November Blues

Ich sitze in unserem schummrig beleuchteten Wohnzimmer und starre in die dunkle, neblige Einöde vor mir. Selbst die Kühe, die im Sommer unsere Wiese bevölkern haben bei dem Wetter das Weite gesucht und sich in den Stall getrollt. Es ist jedes Jahr dasselbe. Pünktlich im November bekomme ich den Winter Blues. Tristesse pur.

Exotische Fernreisen werden überschätzt

Während ich mich selbst bemitleide verteidigt der Stenz lauthals sein „kleines“ Lego vor seiner Schwester. Ich checke meinen Facebook Account und sehe neidvoll wie ein guter Freund sich in der karibischen Sonne aalt. Das Türkis des Meeres ist wirklich unerträglich! Genau wie seine Freizeitaktivitäten, die sich auf schlafen, schwimmen, essen und wieder schlafen zu beschränken scheinen. Er ist nämlich ohne Kinder unterwegs und lebt quasi in diesem Moment meinen minimalistischen Urlaubs-Traum. Was ein fauler Typ! Zugegeben, ich bräuchte nicht mal das karibische Meer. Auch auf das kreolische Essen und schwimmen könnte ich verzichten. Fernreisen werden überhaupt irgendwie überbewertet. Aber mal so 24 Stunden am Stück poofen, das wär’s jetzt. „Mama, das Baby hat sich ein kleines Rad vom Space Shuttle  in die Nase gestopft“, dröhnt es an mein Ohr und ich kehre zurück ins hier und jetzt. Während ich das Rädchen aus dem rechten Nasenloch meiner Tochter pople, denke ich an eine Kindergarten-Bekannte und muss unvermittelt lächeln.

Bühne frei für die erste Speckwürfel-Greifzange

Denn auch wenn mein Freund ausgeruht und braun gebrannt seinem Strand-Urlaub frönt, so viel komische Unterhaltung wie sie mir seit der Geburt meiner Kinder zuteil wurde, ist ihm sicherlich nicht gegönnt. Und „Lachen hält ja bekanntlich Leib und Seele zusammen“. Das Sprichwort lautet anders, ich weiß, ist mir aber gerade egal! Eins ist gewiss, zu viel UV-Strahlung wirkt lebensgefährlich. Das weiß mittlerweile jeder! Also immer positiv denken: wie gut, dass es hier in den letzten 14 Tagen gar nicht richtig hell wurde. Konzentriere ich mich lieber auf das Komische in meinem Dasein. Und davon gibt es viel. Vor meinem inneren Auge laufen plötzlich all die kuriosen Situationen ab, die mich seit ich Mama bin, heimgesucht haben. Und nicht nur mich, auch Freunde erleben manch schauerliche Anekdote. Wie eben diese Kindergarten-Bekannte. Denn während sich der Stenz im Frühling im Garten eines netten Spa-Hotels nur ein Weidenkätzchen in die Nase schob, leistete die Tochter der Bekannten ganze Arbeit. Sie ließ ihr linkes Nasenloch nämlich Bekanntschaft mit einem knusprig krossen Speckwürfel machen. Sie inhalierte diesen förmlich, sodass der Speckwürfel, meinem laienhaften Verständnis nach zu urteilen, unmittelbar an der Hirnpforte des Mädchens klopfte. Der diensthabende Arzt in der Ambulanz wusste sich nicht anders zu helfen als sich aus dem OP ein gefährlich anmutendes Instrument zu angeln und daraus eine Art Speckwürfel-Greifzange zu basteln. Ich bin mir sicher, das Werkzeug hat Potenzial für ein profitables Patent!

