„Home Insanity“ statt „Home Office“ – Arbeiten am Rande des Wahnsinns

Das Baby schreit. Das Feuerwehrauto tönt lauthals Tatütata. Der Stenz röhrt ohrenbetäubend: „Aus dem Weg ein Notfall!“. Und ich versuche mich trotz dieser Kakophonie zu konzentrieren. Die Betonung liegt dabei auf: ich versuche! 

Ich liebe unser Haus. Es ist wunderbar, wie für uns gemacht. Aber es hat ein Manko, es ist zu klein. Es fehlt ein Raum mit einer schallisolierten Tür mit Sicherheitsschloss. Genau danach sehne ich mich just in diesem Moment. Mein Mann und ich teilen uns Haushalt und Kinderbetreuung gleichermaßen. Aber er hat einen ganz entscheidenden Vorteil: nämlich ein abschließbares Büro. Und genau wie die gemeine Strandkrabbe bei den winzigsten Erdvibrationen blitzschnell in ihr Sandloch huscht, schlüpft mein Mann bei den geringsten akustischen Irritationen, die bei unserem Holzhaus oft mit erdbebenartigen Vibrationen einhergehen, in sein Sandloch – das verschließbare Refugium. Wie ich ihn darum beneide!

Schlafend in den Arbeitstag

Oft beginnt mein Arbeitstag zu einem Zeitpunkt, an dem ich schon wieder so müde bin, dass ich zum Start erst mal mit dem Kopf auf die Schreibtischplatte falle und ’ne Rund poofe. Schlafend in den Arbeitstag sozusagen. Das hat den Vorteil, dass ich dann auch wirklich taufrisch bin, wenn ich meine ersten E-Mails verfasse. Das könnte jetzt irgendwie faul klingen. Aber ich bin nicht faul. Ich bin kurioserweise bloß schon ziemlich erschöpft noch bevor ich meinem Broterwerb nachkomme.

Denn ich habe zwei Kinder, die morgens gewickelt, gewaschen, gezahnbürstet, mit lustig verzierten Frühstücksbroten versorgt und mit schleimigem, farbintensivem Brei gefüttert werden wollen. Wenn dann auch noch Ferien sind, möchte der Stenz außerdem unterhalten werden. Das ist besonders anstrengend, wenn eine lange To-Do Liste vor meinem inneren Auge aufflammt. Und auch das Baby kann momentan nichts mit sich anfangen. Seit es seinen ersten Zahn hat, ist der einzige Ort, an dem es sich glücklich fühlt, die Brust und das 24/7. Dabei versuche ich alles, um mein Baby an Breichen zu gewöhnen. Aber die Fütterung des Babys ist ein mühsamer für mich als Ordnungsfanatiker und Pedant oft sehr schmerzvoller Akt, der mir schon vor meinem eigentlichen Arbeitsbeginn die letzte Kraft raubt.

Die große Breifütterung: Frust lass’ nach!

Grundvoraussetzungen hierfür sind sehr viel Geduld und eine große Frustrationstoleranz. Über beide Eigenschaften verfüge ich nicht. Lieber würde ich zehn Mal wickeln als einmal Breichen geben. Dem Baby schmeckt leider kein Breichen, aber von diesen schmeckt ihm irgend etwas mit Karotte noch am wenigsten schlecht. Es lebe die Litotes! Wenn Sie verstehen was ich meine. Die Konsequenz: Die Garderobe des Babys, genau wie meine eigene ist mittlerweile orange gesprenkelt. Damit die Fütterung wenigstens eine zwei prozentige Erfolgsquote aufweist, muss ich mein gesamtes baby-kompatibles Potenzial als Comedian zum Einsatz bringen. Hierbei ist wichtig, dass ich einen Dutt auf dem Kopf trage. Der kann ruhig schlampig gemacht sein. Das Baby nimmt es nicht so genau. Perfekt für mich, denn ein schlampiger Dutt gehört zurzeit quasi zu meiner Arbeitsuniform. Das Mahlzeiten – Spektakel beginnt dann so: Das Baby sieht mich mit dem nahenden Breichen und presst seine Lippen fest zusammen. Ich versuche, den üppig orange beladenen Löffel zwischen des Babys Lippen zu manövrieren. Keine Chance, dieser Punkt geht an das Baby. Ich verwandele mich in einen Wackel Dackel und lasse meinen Kopf-Dutt hopsen. Das Baby lacht und schwupps, die Löffel-Ladung in den halb geöffneten Mund geschüttet. Ein Punkt für mich. Das Baby prustet los und orangene Klümpchen fliegen mit Karacho durch die Luft. Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Zu früh gefreut. Zwei zu null für das Baby. Mein Ehrgeiz ist geweckt. Die Kopf-Dutt Nummer wiederhole ich in Dauerschleife bis sich das Baby vor Lachen schüttelt und das Mäulchen dabei weit aufreißt. Und potzblitz hinein mit der Beta-Carotin-Bombe. Yeah, jetzt tanze ich wirklich Chignon hüpfend durchs Esszimmer. Das Baby ist so perplex und schluckt. Doch das war’s dann auch. Die zweiprozentige Erfolgsquote ist erfüllt und das Baby erklärt seine Mahlzeit für beendet. Deutliche Signale hierfür: Andauerndes Kopf schütteln. Außerdem wird der Inhalt jedes weiteren Löffelchens zwischen dem Kiefer wieder kunstvoll herausgequetscht und mit beiden Händen, manchmal sogar Füßen irgendwo verteilt. Ob Spielsachen, Wände, Kleider, Teppiche oder das eigene Haar – auch hier ist das Baby nicht wählerisch. Was ich jeden Tag hautnah miterleben darf ist das Gegenteil von freudvoller Kulinarik.

Schlaf Kindlein schlaf

Im Anschluss an das karge Mahl wirft sich das Baby inbrünstig an meine Brust. „Endlich hast Du verstanden Mama, ich will nix anderes.“ Hier möchte das Baby nun am liebsten für unbegrenzte Zeit verweilen. Denn geschlafen wird seit zwei Wochen am liebsten nur bei Mama auf dem Arm. Ich gestatte es dem Baby und lege es, nachdem ich lange, wirklich sehr lange abgewartet habe, wie ein rohes Ei behutsam in sein Bettchen. Ein Aufschrei des Schreckens. „Schhhhhhhhh.“ Hand feste auf den Bauch gelegt, liebevoll über die Schläfen gestrichen. Das Baby atmet daraufhin sanft. Ich denke, „ich hab’s geschafft“ und schleiche mich auf leisen Sohlen zur Tür. Erneutes Aufbäumen und klägliches Weinen. Das kann doch nicht wahr sein! Wenn ich wüsste, wie man aus der Haut fährt, ich würde meine Haut abstreifen und davonfliegen. Also nochmal von vorne mit dem Schhhhhh – Gedöns. Zu meiner großen Verwunderung klappt’s diesmal! Geschafft, ich renne an den Schreibtisch zu meiner To Do Liste.

Mein Tagwerk kann beginnen

Ich arbeite mich langsam ein. Lese E-Mails und fange an, die erste E-Mail zu beantworten. Was war das? Der Stenz kommt kreischend die Treppe hoch. „Mama, Papa, ich will mit Euch spielen!“ Der Papa sitzt eingeschlossen in seinem Sandloch. Daher bin ich des Stenzes Ansprechpartner Nummer eins. Blöd auch, dass sich mein „offenes Büro“ genau vor der Baby-Schlafstätte befindet. Denn der Stenz ist auf Krawall gebürstet. Das spüre ich schon am trampelnden Treppe hoch rennen. Es kommt wie es kommen muss: Nach 10 Minuten flüchtigster Schreibtischarbeit schreit das Baby spitz. Ich stehe kurz davor hochfrequent mit einzustimmen. Was macht eigentlich mein Mann? Ach ja, der kuriert gerade seinen Männerschnupfen.

Aber ich habe eine Deadline. Daher wird das Baby, Schlaf hin oder her, hinter mich und meinen Schreibtischstuhl gelegt – seitlich ist leider kein Platz. Glucksend freut es sich über die vielen Spielsachen auf der Krabbeldecke. Na wenigstens etwas. Der Stenz hat sich auch wieder beruhigt und drollt sich, Lego sei Dank, in Richtung Wohnzimmer. Perfekt. Auf zur Deadline!

Gefühlte zehn Minuten später drehe ich mich um und sehe, wie das Baby dabei ist, die Flip Flops meines Mannes zu verspeisen. Ich wusste es, es hatte doch noch Hunger. Von unten im Wohnzimmer vernehme ich dumpfes Geklapper und Wasserrauschen. Ich eile mit dem Baby treppab und erstarre: Der Stenz hat die Wasserspiele von Schloss Versailles in unserem heimischen Wohnzimmer nachgebaut. „Oh, What a day!“

Kindergarten-Eingewöhnung ein Klacks?

Als ich noch kinderlos war, hörte ich immer wieder von Eltern, die ihre Sprösslinge schon im zarten Säuglingsalter in die Kita gaben. „Die brauchen das zur Entwicklung ihrer Sozialkompetenz“. „Klar“, dachte ich mir. „Die haben recht“. Und war den Eltern sehr dankbar, dass auf diese Weise eine neue Generation an empathischen und im sozialen Miteinander bestens geschulte Menschen heranreiften.

Und auch später als wir stolze Eltern des Stenzes wurden, verschwendeten wir an etwaige Eingewöhnungs-Procedere keinen einzigen Gedanken. Das würde schon irgendwie ruckizucki über die Bühne gehen. Dass bei unseren Kindern irgendwie so gar nichts ruckizucki über die Bühne geht, daran dachte ich erst als ich mich auf einem Miniatur-Stühlchen an der Türschwelle zum Eingang des „Bienenstocks“ wiederfand und ein schreiender Stenz sich an mein Bein klammerte, um sirenenhaft mit den Worten aufzuheulen: „Mami, lass mich hier bloß nicht alleine zurück“. Für Außenstehende hatte diese Szene etwas Skurriles. Das Gebaren unseres Stenzes hätte den Eindruck vermitteln können, dass ich ihn so mir nichts dir nichts in die Obhut wilder Kannibalen geben wollte. Doch mitnichten. Behutsamer als wir hätte man sich kaum an das Thema „Kinderbetreuung“ heranpirschen können. So gönnten wir dem Stenz eine quasi dreijährige Akklimatisierung an diese Welt. Nicht, dass wir es nicht schon mit 16 Monaten versucht hätten, ihn in einer Kita das ach so wichtige Sozialverhalten zu lehren. Doch just nach der ersten Woche der Eingewöhnung schnappte sich der Stenz etwas ganz Fieses auf, wodurch wir uns gezwungenermaßen plötzlich mit einem 14tägigen Krankenhausaufenthalt konfrontiert sahen. Das Projekt Kita war somit kläglich gescheitert. Und als Freiberufler konnten wir es uns glücklicherweise erlauben, für die ersten drei Jahre im Leben unseres Stenzes die Nummer eins zu sein.

