„Arsch-Mann geh weg!“

Ich bin angespannt. Sehr sogar. Neben uns im Restaurant sitzen mustergültig wie die Orgelpfeifen Gustav, Fritz und Karl. Sie begrüßen jeden Kellner mit einem schallenden und bestens gelaunten „Guten Morgen“. Nach diesem formvollendeten Gruß lausche ich ungläubig der lauten und selbstbewussten Frage Karls an den Ober: „Dürfte ich bitte freundlicherweise Ketchup zu meinem Frühstücks-Omelette haben? Denn dann ist es noch köstlicher.“ Um Himmels Willen ist Karl nicht ungefähr so alt wie unser Stenz? Was ist los mit dem Kind? Wurde sein Gehirn gewaschen? Und dann streift sogar mich, den unbekannten Gast, auf dem Weg zum Frühstücks-Buffet ein vollmundiges, von einem verschmitzten Lächeln begleitetes „Grüß Gott“ vom kleinen Fritz.

Ich bin sprachlos bei so viel kindlicher Zuvorkommenheit. Selbst Knigge hätte beim Anblick dieser Kinder seine Beherrschung verloren und wäre vor Begeisterung in die Luft gehüpft. Da bin ich mir sicher. Wie haben die Eltern diese drei Musterknaben kreiert? Sind sie überhaupt echt? Ich überlege kurz, ob unser Stenz für ein paar Wochen in dieser Familie aufgenommen werden könnte, sozusagen als Schüler. Denn außer, dass er und Karl Ketchup lieben, haben die beiden manierentechnsich nicht viel gemein. Gestern Abend zum Beispiel fragte die Kellnerin unseren Stenz ganz freundlich: „Na wie heißt Du?“ Ein verschämter Blick auf die Tischplatte von unserem Stenz war die schweigende Antwort. „Los Stenz, sag schon, wie Du heißt.“ Genantes Geflüster in meine Richtung. „Lauter, Stenz, die Dame hört Dich nicht.“ Und so ging das den ganzen Abend. Ich konnte von Glück reden, dass der Stenz nach jedem Gang zumindest ein leises, kaum wahrnehmbares „Dankeschön“ nuschelte. Wie war es mir peinlich als die Kellnerin zum Abschied zu unserem Kind sagte „Tschüs mein Junge, gute Nacht, vielleicht redest Du ja morgen mit mir?“ Einziger Lichtblick während des Dinners: Das Baby. Es gluckste und strahlte mit den preußischen Jünglingen um die Wette und hielt mit seinem geballten Charme unsere Familienehre aufrecht. Denn auch wir wurden von der wohl erzogenen Orgelpfeifen-Dynastie genauestens beobachtet. Wobei die Jungs um Punkt 20:00 h vom Vater auf das Hotelzimmer gebracht wurden. Hier machten sie sich wohl dann auch selbst bettfein. Denn um 20:10 h ließen sich die Eltern Ihr Dinner alleine bei Kerzenschein schmecken. Unglaublich! Was machen wir falsch? Und was ist bloß los mit unserem Stenz? Zu Hause um keine Antwort verlegen und wirklich nie auf den Mund gefallen, verwandelt er sich während Hoteltests regelmäßig in ein menschenscheues Reh-Kitz, das bei jedweder menschlichen Interaktion am liebsten verschämt ins Unterholz verschwinden würde. Oder zumindest bei jeder Frontal-Ansprache durch Hotel-Manager, Rezeptionisten, Putzfrauen und Co.

