Hai-Attacke im Bayerischen Wald oder Badespaß de luxe

Der Stenz liebt Geschichten von Haien. Das mag auch an meinem Mann liegen. Denn durch seine älteren Brüder, kam er schon im zarten Grundschulalter in den Genuss, den „Weißen Hai“ in seiner gesamten Schauerlichkeit zu bewundern. Seine Brüder dachten wohl, dass dieser aquatische Horror genau die richtige Einschlafhilfe für den kleinen Bruder sei, während die Eltern fröhlich ausgingen. Aber ganz im Gegenteil, mehr als dreißig Jahre später erzählt der Mann dem Stenz immer wieder gerne von seiner traumatischen Filmerfahrung. Und da ich Fernsehen im Allgemeinen und den „Weißen Hai“ im Besonderen als Kinderunterhaltung irgendwie ungeeignet finde, bleibt dem Stenz bis auf weiteres das Hai-Massaker verwehrt. Doch mich beschleicht hin und wieder das Gefühl, dass mein Sohn, inspiriert durch die blutrünstigen Erzählungen seines Vaters, in Gewässern, allen voran in Schwimmbädern, die ein oder andere Szene des Blockbusters gerne mal selbst nachspielt, sodass auch ich, immer wieder ein paar prickelnde Gänsehautmomente erleben darf.

Blutige Apokalypse am Beckenrand

So weilten wir vor ein paar Monaten im Bayerischen Wald. Nach zwei relativ ereignislosen Tagen in denen meine Tochter eine symbiotische Beziehung mit einem weißen Gummischwan einging, fühlte ich mich plötzlich an den US-Kinoklassiker erinnert. Dabei fing unser Nachmittag im Hotelpool so beschaulich an. Meine Tochter saß stolz wie Bolle in ihrem weißen Gummischwan und füßelte sich mit der Anmut einer Ballerina durch das warme Nass, ganz so als müsste sie sich für Schwanensee qualifizieren. Der Stenz war ebenfalls in Hochform und tauchte mit dem Gummischwan um die Wette. Doch dann wurde das fröhliche Plantschen jäh unterbrochen. Der Stenz musste mal. Also löste ich meine Tochter unter lautstarkem Protest aus der Umklammerung vom Schwanenhals, um anschließend den Stenz einhändig von seinem Schwimmgürtel zu befreien und abzutrocknen. Einhändig, weil meine Tochter nur auf meinen Armen weilen mochte. Und während ich selbst noch wie ein begossener Pudel mit Übergepäck dastand, klirrte es plötzlich gewaltig und die Wasserflasche, die uns vor der Dehydrierung an diesem Nachmittag bewahren sollte, zerbarst in tausend Scherben. Herrlich. Und da mein Sohn besonders wohl erzogen ist, begann er die Scherben sofort aufzulesen. Ich wollte gerade noch lauthals warnen: „Bloß nix anfassen und Schuhe anziehen!“ da tauchte das Hallenbad im beschaulichen Bayerischen Wald schon in dunkelrotes Blut, ganz so als hätte die weiße Meeres-Bestie mit geballter Brutalität zugeschlagen. Wundervoll. Der Stenz fing an zu weinen, da er sein baldiges Ableben durch die Wunde an seinem Finger befürchtete. Louloubelle schlug aus reiner Solidarität in das apokalyptische Geheul mit ein und ich kam mir vor wie in einem schlechten Kubrick Film. Habe ich schon erwähnt, dass ich Schwimmbad-Nachmittage mit meinen Kindern liebe?

Das Babybecken – ein Garant für grenzenlosen Badespaß!

Doch nicht nur im Bayerischen Wald, auch in meiner Heimat, im schönen Mainz, kann man herrliche Freibad-Tage verbringen. Das Babybecken ist dabei eine Spielwiese für unermesslichen Badespaß. Da darf man bäuchlings kleine Rutschen runter sausen oder imaginäre Pflänzchen mit der Mini-Gießkanne wässern. Außerdem lassen sich ausgiebige Tattoo-Studien realisieren und es ist auch erstaunlich mitanzusehen, wie schnell die eigenen Füße im ca. 15 Zentimeter tiefen Nass, das hin und wieder eine bedrohliche Gelbfärbung annimmt, bis zur Unkenntlichkeit verschrumpeln, während der Kopf bei 37°C im Schatten langsam einer roten Ampel gleicht. Aber so ein Freibad ist mal abgesehen vom Babybecken wirklich was Feines, vor allem wenn es richtig lange und steile Rutschen gibt. Und die rasten der Stenz und ich in Dauerschleife und Karacho runter. Während Oma mit Louloubelle langsam aber sicher im Babybecken verschrumpelte, hatten mein Sohn und ich den Spaß unseres Lebens.

SOS – Bademeister verzweifelt gesucht!

