Ritsch Ratsch – Schnipp Schnapp

Schnipp Schnapp

Der Stenz ist kreativ. Sehr kreativ. Mit ihm wird mir selten langweilig und das ist meistens schön. O.k., nicht immer. Häufig. Ab und zu. Hin und wieder. Und zwar dann nicht, wenn ich das Gefühl habe, mit dem Lieblings-Protagonisten meiner Kindheit, Michel aus Lönneberga, unter einem Dach zu leben. Dabei ist der Stenz mindestens genauso phantasievoll wie das Pendant aus Schweden. 

Grüner Rettungsreif mit Kuh

Kürzlich habe ich eine Freundin mit zwei kleinen Mädchen besucht. Nach literweisem Kaffee (wir hatten uns viel zu erzählen) musste ich mal. Eigentlich sehr unspektakulär. Jedenfalls so lange, bis ich das Gefühl hatte festzustecken. Ich wunderte mich, wie eine normal gebaute Familie so kleine Toilettensitze freiwillig ihr eigen nennen konnte. Das kam ja einer Folterung gleich. Quasi das Gegenteil vom gemütlich stillen Örtchen. Als ich meine Freundin darauf ansprach, brach sie in schallendes Gelächter aus. „Da hast Du Dir wohl das Falsche, nämlich das Kinderklo ausgesucht. Der Toilettenring für die Kids ist feste montiert.“ „Aha, so was gibt’s auch“ dachte ich mir und tat das Ganze innerlich als übertriebenes „Gedöns“ ab. Aber nur bis zu jenem Tag, als es der Stenz dem Michel mit der Suppenschüssel gleichtun wollte. Allerdings in etwas abgewandelter Form. Denn Suppenschüssel kann ja jeder. Mit ’nem grünen Toilettenring mit lustig bunten Kühen drauf, macht das ganze viel mehr Freude. Da sieht man auch mehr. Es ziert den Hals auch besser. Gerade in Zeiten des Klimawandels ist es sehr nützlich allzeit bereit und bestens gewappnet zu sein. Wenn uns nämlich morgen unerwartetes Hochwasser überrascht, ja dann ist der Stenz exzellent vorbereitet. Er trägt den Rettungsring schon um den Hals. Grüner Toilettenring: ein Garant bei jedem niederschlagsreichen Unwetter. So genial, das sollten wir uns fast patentieren lassen. Hätten die das damals doch auf der Titanic gewusst. Zugegeben, als mir der Stenz weinend mit grünem Toilettenring unter seinem Kopf, verzweifelt zurief: „Mami, ich stecke fest“, da ist mir diese grandiose Patent-Idee nicht sofort gekommen. Und ich gestehe, während ich mit viel Feingefühl den Toilettenaufsatz von meinem Kind herunter friemelte, sah ich schlagartig die Sinnhaftigkeit fest installierter Toilettensitze für Kinder und bat meine Freundin in Gedanken um Vergebung. Ihre Installation war weit von unnützem Gedöns entfernt. Nach ca. zehn Minuten höchster Konzentration meinerseits trug der Stenz wieder Hals. Und ich beglückwünschte mich zu meiner großartigen, besonnenen Reaktion.

In der Ruhe liegt die Kraft

Von dieser Besonnenheit müsste ich eigentlich meiner Nachbarin erzählen, denn zwei Jahre zuvor, war ich doch eher hektisch, vielleicht sogar ein kleines bisschen kopflos als ich mit einem total aufgelösten Stenz bei ihr Sturm klingelte und panisch um Hilfe bat. Doch der Reihe nach: Während ich lustig vor mich hin werkelte, hatte der Stenz meinen Armreif entdeckt. Ein silbernes, ziemlich massives und unflexibles Ding, das über einen ganz kleinen Schlitz für XXS- Handgelenke verfügt. Der Stenz, der auf jeden Fall die Experimentierfreude seines Physiker-Vaters geerbt hat, drehte und wendete mein Schmuckstück und stülpte es sich dann kurzerhand in den Mund, wo es dann zwischen Unterkiefer und Kinn feststeckte. Mit markerschütternden Schreien dokumentierte er dieses seltsame Unterfangen. Unser kleines Stierchen trug also keinen Nasen-, sondern einen Kieferring. Und da ich seit jeher immer schon zu Panik und Hysterie neige, besonders wenn es um das Kostbarste meines Lebens geht, fiel meine Reaktion entsprechend angespannt aus. Der erste Zieh- und Zerrversuch rief ein noch ohrenbetäubenderes Kreischen hervor, sodass ich den Stenz kurzerhand und relativ unbesonnen in Richtung unserer patenten Nachbarin schleppte. Sie war wie immer die Ruhe in Person und befreite den Stenz schwuppdiwupp von seiner Neu-Interpretation eines mobilen „Gesichts-Piercings“ und mich bewahrte sie vor einem mittelschweren Break-Down.

Der wandelnde Skihelm 

Und das ist auch das Stichwort, warum ich diese Story schreibe. Heute war der Tag meines Break-Downs. Und zwar so richtig. Eigentlich dachte ich, ich hätte den schon letztes Wochenende gehabt. Als mein Mann nämlich in einem kurzen Moment meiner Unaufmerksamkeit unseren Garten in eine dürre Einöde verwandelte. Nur mal kurz die Vorhänge zugemacht, um das Baby zum Schlafen zu bringen und hossa die Waldfee wieder aus dem Fenster geschaut und in eine karge grüne Wüste geblickt. Rudi Carell hätte bei der Anmoderation unserer Garten-Metamorphose seinen Spaß gehabt: „Eben noch sattes, hohes Laubbaumgrün und jetzt nur noch öde Steppe.“ Ja, aber siehst Du denn nicht, das war ein Unkrautbaum!“ rief mir der Mann,  seine Säge immer noch triumphal schwenkend entgegen. Und auch der Stenz, der bei 28 Grad im Schatten mit Skihelm, Skibrille und arktischen Handschuhen bewaffnet die Baumfällaktion tatkräftig unterstützt hatte, schrie aufgebracht: „Wir haben so hart gearbeitet, Papa und ich, schau doch wie ich schwitze.“ Um sein Gesagtes auch mit Gesten zu untermauern, wedelte der wandelnde Skihelm wild mit den leblosen Ästen des gefällten „Unkrautbaumes“. Nur das Versprechen meines Mannes, mit mir in Bälde zum Baumarkt zu fahren und sämtliche meiner floralen Wünsche Realität werden zu lassen, besänftigte meinen emotionalen Aufruhr.

Hare Krishnas aufgepasst!

Doch heute, brauchte ich länger. Und zwar genau eine halbe Seeseite. Denn erst nachdem ich vom Ost- zum Westufer des Starnberger Sees gepaddelt bin, glätteten sich die Wogen meiner aufgepeitschten Seele. Dabei redete der Mann mit Engelszungen beruhigend auf mich ein. Das sei doch alles halb so schlimm! Eine Woche nach dem Garten-Kahlschlag zelebrierte der Stenz nämlich eine gewisse Analogie, allerdings nicht auf unserer Rasenfläche, sondern an sich selbst. Ich war gerade dabei, meine wahr gewordenen Blüten-Träume zu wässern, als das Stimmchen unseres Sohnes mit folgenden verheißungsvollen Worten erklang: „Maaaami, komm schnell, ich habe meine Haare geschnitten!“ Ich glaube, in den letzten drei Jahrzehnten bin ich nicht so schnell gesprintet wie in dem Moment als ich diesen folgeschweren Satz vernahm. Doch selbst wenn ich schneller als der Blitz gerannt wäre, ich wäre zu spät gekommen. Die Katastrophe war vollbracht: Der Stenz trägt seit heute vorne Glatze. Auf seinem Kopf befindet sich ein Vokuhila, der drastischer nicht sein könnte. Es schaut aus als hätte ein ehrgeiziger Blinder Coiffeur gespielt. Das Ergebnis: die neue Trend-Frisur für alle Hare-Krishnas. Doch fast noch schlimmer als der Anblick dieser Radikal-Frisur, die sich auch bestens als Protest-Frisur eignet, war das sorgsam zusammengetragene Knäuel, das der Meister-Barbier liebevoll auf einem Blatt Papier zusammengetragen und wunderschön drapiert hat. Voller Stolz zeigte er mir, die ich immer noch in Schockstarre verharrte, sein Tagwerk aus dem man gut und gerne drei Pullover stricken könnte. Mein spontaner Impuls war heulen. Die blonden Härchen vorne einfach weg. Ich konnte es nicht fassen. Nie zuvor hat er bei einem Friseur-Besuch so viel Haar verloren wie heute. Dabei möchte ich anmerken, dass das Haupt unseres Sohnes in den ersten zwei Lebensjahren nie gestutzt wurde und locker flockig schulterlang herunterpurzelte. In der Waschanlage fragte mich der Tankwart damals „Und welches Quietsche-Entchen darf es für die kleine Prinzessin heute als Geschenk sein?“ Das heißt in Sachen Stenz-Haar bin ich empfindlich. Sehr sogar! Zum Glück ist der Stenz hübsch. Ich finde ihn jedenfalls wunderschön. Und wie heißt es doch: „Einen schönen Menschen entstellt nichts.“ An Ostern 2019 hat sich die Vorder-Glatze hoffentlich wieder verwachsen. Und bis dahin trägt man Kappe!