Der Stenz und sein neues Lieblingswort

Hingegen wächst sein Selbstvertrauen proportional zu seiner „Nicht-Beachtung“. Wähnt er sich nämlich nicht im Fokus durch einen Hotel-Angestellten wird er plötzlich aufmüpfig bis richtiggehend renitent. So hat der Stenz auf einmal ein neues Lieblingswort. Ich vermute, er hat es aus dem Kindergarten eingeschleppt, wie einen lästigen Virus. Das neue Wort scheint für ihn ein nicht enden wollender Quell der Freude und ein schillerndes Faszinosum. Der Gebrauch des Wortes setzt ihn in großes Verzücken und scheint ihn zu berauschen. So ertappe ich den Stenz zufällig dabei, wie er in der Hotel-Lobby jedem vorbeiziehenden Gast ganz leise, aber mit schelmischem Vergnügen ein „Arsch-Mann geh weg“ entgegen raunt. Dabei passt er diese Floskel politisch korrekt dem Geschlecht der vorbeiziehenden Person an. So sollten sich auch alle „Arsch-Frauen“ in besagtem Hotel-Atrium schleichen. Zum Glück flüstert der Stenz diese infamen Verunglimpfungen derart leise, dass sich ob Arsch-Mann oder Frau, keiner der umstehenden Besucher angesprochen fühlt. Als ich aber, mit Luchs-Ohren gesegnet, des Stenzes uncharmante Monologe vernehme, traue ich meinen Ohren nicht und stelle ihn umgehend zur Rede. Zu diesem Zwecke verschwinde ich kurzerhand für ein kleines Tête à tête mit ihm auf der Damentoilette. „Bist du denn von allen guten Geistern verlassen?“ beginne ich meine Zurechtweisung.  „Warum?“ kam seine unschuldige Antwort. Wie sich herausstellte, waren es vor allem der Klang des Wortes und auch die Reaktion auf diese magische Floskel im Kindergarten, das die Faszination ausmachte. Es stand also nicht unbedingt der beleidigende Charakter dieses verbalen Kahlschlags für ihn im Vordergrund. Das ließ mich ein wenig aufatmen. Allerdings nur bis zum nächsten kommunikativen Intermezzo mit ihm, das diesmal am Pool eines Südtiroler Wellnesshotels stattfand.

Wenn der Pool zum FKK-Bereich wird

Dabei stellte sich mir mal wieder eine weitere Frage. Nämlich ab welchem Alter Kinder anfangen, ein Schamgefühl zu entwickeln? Mit dreieinhalb jedenfalls noch nicht, so viel stand fest. Der Stenz erklärte den gesamten Pool-Bereich des Hotels zu einem FKK-Areal. Mein Versuch, den Nackedei einzufangen, scheiterte kläglich. Erst durch das beherzte Zupacken meines Mannes auf der Poolbrücke, von der der Stenz gerade im Begriff war hinunter zu pieseln, konnte das Schlimmste verhindert werden. Und es gelang uns, den kleinen Delinquenten einzufangen und in eine Badehose zu stopfen.

Stempel, die neuen Tätowierungen

Doch vor allem in Hotel-Restaurants mit großer Tischdichte sitze ich auf heißen Kohlen und bete, dass mein Kind ganz schnell erwachsen wird. Der Stenz hat nämlich eine Vorliebe dafür entwickelt, mit dem Zeigefinger auf den sehr nahe sitzenden Tischnachbarn zu deuten und mit Sätzen wie „Warum hat der Mann so komische Stempel auf den Oberarmen? Die sind hässlich!“ zu bedenken. Dank des Stenzes messerscharfer Beobachtungsgabe werden mein Mann, das Baby und ich auch immer wieder auf mehr oder minder interessante Äußerlichkeiten anderer Hotelbesucher aufmerksam gemacht: Laut ausgesprochene Phrasen wie „die Frau da drüben stinkt“ oder „hat die Frau da hinten tatsächlich weiße Haare?“ sind dabei keine Seltenheit. Allerdings hat der Stenz mich kürzlich in seiner kindlichen Schamlosigkeit auch richtiggehend gerührt. Als nämlich die Kellnerin erkannte, dass ich wegen des Babys kaum einen Bissen runterbrachte, nahm sie es mir freundlicherweise ab. Um ihm etwas Abwechslung zu bieten, stapfte sie mit unserem Baby auf dem Arm durch das Restaurant in Richtung Hotelbar und war kurzzeitig nicht mehr gesehen. Während ich die Gelegenheit nutzte, meinen knurrenden Magen zu besänftigen, war der Stenz fassungslos und brüllte aus voller Kehle: „Mama, Papa, die Frau hat unser Baby geklaut!“ Vollkommen aufgelöst stand der Stenz vor einem Nervenzusammenbruch, den das gesamte Restaurant bezeugen durfte. Doch dieses eine Mal musste ich tatsächlich lächeln.

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