Jetzt ist Schluss mit lustig

Doch nun war Schluss mit täglich organisierten vormittäglichen Playdates und häuslicher Kinderbespaßung rund um die Uhr. Drei Jahre waren genug. Als Kindergarten hatten wir uns, wie wir fanden, den entzückendsten Ort von allen ausgesucht. Waldtage, Kutschfahrten, Projektwochen, hier spielte sich „Edutainment“ auf allerhöchstem Niveau und liebevollster Kleingruppenbetreuung ab. Ganz großes Kinderkino also. Der Ansturm war dementsprechend enorm. Um die Chancen für die Aufnahme in diesen kleinen elitären Kreis der glückseligen Kinder zu erhöhen, erstellte ich sogar ein mehrseitiges Bewerbungs-Dossier, das der Anwartschaft für einen mittleren Management-Posten alle Ehre gemacht hätte. Als wir dann die Nachricht der Aufnahme in diesem „Place to be“ für alle Drei- bis Sechsjährigen erhielten, lagen wir uns freudestrahlend in den Armen. So begannen wir dem Stenz vom Leben als Kindergartenkind vorzuschwärmen. Und da wir seinen zukünftig neuen Alltag in den schillerndsten Farben ausmalten, sahen wir die einzige Herausforderung für die kommenden drei Jahre im frühen Aufstehen begründet. Denn mit zwei Langschläfer-Kindern gesegnet und als Selbständige, erschien uns ein Wake Up Call um 8 Uhr als wahre „Challenge“. Doch das frühe Aufstehen als einzigen Stolperstein zu sehen, war eine optimistische Fehleinschätzung.

Der Mann, der beste Freund des Stenz

Der Mann verkündete überall in unserem Freundeskreis, dass er die Eingewöhnung seines Sprösslings selbst in die Hand nehmen wolle. Seiner hochschwangeren Frau wolle er das frühe Aufstehen nicht zumuten. Wie äußerst chevaleresque, dachte nicht nur ich, sondern auch all meine Freundinnen. Und ich wurde wieder einmal darin bestätigt, dass ich mir den feinsten aller Männer als Vater meiner Kinder ausgesucht hatte. Anfang September war es dann so weit: voller Elan und mit geballtem Enthusiasmus verabschiedeten sich der große und der kleine Mann Richtung Kindergarten. Die ersten drei Tage konnte man mit viel Wohlwollen dann durchaus als Erfolg verbuchen. Denn man hatte sich ja schon auf ein Schatten-Dasein des kleinen Stenzes eingestellt. Solange mein Mann also in unmittelbarer Nähe höchstens 20 cm rechts, links oder hinter ihm weilte, empfand der Stenz seine neue Spiel-Destination als großartigen Spaß. Doch wehe, mein Mann erlaubte sich, sich beim benachbarten Bäcker zu stärken. Dann brach Geschrei aus. Am vierten Tag der Eingewöhnung unterstellte man unserem Stenz so viel Mut, dass mein Mann die Erlaubnis erhielt, sich vor den Kindergartentoren ein wenig die Beine zu vertreten. Er lief hin und her, her und hin und beglückwünschte sich nach vier Tagen Kindergarten-Haft zu seinem Freigang. Als er dann wieder die Herberge bunter Perlen, Stofftierchen und Puppenecken betrat, wartete dort nicht nur ein vollkommen aufgelöster und weinender Stenz, sondern auch eine von einer anderen Mutter alarmierte Kindergärtnerin. So wurde der Mann, der das Haus nie ohne seine schwarze Umhängetasche verließ, von einer verantwortungsbewussten Mutter, als höchst suspektes Objekt eingestuft. Besagte Mama hatte meinen Mann wohl bei seinem wirren Hin und Herlaufen am Eingang des Kindergartens observiert und als irren Sittenstrolch mit schwarzer Tasche entlarvt. Schon etwas missmutiger als die Tage zuvor, ob der hanebüchenen Verdächtigung kamen mein Mann und der Stenz von ihrer Kindergarten-Mission nach Hause. Auf meine freudige Frage „Und mein Engel, wer war denn heute im Kindergarten dein bester Freund?“ antwortete der Stenz wie schon Anfang der Woche etwas einsilbig „Der Papa“. Doch wie sich herausstellte, sollte die Stimmung am Ende der Woche noch tiefer in den Keller sinken. So war für Freitag ein unterhaltsamer Ausflug auf den Kartoffelacker geplant. Wieder mit seiner schwarzen Umhängetasche bewaffnet zogen der Mann und der Stenz von dannen gen Knollenwurzelfeld. Die Begeisterung meines Mannes hielt sich schon im Vorfeld in Grenzen. Nachdem beide Männer mit einer zweistündigen Abwesenheit zu Hause geglänzt hatten, kehrte der eine brüllend und der andere im höchsten Maße griesgrämig von ihrer misslungenen Agrar-Exkursion heim. Der eine griesgrämig, weil er viel zu lange zum Rumstehen auf dem Kartoffelacker verdammt wurde, der andere brüllend, weil er noch viel länger aber nicht ohne Begleitung seines Lieblingsfreundes auf dem Kartoffelacker rumstehen wollte.

Mach Dich unsichtbar!

Nach diesem Fiasko, entschied ich mich, 38. Schwangerschaftswoche hin oder her, das Projekt Kindergarten-Eingewöhnung selbst in die Hand zu nehmen. In der Retrospektive betrachtet, bezwang ich diese Mammut-Aufgabe mit der folgenden dominanten Strategie: Steigerung des kindlichen Sicherheitsbewusstseins durch stufenweisen mütterlichen Rückzug. Dabei wurde letzterer vor allem räumlich gesehen. Außerdem sollte mein Stenz bei der Eingewöhnung tatkräftig von seinen Stofftier-Kumpanen Bella und dem Hasen emotional begleitet werden. Während ich also die ersten Tage, sozusagen noch in Stufe eins des Projektes, als hochschwangerer Walross ins Puppeneck gequetscht imaginären Tee an des Stenzes Kuscheltier-Zoo ausschenkte, versuchte ich mich später soweit es als Frau mit gigantischem Bauchumfang ging, unsichtbar zu machen. Daher fand ich mich in Phase 2 an der Türschwelle des Bienenstocks auf besagtem Miniaturstühlchen wider. Natürlich war der Übergang vom Puppeneck ins „Vor die Tür Exil“ mit lauthalsem Protest des Stenzes begleitet. Doch unterstützt von den Erzieherinnen, die das ein oder andere hormonelle Tief von mir hautnah miterleben durften, folgte ich der Strategie mit großer Stringenz. Und yippie, nach nur zwei Wochen saß ich dann in meinem finalen Versteck, dem dunklen und leider sehr kalten Kindergartenbüro. Von hier durfte ich mit knurrendem Magen durch die Türspalte neidvoll zusehen, wie täglich eines der kleinen Bienenstock-Bewohner mit Muffins, Törtchen und Kuchen und schallendem Gesang als Geburtstagskind gefeiert wurde. Während dieser Hungerattacken sann ich meinen perfiden Fluchtplan aus. Denn ich war die mitleidigen Blicke all der anderen Mütter allmählich leid. Ich beneidete nämlich nicht nur die Kinder um ihre Smarties-verzierten Cup-Cakes, sondern auch die anderen Mamis, die ihren Nachwuchs nach einer halbstündigen Eingewöhnung erfolgreich in der Obhut der Erzieherinnen ließen. Dabei kann Neid, wie ich merkte, eine sehr gute Antriebsfeder für blühende Phantasie sein. So bestand mein Flucht-Plan in einem kurzen Schauspiel aus zwei Akten:

Akt 1: ich stürme aufgelöst aus meinem Versteck zum Stenz und berichte ihm panisch, dass eine Politesse gerade dabei ist mein Auto abzuschleppen. Dabei staunte nicht nur der Stenz, sondern der gesamte Bienenstock über mein theatralisch vorgetragenes Ansinnen.

Akt 2: ich brenne zur Rettung meines Vehikels durch und eile von dannen.

Die rettende Verkehrswidrigkeit

Dieses Schauspiel wiederholte ich nun jeden Tag und machte den Stenz schon beim Einparken darauf aufmerksam, dass ich heute leider wieder im absoluten Halteverbot stünde und auf seine Mithilfe angewiesen sei. Denn ohne seine Erlaubnis mich aus dem Kindergarten zu entfernen, drohe ein böser, böser Strafzettel, der uns in den finanziellen Ruin treiben würde. Und mein Plan ging auf. Bis auf eine kleine Panne. Denn bevor ich mit Akt 1 begann, unterrichtete ich eine der Kindergärtnerinnen von der bevorstehenden Tragödie, die ich gleich im Begriff war, zu inszenieren. Leider war hierbei ein anderes Kindergartenkind, nämlich die Spionin Sophie, anwesend. Man sollte nie die Solidarität und das konspirative Bewusstsein von Kindergartenkindern unterschätzen. Denn die kleine Denunziantin verpetzte mich umgehend beim Stenz noch bevor ich mein schauspielerisches Können unter Beweis stellen konnte. Doch dieser Fehler passierte nur ein einziges Mal und nach vier Wochen des Mama- und Papagartens war der Stenz eingewöhnt. Seither schwebt er mit großer Begeisterung als kleine Biene gen Bienenstock.