Ein bisschen Hemingway…

He said, „Try to learn to breathe deeply, really to taste food when you eat, and when you sleep really to sleep. Try as much as possible to be wholly alive with all your might, and when you laugh, laugh like hell. And when you get angry, get good and angry. Try to be alive. You will be dead soon enough.

Im Hotelpool

Badespaß

Wie eine wild gewordene Kaulquappe auf Ecstasy tollt der Stenz durch das türkisblaue Nass unseres Hotelpools. Dabei ist die Kaulquappe heute nicht nur besonders quirlig, sondern auch in Schwatzlaune. Ähnlich einem World Cup Slalom Schwimmer schlängelt sie sich durch die Sprudelbänke und plaudert redselig aus dem Nähkästchen: „Ich bin ein Cowboy, der auf Almen wandert.“ erklärt er selbstbewusst seinen Sprudelbank-Nachbarn, die angestrengt zu entspannen versuchen. Neuerdings geht er sogar auf Tuchfühlung mit anderen plantschenden Badegästen. Dabei kann ich wohl von Glück reden, dass er sie in seiner Euphorie nicht auch umarmt.

Der schwimmende Teilzeit-Cowboy hebt ab
Ich bin wirklich erstaunt ob so viel zwischenmenschlicher Nähe – war er doch bis vor kurzem in Sachen humaner Interaktion eher zurückhaltend. Auch die beiden sympathischen Damen, denen er gerade von seinen Cowboy-Rodeo-Abenteuern erzählt, scheinen zunächst etwas befremdet als sich ihnen plötzlich ein grüner Schwimmgürtel tauchend nähert und gefühlte fünf Zentimeter neben ihnen Fata Morgana-gleich erscheint. Allerdings begibt er sich nicht wie erwartet sofort wieder auf Tauch-Station, sondern gesellt sich freudestrahlend zwischen die beiden Ladies. Zum Glück haben sie Humor und nehmen es ihm nicht übel, dass er ihnen derart nah auf die Pelle rückt. Sie verwickeln ihn sogar in ein Gespräch. In diesem verkündet der Stenz, dass er ja nur Teilzeit-Cowboy sei, ehrenamtlich sozusagen. Denn seine eigentliche Profession bestünde im Fliegen. Ja, er wäre nämlich Pilot. Und da drüben oben im Saunahaus, da würde er immer abheben. „Die haben nämlich so tolle Wasserbetten mit Kopfhörern. Hier spielen mein Papa und ich immer Pilot und Tower.“ Die Brünette ist begeistert und gibt ihrerseits die ein oder andere Cockpit-Story über ihren Flugkapitän-Sohn zum Besten. Nun hat sie das Stenz’sche Herz im Sturm erobert und das kleine Pool-Pläuschchen geht in die zweite Runde.

Früh übt sich, wer virtuos massieren will

Während ich diese offensiven Annäherungsversuche meines Sohnes sprachlos beobachte, sitze ich auf der Decke im Hotelgarten und stille. Dabei lässt mir das Baby gerade eine kleine Gesichtsmassage angedeihen: Es walkt mit Inbrunst und großer Virtuosität mein Kinn und meine Wangen durch. Hierbei bemerke ich, dass das Baby mal wieder für eine kleine Maniküre an der Reihe wäre. Denn ich trage den ein oder anderen Kratzer von dannen. Und ich hoffe, dass die Therapeutin, die mich gleich profimäßig durchkneten wird, ihre Fingernägel besser in Schuss hat. Doch bevor ich in Richtung Spa trotte, mache ich auch das Baby schwimmbereit und versuche ihm, die bereits etwas spack sitzenden XS-Schwimmflügelchen über die Oberarme zu stülpen. Das Baby kommentiert den „Stülp-Vorgang“ mit trotzigem Schreien. So übergebe ich das Baby zugegebenermaßen nicht in bester Laune, in die Obhut seiner männlichen Blutsverwandten. Ich tausche quasi Baby- und Kindergeschrei gegen Vogelgezwitscher, Zirbenduft und Massageöl ein und sprinte jubilierend meiner fünfzigminütigen Entspannungsmassage entgegen. Yeah!

Die Geburtsstunde der „Spa-Lady“
So schön es auch war, mit der Erholung ist es schlagartig vorbei als ich zum Pool zurückkehre und dem folgenden denkwürdigen Dialog zwischen Vater und Sohn lausche: „Papa, komm’ wir schauen mal, ob das Baby untergeht. Lass’ Sie mal los, ich will wissen, ob die Schwimmflügel sie tragen.“ Danach folgt leichtes Hüsteln meines Mädchens und der Mann antwortet mit Verve in der Stimme: „Stenz, sie wird nicht untergehen, sie ist doch eine echte Spa-Lady“. Ich reiße mir die Kleider vom Leib und springe beherzt der kleinen Spa-Lady zu Hilfe. Diese hat aber, wie ich feststellen muss, tatsächlich ungeheure Freude im Wasser und zeigt mir durch munteres Beinchen strampeln, dass sie aus derselben Kaulquappenfamilie wie ihr Bruder stammt.

Ein Hoch auf belgische Turmfrisuren!
Und auch der Stenz war nicht untätig, er hat meine Abwesenheit genutzt und eine neue Freundschaft mit Anton geschlossen. Letzterer springt gerade lauthals schreiend: „Vorsicht, Arschbombe“ mit Schmackes vom Beckenrand. Der Stenz schaut grimmig und entgegnet auf die Aufforderung seines neuen Freundes, er solle es ihm doch gleichtun: „Ich darf leider nicht, meine Mama verbietet mir alles.“ Braves Kerlchen! Leider hab’ ich mich zu früh gefreut, denn der Stenz kann nicht widerstehen und hüpft trotz der gegen mich gerichteten Diskriminierung mit Vollgas in den Pool. Die belgische Frau mit Turmfrisur, die mich schon den gesamten Morgen auf so sonderbare Weise mustert, schaut nun noch pikierter als zuvor. Und ich glaube zu wissen warum: schon Antons Sprung ins Wasser brachte den Frisurenturm ins Wanken. Doch der Stenz’sche Hopser bedeutete das finale Aus für die goldene Haarpracht. Platt wie eine Flunder oder Ostfriesland bei Regen gleicht das Haupt der Belgierin. Dabei stimmt der Ausruf des Stenzes „Mami, hier riecht’s nach Rülps“ die Dame leider auch nicht versöhnlicher. Aber wo er Recht hat, hat er Recht. Ich habe den Opa da hinten unter der Wasserfontäne in Verdacht…. Um das Thema zu wechseln, spiele ich jetzt Space Shuttle und ermuntere den Stenz, auf meinen Rücken zu klettern und schnell schwimmend das Weite zu suchen. Das vor Glück quietschende Baby ebenfalls im Schlepptau.

Schwer trächtiger Pottwal oben ohne
Ich gleite durch’s Wasser des Familienpools wie ein schwer trächtiger Pottwal – eben genau wie es mit zwei Kindern im Aqua-Huckepack möglich ist. Die vielen anderen Kids, die vom Beckenrand springen erleichtern das schwimmende Manövrieren auch nicht gerade. Und so ist mein Bewegungsradius stark eingeschränkt. Daher spüre ich mit umso größerem Schrecken, wie sich der Stenz von hinten an meinem Bikini-Oberteil zu schaffen macht. Ich kann gerade noch rufen: „Stenz, bitte nicht!“, da baumelt der Bikini auch schon leblos um meinen Hals. Zu spät, aus dieser Nummer komme ich hoch erhobenen Hauptes nicht mehr raus. Oder doch? Zum Glück rettet mich der Mann. Er sieht meine missliche Lage, schwimmt mir entgegen und befreit mich von meinen beiden Froschlurchen. Die belgische Frau beobachtet das Geschehen immer noch argusäugig. Ach, wie freue ich mich schon auf den nächsten relaxten Pool-Nachmittag!