Anstatt Alarm für Cobra 11 – Fanfarenstoß für trächtiges Nilpferd

Kafkaesk mutete auch meine Flucht im hochschwangeren Zustand aus dem im Hochparterre gelegenen Toilettenfenster eines Wellnesshotels an. Doch von vorne: der Stenz und ich hatten beim Abendessen eine leichte Meinungsverschiedenheit. Diese gedachte ich nicht  vor den Augen aller neugierigen Gäste auszudiskutieren und so zog ich mich für eine kurze bilaterale Verhandlung mit meinem Kind in die intime Atmosphäre der Restaurant-Toilette zurück. Leider nicht ohne den vehementen Protest des Stenzes. Doch angekommen am stillen Örtchen kamen die erhitzten Gemüter langsam zur Ruhe, der Dissens wurde beigelegt und es folgte eine erquicklichen Aussprache zwischen Mutter und Sohn. Letzterer gelobte gutes Benehmen bei Tisch. Und so wollten wir in harmonischer Eintracht versöhnt wieder zurück zu Papa ins Restaurant. Schade nur, dass sich die Toilettentür nicht mehr öffnen ließ. Sehr schade sogar. Mein Sohn wurde leicht panisch und auch mir wurde plötzlich heiß als niemand auf mein Rütteln und zaghaftes Rufen reagierte. Als nach zehn Minuten immer noch keine Rettung in Sicht war, überlegte ich mir eine dominante Strategie. Ungeachtet der Tatsache, dass ich eigentlich schon zu unbeweglich war, um mir nur meine Schnürsenkel zuzubinden und ich einen leicht klaustrophobischen Dreijährigen zu besänftigen hatte, sah ich das Türmen aus dem Toilettenfenster als einzige Lösung aus der Misere. Denn scheinbar wurde dieses Klo gemieden wie ein Donnerbalken in der  novo sibirischen Tundra. Ein nahender Befreiungsschlag Fehlanzeige.

Mama Spiderman

Pi mal Daumen schätzte ich die zu überwindende Sprunghöhe auf 1,70 Meter. Also für mich als Mensch mit enormer Höhenangst gerade noch zu bewerkstelligen. Ich kletterte, wie es einem trächtigen Nilpferd im achten Monat mit eingeschränktem Bewegungsradius eben möglich ist, auf den Fenstersims und wollte mit meiner spidermäßigen Abseilung beginnen. Dabei instruierte ich den Stenz genau zuzusehen, wie ich auf tollkühne Weise diese akrobatische Zirkusnummer vollführte. Denn der zweite Teil des Planes sah vor, dass auch er behände von der Toilette aus wie ein kleiner Springbock den Fenstersims erklimmen sollte und dann sachte auf meinen gut gepolsterten Bauch bzw. in die mütterlichen Arme sinken würde. Soweit der Plan. Allerdings haperte es bei der Durchführung. Denn ich steckte irgendwie ganz eigenartig im Toilettenfenster fest.

Der Clown begrüßt die anreisenden Spa-Gäste

Wie schön, dass die Restaurant-Toilette zum Parkplatz gerichtet war und ich so zur Attraktion aller Neuankömmlinge wurde. Während einige Hotels als Willkommensritual heimische Schmankerl darbieten, punktete dieses Spa-Refugium mit einem hauseigenen Clown. Das müssen sich wohl alle anreisenden Gäste bei meinem Anblick gedacht haben. Einzig der Gärtner, der gerade Feierabend machen wollte, hatte Erbarmen und sah meine Not. Welch‘ ein Philanthrop! Was für ein Gentleman! Da könnte sich mein Mann ruhig eine Scheibe von abschneiden. Warum war er nach unserer zwanzigminütigen Abwesenheit immer noch nicht alarmiert? Ich sah ihn schon in Gedanken das „Dreierlei von der Bachforelle“ degustieren und die friedliche Tischruhe genießen und wurde ein klein wenig ärgerlich. Doch dafür konnte ja der wundervolle Gärtner nichts. Er schleppte gerade ein kleines Podest heran, das er anschließend bestieg, um mich dann aus dem Toilettenfenster zu quetschen. Ich kam mir vor wie eine überreife Zitrone, die zu einem Heißgetränk verarbeitet wurde. Doch das Unterfangen war erfolgreich. Freudentaumelnd fiel ich dem Gärtner um den Hals. Aus der Ferne nahm ich ein Klatschen für diese heroische Rettungsaktion wahr. Und der Gärtner legte sogar noch mehr Menschenliebe an den Tag. Befreite er nämlich den Stenz ebenfalls aus den Klauen dieses hinterlistigen WC-Kerkers.

Wer braucht schon karibische Sonne?

Wie schön, dass alleine die Erinnerung an dieses einschneidende Erlebnis meinen November-Blues nachhaltig vertreibt.  Ganz ehrlich, da brauche ich noch nicht einmal ein klitzekleines bisschen karibische Sonne, denke ich bei mir und rühre gedankenverloren in meinem Tee.

 

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