Der Weihnachtsmann zu Gast an Ostern oder es lebe die genderneutrale Verkleidung

Nikolaus

Der Stenz hat seit jeher eine Vorliebe für Verkleidungen im Allgemeinen und weihnachtliche Kostümierungen im Besonderen. Diese Präferenz zeigte sich bereits im zarten Alter von sechs Monaten. Denn unserer Familientradition folgend steckten wir ihn schon vor seinem ersten Weihnachtsfest in ein Nikolaus-Kostüm, um feierlich für das Familien-Foto zu posieren. Und der Stenz lächelte, lächelte und lächelte. Unser Kind war selig.

Mit eineinhalb Jahren äußerte er sein Wohlgefallen an dem Nikolauskostüm in der Art, dass er es nicht mehr ablegen wollte. Er schlief darin, begrüßte unsere Gäste damit und verreiste mit dem Kostüm. Er ging sogar soweit, dass er in einem von uns getesteten Hotel mit dem Nikolaus-Kostüm eincheckte. Wir konnten ihn auch nicht mit dem Argument davon abhalten, dass jetzt im April doch schon der Osterhase um die Ecke spähe und von ihm, dem kleinen Weihnachtsmann, vollkommen eingeschüchtert verjagt würde. Papperlapp, Schokoeier hin oder her. Nein, er lege sein Weihnachtsmannkostüm keinesfalls ab. Das Ergebnis: wir ernteten beim Check-In mit unserem Miniatur-Nikolaus kurz vor Ostern im Stubaitaler Wellnesshotel amüsierte bis mitleidige Blicke. Aber der Stenz ist stur. Heimlich musste ich den kleinen Körper vom roten Filz im Schlaf befreien, um das Weihnachtsmann-Mäntelchen wenigstens einmal pro Woche zu waschen.

Der Stenz, ein gerupfter Cherub

Erst zu seinem dritten Weihnachtsfest ließ die Faszination am Nikolaus-Kostüm nach. Aber nur, um einem neuen, anderen Fetisch zu weichen. Denn nachdem das Christkind bei uns an Weihnachten feierlich durch die Wohnzimmer-Luft schwebte und ein sanftes Glockengeläut als akustische Spur hinterließ, streng versteckt hinter weißen Tüchern versteht sich, war der Stenz vom „Engel-Fieber“ gepackt. Die Tatsache, dass ich ihn, ich weiß – Schande über mich – auch in der Öffentlichkeit mit „mein Engel“ titulierte, mag neben der Faszination am Christkind ein weiterer Grund für seine plötzliche „Cherubin -Besessenheit“ gewesen sein. Sei’s drum, von nun an war der Stenz nur noch mit Engelsflügeln, die dank dem world wide web ihren Weg vom fernen China bis zu uns nach Bayern gefunden hatten, anzutreffen. Die ersten Worte nach jedem Kindergarten-Tag waren von nun an „Wo sind meine Engelsflügel?“ Und wehe, die irdischen Heerscharen legten dem Himmels-Gesandten nicht sogleich das gewünschte Flug-Utensil zu Füßen. Dann setzte es ein ohrenbetäubendes Geschrei. Dabei hatte der Stenz seltsamerweise ganz konkrete Vorstellungen von der Optik eines Engels. Das Engelshaar musste von lieblichen Zöpfchen geschmückt sein, ein Engel musste einen weißen Punkt auf der Nase und einen gelben Streifen am Hals und eben wunderschöne, befederte Flügel besitzen. Um also sein Outfit zu komplettieren durfte ich von nun an jeden Tag Zöpfchen ins kurze Deckhaar meines Sohnes einarbeiten und ihm sein chinesisches Federkleid überziehen. Dieses erwies sich als billiges Fabrikat, denn es ließ schon nach wenigen Tagen etliche Federn, sodass er bald wie ein gerupfter Cherub aussah. Als der kleine Engel dann plötzlich auf das Lackieren seiner Fingernägel bestand und auch dem Auftragen eines Lipglosses nicht abgeneigt zu sein schien, reichte es dem Engelsvater. Allerdings erst das Anlegen fluoreszierender Ohrringe, die der Stenz in einem der vielen Geburtstagstütchen mit nach Hause schleppte, brachte das emotionale Fass im Oberstübchen meines Mannes zum Überlaufen. Das sei doch nicht normal wetterte der Mann erregt, dass sich der Stenz immerzu als Engel verkleide. Ein „gescheites“ Kostüm müsse her, denn sonst sehe der Mann die Fortsetzung unserer Familien-Dynastie ernstlich in Gefahr.

Ein Polizisten-Kostüm muss her!

Noch weiß befedert beäugten der Mann und der Stenz im größten weltweiten Online-Shop diverse männliche Verkleidungs-Optionen. Dabei gefiel dem Mann die Vorstellung einen kleinen Polizisten unter seinem Dach zu beherbergen besonders gut. Und auch der Stenz legte großen Enthusiasmus bei der Vorstellung an den Tag, ab morgen mit Kelle, Handschellen und einer Pistole bewaffnet auf seinem Mini-Polizeimotorrad in unserem Wohnzimmer umherzurasen und das Baby festzunehmen. Ja, Sie haben richtig gelesen, auch eine Spielzeug-Pistole sollte her. Ich geriet in absolute Rage als ich von dieser Online-Bestellung erfuhr. So zog die Bestellung der Spielzeugpistole schwere eheliche Turbulenzen nach sich. In meinem Zorn machte ich meinen Mann darauf aufmerksam, dass wir in einer absolut pazifistischen Nachbarschaft lebten, in der schon das Spiel mit Stöcken im Kindergarten als wilde Kriegshandlung angesehen wurde. Ob denn der Mann den Stenz zum gesellschaftlichen Paria machen wolle? Als Horror-Szenario sah ich schon mein geliebtes Kind von allen gemieden einzig und allein weil sein Vater auf eine Kostümierung mit Testosteron-getriebene Requisiten bestünde. Wie konnte er nur? Mein Mann hörte meinen Ausführungen aufmerksam zu und war ernsthaft an einer Problemlösung interessiert. „Du hast Recht, es ist nicht gut, wenn der Stenz der einzige ist, der mit einer Waffe imaginär um sich ballert, auch die anderen Kinder sollten das Vergnügen haben mitzuknallen. Ich bestelle gleich mehrere Plastik-Pistolen, die können wir dann zu den Kinder-Geburtstagen verschenken“ Ich schaute meinen Mann völlig entgeistert ob dieser abstrusen Idee an. Nun ist er beim Propagieren des Mottos „Waffen für alle!“ vollkommen übergeschnappt. Ich holte nach Luft, begab mich stante pede ins Internet und suchte nach einer genderneutralen Verkleidung. Seit diesem Tag sieht man den Stenz als grünen Frosch in unserem Garten umherhopsen!

Garten-Idylle mit Kindern Fehlanzeige

Traktor im Garten

Als ich noch keine Kinder hatte, habe ich mir das Leben mit Kindern immer als etwas abstrakt Idyllisches vorgestellt: Kuchenduft, Kinderlachen, Gänseblümchen, Sonnenschein, Faulenzen und jede Menge glücklicher Gefühle im Bauch – so hatte ein Sommertag mit Kindern auszusehen.

Die Realität lehrte mich diesen Mai mal wieder sehr konkret etwas Anderes: Wolkenloser Himmel, Vogelgezwitscher, Grillenzirpen und warme 25 Grad – die äußeren Umstände waren perfekt und schrien uns förmlich entgegen „Kommt sofort raus und macht es Euch im Garten gemütlich.“ Als kinderloses Paar war Faulenzen so einfach: Man legte sich in den zugegebenermaßen spärlichen Halbschatten unseres persönlichen Kleinods und las ein gutes Buch. Der kleine Sonnenbrand am Anfang jeden Sommers würde schon nach einer kurzen Hautpelle einer angenehmen Bräune weichen. Ein Eiskaffee und einige Nickerchen später zündete man am Abend gemütlich den Grill an und lud unkompliziert ein paar kinderlose Paare zu sich ein und stieß mit einem Glas Rosé auf das eigene wunderbare Leben an. Sommer ohne Kinder im Garten war so einfach.

Der ganz normale Garten-Wahnsinn

Sommer mit Kindern im Garten ist anstrengend. Natürlich folgten wir dem Ruf dieses herrlichen Sonnentages und stürmten nach draußen. Aber nicht, ohne gewisse Vorkehrungen zu treffen: Der Mann fing hektisch an, einen Sonnschirm nach dem anderen zu platzieren und wortreich aufzustellen. Liegen wurden aufgebaut, mit Bezügen eingedeckt, Krabbeldecken auf die Wiese gelegt. Diverses Spielzeug für das Baby rausgeschleppt. Die Wippe aus dem Haus in den Garten getragen, Breichen für das Baby, Wassermelonen und Getränke für den Stenz aus der Küche geholt. Ach ja, man selbst hatte irgendwie auch Durst und auch schon etwas Hunger. Schnell nochmal ein paar Pfannkuchen gebacken und ebenfalls in den Garten geschleppt. Mist, die ersten Mücken! Und irgendwie scheint es dem Stenz im Schatten der Sonnenschirme nicht so recht zu gefallen. Mückenspray und Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 50+ im Bad ausfindig gemacht. Kinder unter lautem Geschrei ausgezogen und unter Aufbringung der besten Argumente eingecremt und mit Anti-Mücken-Spray eingesprüht. Ach ja, und wo waren nochmal die Sonnenhüte? Erster kleiner Schwächeanfall meinerseits. Erster mittelgroßer Tobsuchtsanfall des Stenzes, der versucht, seinen sperrigen Riesentraktor über unsere hügelige Wiese zu treten. Leider vergeblich. Erstes launisches Gemurre meines Mannes „Ich möchte doch nur in Frieden mein Buch lesen.“ Ablenkungsmanöver für den Stenz eingeleitet: „Komm wir spielen Federball!“ Das Baby schreit. Ach ja, das hatte ja vor einer Stunde schon Hunger. Der Stenz spielt mit sich selber Federball. Jedenfalls für zwei Minuten. Erneutes Gebrüll, weil Federball alleine eben nicht glücklich macht. „Stenz, schau doch mal in die Gartenhütte, da sind doch so viele Spielsachen.“ Gesagt getan. Alle Kräne, Lastwagen, Eimerchen, Kinderrasenmäher, Drachen, Fußbälle, Tennisschläger, Frisbees und Wasserpistolen ausgeräumt und den Rasen damit bunt und plastikreich verziert. Erneutes Gebrüll vom Stenz: „Mir ist sooo langweilig.“ Die zündende Idee: „Warum machst Du hinter unserer Gartenhütte nicht Deine berühmt berüchtigte Matschsuppe für uns?“ „Ja, Mami, das ist eine super Idee!“ Puh, Glück gehabt. Endlich lege ich mich in die Hängematte auf die kleine Terrasse unserer Gartenhütte.