Berufsrisiko: Hotelbett

Kindersicherung

Ich habe ein Déjà-vu: Ich fühle mich plötzlich wieder wie eine Zwölfjährige. Ich knie auf dem Boden und gebe mein Bestes, den störrischen Hamster meines Bruders aus seinem Versteck hinter dem Schrank hervorzulocken. Dabei geben wir Vollgas und wedeln mit Apfelstückchen und Bananenhäppchen, versuchen es mit Käse und Schinken, Lockrufen und Gesängen. Das quirlige Nagetier bleibt stur und bis auf weiteres verschollen. Wir befürchten schon das Schlimmste, als der flauschige Hamster nach einer gefühlten Ewigkeit, einem Tag und einer Nacht nämlich, pausbackig kauend und fidel dreinschauend, plötzlich wieder auftaucht. Was eine Erleichterung. Dreißig Jahre später ist es kein kleines Zottel-Vieh, das mir die Schweißperlen auf die Stirn treibt, sondern eines meiner Kinder.

Deckenleuchter aufgepasst, Jane und Tarzan kommen

Doch der Reihe nach: Einen Tag nach unserer gewagten Bergtour, bei der das Baby, wider meine ernsten Befürchtungen beim Abstieg nicht aus seinem Kinderwagen kullerte, müssen wir dringend arbeiten. Während sich der Stenz gerade im Landeanflug auf die Zugspitze befindet und das Hotel-Wohnzimmer in ein Cockpit umfunktioniert, kriecht das Baby in unserem Schlafzimmer umher. Wie ein irrer Wackeldackel auf Entzug schaue ich alle dreißig Sekunden von meinem Laptop auf und überprüfe, dass keines meiner beiden Kinder die Ziersteine vor dem Kamin verspeist, seine Feinmotorik an den von mir installierten Steckdosensicherungen trainiert oder am funkelnden Deckenleuchter des Hotelzimmers Tarzan spielt. Keines dieser Horror-Szenarien tritt momentan ein. Ich atme tief durch und wähne mich in Sicherheit. Bis ich irgendwann ein entferntes Brummen vernehme, das ich eindeutig meinem Zweitgeborenen zuordne. Mist, meine Helikopter-Observierung im Stakkato-Takt ist fehlgeschlagen. Ich schrecke schlagartig vom Schreibtisch auf und sprinte zu meinem Baby. Doch ich finde es nicht. Ich weiß, dieser Satz mutet merkwürdig an. Aber es ist so. Unser Baby ist plötzlich in den Weiten unserer Familien-Suite verschwunden. Wie furchtbar!

Nicht Diogenes in der Tonne, sondern der Stenz unter’m Bett

Ähnlich wie Sherlock Holmes nehme ich meine Fährte auf und folge dem fidelen, aber irgendwie entfernten Jauchzen und entdecke das Baby nach einem munteren Versteck-Spiel unter dem Hotelbett. Und so sehr ich mich bemühe, es mit meinen ausgestreckten Armen zu erreichen – es scheint Lichtjahre von mir entfernt. Ich gebe es ungern zu, aber unser Baby hat es sich unter unserem Hotelbett gemütlich gemacht und ist gerade dabei, sich hier häuslich einzurichten. Seine Kette aus Laugenbrezeln, die es stets in seinen Halsfalten trägt, dient ihm als leckere Vesper. So verspürt es augenscheinlich kein Verlangen, aus seinem Schlupfloch hervorzukriechen. Ich habe sogar den Eindruck, es freut sich über die kleine Verschnaufpause von seiner verrückten Familie. Als Wellnesshotel-Testerin fürchte ich auf unbekanntem Hotel-Terrain spitze Kanten, unnütz umherstehende Lampen oder bodentiefe Fenster, aber doch nicht harmlos aussehende Bett-Schlitze! Ich spüre eine Welle der Panik in mir aufsteigen als ich nach des Babys Beinchen grapsche, aber nichts als luftleeren Raum erwische. Das Baby lacht mich mit seinen sechs Zähnen schelmisch an. Oder lacht es mich aus? Bei jedem erneuten Grapscher schüttelt sich der kleine Körper vor Vergnügen. Wenigstens erkennt es nicht den Ernst der Lage. Denn mir schwant Böses. Was, wenn das Baby sich dazu entschlösse, es dem Hamster seines Onkels gleich zu tun und bis auf unbestimmte Zeit in den Untiefen unseres Hotelbettes zu verweilen. Ich rufe hysterisch nach meinem Mann und dem Stenz. Letzterer erklärt sich sofort bereit, heldenhaft seine Schwester zu retten. Doch ich brülle entsetzt, er solle bei uns bleiben, denn ich befürchte, auch mein zweites Kind an dieses unheimliche dunkle Monster zu verlieren. Schlimmer noch, der Stenz könnte einfach stecken bleiben. Wie schrecklich wäre es, verbrächte er seine Kindheit und Adoleszenz unter einem Hotelbett. Nicht der Mann in der Tonne, sondern der Jüngling unter dem Bett. Nicht auszudenken!

Mit Speck fängt man Mäuse und mit Giraffen Babys

Ich sehe meinen Mann und mich schon alleine nach Hause zurückkehren und in peinlicher Erklärungsnot leise vor uns hinstotternd: „Der Stenz steckt leider unter einem Hotelbett in Österreich fest und das Baby leistet ihm Gesellschaft. Ja, es ist so schade.“ Doch der Stenz, der seine Schwester wie keine andere kennt, hat die rettende Idee. „Sie liebt doch ihre Giraffe.“ „Ja“, stimmt der Mann spitzbübisch lachend ein und denkt den Stenzschen Gedanken wie folgt zu Ende: „Geben wir ihr die doch als Köder.“ Gesagt, getan: Jubilierend und frohlockend robbt das Baby in Windeseile seiner geliebten Giraffe Sophie entgegen und beißt beherzt in den Naturkautschuk. Und die Lehre der Geschicht‘: Vergiss’ die Steckdosensicherung, hütet euch vor dem Hotelbett!

Der Berg ruft!

Es ist 5:30 Uhr und das Baby erklärt den Tag voller Enthusiasmus für angebrochen. Es liegt in seinem Bettchen und imitiert seit einer halben Stunde Pups-Geräusche. Dabei wähne ich mich plötzlich nicht mehr in einem österreichischen Wellnesshotel, sondern in einem mexikanischen Dorf, das zu viel Chilli gegessen hat und nun kollektiv aufgebläht gen Himmel steigt. Nach einer halben Stunde sind des Babys Pups-Imitationen beendet und es beginnt, an seinem Reisebettchen zu kratzen wie ein resignierter Tiger nach jahrzehntelanger Gefangenschaft. Der Stenz verlässt nun auch sein Schlafgemach, in dem es bereits trotz der unwirtlichen Zeit taghell ist und klettert in unser Bett. Der Grund, er hat fürchterliche Angst. Wovor? Vielleicht vorm Zugspitz-Ungeheuer? Ich weiß es nicht. Und da das Baby nun alternierend kratzt und schreit ist für uns alle die Nacht zu Ende.

Spitze Baby-Schreie, die beste Abwehr gegen Zugspitz-Ungeheuer?

Der Plan, dass das Baby seinen großen Bruder in der Nacht vor allem Unbill beschützen und zu diesem Zweck mit ihm das Hotel-Schlafzimmer teilen sollte ging leider nicht auf. Aber ich bin mir sicher, dass da oben im Himmel irgend jemand schallend über unser Vorhaben lachte. Nachdem ich bei allen Freunden und Bekannten mit Stolz geschwellter Brust verkündet hatte, dass unser Baby seit neuestem durchschläft und ungefragt diverse Tipps zur friedvollen Nachtruhe zum Besten gab, hielt unser Zweitgeborenes seine Durchschlaf-Erfolge von zu Hause im fernen Österreich für nicht wiederholungswürdig und wachte jede Stunde auf. Daher landete das Baby letztlich doch wieder im elterlichen Schlafgemach und stand dem Stenz zur Abwehr von Monstern, Hexen und Ungeheuern leider nicht mehr zur Verfügung. Oder galten des Babys nächtlichen Schreie der Stenz’schen Verteidigung hier auf unbekanntem Hotel-Terrain? Wir werden es wohl nie erfahren.

Blaubeeren – des Bergsteigers liebste Stärkung

Doch ist es nicht so, dass richtige Profi-Bergsteiger immer im Morgengrauen die Gipfel stürmen? Es ist einfach alles eine Frage der Perspektive und wir sollten den originellen Weckgeräuschen des Babys dankbar sein. Denn der Berg ruft! Um sich optimal auf die kräftezehrende Bergtour vorzubereiten, stärkt sich der Stenz am üppigen Frühstücksbuffet mit drei Blaubeeren während sich das Baby jauchzend eine schmuckvolle Kette aus Laugenbrezel knüpft, die es für den Rest des Tages in den Halsfalten selbstbewusst zur Schau trägt. Dann sind wir bereit: das umliegende Gebirge kann von uns bezwungen werden. Vollkommen unausgeschlafen, aber trotzdem glücklich trällern wir gemeinsam „Im Frühtau zu Berge, wir zieh’n fallera“ als wir frohen Mutes dem Hotelaufzug entsteigen.

