Der Weihnachtsmann zu Gast an Ostern oder es lebe die genderneutrale Verkleidung

Der Stenz hat seit jeher eine Vorliebe für Verkleidungen im Allgemeinen und weihnachtliche Kostümierungen im Besonderen. Diese Präferenz zeigte sich bereits im zarten Alter von sechs Monaten. Denn unserer Familientradition folgend steckten wir ihn schon vor seinem ersten Weihnachtsfest in ein Nikolaus-Kostüm, um feierlich für das Familien-Foto zu posieren. Und der Stenz lächelte, lächelte und lächelte. Unser Kind war selig.

Mit eineinhalb Jahren äußerte er sein Wohlgefallen an dem Nikolauskostüm in der Art, dass er es nicht mehr ablegen wollte. Er schlief darin, begrüßte unsere Gäste damit und verreiste mit dem Kostüm. Er ging sogar soweit, dass er in einem von uns getesteten Hotel mit dem Nikolaus-Kostüm eincheckte. Wir konnten ihn auch nicht mit dem Argument davon abhalten, dass jetzt im April doch schon der Osterhase um die Ecke spähe und von ihm, dem kleinen Weihnachtsmann, vollkommen eingeschüchtert verjagt würde. Papperlapp, Schokoeier hin oder her. Nein, er lege sein Weihnachtsmannkostüm keinesfalls ab. Das Ergebnis: wir ernteten beim Check-In mit unserem Miniatur-Nikolaus kurz vor Ostern im Stubaitaler Wellnesshotel amüsierte bis mitleidige Blicke. Aber der Stenz ist stur. Heimlich musste ich den kleinen Körper vom roten Filz im Schlaf befreien, um das Weihnachtsmann-Mäntelchen wenigstens einmal pro Woche zu waschen.

Der Stenz, ein gerupfter Cherub

Erst zu seinem dritten Weihnachtsfest ließ die Faszination am Nikolaus-Kostüm nach. Aber nur, um einem neuen, anderen Fetisch zu weichen. Denn nachdem das Christkind bei uns an Weihnachten feierlich durch die Wohnzimmer-Luft schwebte und ein sanftes Glockengeläut als akustische Spur hinterließ, streng versteckt hinter weißen Tüchern versteht sich, war der Stenz vom „Engel-Fieber“ gepackt. Die Tatsache, dass ich ihn, ich weiß – Schande über mich – auch in der Öffentlichkeit mit „mein Engel“ titulierte, mag neben der Faszination am Christkind ein weiterer Grund für seine plötzliche „Cherubin -Besessenheit“ gewesen sein. Sei’s drum, von nun an war der Stenz nur noch mit Engelsflügeln, die dank dem world wide web ihren Weg vom fernen China bis zu uns nach Bayern gefunden hatten, anzutreffen. Die ersten Worte nach jedem Kindergarten-Tag waren von nun an „Wo sind meine Engelsflügel?“ Und wehe, die irdischen Heerscharen legten dem Himmels-Gesandten nicht sogleich das gewünschte Flug-Utensil zu Füßen. Dann setzte es ein ohrenbetäubendes Geschrei. Dabei hatte der Stenz seltsamerweise ganz konkrete Vorstellungen von der Optik eines Engels. Das Engelshaar musste von lieblichen Zöpfchen geschmückt sein, ein Engel musste einen weißen Punkt auf der Nase und einen gelben Streifen am Hals und eben wunderschöne, befederte Flügel besitzen. Um also sein Outfit zu komplettieren durfte ich von nun an jeden Tag Zöpfchen ins kurze Deckhaar meines Sohnes einarbeiten und ihm sein chinesisches Federkleid überziehen. Dieses erwies sich als billiges Fabrikat, denn es ließ schon nach wenigen Tagen etliche Federn, sodass er bald wie ein gerupfter Cherub aussah. Als der kleine Engel dann plötzlich auf das Lackieren seiner Fingernägel bestand und auch dem Auftragen eines Lipglosses nicht abgeneigt zu sein schien, reichte es dem Engelsvater. Allerdings erst das Anlegen fluoreszierender Ohrringe, die der Stenz in einem der vielen Geburtstagstütchen mit nach Hause schleppte, brachte das emotionale Fass im Oberstübchen meines Mannes zum Überlaufen. Das sei doch nicht normal wetterte der Mann erregt, dass sich der Stenz immerzu als Engel verkleide. Ein „gescheites“ Kostüm müsse her, denn sonst sehe der Mann die Fortsetzung unserer Familien-Dynastie ernstlich in Gefahr.

Ein Polizisten-Kostüm muss her!

Noch weiß befedert beäugten der Mann und der Stenz im größten weltweiten Online-Shop diverse männliche Verkleidungs-Optionen. Dabei gefiel dem Mann die Vorstellung einen kleinen Polizisten unter seinem Dach zu beherbergen besonders gut. Und auch der Stenz legte großen Enthusiasmus bei der Vorstellung an den Tag, ab morgen mit Kelle, Handschellen und einer Pistole bewaffnet auf seinem Mini-Polizeimotorrad in unserem Wohnzimmer umherzurasen und das Baby festzunehmen. Ja, Sie haben richtig gelesen, auch eine Spielzeug-Pistole sollte her. Ich geriet in absolute Rage als ich von dieser Online-Bestellung erfuhr. So zog die Bestellung der Spielzeugpistole schwere eheliche Turbulenzen nach sich. In meinem Zorn machte ich meinen Mann darauf aufmerksam, dass wir in einer absolut pazifistischen Nachbarschaft lebten, in der schon das Spiel mit Stöcken im Kindergarten als wilde Kriegshandlung angesehen wurde. Ob denn der Mann den Stenz zum gesellschaftlichen Paria machen wolle? Als Horror-Szenario sah ich schon mein geliebtes Kind von allen gemieden einzig und allein weil sein Vater auf eine Kostümierung mit Testosteron-getriebene Requisiten bestünde. Wie konnte er nur? Mein Mann hörte meinen Ausführungen aufmerksam zu und war ernsthaft an einer Problemlösung interessiert. „Du hast Recht, es ist nicht gut, wenn der Stenz der einzige ist, der mit einer Waffe imaginär um sich ballert, auch die anderen Kinder sollten das Vergnügen haben mitzuknallen. Ich bestelle gleich mehrere Plastik-Pistolen, die können wir dann zu den Kinder-Geburtstagen verschenken“ Ich schaute meinen Mann völlig entgeistert ob dieser abstrusen Idee an. Nun ist er beim Propagieren des Mottos „Waffen für alle!“ vollkommen übergeschnappt. Ich holte nach Luft, begab mich stante pede ins Internet und suchte nach einer genderneutralen Verkleidung. Seit diesem Tag sieht man den Stenz als grünen Frosch in unserem Garten umherhopsen!

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