Das Gartenhäuschen, unser ganzer Stolz

Diesen Rolls Royce unter den Gartenlauben haben wir uns übrigens vor zwei Jahren von einem Schreiner maßanfertigen lassen. Nachdem unsere alte Gartenhütte irgendwann auf das Grundstück unserer Nachbarn geflogen war. Ich kam damals nach Hause und dachte so bei mir, wie komisch leer unser Grundstück aussah, irgendwie verwaist. Etwas fehlte. Ich ging in die Küche und machte mir einen Kaffee und plötzlich merkte ich es, die Gartenlaube war weg! Andere Leute lassen Drachen steigen, wir ließen unser Hüttchen steigen. Nach dem ersten Schreck entwarfen wir dann einfach die zweite Generation eines hölzernen Rückzugsparadieses, das wir seitdem hegen, pflegen und mit viel Liebe zum Detail dekorieren. So à la Country Living: Windspiele, Hängematten, mediterrane Kissen und Oleander so weit das Auge reicht.

Gefährliche Ruhe

Und genau jetzt hier in der Hängematte stille ich das Baby und genieße die plötzliche und unerwartete Ruhe. So schlecht ist so ein Sommertag mit Kindern gar nicht. Das Baby ist an meiner Brust selig eingeschlafen und ich beiße genüsslich von meiner süßen Wassermelone ab und erfreue mich an den Gänseblümchen im Garten. Es fehlt zwar noch der Kuchenduft, aber glückliche Gefühle im Bauch habe ich trotzdem. Vielleicht war meine Vorstellung von damals als ich noch kinderlos war, doch gar nicht so weit gefehlt. 20 Minuten später herrscht immer noch diese unglaublich friedvolle Stille, die lediglich vom Muhen der Kühe auf der Nachbarwiese und dem Grillenzirpen akustisch untermalt wird. Der Mann ist sogar kurz eingenickt und schnarcht leise. „Stenz?“ rufe ich, „lebst Du noch?“ „Ja, Mami“ vernehme ich dumpf die Antwort meines Kindes, das sich immer noch hinter der Gartenlaube verlustiert. „Was machst Du?“ keine Antwort. Ich wecke den Mann, weil es für mich gerade zu umständlich wäre, mich mit dem schlafenden Baby aus der Hängematte zu schälen und bitte ihn, nach dem Stenz zu schauen. Klagvolles sonores Schimpfen ist seine Antwort. Ich bettle ihn an. Er erbarmt sich und schlurft hinter die Gartenhütte. Eine Minute vollkommene Ruhe. Dann ein ohrenbetäubendes Geschrei meines Mannes. Der sonst relativ besonnene Mann fängt an zu fluchen und wird immer lauter. Der Stenz heult. Ich vernehme folgenden Satz meines Mannes „Das gibt es doch nicht, er hat hinter die Hütte gekackt und verziert damit die Wände unserer Laube. Mir reicht es, ich gehe rein. Lasst mich bloß alle in Ruhe“. Schluss mit der Gemütlichkeit, Ende mit der Sommer-Idylle im Garten. Das Baby ist aufgewacht und brüllt. Ich brülle und lasse meinen Sommertag mit Putzeimer und Lappen bewaffnet beim Kacke abwischen der Hütte ausklingen. Das kommt davon, wenn man mal 20 Minuten mit Kindern faulenzen will. Aber vielleicht hatten wir ja noch Glück. Meine Schwägerin erzählte mir kürzlich, dass meine Nichte ihr nun als großes Schulmädchen anvertraut hat, dass ihre beste Freundin damals im Kindergarten einmal ihr Kacka probiert habe. Herr, schmeiß Hirn vom Himmel und hilf mir den nächsten Sommertag im Garten mit ganz viel Humor zu überstehen.

„Mama, Dein Essen stinkt“

Wir gehören leider nicht zu den Familien, die in sich ruhen. Die stets besonnen sind und in Stress-Situationen einen kühlen Kopf bewahren. Die unendliche Geduld bei der Kindererziehung und dem partnerschaftlichen Miteinander beweisen und einfach nie aus der Haut fahren. Leider. Wir sind alle irgendwie aufbrausend und stürmisch. Ich sage es ungern, die Contenance wohnt nebenan. Bei uns wird hin und wieder, zugegeben auch mal öfter, gebrüllt, geschimpft und geflucht.

Ich glaube nicht unbedingt an Sternzeichen, aber die, die daran glauben, mögen vielleicht den Grund in unserem kollektiv erzürnenden Temperament darin sehen, dass wir alle astrologisch gesehen Hörnertiere sind – bis auf das Baby, aber das hat einen Stachel. Und so lebt es sich als Widder, Stier und Skorpion öfter mal laut und rebellisch unter einem Dach.

Der Pari-Boy mein heimlicher Geliebter

Dabei bringen manche Tage, unsere Gemüter ganz besonders in Wallung. Tage, an denen schon morgens die Spüle überläuft und die Küche unter Wasser steht, während das Baby mit Bronchitis darniederliegt und schon aufgrund seines elenden Gesundheitszustandes zum Weinen neigt. Tage, an denen ich vor dem Inhalationsgerät zu finden bin. Der Pari-Boy ist mittlerweile mein heimlicher Geliebter! Mit ihm verbringe ich vor allem im Winter kuschelige Momente und betrachte mit ihm stundenlang das schlafende Baby. Mit einer bleiernden Müdigkeit in den Knochen und selbst vollkommen angeschlagen. Da bringt mich die Botschaft meines Mannes mit „Die Küche steht unter Wasser“ zum Heulen. Doch dem nicht genug. Denn wenn sich in unserem Heim technische Malaisen einstellen, dann nicht vereinzelt, sondern zuhauf, im Konglomerat sozusagen. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass dem Ruf über die morgendliche Überflutung am Nachmittag die Mitteilung folgt: „Unsere Abwasserpumpe gibt den Geist auf und unser Garten wird gerade zu einer Kloake.“ Ich entnehme der Stimme meines Mannes eine gewisse Hysterie und eine Neigung zum Fluchen. Und auch mein Geduldsfaden zerrreißt vollends nach dem der Stenz mein Essen erblickt und erschnüffelt. Mit den Worten: „Mama, Dein Essen stinkt. Das kannst Du selber essen“. lockt er mein hässliches und schimpfendes Ich aus der Reserve. Es lauerte schon den gesamten Vormittag unter meinem dünnen, fast transparenten Nervenkostüm, das gerade von mir wie staubiger Putz abzubröckeln droht. Wie gut, dass Schwiegermama mich rettet und den Stenz zum Spielen abholt.

Der bärbeißige Stenz

Doch Tage wie diese enden nicht einfach mit angeblich stinkendem Essen. Oh nein, Tage wie diese haben noch einige Trümpfe im Ärmel. Einen dieser Joker ziehe ich gerade als ich mit der Mutter des Stenzens besten Freundes telefoniere und in einem Nebensatz erfahre, dass mein Sohn heute im Kindergarten seinen Busenfreund gebissen hat. Mir fällt vor Schreck fast der Hörer aus der Hand. Diese Nachricht trifft mich wie ein Schlag, da ich durch die vorhergehenden Hiobsbotschaften schon emotional am Straucheln war. Ich kann es nicht glauben, dass mein kleines Engelchen zu so einer Tat fähig ist. Die Recherche im Internet über den wankelnden Gemütszustand beißender Dreijähriger ist höchst beunruhigend und lässt mich fast panisch über die Konsequenzen sinnieren. Ich versuche das Thema mit meinem Mann, der gerade mit beiden Beinen in der Garten-Kloake steht zu diskutieren, was sich als vollkommen falsche Strategie erweist.

Laus-Alarm!

Denn neben unserem Abwasser-Problem, einem beißenden Stenz und einem hustenden Baby droht diese Diskussion einen weiteren Kriegsschauplatz zu eröffnen und einen veritablen Ehestreit zu entfachen. So bringt mich die schmallippige Antwort meines Mannes auf die Nachricht, dass man im Umgang mit unserem Kind bald eine Tetanus-Spritze benötigt vollends auf die Palme. Mit seiner Antwort „Ja mei, da hat unser Stenz wohl mal Bärenjunges gespielt“ hat sich mein Mann in Erziehungsfragen leider vollkommen disqualifiziert. Nach der Lektüre etlicher Erziehungsratgeber sehe ich mich gewappnet meinem bärbeißigen Sprössling mit geeigneten Sanktionen am Abend entgegenzutreten und öffne ihm und der Oma streng dreinblickend die Türe. Ich will gerade mit meiner Strafpredigt beginnen, während ich dem Stenz die Mütze vom Kopf ziehe. Verstumme allerdings schlagartig. Denn das Haupt unseres Kindes gleicht in der Tat dem eines Raubtieres und zwar eines Raubieres, das zu mangelnder Körperhygiene neigt. Es ist übersät mit schwarzen Pünktchen! Sofort läuten bei mir sämtliche Alarmglocken und das Kindergarten-Pamphlet, das bei mir morgens noch auf vollkommene Gleichgültigkeit stieß, leuchtete plötzlich grell und bedrohlich vor meinem inneren Auge: „Der Bienenstock hat Läuse“. All das Ungemach des Tages erschien mir plötzlich in Anbetracht dieser gewaltigen Nachricht wie nichtige Kinkerlitzchen. Ich schrie gen oberes Stockwerk: „Der Stenz hat Läuse, fahr sofort los und hole Laus-Shampoo.“ Doch wie konnte es anders sein, fiel die Laus-Diagnose schon zu später Stunde kurz vor Ladenschluss. Doch unter Aufbringung seines gesamten Charmes gelang es meinem Mann im Telefonat mit einer Apothekerin, dass diese versprach noch ein Viertelstündchen länger zu bleiben und auf den Vater des Laus-Befallenen zu warten. Mit quietschenden Reifen setzte sich der Mann, der sonst eigentlich eher zu keinen überstürzten Handlungen neigt, in Bewegung. Der Abend kulminierte dann in einem Läuse-Massaker auf des Stenzes Haupt. Welch ein passendes Ende für einen desaströsen Tag! Kurioserweise entpuppte sich die Laus-Hysterie ein Tag später als vollkommen unnötig. Am anderen Morgen unter der Lupe betrachtet, erwiesen sich die schwarzen Pünktchen nämlich als lebloser Dreck. Viel Aufregung um nichts, darin sind wir meisterhaft!