 Ballerina-beschuhte Gipfelstürmerin

Allerdings erfahre ich einen leichten Dämpfer als mich mein Mann ungläubig mustert und fragt, ob das von mir gewählte Schuhwerk für diese Bergtour mein Ernst sei. Als fröhliche Rheinländerin, die zwar in Bayern wohnt, gehören Bergtouren zugegebenermaßen nicht unbedingt zu meinen bevorzugten Freizeitaktivitäten. Und ich dachte mir beim Packen, dass Flip-Flops, Espadrilles und Co für kleine alpine Exkursionen schon irgendwie ausreichen. So starte ich, die Amateur-Bergsteigerin, mit perfektem Schuhwerk, nämlich braunen Ballerinas, das 80-prozentige Gefälle, das mit Rollsplit übersät ist. Gut, der letzte Sprunggelenksbruch ist ja auch schon wieder zweieinhalb Jahre her. Das Thermometer zeigt bereits morgens um 9:30 h stolze 30 Grad Celsius – ideale Bergwander-Konditionen also. Schade, dass mein Hut und meine Sonnenbrille noch im Hotelzimmer verweilen. Aber das bisschen Höhenstrahlung wird meinem Teint schon nicht schaden. Und so lasse ich mir meine gute Laune weiterhin nicht nehmen. Das Baby sitzt vergnügt in seinem Offroad-Turbo-Kinderwagen und erfreut sich der spektakulären Alpenkulisse und wartet gespannt auf den Höhenrausch! Es merkt nicht, wie der Mann schon nach den ersten fünf Minuten schwer zu atmen beginnt und leise vor sich hin nuschelt: „Das kann ja lustig werden.“ Der Stenz, der gestärkt durch sein opulentes Beeren-Frühstück, großzügig unseren übergroßen Wanderrucksack trägt, nimmt mich plötzlich schützend an die Hand und sagt: „Mami, ich stütze Dich, damit Du Dir nicht wieder das Bein brichst, wie beim Laternenumzug“. Es geht doch nichts über einen vierjährigen Gentleman!

Die prustende Bergkarawane schleppt sich von Serpentine zu Serpentine

Da könnte sich der Mann, der bei der zweiten Serpentine stöhnend sein Hemd vom Leibe reißt eine Scheibe von abschneiden. Nach der dritten Serpentine bittet er mich, Ballerinas hin oder her, ihn doch von hinten irgendwie anzuschupsen. Er schöbe ja schließlich unser 12 kg schweres Baby und den elefantengleichen Kinderwagen-Tross und das bei sengender Sahara-Hitze. So arbeitet sich die Profi Bergsteiger-Karawane ächzend und stöhnend von Serpentine zu Serpentine. Behände werden wir von zwei rüstigen Rentnern überholt. Ich schäme mich. Ein bisschen wenigstens. Der Stenz wirft unseren XXL-Wanderrucksack widerborstig von sich und fragt mit gesteigerter Empörung, wann denn endlich der Zauberwald in Sicht sei. Und auch für mich wäre jetzt jeder Wald irgendwie magisch und ich sehne mich nach einer Pause oder sogar der Beendigung dieser Bergtour. Immerhin kraxeln wir hier ja schon 15 Minuten quasi senkrecht die Steilwand hinauf. Es reicht mir und ich beginne im Duett mit dem Stenz zu nörgeln und zu quengeln. Der Mann, der sich an sein Workout und seine strikte Diät erinnert, schüttelt mich, den hinteren „Anschieber“ gönnerhaft ab und beginnt uns, wie ein Bergführer zu motivieren. „Kommt, lasst Euch nicht so hängen, ich seh’ schon das kleine Holzhäuschen und die Wasserspiele hör’ ich auch schon förmlich plätschern.“ Der Stenz vergisst seine Müdigkeit und trabt glückselig den rauschenden Springbrunnen entgegen. Dank unseres alpinen Coaches wird unsere Bergtour trotz aller Widrigkeiten doch noch ein voller Erfolg. Meine Bedenken, beim Abstieg von einem Bergretter per Helikopter abgeschleppt zu werden, erweisen sich als unbegründet. Auch haben wir das Baby beim kollektiven Runterrollen nicht verloren. Im Hotel angekommen, stoßen mein Mann und ich auf das Überleben unserer Familie mit einem Glas frischen Quellwasser an und stürzen uns in den warmen Solepool. Das haben wir uns nach dieser zweistündigen Tour zum Zauberwald für Kleinkinder auch so was von verdient!

 

 

 

Nicht ohne meine Schwester oder Teilen macht Spaß!

Nicht ohne meine Schwester

Ich bin stolz auf unseren Stenz. Er ist großartig. Seit fast neun Monaten liebt er nun unser Baby uneingeschränkt und bedingungslos! Und das obwohl seine Schwester seine Liebe seit geraumer Zeit auf eine harte Bewährungsprobe stellt. Denn auf einmal hat sich unser Baby zu einem fünfzahnigen Mini-Löwen mit eigenem Willen und einer speziellen Saugnapf-Robb-Technik gemausert. Lautete meine Antwort auf die Frage „Und was kann Euer Baby denn so?“ in den ersten sieben Monaten seines Daseins noch etwas verschämt „oh, es kommt nach mir, es kann ganz ausgezeichnet rumliegen und beobachten“. So kann ich heute mit großem Stolz verkünden, dass es sich mittlerweile in Windeseile durch unser Haus mäandert und alles, was ihm unter die Finger oder Zähne kommt, platt macht.

Duplo-Türme – ihr lebt gefährlich!

Dabei hat sich das Baby auf das Zerlegen fragiler Duplo-Baukonstruktionen spezialisiert. Wie ein Raubtier erfolgt die Beute bzw. Zerstörung immer nach einem gewissen Schema:

  1. Das Ziel der Begierde wird löwengleich fest mit den Augen fixiert. Allerdings zeigt der Miniatur-Löwe ein atypisches Jagdverhalten. Denn anstatt sich still und heimlich an seine Beute heranzuschleichen, kündigt das Baby den Beginn seiner Pirsch durch ein freudiges Bockeln und lautstarkes, sonores Brummen an. Ich vermute, dass es sich hierbei um ein besonderes Imponiergehabe handelt, um sich im Land der Baukräne, Legomännchen und Traktoren den nötigen Respekt zu verschaffen. So weiß im Spielzeugparadies jeder, das Baby hat nun seine Fährte aufgenommen.
  2. Saugnapftechnik sei Dank wird das Beute-Objekt dann auch, husch, husch die Waldfee, zügig angesteuert. Dabei wird das Brummen fortgesetzt und akustisch gesteigert.
  3. Bis schließlich unter großem Jauchzen und hochfrequentem Schreien der Todesstoß für die vom Stenz mit viel Liebe und Akribie erbauten Duplo-Türme erfolgt. Entweder es haut mit seinen, für ein neun Monate altes Baby relativ großen Patschehänden, die Legotürme entzwei oder es beißt so lange in die Plastik-Architektur, bis das Bauwerk in sich zusammenfällt.
  4. Dieses Zerstörungs-Feuerwerk wird dann nochmals onomatopoetisch durch einen letzten Schrei der unendlichen Wonne besiegelt.

Leider, denn wenn der Stenz bisher noch nicht von der Verwüstung seiner Duplo-Paläste unterrichtet wurde, erfährt er spätestens jetzt durch das stolze Jubilieren des Jung-Löwen, dass seine kleine Stadt einem verheerenden Erdbeben unterlag. Es ist nachvollziehbar, dass die Ausmerzung seiner manchmal über zwei, drei Tage erbauten Konstruktionen nicht gleichgültig aufgenommen wird. Der Stenz wirft sich auf den Boden, weint schrill und bündelt seine Enttäuschung und Wut in folgendem verbitterten Ausspruch: „Wenn das Baby so weitermacht, will ich es nicht mehr hochzeiten!“ Um diesem Satz auch Taten folgen zu lassen und zum Beweis, dass er es mit seiner Drohung bitterernst meint, folgt ein Zwicken in die Pausbacken des Babys. Und auch im Verlauf des Tages zeigt der Stenz seiner Schwester die kalte Schulter.

Das Baby im Exil

Während die Beziehung meiner Kinder im ersten halben Jahr bei allen Aktivitäten des Stenzes noch unter dem Motto stand: „Nicht OHNE meine Schwester“ lautete gestern das Credo zum ersten Mal „Nicht MIT meiner Schwester“ So ertappe ich den Stenz dabei, wie er das Baby, das unter Aufbringung seiner letzten Kräfte vom Bad bis ins Kinderzimmer robbt, um des Stenzes Spiel mit seinem Freund zu observieren, recht unelegant aus seinem Kinderzimmer hinausmanövriert. Er packt es nämlich an den Beinen und zieht es bäuchlings vor die Kinderzimmertüre, die dann schallend zugeschmissen wird. Das Baby schaut verdutzt und klagt sein Recht auf ein aktives Mitspielen laut vernehmbar ein. Leider ohne Erfolg. Die Kinderzimmertüre bleibt verschlossen.

