Sohn besonders wohl erzogen ist, begann er die Scherben sofort aufzulesen. Ich wollte gerade noch lauthals warnen: „Bloß nix anfassen und Schuhe anziehen!“ da tauchte das Hallenbad im beschaulichen Bayerischen Wald schon in dunkelrotes Blut, ganz so als hätte die weiße Meeres-Bestie mit geballter Brutalität zugeschlagen. Wundervoll. Der Stenz fing an zu weinen, da er sein baldiges Ableben durch die Wunde an seinem Finger befürchtete. Louloubelle schlug aus reiner Solidarität in das apokalyptische Geheul mit ein und ich kam mir vor wie in einem schlechten Kubrick Film. Habe ich schon erwähnt, dass ich Schwimmbad-Nachmittage mit meinen Kindern liebe?

Das Babybecken – ein Garant für grenzenlosen Badespaß!

Doch nicht nur im Bayerischen Wald, auch in meiner Heimat, im schönen Mainz, kann man herrliche Freibad-Tage verbringen. Das Babybecken ist dabei eine Spielwiese für unermesslichen Badespaß. Da darf man bäuchlings kleine Rutschen runter sausen oder imaginäre Pflänzchen mit der Mini-Gießkanne wässern. Außerdem lassen sich ausgiebige Tattoo-Studien realisieren und es ist auch erstaunlich mitanzusehen, wie schnell die eigenen Füße im ca. 15 Zentimeter tiefen Nass, das hin und wieder eine bedrohliche Gelbfärbung annimmt, bis zur Unkenntlichkeit verschrumpeln, während der Kopf bei 37°C im Schatten langsam einer roten Ampel gleicht. Aber so ein Freibad ist mal abgesehen vom Babybecken wirklich was Feines, vor allem wenn es richtig lange und steile Rutschen gibt. Und die rasten der Stenz und ich in Dauerschleife und Karacho runter. Während Oma mit Louloubelle langsam aber sicher im Babybecken verschrumpelte, hatten mein Sohn und ich den Spaß unseres Lebens.

SOS – Bademeister verzweifelt gesucht!

Bis er plötzlich auf dem Weg zu einer weiteren gigantischen Wasserrutsche stolperte und perfekter Weise auf die Kante einer Treppenstufe fiel. Mir schien, als würde das Knie einmal kurz in der Mitte entzweit. Ein herrlicher Anblick für jemanden, der schon bei Zahnfleischbluten den Anflug einer leichten Ohnmacht verspürt. Aber es hilft ja nix. Den Stenz auf den Arm genommen und im Sauseschritt zum Bademeister-Häuschen gehechtet. Ich wusste gar nicht, dass verschrumpelten Füße so schnell rennen können. Blöd nur, wenn das Bademeister-Häuschen nicht besetzt ist. Egal, ein bisschen hysterisches Schreien hat noch keinem geschadet. Vor allem dann nicht, wenn das Geschrei durch eine rote Blut-Fontäne visuell und das Stenz`sche Wimmern akustisch untermalt wird. Da wird dann plötzlich auch bei den Mitbadenden ein bisschen Adrenalin ausgeschüttet. Vielleicht wäre die rettende Hilfe noch schneller gekommen, wenn ich „der Weiße Hai, der Weiße Hai!“ gebrüllt hätte. Aber mir war irgendwie nicht nach Späßchen. Die Bademeisterin kam dann aber zum Glück irgendwann auch angetrottet. Während ich mich beim Anblick des Stenz’schen Knies am liebsten mehrfach übergeben und dann aus dem Staub gemacht hätte, klammerte und pflasterte sie beherzt und riet mir doch lieber einen Profi zu konsultieren, da das Ganze auf jeden Fall Potenzial hätte, genäht zu werden. Nicht gerade aufbauend, weder für den Stenz noch für mich.

Surprise, surprise: Krankenwagen-Inspektion

Ach ja und da waren ja auch noch Oma und meine Tochter, die mittlerweile kurz vor dem akuten Schrumpeltot stehen mussten. Ich legte also mal wieder einen halsbrecherischen Galopp durch das 20 ha große Freibad-Areal ein und verkündete Oma samt Tochter die frohe Botschaft, dass uns ein munterer Ausflug ins Krankenhaus bevorstünde. Die Freude war auf allen Seiten unermesslich! Denn es macht riesigen Spaß bei siedender Hitze ein Kleinkind, einen höchst alarmierten Fünfjährigen mit Platzwunde und sieben Millionen Badesachen durch die rheinhessische Provinz bis zum Auto zu tragen. Denn der Stenz durfte aufgrund erneuter Blut-Fontänen-Gefahr keinesfalls selbst laufen. Es ist außerdem überflüssig zu erwähnen, dass man morgens nur einen Parkplatz in kilometerweiter Entfernung des Schwimmbad-Eingangs gefunden hatte. Doch Oma und ich haben das Ganze souverän gewuppt. Und es gelang uns sogar noch auf Anraten der Bademeisterin, zwei Rettungssanitäter über die Platzwunde schauen zu lassen. Welch‘ ein Highlight an diesem von unerwarteten Überraschungen gespickten Tag. So durften wir nicht nur im Bademeister-Häuschen, sondern auch noch in einem Krankenwagen Platz nehmen. Leider rieten uns auch die Sanitäter dringend zum Hospital-Besuch.

Eine Runde Gummibärchen für Alle

Völlig ermattet, rotgesichtig und Schweiß gebadet liefen Oma, eine mittlerweile leicht unterzuckerte aber immer noch hervorragend gelaunte Louloubelle, ein ängstlicher Stenz und ich durch die heilsbringende Krankenhaus-Pforte. Während ich den Stenz so auf meinen Armen trug, hatte ich Gelegenheit, ihn von den unermesslichen Vorteilen des Nähens einer Platzwunde zu überzeugen. Erstaunlicherweise sah er dem Nähvorgang gar nicht mehr so beklommen entgegen und zeigte sogar eine gewisse Neugier auf die vielen Spritzen und das lustige Nähzeug des Kinderarztes. Dieser betrat das Krankenzimmer dann bestens gelaunt und verkündete nach Sichtung der Wunde mit rheinhessischem Charme. „Also, wenn das mein Kind wäre, würde ich ihm nur ein Pflaster auf die Wunde kleben und gut wär‘s! Aber weil Sie ja scheinbar keine Kosten und Mühen gescheut haben, und hier mit Sack und Pack aufgetaucht sind, gehe ich für Sie die Extrameile und klebe die Wunde! Außerdem bekommt ihr tapferes Kind noch `ne Tüte Gummibärchen, wollen Sie auch eine? Ich glaube, verdient hätten Sie es!“ „Au ja her damit, und wissen Sie zufälligerweise, wann endlich mal wieder so eine richtig fiese Kaltfront nach Deutschland zieht? Ich fürchte mich nämlich vor dem nächsten Schwimmbad-Besuch,  beinahe genauso wie vor Spielbergs Weißem Hai!“