„Mama, was ist sexy?“

Mama, was ist sexy?“ Hoppla, was ist das denn? Welch eine Frage kurz bevor meine häuslichen Pflichten sich endlich dem lang herbeigesehnten Ende neigen. Ich bin quasi nur noch wenige Zentimeter von der Zielgeraden entfernt. Beide Kinder liegen schon im Bett. Ich erwarte nur noch zwei bis 15 überschaubare Toilettengänge der Zweitgeborenen und laut verkündete Hungerattacken des Erstgeborenen. Letztere stellen sich bei uns in letzter Zeit regelmäßig genau dann ein, wenn der letzte Krümel vom Tisch gefegt und alle Kinder-Zähne ordnungsgemäß geputzt wurden. Unzählige Küss-Orgien liegen bereits hinter mir. „Mama, noch ein Bussi deben (geben) und auch die heikle Frage der Kleider-Selektion für den nächsten Tag wurde bereits ausführlichst und abschließend geklärt. Ich bin also wirklich schon fast durch für den Tag. Die nächtliche Freiheit winkt mir lächelnd entgegen, Fanfarenklänge huldigen in meiner Phantasie schon der kurzen Zeitspanne, die nur für mich reserviert ist.

Sexy darf keinesfalls hübsch sein!

Und dann so eine Frage. „Papa meint, sexy ist hübsch.“ Ja, um Gottes Willen, sexy ist auf keinen Fall hübsch. Wie kommt der Mann auf so eine blöde Antwort? Er will es schnell hinter sich bringen, er ist schon in den abendlichen Freiheits-Modus eingetaucht. Er schwimmt quasi schon in Ruhe und Frieden. Da wird er sich auch von einer solch anspruchsvollen Frage nicht mehr herausziehen lassen. Das wäre zu unbequem. Ich überlege, gehe in mich. Hübsch darf keinesfalls sexy sein. Ich sehe den Stenz schon einer seiner Lehrerinnen leise zuraunen: „Sie sind aber sexy.“ Wundervoll. Und das nur, weil der Mann aus Bequemlichkeit nicht auf feine semantische Sprachnuancen eingegangen ist. Ich will doch nicht, dass es meinem Sohn aufgrund der Lethargie seiner Eltern einmal so ergeht wie einem meiner französischen Ex-Freunde während einer Arzt-Konsultation. So erwiderte der Franzose würgend auf den ärztlichen Befehl, die Zunge herauszustrecken, damit man seine Mandeln besser sähe: „Bloß nischt, Dr. Jäger, da muss isch kotzen.“ Warum hat sich dem armen Franzosen vor mir keiner angenommen und ihm erklärt, dass „kotzen“ zwar im Zusammenhang leidiger Magisterarbeiten unter seinesgleichen als Wortwahl passend erscheinen mag,  aber nicht unbedingt bei ärztlichen Untersuchungen? Nein, so soll es dem Stenz, wenn er im zarten Alter von sechs Jahren einmal der Schönheit seiner Lehrerin huldigt nicht ergehen. Also entgegne ich auf die bedeutungsschwangere Frage meines Kindes: „Sexy ist ein großer Busen.“ Bäm. Und ich bin mir sicher, er wird sexy in absehbarer Zeit zu niemandem sagen. Ja, ich gehe sogar so weit und meine, dass er den Begriff überhaupt nie wieder in den Mund nehmen wird. Denn große Busen sind für einen Sechsjährigen alles außer hübsch und das ist auch gut so. „Iiiii und achso“ entgegnet mir der Stenz müde gähnend. Und ich jubiliere innerlich. Ich habe es geschafft. Ich bin am Ziel, gleich wird geschlafen.

Boffeln lieb ich nicht!

Aber da habe ich mich zu früh gefreut. Denn auf das Stichwort „iii“ scheint Louloubelle nur gewartet zu haben, denn plötzlich sprudelt es aus ihr heraus. Rotten (Karotten) ihhh und Boffeln (Kartoffeln) lieb ich nicht. Reis lieb ich. „Oh, Mama, ich habe Hunger“ verkündet der Stenz, der plötzlich wieder von umtriebigen Lebensgeistern zu neuer Energie geweckt wurde. Und das obwohl ich in der hitzigen sexy-Debatte doch hoffnungsfroh schon ein Gähnen erspähte. Nun gibt es wichtigeres als in die Untiefen der deutschen Sprache einzutauchen oder gar zu schlafen. Nun gilt es kurz vor 21 Uhr existenzielleren Bedürfnissen nachzukommen. „Auch Hungaaaa“ brüllt die Tochter. „Ich habe heute Mittag fast nix gegessen, denn im Hort gab es eklige Puffnudeln“ Mit diesen Worten versucht der Stenz sein Verlangen nach einer kleinen abendlichen Delikatesse zu legitimieren. „Es gab was? Puffnudeln?“ „Ja, eklige Puffnudeln mit lila Sauerkraut.“ Es hilft ja nix, müde erhebe ich mich und wanke mit beiden Kindern nach unten in die Küche, um das mittlerweile laut schreiende Hungaaaaa-Bedürfnis zu stillen und um das kulinarische Geheimnis zu lüften, das die im Hort kredenzten Puffnudeln mit lila Sauerkraut umwehen. Drei bis sieben Fruchtzwerge später weiß ich es: Es sind Schlutzkrapfen mit Rotkohl. Eigenartige Kombi, aber vielleicht ganz sexy?

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