Der neue Trend im Playmobil-Land: Man trägt Glatze

Nach einer kurzen Zeit des Unmuts besinnt sich das Baby dann aber wieder auf die Spielsachen vor der Kinderzimmertür und erfreut sich an einem kleinen Nachmittags-Snack. Dieser besteht darin, das „Läuse-Buch“, das ich von unserer Kinderärztin vorsorglich zur richtigen Behandlung der lästigen Kopf-Parasiten erhielt, anzuknabbern. Ähnlich wie mein Wellensittich vor zwanzig Jahren nagt sich das Baby mit Vorliebe durch alle Pixie-Bücher des Stenzes. Auch schillernd bunte Kunstwerke, die der Stenz im Kindergarten in stundenlanger Kleinstarbeit fertigte, strahlen für das Baby eine unglaubliche Magie aus. Sie schreien wohl förmlich danach „Iss mich, ich bin lecker“. Eine weitere Delikatesse sind Playmobil Männer und Frauen. Denn an den Köpfen der kleinen Plastik-Figuren lassen sich herrlich die täglich neu erscheinenden Zähne wetzen. Die Zahnbilanz des Babys ist beachtlich: Innerhalb von drei Wochen vier neue Schneidezähne oben. Ich kann es manchmal kaum glauben, wenn ich in das kleine Gesichtchen schaue. Nix mehr mit zahnlosem Lachen. Dieter Bohlen kann sich schon einmal warm anziehen, wenn das so rasant weitergeht. Als Vorsichtsmaßnahme, habe ich sicherheitshalber bei allen tausend Playmobil-Männchen Friseur gespielt und ihnen ihr üppiges Haar gestutzt. Außerdem habe ich sie um sämtliche Hüte und Helme gebracht. Im Zuge einer glatten Rasur stibitzte ich den Rittern außerdem ihre Schwerter, und Armbrüste. Leider mussten auch die Polizisten und Feuerwehrmänner dran glauben und laufen seit der General-Beseitigung sämtlicher Kleinteile, die vom Baby verschluckt werden könnten, ohne Handschuhe, Polizistenkappen, Feuerwehrschläuche und Handkellen umher. Ich gebe zu, es ist ein jämmerlicher Anblick, den der Stenz leider auch sehr schlecht aufnimmt. „Was ist denn mit den Piraten passiert Mama?“ hörte ich ihn fassungslos gen Küche schreien. „Was meinst Du?“ entgegnete ich unschuldig, um etwas Zeit zum Nachdenken zu schinden. „Die haben keine Schwerter mehr und der Captain hat `ne Glatze“ erwiderte der Stenz emotional hoch aufgewühlt. „Du, es ist doch Sommer und unseren Männchen war sehr heiß, die haben furchtbar auf dem Kopf geschwitzt.“ „Papaaaaa, die Mama hat gelügt!!!“ Ich gebe zu, es ist eine infame Lüge, die der Stenz entlarvt und weil ich damit nicht durchkomme, versuchte ich es mit der Wahrheit: „Du, unser Baby kann sich an den ganzen Kleinteilen verschlucken, daher bewahre ich sie vorsorglich für eine Zeitlang an einem sicheren Ort für Dich auf.“ „Nein!“ Es folgt ein mittelgroßer Wutausbruch des Stenzes, den ich sogar recht gut nachvollziehen kann.

Oh Schreck, oh Schreck das Eis ist weg!

Kurz nach der Entbindung gab mir eine Hebamme im Krankenhaus den Rat, sehr behutsam mit meinem Erstgeborenen zu Hause umzugehen. Denn auf einmal mit einem Geschwisterkind konfrontiert zu sein, wäre ja eigentlich so, als würde mein Mann plötzlich eine andere Frau anschleppen, mit der ich fortan alles teilen müsse. Obwohl ich den Vergleich damals etwas waghalsig fand, kommt er mir mittlerweile gar nicht mehr so sonderbar vor. Denn ich glaube, ich würde ebenfalls ausflippen, wenn mir „die Andere“ nicht nur mein Haus verwüsten, sondern auch meine Lieblingssachen wegfuttern würde. Und genau das tut das Baby. Denn nicht nur Playmobil Männchen helfen wohl beim Zahnen, sondern auch Eis – des Stenzes liebste Speise. Verweigert das Baby ja grundsätzlich jede Nahrung außer Milch, macht es bei Eis eine generöse Ausnahme und weitet das Mäulchen beim bloßen Anblick des süßen Vanilletraumes sperrangelweit. Um dem Stenz, der ja ebenfalls nicht gerne isst, vor seiner Hauptmahlzeit den Appetit nicht gänzlich zu verderben, bringe ich ihm im Schwimmbad ein winzig kleines Eis als Appetizer sozusagen. Selbst der Opa bekommt beim Sichten dieses Miniatur-Eises einen Lachanfall und fragt mich ironisch, ob dieses „Eislein“ denn ein Witz sei? Der Stenz reagiert mit ähnlicher Enttäuschung. Diese wird sogar noch größer als ich ihn bitte, seine Schwester einmal von der in homöopathisch dargereichten Süßspeise schlecken zu lassen. Wider Willen hält er ihr das Eis hin. Das Baby sieht es, grapscht danach und stopft sich zwei Drittel des Eises gierig in den Mund. Die Folge: Der Stenz erleidet einen Nervenzusammenbruch, den ich nur durch den Kauf eines XXL-Eises stoppen kann.

Domestizierung des Babys im Käfig

Kein Wunder also, dass des Stenzes liebstes Spiel zur Zeit „Räuber und Gendarm“ ist. Dabei wetzt er dem Baby, alias Räuber auf seinem kleinen Motorrad durchs Wohnzimmer hinterher. Die Oma, die dem Polizei-Hauptmeister Stenz, als rechte Hand dient, wird dazu verdonnert, das Verbrecher-Baby zu schnappen und in seinen Käfig (den Laufstall) zu sperren. Dort wird es dann vom Stenz in Handschellen gelegt und zum Verhör gebeten. Es geht doch nichts über Geschwisterliebe!

Schlapp, schlapper am schlappsten!

Das Baby mein tägliches Workout

Ich liege wie eine leblose Öl-Sardine in einer lauwarmen Badewanne und fühle mich schlapp. Das ist eigentlich untertrieben. Schlapper oder noch besser am schlappsten wäre die richtige Gemütsbeschreibung. Dabei hatte ich mir für meine Badewannen-Auszeit so viel vorgenommen: zwei gute Bücher und drei Zeitungen lagen oberhalb der Armaturen und warteten darauf, von mir verschlungen zu werden. Denn eine Stunde nur für mich musste doch sinnvoll genutzt werden. Und jetzt liege ich hier und staune über mein ehrgeiziges Vorhaben in Anbetracht der dicken Wälzer, die mir von oben herab zuzwinkern. Doch meine Arme sind so matt, dass ich es einfach nicht schaffe, sie anzuheben und mir eines der Bücher zu angeln. 

Das Baby, mein tägliches Workout

Schade. So liege ich hier und entscheide mich für eine regungslose Kontemplation. Die soll ja auch gut sein fürs Hirn, die Kreativität und so. Dabei überlege ich, ob ich meine Arme oder meinen Rücken zum Helden meines Körpers küren soll. Denn beide leisten, der gefühlten Mattigkeit nach zu urteilen, seit Monaten Schwerstarbeit. Unser Baby entwickelt sich nämlich ganz prächtig. So prächtig, dass ich von vielen Seiten immer wieder unfreiwilligerweise Diät-Tipps für unseren Säugling entgegennehmen darf. So à la „gib dem Kind doch mal mehr Wasser und nicht so viel Milch“. Kürzlich wurde ich im Supermarkt sogar von einem besorgten Rentner angesprochen, dass Adipositas bei Babys gar nicht gesund sei. Ist der irre? Auch wenn ich diese gut gemeinten Ratschläge weitestgehend ignoriere, ertappe ich mich manchmal bei der Frage, wann unser Baby endlich laufen lernt? Denn das stete Rumgeschleppe von 12 kg treppauf und treppab macht mich mürbe. Ich brauche kein „Mami Fit-Training“ oder Fitness-Studio – das Baby ist mein Workout. Kürzlich sendete mir meine beste Freundin ein Bild über das ich bis heute staune. Denn plötzlich habe ich Oberarme, die Rambo ernsthaft Konkurrenz machen. Muckis über Nacht sozusagen. Dabei nimmt mein Gewicht im Gegensatz zum Mucki-Umfang leider konstant ab. Ich weiß, dieser Satz bringt mir nicht unbedingt Sympathien ein. Aber seit ich stille wie ein Weltmeister wird mein Baby immer prächtiger und ich immer kümmerlicher.