Ich, die tote Taube

„Bist Du eher der frühe Vogel oder die Nachteule?“
„Ich habe Kinder, ich bin die kaputte Taube.“

Ja, genauso fühle ich mich heute, wie die kaputte Taube. In den letzten 14 Tagen habe ich 20 Zäpfchen in zwei kleine Popos geschoben – Popos, die keine Lust auf Zäpfchen hatten und diese sofort wieder loswerden wollten. Daher durfte ich nach den diversen Schmerzmittel-Gaben in Kacka-Windeln fahnden und falls ich auf schleimige Zäpfchen-Spuren stieß erneut ein „Zöfpchen“ wie es der Stenz nennt, einschieben. Außerdem habe ich Fieber gemessen, Waden gewickelt, Schleim abgesaugt, mich selbst und meine Kinder von Erbrochenem befreit und dabei keine Sekunde geschlafen. Eigentlich fühle ich mich eher wie eine tote Taube.

DER Virus, der unser Leben veränderte

Aber der Reihe nach: heute vor zwei Wochen suchte uns DER Virus heim. Es war nicht einfach irgendein Virus, es war ein Höllen-Virus, der unsere gesamte Familie lahmlegte. Es fing alles recht harmlos an, mit einem schlafenden Stenz. Ich freute mich sogar bei Ansicht dieses ersten Symptoms, da der Stenz am Tag doch nie schläft. Lieber würde er freiwillig aus dem Fenster springen als sich einfach so aufs Ohr zu hauen. Doch er schlief am Esstisch, plumps und schwuppdiwupp, einfach so ein. Und da auch das Baby schlief, genoss ich doch in meiner Naivität tatsächlich die Vorboten eines der verheerendsten Viren-Wirbelstürme, der über unsere Familie peitschte.

Ich, kurz vor der „Zöpfchen-Überdosis“

Hier einige Highlights aus meiner ganz persönlichen Krankheits-Hölle der letzten Tage: Der Stenz versteckt sich mit letzter Kraft unter dem Wäscheständer, um einer erneuten „Zöpfchen-Zufuhr“ zu entkommen und bekommt im Fieber-Wahn einen Wein-und Wutanfall. Auch das nächtliche Brüllen meines Mannes „Komm, sofort, er hat gekotzt“ gehört ganz sicher zu meinen Krankheits-Höhepunkten. Das heimische Lazarett verließ ich lediglich für Arztfahrten und Apotheken-Besuche. Und ich schwöre, noch einen Tag länger und ich hätte mir selbst eine Zöpfchen-Überdosis verabreicht.

Beruhigungs-Zäpfchen, die mich in Ekstase versetzten

Haben mich in meinen kinderlosen Zeiten Kleider, Jeans und Oberteile in Shopping-Ekstase versetzt, so ist der Höhepunkt meines Einkaufs-Zeremoniells heute der Kauf einer Mixtur aus Globuli und Schüssler-Salzen gegen Schnupfen. Meine Augen beginnen regelrecht zu funkeln, meine Hände zu zittern und mein Herz macht erregte Hüpfer als die Apothekerin mir außerdem auch noch ein Wunderzäpfchen gegen Unruhe bei Säuglingen überreicht. Mein halbes Monatseinkommen schleppe ich seit zwei Wochen in die Apotheke meines Vertrauens. Diverse Haarkuren, Wasserbälle und eine neue Freundschaft mit der Apothekerin sind der Dank für dieses finanzielle Groß-Investment.

Diese Krankheit und der damit verbundene Schlafmangel verändern meine Persönlichkeit. Und zwar nicht zum Positiven. Ich kann mich selber kaum noch leiden. Ich bin zu einem opportunistischen Zombie mutiert, der auf offener Straße wildfremden Passanten die Hucke voll heult. Auf die Frage von Opa Herbert, dem Vater einer Kindergatenbekannten, den ich flüchtig von einer Kindergeburtstags-Party kannte, breche ich schluchzend zusammen und falle ihm, ob er will oder nicht, in die Arme. Worauf er mir huldvoll einige Taschentücher reicht und mich mit den Worten „Du siehst arg mitgenommen aus, Mädchen“ zu trösten versucht.

Die Kinderärztin – meine beste Freundin!

Außerdem bin ich zu einem wankenden Fähnchen im Wind mutiert, da ich mich mit gleich zwei privaten Kinderärztinnen gut zu stellen versuche. Ich ertappe mich dabei, wie ich sie mit Blumen und Konfekt besteche und mit Komplimenten überhäufe, um die Gunst der beiden Pädiater auch zukünftig zu sichern. Denn meine Kinder erkranken bevorzugt an Feiertagen wie in diesem Fall an Pfingsten. Ich merke auch, dass ich Panikattacken bekomme, sobald der nächste mehrtägige Wellnessaufenthalt oder gar Urlaub ins Haus steht und ich mich erneut auf eine Reise begeben muss, bei der ich weiß, dass weder die eine noch die andere Ärztin physisch greifbar sein wird. Auch wenn beide mittlerweile hervorragend telefonische Ferndiagnosen stellen können.

Nix mit rausschlawinern

Eine meiner besten Freundinnen ist sich, was die Kinderplanung anbelangt noch unsicher. Sie meinte kürzlich, dass Sie sich gerne mal aus anstrengenden Situationen heraus schlawinert. Und dass das ja irgendwie mit Kindern schwierig sei. Als mich das Baby im hohen Bogen fontänenartig ankotzt und sie sich wie ein glühender Feuerball an meiner Brust anfühlt, weil sie auch am vierten Tag der Krankheit wieder über 40 Grad fiebert, muss ich an diese beste Freundin denken. Genau jetzt, in diesem Moment würde ich mich auch gerne aus der Situation herausschlawinern. Ich würde sogar alles dafür geben, einfach nicht mehr verantwortlich zu sein. Die Türe hinter mir zu schließen, peng und abzuhauen. Das wär’s jetzt. Aber meine Freundin hat leider recht, rausschlawinern ist nicht mehr. Und so stehe ich meinem Baby auch weiterhin bei. Ich wache Tag und Nacht neben seinem Bettchen und bete, dass der Virus bald vorbeiziehen werde.

Mein Leben mit einem Brustwarzenbeißer

Dabei entpuppt sich das Baby gegen Ende seiner Krankheit als eine ganz besondere Spezies der Brustwarzenbeißer aus der Gattung der Nachttrinker. Das Baby hat nämlich seit einer Woche einen einzigen kleinen Zahn. Dass man mit einem einzigen kleinen Zahn so kräftig zubeißen kann, hätte ich nie für möglich gehalten. Dabei hat sie sich, seit sie stolze Besitzerin dieses weiß-blitzenden Beißerchen ist, darauf spezialisiert am Tage zu beißen und nur in der Nacht zu trinken und zwar ständig. Oh weh, was passiert wohl bei der nächsten Krankheit? Werden wir dann alle zu Werwölfen?

Die Tücken des Urlaubs

Ferien am Meer

In unserem Ferienhaus am Meer lebt ein Spatzenpaar. Es hat ein Nest mit vielen kleinen Spatzen über unserem Esstisch auf der Terrasse. Die Spatzenbabys schreien von fünf Uhr morgens bis 23 Uhr am Abend. Manchmal ertappe ich die Spatzenmama dabei, wie sie nur eine Handbreit von meinem Teller entfernt, einnickt. Sie scheint so unendlich erschöpft. Ich fühle eine Woge der mütterlichen Solidarität mit diesem Spatz als ich heute Nacht bei gefühlten 40 Grad mit meiner Familie das lustige Spielchen „die Reise nach Jerusalem“ vollführe. Nur dass wir, anstatt Stühle wechseln, in unserem Ferienhaus wie eine Horde Wahnsinniger von einem Zimmer ins nächste ziehen. Und zwar nicht einfach nur so, sondern mit zwei Kinderbetten, Wasserfläschchen, Spucktüchern und drei gigantischen Mückennetzen bewaffnet. Denn so macht das Ganze noch mehr Spaß! Dabei wird dieses groteske Spektakel akustisch von lautstarkem Schreien des Babys und mürrischer Schlaftrunkenheit des Stenzes begleitet.

Ich, der Milch gebende Gecko unter dem Ventilator

Nach zwölf Tagen herrlichstem Wetter und süßem Nichtstun hat sich der Wettergott in dieser Nacht dazu entschlossen, uns mit maximaler Hitze und einem ohrenbetäubenden Sturm zu erfreuen. Dabei wird unser sonst so wunderbar durchwehtes Schlafzimmer oberhalb des Meeres zu einem kochenden Hexenkessel. Während vor unseren Fenstern der Sturm lauthals über das Meer peitscht, brodelt und wabert in unserem mediterranen Schlafgemach eine drückende Hitze, die sämtliche Moskitos der Insel anzieht. Aber nur die Moskitos mit einem hohen IQ. Denn sie haben es allesamt geschafft, sich unter unsere Mückennetze zu schleichen, um uns mit lautem Gesurre um die Ohren zu fliegen. Dabei wacht das Baby im Halbstundentakt auf und möchte gestillt werden. So liege ich die erste Hälfte der Nacht in Schockstarre wie ein Milch gebender Gecko unter dem Ventilator.

