Eichhörnchen, seid auf der Hut!

„Stenz, Eichhörnchen schreibt man mit zwei h in der Mitte!“ Irgendwie scheinen meine Worte allerdings an diesem Morgen ungehört im Universum zu verpuffen. Denn auch beim fünften Versuch, lässt unser Sohn eine eigene Spezies, nämlich die der „Eich-Örnchen“ in seinem Deutschheft Haselnüsse knacken. Oder er möchte partout vornehm erscheinen und wählt eine Schreibweise, die der Aussprache unserer hugenottischen Vorfahren gerecht würde. Während ich mir denke, dass Papier ja geduldig ist, wirft die Tochter ein randvolles Glas Milch quer über den Tisch. Aber erst nachdem sie vorher ein randvolles Glas Wasser in ihrem Bett entleert hat. Ich versuche auch die zweite Sauerei schnellst möglich zu beseitigen und lausche dabei den schulischen Ausführungen des Stenzes , der von der weiblichen Eichkatze und dem männlichen Eichkater, die gemeinsam ein Kobel bauen, referiert. Höchst interessant! Die Waschmaschine piepst. Ich unterbreche den „Eich-Örnchen“-Diskurs und sprinte zur Waschtrommel und sinniere darüber, was ich heute Mittag mal wieder kochen könnte.

Nix mit „Essen hält Leib und Seele zusammen“

Dabei streife ich momentan tatsächlich mein angeborenes Koch-Phlegma ab. Ich kann es kaum glauben. Die Ratlosigkeit, die mittlerweile hinter unserem heimischen Herd herrscht, wächst täglich mindestens auf die Höhe des Eiffelturms. Und so ertappe ich mich doch wirklich dabei, an einer Rezept-Austausch-Ketten-Email teilzunehmen. Ich bitte an dieser Stelle alle meine Freundinnen um Verzeihung. Sogar die Einladung einem Koch-Chat beizutreten, habe ich aus purer Verzweiflung angenommen. Etwas so Abstruses wäre mir zu Vor-Corona-Zeiten wirklich nicht in den Sinn gekommen. Während ich noch darüber reflektiere, was ich heute so auf den Mittagstisch zaubere, höre ich das weibliche Chaos-Geschwader die Treppe hoch stapfen. Ich folge ihr unauffällig. Puh, sie fängt nur an zu tanzen. Und ich atme zwei Minuten durch und widme mich wieder der mittäglichen Essensplanung, die momentan für unsere Familie einen hohen Stellenwert einnimmt. Wie heißt es so schön: „Essen hält Leib und Seele zusammen.“ Um den passenden Seelen-Kit zu finden, trage ich wirklich eine schwere Last auf meinen Schultern. Unglücklicherweise werde ich dieser, aufgrund von fehlendem Talent und, ich gebe es zu, mangelnder Euphorie, nicht gerecht.

Karotten: Das Anti-Corona-Hausmittel

Trotz meiner Unfähigkeit in Gourmet-Fragen, hat unsere Tochter sehr genaue Vorstellungen von einem perfekten Mahl. So artikuliert sie schon am frühen Morgen ihre kulinarischen Gelüste präzise: „Mama fühle Halsweh, brauche Bonbon. Fühle wirklich schlecht! Bonbon, jeeeeeetzt!“ Aber wie kommt es, dass sich Lou so schlecht fühlt? Weihte sie uns doch erst kürzlich in die Geheimnisse prosperierender Gesundheit ein. So kam sie noch zu Kindergartenzeiten mit folgendem Anti-Corona-Hausmittel nach Hause: „Rotte beißen, Krankheit weg.“ Ach ja, stimmt, unsere Tochter hält ja leider jegliches Wurzelgemüse seit jeher für höchst verabscheuungswürdig. Kein Wunder also, dass sie heute morgen von einer Malaise geplagt wird. Und auch Schlat ist bäh, wohingegen Schlade für köstlich befunden wird. So sollte man, wenn man ihr Freund werden möchte, unbedingt auf sprachliche Feinheiten achten und sie keinesfalls mit Schlat (Salat) belästigen, sondern vielmehr mit Schlade (Schokolade) beglücken. Dabei hat Lou ein seltenes Talent. Sie besitzt die Fähigkeit, auf genau die Schwachstellen hinzuweisen, die mein Gekochtes mitunter aufweist und zwar mit absoluter Treffsicherheit. So buk ich voller Elan vor Ostern Hefezopfhasen, die allerdings lediglich zur Zierde reichten. Denn zum Verzehr waren diese kleinen saisonalen Kunstwerke laut unserer Tochter vollkommen ungeeignet. So entgegnete sie auf die Frage ihres Vaters, ob sie denn noch ein kleines Häschen zum Nachtisch verspeisen wolle mit folgenden Worten: „Nein, nicht essen, sonst Zahn fällt aus.“