Mein Mann – ein Strich in der Landschaft

Sogar mein Mann wird aus Solidarität weniger. Denn er macht eine Diät! Daher gibt es bei uns im Haus seit einigen Wochen nur noch ein Thema, nämlich seine unermesslichen Abnehmerfolge. So befürchtet der Mann seine baldige Vaporisation. Mit ernster Miene geht er heute Morgen seinen Kleiderschrank durch und teilt mir beinahe erschüttert mit, dass keine seiner Hosen mehr passen und er zur morgigen Hochzeit nichts außer einer senffarbenen Cordhose aus dem vorigen Jahrhundert hätte, aber die passe ihm ausgezeichnet. Ich erschauere ebenfalls. Seit er abnimmt hat er ein ungebremstes Mitteilungsbedürfnis und gibt jedem, der nur ein wenig Speck um die Hüften trägt, ungefragt Tipps zum Fasten. Fast jeder Satz von ihm beginnt mit „damals, als ich noch dick war“. Das Baby hat sogar gelernt zu klatschen, da wir seinem Vater, der droht bald in den Weiten des Universums unterzugehen, morgens, mittags und abends Beifall zollen. Während der Wellness-Papa versucht abzunehmen, versuche ich zuzunehmen. Dieses diametrale Ess-Verhalten birgt leider großes Konfliktpotenzial. Als ich beispielsweise mit Tüten von Süßigkeiten, Sahnepuddings und anderen nach Fett triefenden Produkten nach Hause komme, droht an unserem heimischen Herd eine Eskalation. „Wie kannst Du nur so herzlos sein und dieses ganze Zeug in unsere Schränke stopfen und mich immer wieder in Versuchung führen? Du brauchst ein geheimes Lager nur für Dich!“ Und auch am Abend, wenn wir ermattet vor dem Fernseher kollabieren und ich mir erlaube, den Kollaps mit einer Tüte Chips lautmalerisch zu untermauern, fängt mein kalorienzählender Mann Feuer und stapft wutentbrannt von dannen. Das einzig Gute an seiner Diät ist, dass ich ihn mit Sätzen wie „Jeder Gang macht schlank“ zu noch mehr häuslicher Aktivität motivieren kann. Das kommt meiner Schlappheit entgegen – wie wunderbar!

 

 

Das bisschen Haushalt macht der Mann von ganz alleine

Das süße Nichtstun

Irgendwie bin ich hier im Urlaub am Meer faul. So richtig faul. Und diese Faulheit erstreckt sich vor allem auf alle häuslichen Aktivitäten. Schon nach dem morgendlichen Einschütten der Cornflakes ist meine kulinarische Motivation bis auf weiteres für den Tag erloschen. Dabei entwickeln sich die Kochambitionen meines Mannes und meine eigenen antagonistisch. Denn während mir schon das Einschenken des Kaffees zu viel wird, läuft mein Mann zu Höchstform in der Küche auf. Er schnippelt am Morgen, am Mittag und am Abend. Allerdings ist des Meisters Menüplan trotz seiner Unermüdlichkeit recht übersichtlich. Man könnte auch sagen, die wundervolle Gleichförmigkeit der Tage spiegelt sich in einer gewissen kulinarischen Monotonie wider. Diese wird vom Stenz wie folgt am Ende unseres Urlaubs kommentiert: „Oh nein, nicht schon wieder Spaghetti! Papa, ich glaube ich muss brechen.“ So hält unsere Familie während unseres 14 tägigen Italien-Urlaubs strikte Kohlenhydrat-Diät, die in erster Linie aus Thunfisch-Pasta, Spaghetti Bolognese und Pizza besteht. Allerdings ertappe ich meinen Mann nach vierzehn Tagen dabei, dass auch seine Koch-Euphorie leichten Ermüdungserscheinungen weicht.

Knoblauch mit Pfeffer – köstlich!

So entgegnet der Mann auf die Brech-Ankündigung des Stenzes mit einem Augenzwinkern: „Stenz, wie wäre es, wenn du mal für uns kochst?“ „Iiiich?“ kommt kulleraugig die prompte Gegenfrage.“ „Ich bin doch noch ein Kind!“ Aber irgendwie merke ich, dass es im Kopf meines Sohnes rattert. Eine halbe Stunde später, während ich das Rumliegen und Nichtstun perfektionierte, vernehme ich aus der Küche einen markerschütternden Schrei. „Aua, aua, ich habe das da gegessen“ wimmert der Stenz voller Abscheu und zeigt auf feurig rote Pfefferkörner. Ermuntert von der Kochaufforderung meines Mannes fing der Stenz in einem unbeobachteten Moment an, sich durch unsere italienische Gewürz-Sammlung zu futtern. Und zur Krönung seiner Degustation biss er als besonderes Leckerli einmal herzhaft in die von meinem Mann für die abendliche Pasta vorbereitete Knoblauchzehe. Yummie!

Abenteuer? Nein, danke!

Mein kulinarisches Desinteresse setzt sich auch im Widerstreben fort, alles was zur Küchenarbeit notwendig ist, zu beschaffen. So erweist sich mein Mann als perfekter Hausmann und zieht alle drei Tage los, um mit prall gefüllten Einkaufstüten voller Kohlenhydrate glücklich nach Hause zurückzukehren. Denn ich habe mich dazu entschlossen, mit unserem immerzu schwitzenden Baby und dem Stenz das heimische Idyll nicht mehr zu verlassen. Abendliche Spaziergänge und gelegentliche Besuche der umliegenden Traumstrände ausgeschlossen. Auf die Frage meines Mannes, ob wir denn heute einmal ein Abenteuer erleben möchten, lächele ich milde „Wenn Du mit Abenteuer beabsichtigst, unsere Beach-Bag nicht wie gewohnt links vom Felsen, sondern rechts davon zu platzieren, bin ich dabei. Ansonsten bin ich grundsätzlich dagegen.“ Denn mein Sinn nach Abenteuern war gestern nach einer halbstündigen Rettungsaktion eines Plastik-Pinguins, der aufs offene Meer tänzelte bereits gestillt. Mit gekonnten Brust-Schwimm-Bewegungen und unter der argusäugischen Beobachtung des Stenzes und seines besten Freundes gab ich mein Bestes und versuchte den kleinen arktischen Plastik-Vogel einzufangen. Leider versagte ich auf ganzer Linie. Vielmehr drohte mich das offene Meer genau wie das Schnabeltier davon zu spülen. Blessuren an beiden Knien und ein hochgradiger Erschöpfungszustand meinerseits waren die Folge. Von diesem musste ich mich für den Rest des Urlaubs erstmal erholen.

Bananen fischen – der perfekte Urlaubszeitvertreib

Das heißt natürlich nicht, dass ich mich nur noch dem süßen Nichtstun hingebe. Mitnichten, ich beantworte zum Beispiel so elementare Fragen des Stenzes wie: „wie viele Hände hat ein Ochse?“ „Ist der David mein Croissant (Cousin)?“ und zähle mit meinem Sohn die „Stampfer“, die langsam am Horizont des Meeres vorüberziehen. Auch das morgendliche Bananenfischen mit dem Stenz erfordert volle Konzentration und zählt zu meinen täglichen Tasks, die es gewissenhaft abzuarbeiten gilt. Denn gerade beim Bananen fischen zeigt der Stenz einen beispiellosen Ehrgeiz. Ursprünglich ausgedacht, um unser niemals hungriges Kind zum Essen zu motivieren, ist der Stenz von diesem Spiel so begeistert, dass er täglich mehrmals am liebsten ein Dutzend Bananen soweit es geht ins Meer wirft, um sie anschließend mit seinem Fischernetz heraus zu angeln. Anschließend verspeist nicht nur er mindestens zwei Bananen, sondern alle Familienmitglieder, das Baby eingeschlossen, werden genötigt, das gelbe nach Meersalz schmeckende Gematsche zu mampfen. Außerdem vergräbt der Stenz heimlich still und leise Schätze im Sand. Als ich ihn zufällig nach der Beschaffenheit seiner Schätze befrage, erklärt er mir, dass er sein gesamtes Geld aus seinem Sparschwein (das er vorsorglich in den Urlaub mitnahm) so perfekt in einer Sandmulde verborgen hat, dass seine Besitztümer niemals von Piraten entdeckt würden. Das ist sehr schade, denn als wir am Tag unserer Abreise unser gesamtes Kleingeld in die Airport-Massageliegen stecken, denken wir wehmütig an des Stenzes verborgenen Schatz zurück. Denn jeder aus unserer Familie möchte noch eine weitere Massage-Einheit absolvieren. Selbst das Baby gluckst und jauchzt mit dem Stenz um die Wette, als ihm eine ausgiebige Popo-Massage zuteilwird. „Nächstes Jahr vergrabe ich mein Geld nicht mehr am Strand, sondern hier im Automaten“ gibt der Stenz zu bedenken, als der letzte entspannende Ruck durch seinen kleinen Rücken fährt. Das nenn’ ich mal familiäre Didaktik.