Bis er plötzlich auf dem Weg zu einer weiteren gigantischen Wasserrutsche stolperte und perfekter Weise auf die Kante einer Treppenstufe fiel. Mir schien, als würde das Knie einmal kurz in der Mitte entzweit. Ein herrlicher Anblick für jemanden, der schon bei Zahnfleischbluten den Anflug einer leichten Ohnmacht verspürt. Aber es hilft ja nix. Den Stenz auf den Arm genommen und im Sauseschritt zum Bademeister-Häuschen gehechtet. Ich wusste gar nicht, dass verschrumpelten Füße so schnell rennen können. Blöd nur, wenn das Bademeister-Häuschen nicht besetzt ist. Egal, ein bisschen hysterisches Schreien hat noch keinem geschadet. Vor allem dann nicht, wenn das Geschrei durch eine rote Blut-Fontäne visuell und das Stenz`sche Wimmern akustisch untermalt wird. Da wird dann plötzlich auch bei den Mitbadenden ein bisschen Adrenalin ausgeschüttet. Vielleicht wäre die rettende Hilfe noch schneller gekommen, wenn ich „der Weiße Hai, der Weiße Hai!“ gebrüllt hätte. Aber mir war irgendwie nicht nach Späßchen. Die Bademeisterin kam dann aber zum Glück irgendwann auch angetrottet. Während ich mich beim Anblick des Stenz’schen Knies am liebsten mehrfach übergeben und dann aus dem Staub gemacht hätte, klammerte und pflasterte sie beherzt und riet mir doch lieber einen Profi zu konsultieren, da das Ganze auf jeden Fall Potenzial hätte, genäht zu werden. Nicht gerade aufbauend, weder für den Stenz noch für mich.

Surprise, surprise: Krankenwagen-Inspektion

Ach ja und da waren ja auch noch Oma und meine Tochter, die mittlerweile kurz vor dem akuten Schrumpeltot stehen mussten. Ich legte also mal wieder einen halsbrecherischen Galopp durch das 20 ha große Freibad-Areal ein und verkündete Oma samt Tochter die frohe Botschaft, dass uns ein munterer Ausflug ins Krankenhaus bevorstünde. Die Freude war auf allen Seiten unermesslich! Denn es macht riesigen Spaß bei siedender Hitze ein Kleinkind, einen höchst alarmierten Fünfjährigen mit Platzwunde und sieben Millionen Badesachen durch die rheinhessische Provinz bis zum Auto zu tragen. Denn der Stenz durfte aufgrund erneuter Blut-Fontänen-Gefahr keinesfalls selbst laufen. Es ist außerdem überflüssig zu erwähnen, dass man morgens nur einen Parkplatz in kilometerweiter Entfernung des Schwimmbad-Eingangs gefunden hatte. Doch Oma und ich haben das Ganze souverän gewuppt. Und es gelang uns sogar noch auf Anraten der Bademeisterin, zwei Rettungssanitäter über die Platzwunde schauen zu lassen. Welch‘ ein Highlight an diesem von unerwarteten Überraschungen gespickten Tag. So durften wir nicht nur im Bademeister-Häuschen, sondern auch noch in einem Krankenwagen Platz nehmen. Leider rieten uns auch die Sanitäter dringend zum Hospital-Besuch.

Eine Runde Gummibärchen für Alle

Völlig ermattet, rotgesichtig und Schweiß gebadet liefen Oma, eine mittlerweile leicht unterzuckerte aber immer noch hervorragend gelaunte Louloubelle, ein ängstlicher Stenz und ich durch die heilsbringende Krankenhaus-Pforte. Während ich den Stenz so auf meinen Armen trug, hatte ich Gelegenheit, ihn von den unermesslichen Vorteilen des Nähens einer Platzwunde zu überzeugen. Erstaunlicherweise sah er dem Nähvorgang gar nicht mehr so beklommen entgegen und zeigte sogar eine gewisse Neugier auf die vielen Spritzen und das lustige Nähzeug des Kinderarztes. Dieser betrat das Krankenzimmer dann bestens gelaunt und verkündete nach Sichtung der Wunde mit rheinhessischem Charme. „Also, wenn das mein Kind wäre, würde ich ihm nur ein Pflaster auf die Wunde kleben und gut wär‘s! Aber weil Sie ja scheinbar keine Kosten und Mühen gescheut haben, und hier mit Sack und Pack aufgetaucht sind, gehe ich für Sie die Extrameile und klebe die Wunde! Außerdem bekommt ihr tapferes Kind noch `ne Tüte Gummibärchen, wollen Sie auch eine? Ich glaube, verdient hätten Sie es!“ „Au ja her damit, und wissen Sie zufälligerweise, wann endlich mal wieder so eine richtig fiese Kaltfront nach Deutschland zieht? Ich fürchte mich nämlich vor dem nächsten Schwimmbad-Besuch,  beinahe genauso wie vor Spielbergs Weißem Hai!“

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.