„Ahhh“ ist nicht gleich „Ahhh“

Aber es ist nicht nur diese allgemeine Koch-Resignation, sondern es ist die fehlende Motivation in sämtlichen Bereichen des häuslichen Lebens, die mich, aber auch viele meiner weiblichen Bekannten gerade in den Wahnsinn treiben.  Es ist quasi ein holistisches Problem. So erzählte mir eine Freundin unlängst, dass Sie sich nur für ein paar Minuten ins Bad eingeschlossen habe, einfach mal, um in Ruhe durchzuschnaufen und ein bisschen zu weinen. Ich nickte am Telefon wie ein Wackel-Dackel, weil ich sie so gut verstand. Allerdings wurde die kurze „Me-Time“ meiner Freundin unschönerweise durch Geschrei gestört. Nämlich das hochfrequente Gejaule ihrer Tochter. Was in Zeiten wie diesen nicht ungewöhnlich ist. Denn die Tochter schreie zur Zeit eigentlich ständig, erklärte sie mir. Daher ignorierte meine Freundin das Gebrüll ganz nonchalant. Es schien ihr nicht das „Alarm-Stufe-Rot-Geschrei“, sondern eher so das „Hach, da ist mir ein Stift runtergefallen und ich bin zu faul, mich zu bücken“ Geschrei. Also reagierte sie nicht. Wieder Wackel-Dackel Genicke meinerseits. Denn meine Herangehensweise an Schrei-Attacken ist momentan ähnlich. Als ihr Mann dann aber leicht panisch gegen die Badezimmer-Tür hämmerte mit der Bitte, die Tochter schnellst möglich zu verarzten, weil ihr der große Bruder mit Pfeil und Bogen ein kleines Loch in die Stirn geschossen habe, bat sie ihr Gehör in Zukunft, um eine differenziertere Wahrnehmung.  „Ahhhhh“ ist eben nicht gleich „Ahhhhhh“.

Eichkatze, lauf! Eichkatze, lauf!

Und auch mir offenbarte sich diese weitreichende Erkenntnis heute Mittag. Ich Glückliche! Nachdem ich meinen Liebsten das hundertste Nudelgericht während der Zwangs-Isolation kredenzt hatte und gerade mit dem Mann den Abwasch starten wollte, ertönte ein markerschütterndes Lamento. Ein „Ahhh“ der lebensbedrohlichen Art sozusagen. Ich ließ alles stehen und liegen und blickte im Wohnzimmer auf ein Blutbad. Und der Stenz, der eigentlich so gar kein Blut sehen kann, mitten drin. Mit den Worten: „Ich verblute!“ und „Lou hat mir ihren Finger in die Nase gerammt“ erfuhr ich schnell die Ursache des heimischen Massakers. Vielleicht wäre so eine Atemschutzmaske über Mund und Nase auch im innerhäuslichen Umgang miteinander gar nicht so verkehrt.  Auch der Mann kam eilig herbeigerannt und raunte mir zu: „Das Hauptblut habe ich auf dem Wohnzimmerboden schon mal weggewischt, den Rest schaffst Du, oder?“ Ja, den Rest schaffte ich und während ich eilig eine Rolle Zewa Wisch und Weg in den Nasenhöhlen unseres Erstgeborenen verschwinden ließ, dachte ich so bei mir: „Ich muss die Eichkatze warnen. So ein Kobel-Bau mit dem Eichkater hat weitreichende Folgen – gerade in Quarantäne-Zeiten!

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