„Arsch-Mann geh weg!“

Ich bin angespannt. Sehr sogar. Neben uns im Restaurant sitzen mustergültig wie die Orgelpfeifen Gustav, Fritz und Karl. Sie begrüßen jeden Kellner mit einem schallenden und bestens gelaunten „Guten Morgen“. Nach diesem formvollendeten Gruß lausche ich ungläubig der lauten und selbstbewussten Frage Karls an den Ober: „Dürfte ich bitte freundlicherweise Ketchup zu meinem Frühstücks-Omelette haben? Denn dann ist es noch köstlicher.“ Um Himmels Willen ist Karl nicht ungefähr so alt wie unser Stenz? Was ist los mit dem Kind? Wurde sein Gehirn gewaschen? Und dann streift sogar mich, den unbekannten Gast, auf dem Weg zum Frühstücks-Buffet ein vollmundiges, von einem verschmitzten Lächeln begleitetes „Grüß Gott“ vom kleinen Fritz.

Ich bin sprachlos bei so viel kindlicher Zuvorkommenheit. Selbst Knigge hätte beim Anblick dieser Kinder seine Beherrschung verloren und wäre vor Begeisterung in die Luft gehüpft. Da bin ich mir sicher. Wie haben die Eltern diese drei Musterknaben kreiert? Sind sie überhaupt echt? Ich überlege kurz, ob unser Stenz für ein paar Wochen in dieser Familie aufgenommen werden könnte, sozusagen als Schüler. Denn außer, dass er und Karl Ketchup lieben, haben die beiden manierentechnsich nicht viel gemein. Gestern Abend zum Beispiel fragte die Kellnerin unseren Stenz ganz freundlich: „Na wie heißt Du?“ Ein verschämter Blick auf die Tischplatte von unserem Stenz war die schweigende Antwort. „Los Stenz, sag schon, wie Du heißt.“ Genantes Geflüster in meine Richtung. „Lauter, Stenz, die Dame hört Dich nicht.“ Und so ging das den ganzen Abend. Ich konnte von Glück reden, dass der Stenz nach jedem Gang zumindest ein leises, kaum wahrnehmbares „Dankeschön“ nuschelte. Wie war es mir peinlich als die Kellnerin zum Abschied zu unserem Kind sagte „Tschüs mein Junge, gute Nacht, vielleicht redest Du ja morgen mit mir?“ Einziger Lichtblick während des Dinners: Das Baby. Es gluckste und strahlte mit den preußischen Jünglingen um die Wette und hielt mit seinem geballten Charme unsere Familienehre aufrecht. Denn auch wir wurden von der wohl erzogenen Orgelpfeifen-Dynastie genauestens beobachtet. Wobei die Jungs um Punkt 20:00 h vom Vater auf das Hotelzimmer gebracht wurden. Hier machten sie sich wohl dann auch selbst bettfein. Denn um 20:10 h ließen sich die Eltern Ihr Dinner alleine bei Kerzenschein schmecken. Unglaublich! Was machen wir falsch? Und was ist bloß los mit unserem Stenz? Zu Hause um keine Antwort verlegen und wirklich nie auf den Mund gefallen, verwandelt er sich während Hoteltests regelmäßig in ein menschenscheues Reh-Kitz, das bei jedweder menschlichen Interaktion am liebsten verschämt ins Unterholz verschwinden würde. Oder zumindest bei jeder Frontal-Ansprache durch Hotel-Manager, Rezeptionisten, Putzfrauen und Co.

Der Stenz und sein neues Lieblingswort

Hingegen wächst sein Selbstvertrauen proportional zu seiner „Nicht-Beachtung“. Wähnt er sich nämlich nicht im Fokus durch einen Hotel-Angestellten wird er plötzlich aufmüpfig bis richtiggehend renitent. So hat der Stenz auf einmal ein neues Lieblingswort. Ich vermute, er hat es aus dem Kindergarten eingeschleppt, wie einen lästigen Virus. Das neue Wort scheint für ihn ein nicht enden wollender Quell der Freude und ein schillerndes Faszinosum. Der Gebrauch des Wortes setzt ihn in großes Verzücken und scheint ihn zu berauschen. So ertappe ich den Stenz zufällig dabei, wie er in der Hotel-Lobby jedem vorbeiziehenden Gast ganz leise, aber mit schelmischem Vergnügen ein „Arsch-Mann geh weg“ entgegen raunt. Dabei passt er diese Floskel politisch korrekt dem Geschlecht der vorbeiziehenden Person an. So sollten sich auch alle „Arsch-Frauen“ in besagtem Hotel-Atrium schleichen. Zum Glück flüstert der Stenz diese infamen Verunglimpfungen derart leise, dass sich ob Arsch-Mann oder Frau, keiner der umstehenden Besucher angesprochen fühlt. Als ich aber, mit Luchs-Ohren gesegnet, des Stenzes uncharmante Monologe vernehme, traue ich meinen Ohren nicht und stelle ihn umgehend zur Rede. Zu diesem Zwecke verschwinde ich kurzerhand für ein kleines Tête à tête mit ihm auf der Damentoilette. „Bist du denn von allen guten Geistern verlassen?“ beginne ich meine Zurechtweisung.  „Warum?“ kam seine unschuldige Antwort. Wie sich herausstellte, waren es vor allem der Klang des Wortes und auch die Reaktion auf diese magische Floskel im Kindergarten, das die Faszination ausmachte. Es stand also nicht unbedingt der beleidigende Charakter dieses verbalen Kahlschlags für ihn im Vordergrund. Das ließ mich ein wenig aufatmen. Allerdings nur bis zum nächsten kommunikativen Intermezzo mit ihm, das diesmal am Pool eines Südtiroler Wellnesshotels stattfand.

Wenn der Pool zum FKK-Bereich wird

Dabei stellte sich mir mal wieder eine weitere Frage. Nämlich ab welchem Alter Kinder anfangen, ein Schamgefühl zu entwickeln? Mit dreieinhalb jedenfalls noch nicht, so viel stand fest. Der Stenz erklärte den gesamten Pool-Bereich des Hotels zu einem FKK-Areal. Mein Versuch, den Nackedei einzufangen, scheiterte kläglich. Erst durch das beherzte Zupacken meines Mannes auf der Poolbrücke, von der der Stenz gerade im Begriff war hinunter zu pieseln, konnte das Schlimmste verhindert werden. Und es gelang uns, den kleinen Delinquenten einzufangen und in eine Badehose zu stopfen.

Stempel, die neuen Tätowierungen

Doch vor allem in Hotel-Restaurants mit großer Tischdichte sitze ich auf heißen Kohlen und bete, dass mein Kind ganz schnell erwachsen wird. Der Stenz hat nämlich eine Vorliebe dafür entwickelt, mit dem Zeigefinger auf den sehr nahe sitzenden Tischnachbarn zu deuten und mit Sätzen wie „Warum hat der Mann so komische Stempel auf den Oberarmen? Die sind hässlich!“ zu bedenken. Dank des Stenzes messerscharfer Beobachtungsgabe werden mein Mann, das Baby und ich auch immer wieder auf mehr oder minder interessante Äußerlichkeiten anderer Hotelbesucher aufmerksam gemacht: Laut ausgesprochene Phrasen wie „die Frau da drüben stinkt“ oder „hat die Frau da hinten tatsächlich weiße Haare?“ sind dabei keine Seltenheit. Allerdings hat der Stenz mich kürzlich in seiner kindlichen Schamlosigkeit auch richtiggehend gerührt. Als nämlich die Kellnerin erkannte, dass ich wegen des Babys kaum einen Bissen runterbrachte, nahm sie es mir freundlicherweise ab. Um ihm etwas Abwechslung zu bieten, stapfte sie mit unserem Baby auf dem Arm durch das Restaurant in Richtung Hotelbar und war kurzzeitig nicht mehr gesehen. Während ich die Gelegenheit nutzte, meinen knurrenden Magen zu besänftigen, war der Stenz fassungslos und brüllte aus voller Kehle: „Mama, Papa, die Frau hat unser Baby geklaut!“ Vollkommen aufgelöst stand der Stenz vor einem Nervenzusammenbruch, den das gesamte Restaurant bezeugen durfte. Doch dieses eine Mal musste ich tatsächlich lächeln.