Auf der Flucht vor sengender Hitze, Meerestosen und schlauen Moskitos

Doch nun wird es mir zu blöd und ich fordere meinen Mann dazu auf, umgehend den Hexenkessel mit seinen hinterlistigen Moskitos zu verlassen. Der Mann brummt mit den Schnaken im Duett, stimmt mir allerdings zu und wir beginnen mit eingangs erwähntem Spiel, der Reise nach Jerusalem. Dabei erweist sich der Aufbau von zwei wackeligen Kinderbetten, die die 10. Generation von italienischen Kleinkindern bereits im Schlaf aufwachsen sah, als echte Herausforderung. Denn die Kinderbetten passen selbstverständlich durch keine Türe ohne zuvor fachmännisch eingeklappt und dann in einem der vielen anderen Schlafgemächer des Hauses ebenso fachmännisch wieder aufgeklappt zu werden. Leider fehlt für dieses Unterfangen in unserer Familie das Fachmännische. Und so befinden sich mein Mann und ich gegen 4:30 Uhr immer noch schweißgebadet im Nahkampf mit den Kinderbetten. Gegen sechs Uhr kapitulieren wir offiziell und gestehen uns unsere Niederlage ein. Das Ergebnis: gegen 6:30 Uhr schlafen wir endlich alle vier in einem sehr übersichtlichen italienischen Doppelbett ein. Die schlauen Moskitos sind auch in diesem Zimmer wieder mit von der Partie. Genau wie die sengende Hitze. Lediglich der Wind, der über das Meer tost ist noch als leises Säuseln zu hören. Aber dafür vernehmen wir aus diesem Schlafzimmer den grandiosen Morgengesang unseres italienischen Nachbarn umso intensiver. Punkt 7:30 Uhr dröhnt uns sein vollmundiges „O sole mio“ aus seiner Dusche entgegen.

Mülltrennungs-Fanatismus in seiner Reinform

Dabei wurde diese glorreiche Mittelmeer-Nacht bereits von einem fulminanten Abend eingeläutet. So muss man wissen, dass sich mein patenter Mann bereits Tage vor unserer Abreise zu einem veritablen Müllexperten mausert. Denn die letzten Jahre haben uns gelehrt, dass man es auf Sardinien mit der Mülltrennung sehr genau nimmt. Während der Nachbar unter der Dusche sein Liedchen trällert werde ich immer wieder Zeuge wie mein Mann als morgendliches Mantra die wöchentliche Mülltrennungsagenda meditativ vor sich hin murmelt: „Umido, Plastica und Secco“ sind die magischen Worte, mit denen mein Mann unsere Urlaubstage in Sardinien veredelt. Doch trotz seines gesteigerten Umweltbewusstseins in unserem Feriendomizil kommt es zum Eklat: Jeden Abend bekommen wir nämlich Besuch von Luciano, dem pedantischen Hüter über den sardischen Müll, der uns mit seiner flotten Ape vom häuslichen Unrat befreit. Allerdings zeigt uns Luciano an diesem lauen Sommerabend, in seinem gesteigerten Mülltrennungs-Fanatismus sein wahrhaft mephistophelisches Gesicht. Ich lümmele gerade glückselig in meinem Liegestuhl und vernehme plötzlich das angstvolle Weinen des Stenzes, der sich mit folgenden Worten auf mich stürzt: „Mami, der Müllmann verprügelt glaube ich gleich den Papa.“ Und tatsächlich Luciano, alias Lucifer steht brüllend und tobend vor meinem verdatterten Mann, der nur noch eingeschüchtert „Umido“ wispert. Er tut mir so leid. Seit Wochen ist er mit ungebremstem Eifer um die korrekte Mülltrennung besorgt und er hätte sich so über ein anerkennendes Lob von Luciano gefreut. Doch von Lobes-Hymnen ist dieser weit entfernt. Erst das laute Weinen des Stenzes gebietet Lucifer Einhalt und er besinnt sich wieder seiner eigentlichen Mission: Mit vernichtenden Worten pfeffert er meinem perplex dreinblickenden Mann den Plastica-Sack um die Ohren und rauscht mit quietschenden Reifen von dannen. Wie herzlos von ihm!

Mit dem Lastwagen zum Einkauf

Doch das Gros der Italiener hat viel Herz. Das bemerken wir als wir am Tag nach dem nächtlichen Umzugs-Debakel mit Entsetzen feststellen, dass sich unsere Wasser-Vorräte auf klägliche fünf Mini-Tropfen reduziert haben. Denn die schweißtreibende Kinderbetten-Aktion hat mich, den Milch gebenden Gecko, zu einem noch größeren Wasserkonsumenten gemacht. So setzt sich meine Familie bei 40 Grad im Schatten in unserem Mietauto gen Supermarkt in Bewegung. Doch wir kommen nicht weit. Das kleine Sack-Gässchen, das sich kurz vor unserem Ferienhaus befindet und uns mit der Außenwelt verbindet, hat sich nämlich über Nacht in ein großes schwarzes Loch verwandelt, das alles zu verschlingen droht. Denn der Straßenbelag hat sich wohl im Laufe der Zeit verdünnisiert und wird nun nach italienischer Manier grunderneuert. Doch bevor wir mit Karacho in unser Unheil plumpsen kommt ein braun gebrannter Bauarbeiter aus dem Gebüsch gehüpft und lässt uns wild gestikulierend abrupt anhalten. „Hier ist für den Rest des Tages kein Durchkommen“ gibt er uns wortgewaltig auf italienisch zu verstehen. Ich halte diese Aussage für einen Scherz oder ein Missverständnis, das sich aufgrund meiner kargen Italienischkenntnisse eingeschlichen hat. Mitnichten, wie wir eine halbe Stunde später, immer noch vor dem Loch verharrend, feststellen müssen. Mittlerweile hat sich allerdings unser Gemütszustand aufgrund der defizitären Schlafbilanz der vergangenen Nacht und wegen eines starken Durstgefühls drastisch verschlechtert. Ein Blick auf das transpirierende Baby und den bleichen Stenz treibt mir spontan die Tränen in die Augen. Wir brauchen Wasser und zwar schnell. „Acqua, acqua for our kids!“ versuche ich stümperhaft unserem kollektiven Durstgefühl Ausdruck zu verleihen. Da zeigt der Chef-Bauarbeiter plötzlich Erbarmen und bietet uns spontan seine Hilfe an. Allerdings besteht diese nicht wie erwartet darin, uns einen geheimen Schleichweg aus der Misere zu zeigen oder das Loch in Windeseile zu stopfen. Oh nein, die Lösung des Problems liegt im nahe gelegenen Lastwagen. Und so fährt ein braungebrannter Bauarbeiter mittags um 13 Uhr während seiner Siesta den Stenz, das Baby, den Mann und mich zum Supermarkt, um mit uns fröhlich den Wochen-Einkauf zu erledigen. Das nenne ich einmal lösungsorientierte Völkerverständigung! Lucifer, nimm Dir ein Beispiel!

Flugreisen mit Kindern – großartig!

Flugreisen mit Kindern

Mein Mann liebt vieles. Frühes Aufstehen liebt er nicht. Man könnte sogar sagen, dass er das frühe Aufstehen fürchtet wie einen Cholerabefall. Und da der Flug nach Cagliari letztes Jahr mit frühem, ja sogar sehr frühem Aufstehen verbunden gewesen wäre, hatte sich mein zu Optimierungen neigender Mann überlegt, unsere sommerliche Urlaubsreise unter das Motto „Aus kurz mach lang“ zu stellen.

Denn um frühes Aufstehen zu vermeiden, optimierte er unsere Reiseroute dahingehend, dass wir nicht nonstop 90 Minuten von München nach Cagliari flogen, sondern mehrmaliges Umsteigen und Aufenthalte an verschieden Flughäfen eingeplant wurden. Ganz nach der Devise „Der Weg ist das Ziel“. Denn wer will schon einen Non-Stop Flug, wenn man sogar für weniger Geld und spätes Aufstehen die Schönheiten des Flughafen Roms bewundern kann. Dabei durfte ich das Duty Free Erlebnis am Airport von Rom als hochschwangere Wurstpelle auf zwei Beinen antreten. Und zwar als schlecht gelaunte Wurstpelle. Denn bei 30 Grad im Schatten wurde ich dank Thrombosestrumpfhosen immerzu von klaustrophobischen Attacken heimgesucht. Schon allein das Anziehen dieser Nylon-Ungetüme kam einer Folterung gleich und ließ mich an der gesamten Reise zweifeln.

Geplatztes Trommelfell – ideale Voraussetzungen für einen reibungslosen Flug

Auch dieses Jahr steht unsere Reise zu unserem sardischen Strand-Häuschen unter keinem guten Stern. Auch wenn es diesmal dank Direktflug ganz andere Herausforderungen zu bezwingen gilt. Das Baby ist geschlüpft und mit ihm eine enorme Anzahl an Säuglings-Utensilien. Schon Tage zuvor bin ich maximal nervös ob der bevorstehenden Alpentraverse mit zwei Kleinkindern. Denn das Baby überraschte uns eine Woche vor Reisebeginn mit so etwas Absonderlichem wie einem geplatzten Trommelfell. Auch wenn die Kinderärztin, um mein äußerst sensibles Naturell wissend, diese Diagnose etwas euphemistischer mit den Worten stellte: „ja, da kam es wohl zu einem kleinen Löchlein im Trommelfell“, schrillten bei mir alle mütterlichen Alarmglocken. Denn nicht nur das Baby, auch der Stenz und ich waren bis über beide Ohren verschnupft. Ausgestattet mit allem, was die Nase freimacht, betraten wir letztendlich trotz aller Malaisen frohen Mutes den Münchner Flughafen.

Defekte Toiletten und Rolltreppen am Flughafen, wunderbar!

