Ohhhhm!

„Ich lebe in Fülle.“ Schön, dass mich dieser Satz nun jeden Morgen quietschfidel aus dem Badezimmerspiegel anlacht. Und auch mein Mann grinst mich heute morgen im Bad liebevoll mit den Worten an: „Besser in Saus und Braus als in Fülle leben!“ Er scheint meine Selbst-Affirmationen, mit denen ich mich in Pandemie-Zeiten ein bisschen selbst bescheißen will, nicht ganz ernst zu nehmen. Aber irgendwie muss man ja versuchen, den Mangel an Reisen, Restaurantbesuchen und Freunde treffen zu überwinden. Und ich versuche es eben mit ein bisschen Esoterik. Eigentlich klappt das gar nicht mal so schlecht. Denn anstatt auf das zu schauen, was mir gerade in Corona-Zeiten so fehlt, sollte ich lieber die Dinge im Blick haben, die mich wortwörtlich in Hülle und Fülle umgeben. Da wäre zum Beispiel meine Familie. Von ihr habe ich momentan so richtig viel. Man könnte sogar von Überfluss sprechen. Sie verfolgt mich quasi auf Schritt und Tritt. Und manchmal habe ich gar das Gefühl,  dass wir regelrecht miteinander verschmelzen und  langsam aber sicher zu einem homogenen Klumpen werden. Und das ist kein Wunder, denn wenn man das mal so hochrechnet, sind wir seit knapp drei Monaten nonstop zusammen. Das sind dann beinahe mehr als 90 Tage oder 2.160 Stunden. Wenn das mal keine Fülle ist. Mehr geht kaum. Großartig!

Ein Mangel kann so schön sein!

Wobei so ein kleines bisschen Mangelempfinden kann ja auch ganz nett sein. Einfach mal ein paar Tage Auszeit von der Kernfamilie. Wie sich das wohl anfühlen mag, alleine? Wahrscheinlich ziemlich öde und langweilig. Man hätte gar nichts mehr zu lachen. Und man müsste auch keine Lösungen für Probleme finden, die man ohne die Kernfamilie nicht hätte. Dabei denke ich gerade an eine gute Freundin, die wirklich in der Klemme sitzt.

Winterschlaf, so hält man sich die Familie in Corona-Zeiten vom Leib

Denn meine Freundin hat nicht nur zwei Kids und einen Mann, sondern auch noch einen Hermann. Allerdings ist Hermann seit ein paar Wochen ziemlich ruhig, da er es sich im Kühlschrank bequem gemacht hat. Dabei ist hier nicht die Rede vom ätzenden Hermann-Teig, einem ekligen Sauerteig aus Hefe und Weizenmehl, der seine besten Tage in den 90ern hatte. Nein, bei Hermann handelt es sich um eine Landschildkröte, die seit einigen Jahren das Leben unserer Freunde auf wundervolle Art bereichert. Nur momentan eben nicht. Denn Hermann hält im Kühlschrank Winterschlaf. Eine, wie ich finde, recht diplomatische Art, um sich die Familie in Corona-Zeiten vom Leib zu halten. Vielleicht sollte ich mir das auch überlegen. Allerdings würde ich, anstatt des Kühlschranks eher die Karibik als Ort meines hivernalen Rückzugs wählen. Aber egal. Meine Freundin hat jetzt jedenfalls ganz andere Probleme als von einem stillen Örtchen für sich selbst zu träumen.

Wie reanimiert man eine Landschildkröte?

Sie sollte eher einen Reanimationskurs für Landschildkröten besuchen. Denn das Thermometer von Hermanns Winterdomizil zeigte, zu ihrem großen Entsetzen, Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. So scheinen -2° Celsius für die Gesundheit einer Landschildkröte im Winterschlaf nicht gerade förderlich zu sein. Jedenfalls erschien ihr, der sonst so unternehmungslustige Hermann, der gerne auch mal auf Solo-Exkursionen die bayerische Landidylle jenseits der eigenen Gartenmauern erkundet, plötzlich nicht mehr ganz so munter. Im Gegenteil, er wirkte eher steif und reglos. Zum Glück wusste der Mann meiner Freundin Rat. Und er verwöhnt Hermann derzeit mit einer ausgiebigen Infrarot-Strahlentherapie, die wohl auch Früchte trägt. So stehen die Zeichen auf Entwarnung und es sieht ganz so aus, dass das gutmütige Reptil es den Tiefkühlerbsen nachmacht und wieder auftaut. Denn unter dem müden Panzer wurden tatsächlich erste behäbige Bewegungen gesichtet.

Kein Bedarf an Hermann II

Dabei hatten wir uns schon so wunderschöne Lösungs-Szenarien überlegt: Szenario eins sah zum Beispiel vor, auf dem schnellst möglichen Wege Hermann II zu beschaffen, der dann so unauffällig wie möglich in die Fußstapfen seines wackeren Vorfahrs treten sollte. Auch die Akquise eines munteren Fischleins stand kurzweilig zur Diskussion. Dabei fand die Diskussion in absoluter Verschwiegenheit statt, um den Seelenfrieden der Kinder meiner Freundin nicht unnötig zu belasten. Dass sich Hermann I wohl aber in absehbarer Zeit um keinen Nachfolger sorgen muss und hoffentlich bald wieder ganz der Alte ist, das nenn‘ ich mal ein Happy End! Und zwar auch für unsere Familie. Denn so wie es ausschaut, werde ich bald in noch mehr Fülle leben. Der Sohn meiner Freundin plant nämlich, auch uns zum Stenz’schen Geburtstag, mit einem Hermann zu beglücken. Wie Wundervoll!

 

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