„Home Insanity“ statt „Home Office“ – Arbeiten am Rande des Wahnsinns

Das Baby schreit. Das Feuerwehrauto tönt lauthals Tatütata. Der Stenz röhrt ohrenbetäubend: „Aus dem Weg ein Notfall!“. Und ich versuche mich trotz dieser Kakophonie zu konzentrieren. Die Betonung liegt dabei auf: ich versuche! 

Ich liebe unser Haus. Es ist wunderbar, wie für uns gemacht. Aber es hat ein Manko, es ist zu klein. Es fehlt ein Raum mit einer schallisolierten Tür mit Sicherheitsschloss. Genau danach sehne ich mich just in diesem Moment. Mein Mann und ich teilen uns Haushalt und Kinderbetreuung gleichermaßen. Aber er hat einen ganz entscheidenden Vorteil: nämlich ein abschließbares Büro. Und genau wie die gemeine Strandkrabbe bei den winzigsten Erdvibrationen blitzschnell in ihr Sandloch huscht, schlüpft mein Mann bei den geringsten akustischen Irritationen, die bei unserem Holzhaus oft mit erdbebenartigen Vibrationen einhergehen, in sein Sandloch – das verschließbare Refugium. Wie ich ihn darum beneide!

Schlafend in den Arbeitstag

Oft beginnt mein Arbeitstag zu einem Zeitpunkt, an dem ich schon wieder so müde bin, dass ich zum Start erst mal mit dem Kopf auf die Schreibtischplatte falle und ’ne Rund poofe. Schlafend in den Arbeitstag sozusagen. Das hat den Vorteil, dass ich dann auch wirklich taufrisch bin, wenn ich meine ersten E-Mails verfasse. Das könnte jetzt irgendwie faul klingen. Aber ich bin nicht faul. Ich bin kurioserweise bloß schon ziemlich erschöpft noch bevor ich meinem Broterwerb nachkomme.

Denn ich habe zwei Kinder, die morgens gewickelt, gewaschen, gezahnbürstet, mit lustig verzierten Frühstücksbroten versorgt und mit schleimigem, farbintensivem Brei gefüttert werden wollen. Wenn dann auch noch Ferien sind, möchte der Stenz außerdem unterhalten werden. Das ist besonders anstrengend, wenn eine lange To-Do Liste vor meinem inneren Auge aufflammt. Und auch das Baby kann momentan nichts mit sich anfangen. Seit es seinen ersten Zahn hat, ist der einzige Ort, an dem es sich glücklich fühlt, die Brust und das 24/7. Dabei versuche ich alles, um mein Baby an Breichen zu gewöhnen. Aber die Fütterung des Babys ist ein mühsamer für mich als Ordnungsfanatiker und Pedant oft sehr schmerzvoller Akt, der mir schon vor meinem eigentlichen Arbeitsbeginn die letzte Kraft raubt.

Die große Breifütterung: Frust lass’ nach!

Grundvoraussetzungen hierfür sind sehr viel Geduld und eine große Frustrationstoleranz. Über beide Eigenschaften verfüge ich nicht. Lieber würde ich zehn Mal wickeln als einmal Breichen geben. Dem Baby schmeckt leider kein Breichen, aber von diesen schmeckt ihm irgend etwas mit Karotte noch am wenigsten schlecht. Es lebe die Litotes! Wenn Sie verstehen was ich meine. Die Konsequenz: Die Garderobe des Babys, genau wie meine eigene ist mittlerweile orange gesprenkelt. Damit die Fütterung wenigstens eine zwei prozentige Erfolgsquote aufweist, muss ich mein gesamtes baby-kompatibles Potenzial als Comedian zum Einsatz bringen. Hierbei ist wichtig, dass ich einen Dutt auf dem Kopf trage. Der kann ruhig schlampig gemacht sein. Das Baby nimmt es nicht so genau. Perfekt für mich, denn ein schlampiger Dutt gehört zurzeit quasi zu meiner Arbeitsuniform. Das Mahlzeiten – Spektakel beginnt dann so: Das Baby sieht mich mit dem nahenden Breichen und presst seine Lippen fest zusammen. Ich versuche, den üppig orange beladenen Löffel zwischen des Babys Lippen zu manövrieren. Keine Chance, dieser Punkt geht an das Baby. Ich verwandele mich in einen Wackel Dackel und lasse meinen Kopf-Dutt hopsen. Das Baby lacht und schwupps, die Löffel-Ladung in den halb geöffneten Mund geschüttet. Ein Punkt für mich. Das Baby prustet los und orangene Klümpchen fliegen mit Karacho durch die Luft. Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Zu früh gefreut. Zwei zu null für das Baby. Mein Ehrgeiz ist geweckt. Die Kopf-Dutt Nummer wiederhole ich in Dauerschleife bis sich das Baby vor Lachen schüttelt und das Mäulchen dabei weit aufreißt. Und potzblitz hinein mit der Beta-Carotin-Bombe. Yeah, jetzt tanze ich wirklich Chignon hüpfend durchs Esszimmer. Das Baby ist so perplex und schluckt. Doch das war’s dann auch. Die zweiprozentige Erfolgsquote ist erfüllt und das Baby erklärt seine Mahlzeit für beendet. Deutliche Signale hierfür: Andauerndes Kopf schütteln. Außerdem wird der Inhalt jedes weiteren Löffelchens zwischen dem Kiefer wieder kunstvoll herausgequetscht und mit beiden Händen, manchmal sogar Füßen irgendwo verteilt. Ob Spielsachen, Wände, Kleider, Teppiche oder das eigene Haar – auch hier ist das Baby nicht wählerisch. Was ich jeden Tag hautnah miterleben darf ist das Gegenteil von freudvoller Kulinarik.

Schlaf Kindlein schlaf

Im Anschluss an das karge Mahl wirft sich das Baby inbrünstig an meine Brust. „Endlich hast Du verstanden Mama, ich will nix anderes.“ Hier möchte das Baby nun am liebsten für unbegrenzte Zeit verweilen. Denn geschlafen wird seit zwei Wochen am liebsten nur bei Mama auf dem Arm. Ich gestatte es dem Baby und lege es, nachdem ich lange, wirklich sehr lange abgewartet habe, wie ein rohes Ei behutsam in sein Bettchen. Ein Aufschrei des Schreckens. „Schhhhhhhhh.“ Hand feste auf den Bauch gelegt, liebevoll über die Schläfen gestrichen. Das Baby atmet daraufhin sanft. Ich denke, „ich hab’s geschafft“ und schleiche mich auf leisen Sohlen zur Tür. Erneutes Aufbäumen und klägliches Weinen. Das kann doch nicht wahr sein! Wenn ich wüsste, wie man aus der Haut fährt, ich würde meine Haut abstreifen und davonfliegen. Also nochmal von vorne mit dem Schhhhhh – Gedöns. Zu meiner großen Verwunderung klappt’s diesmal! Geschafft, ich renne an den Schreibtisch zu meiner To Do Liste.

Mein Tagwerk kann beginnen

Ich arbeite mich langsam ein. Lese E-Mails und fange an, die erste E-Mail zu beantworten. Was war das? Der Stenz kommt kreischend die Treppe hoch. „Mama, Papa, ich will mit Euch spielen!“ Der Papa sitzt eingeschlossen in seinem Sandloch. Daher bin ich des Stenzes Ansprechpartner Nummer eins. Blöd auch, dass sich mein „offenes Büro“ genau vor der Baby-Schlafstätte befindet. Denn der Stenz ist auf Krawall gebürstet. Das spüre ich schon am trampelnden Treppe hoch rennen. Es kommt wie es kommen muss: Nach 10 Minuten flüchtigster Schreibtischarbeit schreit das Baby spitz. Ich stehe kurz davor hochfrequent mit einzustimmen. Was macht eigentlich mein Mann? Ach ja, der kuriert gerade seinen Männerschnupfen.

Aber ich habe eine Deadline. Daher wird das Baby, Schlaf hin oder her, hinter mich und meinen Schreibtischstuhl gelegt – seitlich ist leider kein Platz. Glucksend freut es sich über die vielen Spielsachen auf der Krabbeldecke. Na wenigstens etwas. Der Stenz hat sich auch wieder beruhigt und drollt sich, Lego sei Dank, in Richtung Wohnzimmer. Perfekt. Auf zur Deadline!

Gefühlte zehn Minuten später drehe ich mich um und sehe, wie das Baby dabei ist, die Flip Flops meines Mannes zu verspeisen. Ich wusste es, es hatte doch noch Hunger. Von unten im Wohnzimmer vernehme ich dumpfes Geklapper und Wasserrauschen. Ich eile mit dem Baby treppab und erstarre: Der Stenz hat die Wasserspiele von Schloss Versailles in unserem heimischen Wohnzimmer nachgebaut. „Oh, What a day!“