Doch die gute Laune verflüchtigte sich, als wir mit gefühlten hundert Handgepäckstücken, einem Auto-Kindersitz, einem sperrigen Kinderwagen samt Maxi Cosi und zwei Kleinkindern der Tatsache gewahr wurden, dass der Fahrstuhl, der uns ins Untergeschoss zu unserem Gate fahren sollte, streikte. Ich erwog kurzzeitig unsere gesamte Bagage einfach die Rolltreppe hinunterzuwerfen. Stattdessen nahm ich dann aber doch das Baby, einen Rollkoffer und des Stenzes Mini-Rucksack und fuhr damit treppabwärts, während der Mann unter lautem Ächzen den Kinderwagen zusammenzuklappte und mir samt zweitem Rollköfferchen folgte. Im Schweinsgalopp ging es dann zum Gate, da unser Familiennamen schon durch den Lautsprecher hallte. Erst hier merkten wir, dass wir im Eifer des Gefechts irgend etwas Elementares vergessen hatten. Oh Gott, der Stenz fehlte! Er stand schreiend oben auf der Rolltreppe. Als Landkind war ihm die Fortbewegung auf fahrenden Stufen wohl suspekt. Um unsere Reise auch für unsere Mitmenschen interessant zu gestalten, ließen wir sie einfach an unserem Italien-Trip partizipieren. So auch an des Stenzes Rolltreppen-Intermezzo. Ein beherzter Rentner schnappte sich nämlich unseren Stenz und meine Handtasche, die ich schlauerweise ebenfalls im oberen Stockwerk vergessen hatte, und bot beiden feierlich sein Geleit nach unten an. Doch nun folgte das nächste Abenteuer. Der Stenz musste Pipi und zwar dringend! Schade, dass keine einzige Toilette im unteren Stockwerk funktionierte. Mittlerweile schallte unser Familienname bereits zum zweiten Mal durch die Weiten des Airports. Herrlich! Ich wieder mit dem Stenz die Rolltreppe nach oben gespurtet. Nun bekam auch das kleine Landei Routine bei dieser modernen Stockwerk-Bezwingung. Aber auch hier oben schienen die Toiletten in einem Radius von 2 km außer Betrieb. Irgendwie schafften wir es dann doch noch rechtzeitig des Stenzes Blase zu entleeren und kurz vor Abflug alle Familienangehörigen mit dem lebensnotwendigen Sprühstoß der verschiedensten Nasentropfen zu bedenken und dann ging es endlich mit lautem Getöse ab in die Luft.

Busenblitzer über den Wolken

Auch hier boten wir unseren Mitreisenden einiges zum Staunen. Denn das Baby, das vom HNO-Arzt strengstens dazu verdonnert wurde, bei Start und Landung zu trinken, wollte alles bloß keine Milch. Wie sollte man sich an Mamas Brust erfreuen, wenn es doch so viel Interessanteres zu entdecken gab. Dabei hatten es dem Baby vor allem die Spucktüten an unseren Vordersitzen angetan. Ich konnte mich barbusig so viel wenden und drehen wie ich wollte, keine Chance, das Baby wollte die Spucktüte und nicht die Brust! Dafür kamen aber sämtliche Passagiere in den Genuss, meinen freizügigen Tanz mitanzusehen, den ich um die Aufmerksamkeit des Babys zu erhaschen, linkisch vollführte. Allen voran, der Stewart und der stieläugige Rentner schräg vor mir. Allerdings zeigte sich letzterer nach der Landung für meinen kleinen Striptease erkenntlich. Denn als der Stenz nach einer kurzen Besichtigung des Cockpits aus dem Flugzeug stürzte, vergaß ich bei dem Versuch ihn einzufangen mal wieder die Hälfte. Wenigstens hatte ich diesmal keines meiner Kinder vergessen. Mein im Flugzeug noch geduldig wartender Mann war allerdings mit der Masse unseres Handgepäcks heillos überfordert und haute in seiner Verzweiflung den betagten Busen-Voyeur um seine tragende Hilfe mit Köfferchen und Co an.

Müll-Weitwurf in der Autovermietung

Nachdem wir bei glühender Hitze an der Gepäckausgabe auch die weiteren zehn Tonnen Reise-Bagage in Empfang genommen hatten, enterten wir euphorisch die Autovermietung. Denn der Stenz war im Glück, dass er seiner Ziel-Destination bald näher kommen sollte. Schon seit Tagen befragte er uns jeden Abend, wie oft er denn noch schlafen müsse, bis wir endlich nach Sardinien aufbrachen. Hier in der Autovermietung wähnte er sich allerdings immer noch irgendwie in heimischen Gefilden. Denn er erzählte mir vollkommen aufgeregt, wie sehr er sich doch freue, endlich bald nach Sardinien zu kommen. Für ihn schien wohl nur unser Häuschen am Meer auf sardischem Terrain zu liegen. Vollkommen aufgedreht dachte sich der Stenz in der einstündigen Wartezeit bis zur Schlüsselübergabe zahlreiche Spielchen aus. Seine Gefährten waren pausbäckige, blond beschopfte Kinder, die genauso außer Rand und Band schienen wie er. Eines der Spiele hieß „Müll weit werfen“. Erst musste jeder Dreck auf dem Boden, der nicht allzu reinlichen Autovermietung ausfindig gemacht werden, um anschließend mit Pauken und Trompeten soweit und hoch wie möglich in die Luft geschleudert zu werden. Ein weiteres lustiges Spielchen, das sich der kreative Stenz überlegte hieß: „ramme unseren haushoch gestapelten Gepäckwagen in die Hacken unseres Vordermannes in der Schlange!“ Doch bevor wir des Platzes verwiesen werden konnten, war es endlich so weit, wir konnten die finale Reise nach Sardinien in unserem Auto antreten.

Über Stock und Stein zum Haus am Meer

Allerdings nahmen wir, wie jedes Jahr nicht den direkten Weg zu unserem Häuschen. Das wäre zu einfach und wider unser Pfadfinder-Naturell. Nachdem der Stenz vor drei Jahren nämlich über die kurvige Küstenstraße an jeden sardischen Oleander kübelte, war für uns oberste Prämisse jegliche Serpentinen zu vermeiden. So ging es dann durch das sardische Hinterland. Und dies im wahrsten Sinne des Wortes. Zunächst führte uns das vollkommen umnachtete Navigationsgerät auf das Militärgelände, das die Start- und Landebahn des Flughafens umgab. Nachdem wir diese Sehenswürdigkeit unfreiwilligerweise eine halbe Stunde umrundet hatten, führte uns eine „Einbahnstraße der Hölle“ nach weiteren 45 Minuten endlich auf die gewünschte Autobahnauffahrt. Während dieses Horror-Trips kamen uns kilometerlang Autos mit einem Abstand von ca. 3 cm entgegen, sodass ich irgendwann die Augen schloss um nicht mehr mit ansehen zu müssen, wie wir sämtliche Kakteen Sardiniens entwurzelten und den ein oder anderen italienischen Kleinwagen streiften. Allerdings konnte ich auch mit geschlossenen Augen das Baby schreien und den Stenz jammern hören „Mami, mir ist so schlecht.“ Nachdem ich dem Stenz eine Spucktüten gereicht und des Babys Schweißperlen getrocknet hatte, kamen wir doch tatsächlich an in unserem Häuschen am Meer. Welch‘ eine Odyssee! Doch jede Minute dieser unterhaltsamen Reise hatte sich gelohnt! Denn tatsächlich angekommen in Sardinien, genossen wir eine unbeschreiblich schöne Zeit in unserem zweiten Zuhause.

Es lebe das Chaos!

Ich bin ein ordentlicher Mensch. Man könnte sogar sagen, ich neige zur Pedanterie. Ich bin ein Mensch, der gerne die beiden blau karierten Kissen mittig auf dem Eck-Sofa platziert und das blau rosa gemusterte Kissen kunstvoll als „Topping“ darauf drapiert. Da bin ich eigen. Das mit meinem Ordnungssinn und der Couch ist kompliziert. Ich habe ein ästhetisches Auge, das über die Raumordnung unseres Wohnzimmers wacht. Jedenfalls tat es das, bevor wir Kinder hatten. Jetzt, nachdem zwei Messies unser Haus belagern, kapituliert mein ästhetisches Auge allerdings regelmäßig.

Probates Mittel gegen Husten: Durchfall-Saft

Mein Ordnungssinn wird dabei kurz vor einer Reise besonders auf die Probe gestellt. Denn dann verwandelt sich unser Haus in das personalisierte Chaos. Der Grund ist, dass nicht nur unsere beiden Ordnungsbanausen im edlen Wettstreit um die maximale Unordnung antreten, sondern auch mein Mann und ich. Während sich mein Mann um so elementare Bestandteile des Kofferinhaltes wie Schwimmflossen und Schnorchel-Brille für das sieben Monate alte Baby kümmert, überlege ich mir, in unserer Urlaubsdestination eine Apotheke mit deutscher Markenware zu eröffnen. Denn meine medizinischen Vorräte sind mehr als ausreichend, um ein ganzes sardisches Dorf für mindestens ein halbes Jahr bei allen gesundheitlichen Notfällen zu versorgen. Nach DEM Horrorvirus, der uns vor zwei Wochen heimsuchte kommt nun jedes Familienmitglied sicherheitshalber in den Genuss eines eigenen Reise-Antibiotikums. Ich bin gewappnet und froh, in diesem Jahr hoffentlich nicht mit Händen und Füßen bei der italienischen Vollblut-Apothekerin, die nur ihrer Muttersprache mächtig war, vorzusprechen. So waren meine Pantomime-Künste vor einem Jahr wohl so miserabel, dass ich anstatt des gewünschten Hustensaftes, ein Mittel gegen Durchfall überreicht bekam. Dabei liefern sich mein Mann und ich beim Packen gefühlsschwangere Wortduelle.

Wild-Ragout – des Babys liebste Speise?

Denn mein Mann hat sich selbst zum Wächter wider das Übergepäck ernannt und wacht beim Packen akribisch über jedes Kilo. Mein eigentlich nicht zu Hysterie neigender Mann fängt an zu toben als ich versuche, meinen geliebten Pari-Boy, das Inhalationsgerät, in die Weiten meines Koffers hinein zu schmuggeln. So feilschen wir um jedes Teil, vor allem bei den Baby-Gläschen. Denn was Baby-Kost im Ausland anbelangt, bin ich misstrauisch geworden. So wurde unser Sohn während seines ersten Urlaubs auf Elba wider Willen dazu verdonnert, Kaninchen und Wildschwein Ragout zu verspeisen, denn etwas Anderes gaben die von uns aufgesuchten Insel-Supermärkte als kommerzielle Kleinkind-Kost nicht her. Der Stenz, der seit jeher bei seiner Nahrungsmittelaufnahme zu kapriziösem Ess-Verhalten neigt, verschmähte natürlich das edle Gläschen-Wild und ernährte sich auf besagter Reise ausschließlich von Blaubeeren und Milch.

