Papa allein zu Haus‘ oder die Kuh ist los!

Kürzlich war ich für einen halben Tag geschäftlich unterwegs. Am Tegernsee. Es war herrlich! Bevor ich losfuhr, legte ich sorgsam Kleider und Kleidchen für meinen Nachwuchs parat. Schnippelte Obst, bereitete Müslischälchen vor und packte sorgsam das Rucksäcklein für mein Zweitgeborenes, damit es während seines Aufenthaltes bei der Tagesmutter, die ein oder andere appetitliche Schmauserei vorfände. Und als ich dann frohen Mutes ob des bevorstehenden Ausfluges losfuhr, herrschte in unserem Haus Sauberkeit, Ordnung, Stille und sehr viel Frieden.

Bratwürstel und Eis am Stiel – was braucht es mehr zum glücklich sein?

Und ich war mir sicher, dass dieser Zustand auch nach meiner Abfahrt irgendwie anhalten würde. Hatte der Mann ja schon oft bewiesen, dass er auch alleine, ganz ohne Kindsmutter in der Lage war, für das Überleben unserer Nachkommen zu sorgen. In meiner Abwesenheit erschienen meine Kinder zwar immer ein wenig verzottelter und etwas exzentrisch gekleideter als sonst, aber sie waren glücklich. Denn zum glücklich sein braucht es nicht viel mehr als ein paar Bratwürste, unzählige Eis am Stiel und laute Musik für ein kollektives Tänzchen am Nachmittag. Kohlenhydratige Beilagen und Gemüse werden gemeinhin überschätzt! Kurzum, meiner Familie stand auch ohne mich ein gewöhnlicher, wenn auch etwas ungesünderer Tag ins Haus. So dachte ich es mir jedenfalls.

Stiere außer Rand und Band
Stiere außer Rand und Band
Animalischer Slapstick in unserer Garten-Idylle

Doch manchmal kommt es anders als man denkt. Eine leise Ahnung, dass dieser Tag einen seltsamen Verlauf nehmen würde, beschlich mich, als schon während der Autofahrt im Minutentakt Whatsapp Mitteilungen meines Mannes aufpoppten. Als ich dann endlich im Meeting saß und mein Handy weiterhin nicht zu beruhigen war, beschloss ich, dass ich den Mitteilungsdrang meines Gatten nicht länger ignorieren konnte und öffnete ein von ihm gesandtes Video. Was ich sah, erinnerte mich an Pleiten Pech und Pannen, wobei unser heimischer Garten die Kulisse darstellte – welch ein animalischer Slapstick: Im Morgennebel galoppierten zwei wild gewordene Stiere durch unseren Garten. Sie veranstalteten erstaunliche Bocksprünge und mich beschlich das Gefühl, dass diese Bocksprünge nicht unbedingt ein Zeichen jubilierender Freude als vielmehr eine Manifestation existenzieller Panik waren. Das zweite Video zeigte, wie sich die Kühe an unseren Sträuchern zu schaffen machten und mein Mann ihnen mit zittriger Stimme zaghaft befahl: „Kühe geht weg!“ Aber leider gab es wohl ein Kommunikationsproblem. Und sie schmetterten seine höfliche Bitte mit einem simultan gebrüllten „Muh“ ab. Anschließend machten Sie sich mit ihren Hörnern an unserer Hauswand zu schaffen.

Der Mann, ein Meister in gepflegter Kuh-Konversation

Da kann man sich doch voll auf den Job konzentrieren, wenn man weiß, dass das heimische Nest gerade von zwei wild gewordenen Stieren angegriffen wird, die Kinder panisch das Treiben verfolgen und im Duett um die Wette kreischen und sich der Mann in gepflegter Kuh-Konversation versucht. Da hilft nur, Handy ausschalten und die Verantwortung abgeben. Der Mann ist großartig und wird das Kind bzw. die Kuh schon schaukeln. Denn wenn ich eines an ihm liebe, ist es seine Kreativität. Daher ging ich davon aus, dass er sein Können als Cowboy unter Beweis stellen und die Kühe wieder auf die Nachbarwiese treiben würde, um anschließend zur Tagesordnung überzugehen.

Der Stall von Bethlehem am heimischen Kamin

Diese optimistische Mutmaßung erwies sich leider als totale Fehleinschätzung. Der Anblick, der sich mir bei meiner Rückkehr bot, ließ nur einen Gedanken zu: Den Kühen war es gelungen, in unser Haus einzudringen, es in feindlicher Absicht zu übernehmen und unser Wohnzimmer als Stall zu erobern. Beim Anblick unseres Erdgeschosses schwindelte es mir: Zeitungen waren in tausend Fetzen zerrissen, Erdklumpen verzierten unser Parkett und braune Fingerabdrücke verschönerten die weißen Wände. Ich war mir sicher, hier zwischen Couch und Kamin hatte ein martialischer Kampf ums Überleben stattgefunden oder wenigstens ein halsbrecherisches Rodeo! Von den Rodeo-Reitern fehlte allerdings jede Spur. Lediglich ein schmauchiger Rauchgeruch in der Küche verriet, dass die Bratwurstbrutzelei heute nicht ganz geglückt war. Aber dafür mundete das Eis umso mehr. Denn als ich meine drei Cowboys wiederfand, zelebrierten sie gerade bei einem gigantischen Eis ihren Sieg über die Stiere, die in trauter Eintracht wieder auf unserer Nachbarwiese grasten. Wie die Rückkehr gelang und warum unser Wohnzimmer einem Stall glich, bleibt wohl für immer das Geheimnis meiner Rodeo-Reiter. Nur gut, dass Weihnachten vor der Tür steht. Unser Wohnzimmer wäre die perfekte Kulisse für ein gelungenes Krippenspiel.

 

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