Ein Hoch auf 10 Grad und Nieselregen!

Dabei beglückwünschten wir uns beim Packen immer wieder, dass seit heute zum Glück nicht mehr so eine Affenhitze in Deutschland herrschte. Das war ja kaum auszuhalten. Wie gut, dass in unserer Urlaubsdestination heiße 40 Grad vorausgesagt wurden. Besonders schön, wenn man mit einem babyspeckigen Säugling verreist, der zu starker Transpiration neigt.

Piraten ahoi – der Stenz reist mit schwerem Gepäck

Während mein Mann und ich uns noch um die richtige Zusammensetzung unseres Gepäckes stritten, hatte der Stenz seine Reisevorbereitungen abgeschlossen. Er war mit sich und seinem Kofferinhalt im Reinen. Der Stenz saß zufrieden inmitten unzähliger Uno Karten, bunt gefächerter Malstifte und einer Millionenstadt aus Legomännchen. Doch all dies sollte nicht mit in den Urlaub. Denn diesem bizarren Spiele-Konglomerat kam ein anderes Schicksal zuteil: ihm war beschieden, weiterhin unser heimisches Wohnzimmer zu verschönern. Stattdessen zeigte der Stenz voller Stolz auf seinen Reise-Rucksack. Beim ersten Anheben fiel mir spontan auf, dass dieses kleine Handgepäck im Begriff war, locker die Gewichtsgrenze unseres Hauptgepäcks zu sprengen. Denn mit nach Sardinien sollte nicht nur das gesamte sehr ansehnliche Stöcke Arsenal des Stenzes, sondern auch die schönsten und größten Wackersteine, die der Stenz in den letzten drei Jahren auftreiben konnte. „Dieser Piratenschatz muss unbedingt mit!“ Da gab es kein Pardon.

Freie Fernsicht für das Baby

Seine Schwester, das Baby hingegen sollte mit verhältnismäßig leichtem Mini-Rucksäckchen gen Süden fliegen und zwar mit des Stenzes kleinem Fernrohr. So war das Baby als ich kam gerade dabei gegen seinen Willen, einen Fernrohr- Seh- Lehrgang beim Stenz zu absolvieren. Was allerdings in großem Geschrei endete. „Ich will doch unserem Baby was lernen!“ wiederholte der Stenz voller Verzweiflung und mit jeder Menge lehrmeisterlichem Pathos. Aber das Baby war nicht wissbegierig und wollte von seinem Bruder nichts lernen. Vor allem dann nicht, wenn der Lernvorgang darin bestand, ein Fernrohr feste aufs Auge gedrückt zu bekommen. Na ja, wenn das kollektive Geschrei ein Ende hat, sollte es morgen gen Süden gehen. Mit im Gepäck: Babygläschen, Schwimmflossen, Wackersteine und ein Mini Fernrohr, aber ohne den Pari-Boy!

Stillen im Vierfüßlerstand

Ich bin ein bescheidener Mensch. Leute, die mich kennen würden bestätigen, dass ich selten behaupte, über etwas besonders gut Bescheid zu wissen oder etwas gar hervorragend zu können. Außer vielleicht am See sitzen. Doch ich übertreibe nicht, wenn ich keck in den Raum stelle, so einiges über das Stillen zu wissen. Jedenfalls in der Theorie.  

Doch von vorne. Ich wuchs mit dem Bewusstsein auf, dass das Schmerzvollste im Leben einer Frau nicht die Geburt, sondern eine Brustentzündung ist. Sobald ich das erste Mal schwanger war, riet mir die beste aller Mütter unbedingt ein Stillseminar zu besuchen, um die höllischen Qualen und das Fieber-Delirium, das sie aufgrund einer Mastitis mit mir im Wochenbett erlebte, tunlichst zu vermeiden. Auch die intensive Lektüre von Stillratgebern wurde mir von Freundinnen ans Herz gelegt. So ließ ich mich, in Anbetracht der nahenden Gefahr nicht lumpen und lernte in einem ersten und drei Jahre später sogar in einem zweiten Stillseminar alles, was es über korrektes Anlegen und Saugen, wunde Mamillen und Stillhütchen zu wissen gibt. Ich sah mich vor der Niederkunft des zweiten Babys also bestens gewappnet. In der Theorie. Die Praxis lehrte mich eines Besseren.

Brüste, die den Tag bestimmen

Ab dem 2. November 2016 diktierten dann urplötzlich wieder meine Brüste den Tagesablauf. Körperteile, die 38 Jahre lang so gut wie keine Rolle spielten, weil so gut wie nicht existent. Und das war gut so! Ich gehöre wohl zu den wenigen Frauen, die den Hype um große Brüste niemals nachvollziehen können. Ich würde jederzeit nicht-existente Brüste dem prallen Stillbusen vorziehen. Letztere übernahmen jedenfalls schlagartig das Kommando und ihnen wurde eine vorher nicht gekannte Aufmerksamkeit zuteil.

Auf einmal wurden sie ausgestrichen, abgepumpt, massiert und in kalte Kohlwickel gehüllt. Nachdem sich mein Mann nach eingehender Beratung durch die Frau am Obst- und Gemüsestand für den perfekten Kohl entschied und diesen dann nach Hause schleppte. Überhaupt legte mein Mann unglaubliches Geschick in Sachen Brustpflege an den Tag. Denn als trotz aller Vorkehrungen eine Brustentzündung drohte, wurde er zum Weltmeister im Quark Wraps wickeln. Dabei ließ er sich in diese hohe Kunst von unserem Nachbarn einführen. Ich belauschte die beiden dabei, wie sie im Garten über die richtige Wickeltechnik und den korrekten Ausschnitt in Brustform fachsimpelten und sich gegenseitig anspornten.

Schlaff-stinkende Kohlblätter quillen aus meinem Dekolleté

Doch es half alles nichts, meine linke Brust hatte sich dazu entschlossen, ein purpur rotes Gewand überzustreifen und mir abscheuliche Schmerzen zu bereiten. Nachdem ich mit dem Baby eine Nacht um die Wette gejammert hatte und kurz davor war Amok zu laufen, verfrachtete mich mein Mann samt greinenden Baby ins Auto und fuhr mich zur Gynäkologin. Während der Fahrt verschlechterte sich mein psychischer und physischer Zustand dramatisch: Mein Äußeres war mir plötzlich vollkommen Schnuppe. Anders waren die Quarkflecken, die sich auf meinem säuerlich vor sich hin müffelnden Oberteil abzeichneten nicht zu erklären. Auch hätte mir vor dem Arztbesuch eine Haarwäsche und ein wenig Make Up gutgetan. Aber für solche Trivialitäten hatte ich in meinem erbärmlichen Zustand einfach keinen Sinn. Mir ging es dreckig und das sollte ruhig jeder sehen. Und das tat die Vertretung meiner Frauenärztin dann auch. Und zwar mit größtmöglicher Abscheu! Als ich ihr meine wehe Brust zeigen wollte, blätterten zu meinem Leidwesen hunderte von schlaff-stinkenden Kohlblättern von mir ab und platschten mit Schmackes auf das fein gebohnerte Fischgrätenparkett. Eine erneute Heul-Salve meinerseits war die Folge. Die Frauenärztin rümpfte die Nase. Ob dieses Naserümpfen der Tatsache geschuldet war, dass der Gestank meiner lätschernen Kohlblätter den feinen Raumduft zu übertünchen drohte oder dem jämmerlichen Zustand meiner Brust, mag ich heute nicht mehr zu beurteilen. Nach einem kurzen Ultraschall empfahl mir die Frauenärztin eine elektronische Brustpumpe und eine Therapeutin. Außerdem sollte ich mir schnellst möglich professionelle Unterstützung für die Kinderbetreuung zulegen, da ich ja heillos überfordert wäre. Einfühlsam geht anders. Sogar mein Mann schrak aufgrund ihrer Schroffheit zusammen und riet mir, diese Vertretung besser nicht mehr aufzusuchen. Es geht doch nichts über männliche Verbundenheit in Krisensituationen.

Stillen im Vierfüßlerstand, ein Highlight meiner persönlichen Stillbiographie

Doch dachte ich, dass dieser Besuch den Tiefpunkt meiner persönlichen Stillbiographie markierte, so irrte ich. Schlimmer geht immer, überlegte sich das Schicksal und ließ mich einen Tag später im Vierfüßlerstand das Baby stillen. Denn die Lösung meines Problems lag ganz sicher nicht in einer elektronischen Milchpumpe, wie es mir die Frauenärztin weiß machen wollte. Nein. Die beste aller Hebammen und meine Retterin im Wochenbett erklärte mir auf liebevolle und tröstende Weise, dass mich nur das Baby aus diesem Schlamassel retten könne. Es sollte den Milchstau einfach wegsaugen. Ausschlaggebend war dabei die Stillposition. Des Babys Kiefer musste dafür am Quell alles Bösen andocken.  Da das Baby ein prächtiges ist und nicht zu den mageren Leichtgewichten gehört fiel es mir schwer, es mal eben so über die Schulter zu werfen, sodass es mir den Milchstau auf dem Kopf stehend wegzuzelte. Daher begab ich mich gezwungener Maßen auf alle Viere, positionierte des Babys Kiefer an die Stelle meines Ungemachs und feuerte es unter den Augen gleich zweier Hebammen an, den Karren für mich aus dem Dreck zu ziehen. Insgeheim versprach ich dem Baby bei gelungener Mission ein flottes kleines Autochen zum 18. Geburtstag. Und nach drei Tagen eines wahrlich authentischen Melkgefühls war der Knoten im wahrsten Sinne des Wortes geplatzt. Das Baby hatte es geschafft und ich werde mein Versprechen in achtzehn Jahren einlösen. Großes Ehrenwort!